Zerstörter Straßenzug in Rotterdam im Mai 1940
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Der Weg in den Krieg

18.12.2012

Hitler-Stalin-Pakt


Mit der Besetzung Tschechiens war unmissverständlich deutlich geworden, dass die NS-Führung keineswegs am Frieden in Europa interessiert war, sondern den Krieg wollte. Damit waren alle Prämissen der Appeasement-Politik wertlos geworden. Chamberlain erklärte vor dem Parlament, dass Großbritannien entschlossen sei, Polen als dem erkennbar nächsten Opfer der deutschen Eroberungspolitik militärisch gegen einen Angriff beizustehen, was am 6. April 1939 zu einem förmlichen polnisch-britischen Beistandsversprechen führte. Ähnlich äußerte sich der französische Ministerpräsident Daladier. Trotz alledem befahl Hitler am 11. April der Wehrmacht in einer geheimen Weisung, den Krieg gegen Polen vorzubereiten. Ende Mai legte er vor der Wehrmachtsführung seine Kriegsziele offen: "Es handelt sich für uns um Arrondierung des Lebensraumes im Osten und die Sicherstellung der Ernährung“; da es keinen Grund mehr gebe, Polen zu schonen, gelte es nun, "bei erster passender Gelegenheit Polen anzugreifen.“

Eine Schlüsselrolle in dieser Situation wuchs nun der Sowjetunion zu, um deren Unterstützung sich sowohl die Westmächte als auch die NS-Führung bemühten. Stalin hatte in einer Rede im März 1939 zu erkennen gegeben, dass er sich nicht in einen Krieg mit Deutschland hineinziehen lassen wolle, dem dann die Westmächte womöglich nur zuschauen würden, statt ihre Bündnisverpflichtungen zu erfüllen. Für die NS-Führung wiederum war eine Annäherung an den bolschewistischen Feind nicht bloß ideologisch schwierig. Eine solche Politik stellte auch die Bündnisgrundlagen des Antikominternpaktes mit Japan und Italien in Frage. Dementsprechend bewegten sich die sowjetische wie die deutsche Seite sehr vorsichtig, aber deshalb nicht minder beharrlich aufeinander zu, zumal beide Seiten auf die Erfahrungen der geheimen militärischen Zusammenarbeit zwischen Reichswehr und Roter Armee während der Weimarer Republik zurückgreifen konnten.

Da die Zeit drängte, wenn es 1939 noch zu einem Angriff auf Polen kommen sollte, forcierte die deutsche Seite das Tempo der geheimen Verhandlungen und bot schließlich an, dass Außenminister Ribbentrop persönlich nach Moskau kommen könne, um mit uneingeschränkter Vollmacht Hitlers den Vertrag unter Dach und Fach zu bringen. Am 22. August traf Ribbentrop in Moskau ein, und noch in der Nacht wurde der Nichtangriffspakt unterzeichnet, der in einem geheimen Zusatzprotokoll die Zerschlagung Polens und die Aufteilung des Landes zwischen Deutschland und der Sowjetunion vorsah. Nach den polnischen Teilungen Ende des 18. Jahrhunderts wurde Polen, das 1919 endlich seine staatliche Unabhängigkeit errungen hatte, nun erneut von seinen Nachbarländern einverleibt. Der 23. August 1939 markiert daher ein besonderes Datum: die gemeinsame Aufteilung, Ausbeutung und Unterdrückung Europas durch das nationalsozialistische Deutschland und die stalinistische Sowjetunion.

Während Außenminister Ribbentrop in Moskau den Weg zum Krieg freimachte, erläuterte Hitler den Befehlshabern der Wehrmacht in seinem Wohnsitz auf dem Obersalzberg seine Vorstellungen über den bevorstehenden Krieg gegen Polen: "Herz verschließen gegen Mitleid“, notierte ein Teilnehmer Stichworte aus Hitlers Rede. "Brutales Vorgehen. 80 Mill. Menschen müssen ihr Recht bekommen. Ihre Existenz muß gesichert werden. Der Stärkere hat das Recht. Größte Härte.“

Großbritannien warnte Deutschland unmittelbar nach Bekanntwerden des deutsch-sowjetischen Paktes davor zu glauben, dass sich die Haltung Londons bezüglich seines Beistandsversprechens gegenüber Polen verändert habe. Hitler zeigte sich unbeeindruckt und befahl den Angriff auf Polen für den 26. August. Als am 25. August ein Brief Mussolinis eintraf, dass Italien sich nicht vor 1942 imstande sehe, an der Seite Deutschlands in einen Krieg zu ziehen, machte Hitler zunächst eine Kehrtwendung und widerrief den Angriffsbefehl. Doch dann entschloss er sich endgültig zum Krieg: In den Morgenstunden des 1. September marschierte die Wehrmacht in Polen ein. Zwei Tage später, am 3. September, erklärten Großbritannien und Frankreich dem Deutschen Reich den Krieg.

Anders als im Juli 1914 war die Stimmung in der deutschen Bevölkerung dieses Mal gedrückt. Der amerikanische Korrespondent William L. Shirer, der schon in den Wochen zuvor die Kriegsfurcht in der deutschen Bevölkerung beobachtet hatte, befand sich am 3. September auf dem Wilhelmplatz in Berlin, als die Lautsprecher verkündeten, dass England Deutschland den Krieg erklärt habe. Die Menschen hörten gespannt zu, notierte Shirer; "nach Beendigung der Durchsage gab es nicht einmal ein Murmeln. Sie standen unverändert dort. Betäubt. Die Leute können es noch nicht fassen, dass Hitler sie in einen Weltkrieg geführt hat.“

Quellentext

Deutsch-sowjetischer Nichtangriffspakt vom 23. August 1939

Die Deutsche Reichsregierung und die Regierung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken,
geleitet von dem Wunsche, die Sache des Friedens zwischen Deutschland und der UdSSR zu festigen, und ausgehend von den grundlegenden Bestimmungen des Neutralitätsvertrages, der im April 1926 zwischen Deutschland und der UdSSR geschlossen wurde, sind zu nachstehender Vereinbarung gelangt:

Artikel I. Die beiden Vertragschließenden Teile verpflichten sich, sich jeden Gewaltakts, jeder aggressiven Handlung und jedes Angriffs gegen einander, und zwar sowohl einzeln als auch gemeinsam mit anderen Mächten, zu enthalten.

Artikel II. Falls einer der Vertragschließenden Teile Gegenstand kriegerischer Handlungen seitens einer dritten Macht werden sollte, wird der andere Vertragschließende Teil in keiner Form diese dritte Macht unterstützen. [...]

Artikel VI. Der gegenwärtige Vertrag wird auf die Dauer von zehn Jahren abgeschlossen mit der Maßgabe, dass, soweit nicht einer der Vertragschließenden Teile ihn ein Jahr vor Ablauf dieser Frist kündigt, die Dauer der Wirksamkeit dieses Vertrages automatisch für weitere fünf Jahre als verlängert gilt.

Artikel VII. [...] Der Vertrag tritt sofort mit seiner Unterzeichnung in Kraft. […]

Moskau am 23. August 1939.

Für die Deutsche Reichsregierung: von Ribbentrop
In Vollmacht der Regierung der UdSSR: W. Molotow


Geheimes Zusatzprotokoll



Aus Anlass der Unterzeichnung des Nichtangriffsvertrages zwischen dem Deutschen Reich und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken haben die unterzeichneten Bevollmächtigten der beiden Teile in streng vertraulicher Aussprache die Frage der Abgrenzung der beiderseitigen Interessenssphären in Osteuropa erörtert. Diese Aussprache hat zu folgendem Ergebnis geführt:
  1. Für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung in den zu den baltischen Staaten (Finnland, Estland, Lettland, Litauen) gehörenden Gebieten bildet die nördliche Grenze Litauens zugleich die Grenze der Interessenssphären Deutschlands und der UdSSR. Hierbei wird das Interesse Litauens am Wilnaer Gebiet beiderseits anerkannt.

  2. Für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung der zum polnischen Staate gehörenden Gebiete werden die Interessenssphären Deutschlands und der UdSSR ungefähr durch die Linie der Flüsse Narew, Weichsel und San abgegrenzt.
    Die Frage, ob die beiderseitigen Interessen die Erhaltung eines unabhängigen polnischen Staates erwünscht erscheinen lassen und wie dieser Staat abzugrenzen wäre, kann endgültig erst im Laufe der weiteren politischen Entwicklung geklärt werden.
    In jedem Falle werden beide Regierungen diese Frage im Wege einer freundschaftlichen Verständigung lösen.

  3. Hinsichtlich des Südostens Europas wird von sowjetischer Seite das Interesse an Bessarabien betont. Von deutscher Seite wird das völlige politische Desinteressement an diesen Gebieten erklärt.

  4. Dieses Protokoll wird von beiden Seiten streng geheim behandelt werden.
Moskau, den 23. August 1939.

Für die Deutsche Reichsregierung: von Ribbentrop
In Vollmacht der Regierung der UdSSR:W. Molotow

http://www.dhm.de/sammlungen/zendok/hitler-stalin-pakt/Vertrag.html bzw. http://www.dhm.de/sammlungen/zendok/hitler-stalin-pakt/Zupro.html
(zuletzt abgerufen: 25.10.2012)


Verträge und Vertragsbrüche in der NS-Außenpolitik 1933-1939 (Die Verwendung dieser Grafik ist honorarpflichtig)Verträge und Vertragsbrüche in der NS-Außenpolitik 1933-1939 (Die Verwendung dieser Grafik ist honorarpflichtig)

Quellentext

Das erste Ziel in Polen

[...] Am 31. August [...] ist alles bereit. Im Gefechtsquartier der 4. Luftflotte in Schloss Schönwald östlich der schlesischen Kreisstadt Rosenberg herrscht besonders angespannte Hektik. Denn hier hatte der Fliegerführer zur besonderen Verfügung, Generalmajor Wolfram Freiherr von Richthofen, schon vor fünf Tagen von seinem Chef, dem Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Hermann Göring, einen Einsatzbefehl erhalten. „Ostmarkflug 26. August, 4.30 Uhr“, hatte der Funkspruch aus Berlin gelautet, der einige Stunden später widerrufen worden war. Jetzt, in der Nacht zum 1. September, soll der Angriff auf Polen definitiv erfolgen.
[...] Der Fliegerführer bestellt die Kommandanten seines Stuka-Geschwaders 76 sowie des Geschwaders 2 Immelmann zum Befehlsempfang ein. Als Angriffsziel nennt er ihnen den Namen eines polnischen Städtchens, 100 Kilometer östlich von Breslau gelegen, nicht weit hinter der Grenze: Wielun. [...]
16 000 Einwohner zählt das Städtchen, die meisten sind Bauern und kleine Kaufleute. Am 31. August 1939 hat es zwar einen Fliegeralarm gegeben, doch dann heißt es, das sei nur Probe gewesen, niemand müsse sich sorgen. Warum sollen die Deutschen auch ausgerechnet Wielun angreifen? Hier gibt es keinen wichtigen Eisenbahnknotenpunkt und, bis auf die kleine Zuckerfabrik am Rande der Stadt, auch keine Industrie. Das Militär ist längst abgezogen; ein Kavallerie-Regiment wurde bereits im Frühsommer zur Grenzverteidigung an die Warthe verlegt. Die Stadt ist unbefestigt, wehrlos, ohne Flak und ohne Bunker.
Auf dem Militärflughafen von NiederEllguth am Steinberg nordöstlich von Oppeln bereitet man indes den Einsatz vor. Zwar behindert in der Nacht leichter Bodennebel die Sicht, doch für Hauptmann Walter Sigel ist das kein Grund, sich lange aufhalten zu lassen. Er hat als Erster den Einsatzbefehl gegen Wielun erhalten. [...]
Der Flug dauert kaum 20 Minuten. Der Kampfauftrag lautet: Vernichtung des westlichen Teils von Wielun. Gegen 4.35 Uhr stürzen sich Sigels Stukas mit dem infernalischen Sirenengeheul der so genannten Jericho-Trompeten auf die schlafende Stadt. Die ersten Bomben fallen um 4.40 Uhr. Insgesamt werfen Sigels Flugzeuge bei diesem ersten Einsatz 29 500-Kilo-Sprengbomben und 112 50-Kilo-Bomben ab. „Ziel vernichtet, Brände beobachtet“, vermerkt der Hauptmann in seinem Einsatzbericht, nachdem er ohne Verluste kurz nach 5 Uhr wieder auf der Asphalt-Rollbahn in Nieder-Ellguth gelandet ist. Und unter der Rubrik Feststellung und Beobachtung zur Lage am Ziel, auf An- und Rückmarsch notiert er: „Keine besondere Feindbeobachtung.“
Der Bombenhagel bringt Tod und Zerstörung. Die ersten Bomben haben das Allerheiligen-Hospital getroffen, obwohl das Krankenhaus auf dem Dach mit einem roten Kreuz gekennzeichnet ist. „Ich war sehr früh zu Bett gegangen und bin dann sehr früh am anderen Morgen vom Dröhnen der Flugzeuge wach geworden“, berichtet später der Arzt Zygmunt Patryn. „Plötzlich gab es eine Explosion auf dem Krankenhausgelände. Fensterscheiben klirrten und fielen auf mein Bett. Ich sprang auf, griff meine Kleidung und rannte ins Freie. In diesem Moment stürzte das Haus hinter mir zusammen. Überall lagen Trümmer, und unter den Trümmern hörten wir Stöhnen. Dreimal bombardierten die Flugzeuge das Krankenhaus. Eine Bombe riss im Garten einen so gewaltigen Krater, dass ein halbes Haus hineingepasst hätte. Zwei Ordensschwestern, 4 Krankenschwestern und 26 Patienten sind bei dem Angriff getötet worden.“
Kurz darauf greift die Luftwaffe zum zweiten Mal an, diesmal soll der östliche Teil der Stadt zerstört werden. Der dritte und letzte Einsatz, bei dem wieder 29 Maschinen über die Stadt fliegen, wird von Major Oskar Dinort vom Stuka-Geschwader 2 Immelmann befehligt. Aus über 2000 Meter Höhe stürzt sich die gesamte Staffel steil auf das Ziel. Erst nachdem sie auf 800 Meter gefallen sind, lösen sie die Bomben aus. Die schwerste wirft Dinort selbst. „Direkt auf den Marktplatz!“, jubelt er später in einer NS-Publikation mit dem Titel „Die Höllenvögel“ .
Die Menschen in Wielun können noch gar nicht begreifen, was mit ihnen geschieht. Der Mechaniker Józef Musia ist acht Jahre alt, als die Bomben fallen. Mit seiner Schwester hat er das Bombardement vom Stadtrand aus beobachtet: „Es waren große graue Flugzeuge mit schwarzen Kreuzen […] Viele Menschen rannten aus der Stadt. Nach dem Angriff sind wir ins Zentrum gegangen, um zu sehen, was dort passiert ist. Es war sehr zerstört […] Überall lagen Leichen und abgerissene Körperteile: Arme, Beine. Ein Kopf.“
Die grausame Bilanz: Insgesamt 380 Bomben mit einer Sprengkraft von zusammen 46 000 Kilogramm, die in drei Angriffswellen von jeweils 29 Stukas des Typs JU 87 B abgeworfen wurden, töteten 1200 Menschen. Die Stadt ist zu 70 Prozent zerstört, der enge Stadtkern durch Brände sogar zu 90 Prozent.
[...] Wielun war der schreckliche Auftakt, die Zerstörung Warschaus sollte folgen. Die ersten Bomben fallen am 1. September noch auf militärische Einrichtungen. Am 9. September folgt die Attacke gegen das Zentrum der polnischen Hauptstadt. Wie vorher in Wielun greifen wieder Stuka-Geschwader an. Warschau, bald von deutschen Truppen eingeschlossen, leistet Widerstand. Doch längst sind die Vorbereitungen für den Großangriff vorbereitet, Code-Wort: „Wasserkante“ – das erste Flächenbombardement einer Großstadt in der Geschichte des Luftkriegs. Drei Tage lang wird Warschau gnadenlos attackiert, der schwerste Angriff auf die Innenstadt erfolgt am 25. September, die letzte Bombe fällt am frühen Nachmittag des 27. Septembers. Danach kapituliert die Stadt.
Während des dreitägigen Bombardements warf die Luftwaffe 560 Tonnen Sprengstoff und 72 Tonnen Brandbomben ab. Über 400 Flugzeuge flogen knapp 1200 Einsätze, Stukas und Bomber vom Typ DO 17. Da die schnellen Stukas keine Brandbomben abwerfen konnten, wurden zusätzlich langsame Transportmaschinen vom Typ JU 52 eingesetzt. Vor allem die neu entwickelte Bombe B 1 Fe erzielte, auf Wohnblocks abgeworfen, eine verheerende Wirkung. Die Brandwolke über der Millionenstadt soll in diesen Tagen auf drei Kilometer Höhe gestiegen sein, bevor sie entlang der Weichsel gen Norden zog. Nach den ersten schweren Luftangriffen hatte Warschau 10 000 Tote zu beklagen, insgesamt wurden in wenigen Tagen 20 000 Menschen durch Bomben und Artilleriebeschuss getötet und 50 000 verletzt. [...]

Joachim Trenkner, „Ziel vernichtet“, in: Die Zeit vom 1. September 2009







 

Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache. Weiter...