Zerstörter Straßenzug in Rotterdam im Mai 1940
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Krieg und Besatzung in Ost- und Westeuropa

18.12.2012

Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion


Was Hitler mit dem "Lebensraumkrieg“ gegen die Sowjetunion 1941 beabsichtigte, formulierte er unverhohlen in seinen Anweisungen Anfang März 1941 an den Chef des Wehrmachtsführungsstabes Alfred Jodl: "Dieser kommende Feldzug ist mehr als nur ein Kampf der Waffen; er führt auch zur Auseinandersetzung zweier Weltanschauungen. […] Die jüdisch-bolschewistische Intelligenz, als bisheriger ‚Unterdrücker‘ des Volkes, muß beseitigt werden.“ Von Anfang an planten NS- und Wehrmachtsführung einen verbrecherischen Krieg gegen die sowjetische Bevölkerung. Der "Kommissarbefehl“, demzufolge alle politischen Offiziere der Roten Armee nicht gefangen genommen, sondern sofort erschossen werden sollten, durchbrach ebenso alle geltenden Kriegsrechtsregeln wie der Befehl, dass deutsche Soldaten, die sich gewalttätiger Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung schuldig gemacht hätten, nicht vor ein Kriegsgericht zu stellen seien.

Quellentext

Kommissarbefehl

[Stempel:] Geheime Kommandosache. Oberkommando der Wehrmacht, F.H.Qu., den 6.6.1941
WFSt/Abt. L. (IV/Qu), [Stempel:] Chefsache! Nur durch Offizier!
Nr. 44 822/41 g.K.Chefs., 20 Ausfertigungen, [handschriftlich:]
18. Ausfertigung

Im Nachgang zum Führererlaß vom 14.5. über die Ausübung der Kriegsgerichtsbarkeit im Gebiet „Barbarossa“ (OKW/WFSt/Abt. L (IV/Qu) Nr. 44718/41 g.Kdos.Chefs.) werden anliegend „Richtlinien für die Behandlung politischer Kommissare“ übersandt.
Es wird gebeten, die Verteilung nur bis zu den Oberbefehlshabern der Armeen bezw. Luftflottenchefs vorzunehmen und die weitere Bekanntgabe an die Befehlshaber und Kommandeure mündlich erfolgen zu lassen. Der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht
I. A.
gez. Warlimont
[…]
Richtlinien für die Behandlung politischer Kommissare.
Im Kampf gegen den Bolschewismus ist mit einem Verhalten des Feindes nach den Grundsätzen der Menschlichkeit oder des Völkerrechts nicht zu rechnen. Insbesondere ist von den politischen Kommissaren aller Art als den eigentlichen Trägern des Widerstandes eine haßerfüllte, grausame und unmenschliche Behandlung unserer Gefangenen zu erwarten.
Die Truppe muss sich bewusst sein:
1.) In diesem Kampfe ist Schonung und völkerrechtliche Rücksichtnahme diesen Elementen gegenüber falsch. Sie sind eine Gefahr für die eigene Sicherheit und die schnelle Befriedung der eroberten Gebiete.
2.) Die Urheber barbarisch asiatischer Kampfmethoden sind die politischen Kommissare. Gegen diese muss daher sofort und ohne weiteres mit aller Schärfe vorgegangen werden.
Sie sind daher, wenn im Kampf oder Widerstand ergriffen, grundsätzlich sofort mit der Waffe zu erledigen. […]
www.ns-archiv.de/krieg/1941/kommissarbefehl.php
(zuletzt abgerufen: 30. 10. 2012)


Da die NS- und Wehrmachtsführung damit rechnete, dass die Angriffsarmee aus drei Millionen deutschen Soldaten, die rasch voranmarschieren sollten, nicht mit den herkömmlichen Nachschublinien würde verpflegt werden können, lautete die Anweisung, die Soldaten sollten sich aus dem Land selbst ernähren. Da auch in der Sowjetunion nur begrenzte Ernährungsressourcen zur Verfügung standen, hieß dies, wie eine Staatssekretärsbesprechung in Berlin im Mai 1941 festhielt, dass "zweifellos zig Millionen Menschen verhungern, wenn von uns das für uns Notwendige aus dem Lande herausgeholt wird.“ Hitler selbst erklärte, Moskau und Leningrad dem Erdboden gleichmachen zu wollen, "um zu verhindern, dass Menschen darin bleiben, die wir dann im Winter ernähren müssten“.

Selbst General Erich Hoepner, der später aktives Mitglied des militärischen Widerstandes gegen Hitler werden sollte, formulierte in seinem Aufmarschbefehl vom 2. Mai 1941: "Der Krieg gegen Russland ist die zwangsläufige Folge des uns aufgedrungenen Kampfes um das Dasein. Es ist der alte Kampf der Germanen gegen das Slawentum, die Verteidigung europäischer Kultur gegen moskowitisch-asiatische Überschwemmung, die Abwehr des jüdischen Bolschewismus. Dieser Kampf muß die Zertrümmerung des heutigen Russlands zum Ziel haben und deshalb mit unerhörter Härte geführt werden.“

Am 22. Juni 1941 griff die deutsche Wehrmacht mit drei Millionen Soldaten, verstärkt durch weitere rund 600 000 Soldaten der verbündeten Mächte, die Sowjetunion an. Deren Führung war offenkundig von dem Angriff überrascht worden; die Verteidigungslinien brachen rasch zusammen, und die deutschen Armeen konnten innerhalb weniger Wochen weit in die Sowjetunion vordringen und in großen Kesselschlachten Millionen Rotarmisten gefangen nehmen. Der Sieg schien in greifbarer Nähe zu sein.

Um die Versorgung der sowjetischen Kriegsgefangenen kümmerte sich die Wehrmachtsführung nicht. Schon beim Marsch in die Lager starben Zehntausende; innerhalb der Lager wurden die Kriegsgefangenen nur unzureichend untergebracht, häufig auf freiem Feld, in das sich die Rotarmisten selbst Erdhöhlen graben mussten. Bis in den September 1941 hinein waren die Lebensmittelrationen noch einigermaßen ausreichend, dann entschieden Wehrmachtsführung und Ernährungsministerium, die Rationen drastisch zu senken sowie die erschöpften und unterversorgten Kriegsgefangenen buchstäblich verhungern zu lassen. Mehr als die Hälfte der 3,7 Millionen sowjetischen Soldaten, die 1941 gefangen genommen worden waren, starb bis zum Frühjahr 1942 – ein Verbrechen, für das in erster Linie die Wehrmacht verantwortlich war.

Heinrich Himmler und die SS erhielten "Sonderaufgaben im Auftrage des Führers“, die sich "aus dem endgültig auszutragenden Kampf zweier entgegengesetzter politischer Systeme“ ergaben, wie es in den Richtlinien des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) hieß. Neben den berüchtigten Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD wurden zahlreiche weitere Einheiten der Ordnungspolizei und der Waffen-SS aufgestellt, die den Höheren SS- und Polizeiführern (HSSPF) unterstanden, die die Mordeinsätze anordneten und koordinierten. Die Einsatzkommandos, so Reinhard Heydrich in einem Schreiben vom 2. Juli 1941 an die HSSPF, hätten "alle diejenigen Fahndungs- und Exekutionsmaßnahmen zu treffen, die zur politischen Befriedung der besetzten Gebiete erforderlich sind“. Die Kommandos hatten demnach weitgehend freie Hand, um jeweils selbstständig vor Ort Entscheidungen zu treffen. Auf einen Befehlsnotstand, wie es SS-Täter nach dem Krieg vor Gericht taten, konnten sich diese Männer nicht berufen. Konkret gab Heydrich an, dass folgende Personengruppen zu erschießen seien: "alle Funktionäre der Komintern (wie überhaupt die kommunistischen Berufspolitiker schlechthin), die höheren, mittleren und radikalen unteren Funktionäre der Partei, der Zentralkomitees, der Gau- und Gebietskomitees, Volkskommissare, Juden in Partei- und Staatsstellungen, sonstigen radikalen Elemente (Saboteure, Propagandeure, Heckenschützen, Attentäter, Hetzer usw.)“.

Damit umriss er recht präzise den Feind, den die Einsatzkommandos vernichten sollten: den "jüdischen Bolschewisten“. Es ging ähnlich wie in Polen 1939 um die Liquidierung der politischen Führungsschicht, um die Ermordung der kommunistischen Funktionäre und der Juden in Verwaltung, Staat und Partei, von denen die antisemitischen Täter im Reichssicherheitshauptamt wie selbstverständlich annahmen, dass sie die personelle Trägerschicht des Bolschewismus darstellten. Die Juden waren aus nationalsozialistischer Sicht die Feinde per se, die die "Sicherheit“ bedrohten und die "Befriedung“ der eroberten Gebiete gefährdeten. Von ihnen ging angeblich die größte Gefahr aus, die letztlich nur durch ihre Vernichtung wirksam bekämpft werden konnte. "Wo der Jude ist, ist der Partisan, und wo der Partisan ist, ist der Jude“, lautete der Merksatz eines Wehrmachtslehrgangs zur Partisanenbekämpfung im September 1941 im weißrussischen Mogilew.

In den ersten Wochen richteten sich die Mordaktionen der SS-Einsatzgruppen vornehmlich gegen jüdische Männer, aber auch Frauen und Kinder wurden nicht verschont. So trieben etwa in Bialystok Angehörige eines Polizeibataillons am 27. Juni 1941 circa 2000 Juden – Männer, Frauen und Kinder – in die örtliche Synagoge und zündeten diese an, sodass die Menschen bei lebendigem Leib verbrannten. Im Laufe des Sommers weitete sich die Vernichtung auf ganze jüdische Gemeinden, einschließlich der Frauen, Kinder und alten Menschen, aus. Im ukrainischen Kamenez-Podolsk ermordeten Einheiten des Höheren SS- und Polizeiführers Friedrich Jeckeln Ende August über 26 000 Juden, Ende September wurden an nur zwei Tagen in der Schlucht von Babij Jar bei Kiew mehr als 33 000 Menschen durch SS und Polizei erschossen. Pioniere der Wehrmacht sprengten anschließend die Ränder der Schlucht, um die Leichen unter dem Schutt zu begraben.

Deutsche Soldaten beteiligten sich an den Mordtaten gegen die Zivilbevölkerung, sicherten die Erschießungsstätten ab, brannten ganze Dörfer nieder, raubten den Bauern Lebensmittel, vergewaltigten Frauen und fotografierten zuhauf die Hinrichtungen angeblicher Partisanen. "Wenn man diese primitiven Verhältnisse nicht mit eigenen Augen gesehen hat“, schrieb der Soldat Hans-Albert Giese am 12. Juli 1941, "kann man nicht glauben, dass es so etwas noch gibt. […] Die Viehställe bei uns sind manchmal Gold gegenüber der besten Stube bei diesen ‚Waldheinis‘ von Russen. Das ist vielleicht ein Pack, schlimmer als die Zigeuner.“ Derlei Überheblichkeit gegenüber der Zivilbevölkerung, die als "Untermenschen“ betrachtet wurden, gegen die jedes Mittel zur Beherrschung gerechtfertigt sei, findet sich in zahllosen Feldpostbriefen einfacher Soldaten.

Ende 1941 lebte im Baltikum nur noch ein Bruchteil der einstmals 230 000 litauischen und 70 000 lettischen Juden. Bis März 1942 ermordeten SS und Polizei wie auch die Wehrmacht nahezu 600 000 Menschen in den eroberten Gebieten der Sowjetunion, Juden ebenso wie Roma und Sinti oder Kommunisten. In der Perspektive der SS- und Wehrmachtsführungen entledigte man sich damit der "überzähligen Esser“ und schuf "Sicherheit“ in den schwer zu kontrollierenden Orten auf dem Land, während in den Gettos der größeren Städte die dort zusammengepferchten, als arbeitsfähig eingestuften jüdischen Menschen vorerst vom Tod ausgenommen wurden, um Zwangsarbeit zu verrichten.

Die SS plante indes weiter. Kurz vor dem Angriff gab Himmler als "Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums“ einen umfassenden Plan zur Besiedlung der neu eroberten Gebiete in der Sowjetunion in Auftrag. Dieser "Generalplan Ost“ sah vor, dass 80 bis 85 Prozent der polnischen Bevölkerung, 64 Prozent der Ukrainer und 75 Prozent der Weißrussen aus ihrer Heimat "entfernt" werden sollten, sei es durch Hunger, durch Vertreibung oder Umsiedlung in unwirtliche Gegenden am Eismeer. Die annektierten westpolnischen Gebiete, das Generalgouvernement, Lettland, Estland und große Teile Ostmitteleuropas sollten innerhalb von 20 Jahren vollständig deutsch werden. Insgesamt sollten mindestens 31 Millionen Menschen entweder deportiert, vertrieben oder ermordet werden. Darunter war die jüdische Bevölkerung gar nicht mehr erwähnt, von ihrer Vernichtung ging dieser Plan bereits wie selbstverständlich aus.

Der Angriff der deutschen Armeen geriet nach anfänglichen Erfolgen bald ins Stocken. Der Feldzug war als "Blitzkrieg“ geplant, die Rote Armee sollte innerhalb weniger Monate bis spätestens zum Herbst niedergeschlagen sein. Entsprechend waren die Soldaten nur mit Sommerkleidung ausgestattet, die Munitionsvorräte reichten für maximal zwölf Monate, eine personelle Reserve der deutschen Truppen war nicht vorbereitet. Anfänglich gelang es der Wehrmacht, in groß angelegten Kesselschlachten Millionen sowjetischer Soldaten gefangen zu nehmen und rasch in das sowjetische Gebiet vorzustoßen.

Die sowjetische Armee erwies sich jedoch als kampfstärker als angenommen. Zudem war es der sowjetischen Führung gelungen, wichtige Produktionsanlagen vor dem deutschen Vormarsch abzubauen und in das Hinterland zu verlagern, sodass die Rüstungsproduktion aufrechterhalten werden konnte. Im August bekannte der Generalstabschef des Heeres, Franz Halder, in seinem Kriegstagebuch, dass der "Koloß Russland, der sich bewusst auf den Krieg vorbereitet hat, mit der ganzen Hemmungslosigkeit, die totalitären Staaten eigen ist, von uns unterschätzt worden ist. […] Wir haben bei Kriegsbeginn mit etwa 200 feindlichen Div[isionen] gerechnet. Jetzt zählen wir bereits 360. Diese Div[isionen] sind sicherlich nicht in unserem Sinne bewaffnet und ausgerüstet, sie sind taktisch vielfach ungenügend geführt. Aber sie sind da. Und wenn ein Dutzend davon zerschlagen wird, dann stellt der Russe ein neues Dutzend hin.“

Deutsche Truppen standen im Baltikum, belagerten Leningrad, hatten Minsk, Kiew und Charkow eingenommen und waren bis westlich von Rostow vorgedrungen. Die Reserven waren erschöpft, die deutschen Verluste betrugen fast 400 000 Mann, es fehlte an frischen Truppen, zudem verwandelte das einsetzende Herbstwetter die Straßen in Schlammwege, auf denen nur schwer voranzukommen war. Der Angriff auf Moskau blieb Ende November wenige Kilometer vor den Stadtgrenzen stecken. Stalin, der erkannt hatte, dass nicht mit einem Angriff des deutschen Verbündeten Japan auf die Sowjetunion zu rechnen sei, konnte frische Truppen aus Fernost nach Moskau heranbringen lassen und befahl den Gegenangriff.

Inzwischen hatte der Winter eingesetzt und gegen Temperaturen bis zu 34 Grad unter Null waren die erschöpften deutschen Soldaten gänzlich unzureichend ausgestattet. Die sowjetische Gegenoffensive, die am 5. Dezember 1941 begann, geriet zum Desaster für die deutsche Armee, die zurückflüchtete. Hitler griff persönlich ein, setzte den bisherigen Oberbefehlshaber des Heeres, Generalfeldmarschall Walther von Brauchitsch, ab und leitete von nun an selbst als Oberbefehlshaber die Geschicke des Heeres.

Die Bilanz des Feldzuges war verheerend. Zwischen Juni 1941 und März 1942 verlor die Wehrmacht über eine Million Soldaten, die entweder gefallen, verwundet oder vermisst waren. Der personelle Ersatz konnte diesen Verlust nicht aufwiegen; in den künftigen Kriegsjahren sollten die meisten deutschen Divisionen nie mehr ihre Sollstärke erreichen können. Die deutsche Luftwaffe hatte zwar zu Beginn des Krieges ihre Überlegenheit gezeigt, doch der permanente Einsatz hatte die Flugzeuge verschlissen. Die deutsche Rüstungsproduktion war auf einen kurzen Feldzug eingestellt gewesen und musste nun auf einen längerfristigen Krieg umgerüstet werden. Gegenüber den Produktionskapazitäten der Alliierten, insbesondere der USA, die im Dezember 1941 nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor selbst in den Krieg eingetreten waren, war die deutsche Industrie jedoch von vornherein unterlegen. Nach der Niederlage vor Moskau war allen hellsichtigen Militärs klar, dass der Krieg, den Deutschland 1939 begonnen hatte, nicht mehr gewonnen werden konnte.

Quellentext

Das Los der sowjetischen Kriegsgefangenen

„Ein großer Teil verhungert,“ Februar 1942. Alfred Rosenberg (1893-1946), Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, glaubt, dass sich die Ziele der NS-Politik im Osten eher mit Unterstützung einheimischer Arbeitskräfte und Verbündeter erreichen lassen. In einem Schreiben an den Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Wilhelm Keitel (1882-1946), vom 28. Februar 1942 beschwert er sich:
„Von den 3,6 Millionen Kriegsgefangenen sind heute nur noch einige Hunderttausend voll arbeitsfähig. Ein großer Teil von ihnen ist verhungert oder durch die Unbilden der Witterung umgekommen. Tausende sind auch dem Fleckfieber erlegen. Es versteht sich von selbst, dass die Ernährung derartiger Massen von Kriegsgefangenen auf Schwierigkeiten stieß. Immerhin hätte bei einem gewissen Verständnis für die von der deutschen Politik angestrebten Ziele ein Sterben und Verkommen in dem geschilderten Ausmaß vermieden werden können. Innerhalb der Sowjet-Union war z. B. nach vorliegenden Nachrichten die einheimische Bevölkerung durchaus gewillt, den Kriegsgefangenen Lebensmittel zur Verfügung zu stellen. Einige einsichtige Lagerkommandanten haben diesen Weg auch mit Erfolg beschritten. In der Mehrzahl der Fälle haben jedoch die Lagerkommandanten es der Zivilbevölkerung untersagt, den Kriegsgefangenen Lebensmittel zur Verfügung zu stellen, und sie lieber dem Hungertode ausgeliefert. Auch auf dem Marsch in die Lager wurde es der Zivilbevölkerung nicht erlaubt, den Kriegsgefangenen Lebensmittel darzureichen. Ja, in vielen Fällen, in denen Kriegsgefangene auf dem Marsch vor Hunger und Erschöpfung nicht mehr mitkommen konnten, wurden sie vor den Augen der entsetzten Zivilbevölkerung erschossen und die Leichen liegen gelassen. In zahlreichen Lagern wurde für eine Unterkunft der Kriegsgefangenen überhaupt nicht gesorgt. Bei Regen und Schnee lagen sie unter freiem Himmel. Ja, es wurde ihnen nicht einmal das Gerät zur Verfügung gestellt, um sich Erdlöcher oder Höhlen zu graben. [...] Zu erwähnen wären endlich noch die Erschießungen von Kriegsgefangenen, die zum Teil nach Gesichtspunkten durchgeführt wurden, die jedes politische Verständnis vermissen lassen. So wurden z. B. in verschiedenen Lagern die „Asiaten“ erschossen, obwohl gerade die Bewohner der zu Asien rechnenden Gebiete Transkaukasien und Turkestan die am schärfsten gegen die russische Unterdrückung und den Bolschewismus eingestellten Bevölkerungsteile der Sowjet-Union abgeben. Das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete hat wiederholt auf diese Missstände hingewiesen. Trotzdem ist z. B. noch im November in einem Kriegsgefangenenlager bei Nikolajew ein Kommando erschienen, das die „Asiaten“ liquidieren wollte.“

Ernst Klee / Willi Dressen (Hg.), „Gott mit uns“. Der deutsche Vernichtungskrieg im Osten 1939-1945, S. Fischer Verlag, Frankfurt 1989, S. 142-147

„Was bedeutet ein Menschenleben?“ Auszug aus einem Feldpostbrief

Leutnant A. B., 19. Oktober 1942:
„[...] Ich erlebe z. Zt. schreckliche Tage. Jeden Tag sterben 30 meiner Gefangenen, oder ich muß sie erschießen lassen. Es ist bestimmt ein Bild des Grauens. [...]
Die Gefangenen, nur teilweise bekleidet, teils ohne Mantel, werden nicht mehr trocken. Das Essen ist nicht ausreichend, und so brechen sie, einer nach dem anderen, zusammen. Ich kann sie dann nicht mehr heimbringen [...].
Wenn man so sieht, was eigentlich ein Menschenleben bedeutet, dann geht eine innere Umwandlung im eigenen Denken vor. Eine Kugel, ein Wort, und ein Leben ist nicht mehr. Was ist ein Menschenleben? So habe ich mich zu dem endgültigen Entschluss durchgerungen, mir nun in meinem Leben keine gesellschaftlichen Schranken anzulegen, sondern daß ich von jetzt ab lebe von einem Tag in den anderen. [...]“

Ortwin Buchbender / Reinhold Sterz (Hg.), Das andere Gesicht des Krieges. Deutsche Feldpostbriefe 1939-1945, Br. 302. 2. Aufl. C. H. Beck Verlag, München 1983, S. 150 f.



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Ablauf einer Mordaktion: Ein Täter berichtet

„Als weiteren Vorfall erinnere ich mich an eine Erschießung größeren Ausmaßes an einem Brunnen nach Kachowka gelegen. Es war dies ein am oberen Rand etwa 6 bis 7 Meter messendes Erdloch in der Steppe. Es soll sich um einen vertrockneten Brunnen gehandelt haben. Nahe dieses Brunnens war Getreide aufgestellt.
Man kann dieses aufgestellte Getreide als Diemen, Stiegen oder wie man will bezeichnen. Wir Schutzpolizisten wurden mit dem Mannschaftswagen zu diesem Brunnen hingefahren. Es war von diesem Brunnen aus weit und breit keine Ortschaft zu sehen. Eine Feldscheune befand sich nicht in dessen Nähe. Die Opfer, es waren mehrere hundert, können sogar an die tausend Männer und Frauen gewesen sein, wurden mit Lastwagen herangefahren. An Kinder kann ich mich im Augenblick nicht erinnern. Die herangebrachten Leute mußten sich etwa 100 Meter von dem Brunnen entfernt in eine vom Regen ausgewaschene Mulde legen oder knieen und mußten dort auch ihre Oberbekleidung ablegen. Es wurden immer so an die 10 Leute an den Brunnenrand gestellt und diese von einem gleichstarken Exekutionskommando, worunter auch ich war, von hinten erschossen. Die Leute stürzten nach Schußabgabe vornüber in den Brunnen. Es kam auch vor, daß einige aus Angst lebend hineinsprangen. Das Erschießungskommando wurde mehrfach ausgewechselt. Auf Grund der seelischen Belastung, der auch ich ausgesetzt war, kann ich heute beim besten Willen nicht mehr sagen, wie oft ich an der Grube stand und wie oft ich zurücktreten durfte. Man kann sich ja vorstellen, daß diese Erschießungen nicht in der Ruhe vor sich gingen, wie man sie heute erörtern kann. Die Frauen schrieen und weinten, ebenso auch die Männer. Teilweise gab es Ausreißversuche. Die Zutreiber schrieen ebenso laut. Wenn die Opfer nicht so wollten, wie sie sollten, gab es auch Schläge. Hierbei ist mir besonders ein rothaariger SD-Mann in Erinnerung, der immer ein Stück Kabel bei sich hatte, und wenn die Aktion nicht so lief, wie sie gehen sollte, damit auf die Leute einschlug. Vielfach aber kamen sie freiwillig zur Hinrichtungsstätte. Sie hatten ja auch gar keine andere Wahl. […]
Das Erschießungskommando an diesem Brunnen bestand aus Schutzpolizisten, Waffen-SS-Angehörigen und SD-Leuten. Wir Schutzpolizisten schossen mit unseren Karabinern, die SD-Leute mit Maschinenpistolen und Pistolen. Es hatte auf jeden Fall jeder seine Waffe in der Hand. Die benötigte Munition wurde aus bereitstehenden Kisten ausgegeben. An der Exekutionsstätte hat es grauenhaft ausgesehen. Am Brunnenrand befand sich eine Menge Blut, und es lagen wohl auch Hirnteile am Boden. Die Opfer mußten, wenn sie herangeführt wurden, da hineintreten. Aber nicht erst dort bemerkten sie, was ihnen bevorstand, sondern schon von ihrem Lagerplatz her konnten sie ja das Schießen und die Schreie hören. […]
Die Erschießung hat, bis das letzte Opfer im Brunnen war, einen knappen Nachmittag gedauert. Von dieser Exekution weiß ich noch genau, daß die SD-Leute hinterher besoffen waren, und daher eine Sonderzuteilung an Schnaps bekommen haben mußten. Wir Schutzpolizisten haben nichts bekommen, und ich weiß noch, daß wir uns darüber sehr aufgeregt haben.“

Aussage des Schutzpolizisten T., Mitglied des Einsatzkommandos 10a vom 26. 1. 1965: 213 AR 1898/66, Bd. XI, Bl. 2516 ff.
Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg

in: Ernst Klee u. a. (Hg.), „Schöne Zeiten“. Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1988, S. 64 f.


Quellentext

Die Massenerschießung in der Schlucht von Babij Jar bei Kiew

[...] Am 29. und 30. September 1941 erschoss die SS in der Schlucht von Babij Jar nach eigenen Angaben 33 771 Juden. [...]

Aufruf des Stadtkommandanten von Kiew:

Alle Juden der Stadt Kiew und ihrer Umgebung haben am 29. September 1941 gegen 8 Uhr morgens an der Ecke Mjelnikowskaja- und Dochturowskaja-Straße (neben den Friedhöfen) zu erscheinen. Mitzubringen sind: Papiere, Geld, Wertsachen, sowie warme Kleidung, Wäsche usw. Wer von den Juden dieser Anordnung nicht Folge leistet und an einem anderen Ort angetroffen werden sollte, wird erschossen. Wer von den Bürgern in die von den Juden verlassenen Wohnungen eindringt und Sachen an sich nimmt, wird erschossen.

Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.), Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944. Ausstellungskatalog, Hamburg 1996, S. 78

„Also los, fangt an zuzuschütten“ – aus dem Bericht einer Überlebenden, 1966:

Der Bericht von Dina Pronitschewa ist in der sowjetischen Zeitschrift Junost, Nr. 8/1966 wiedergegeben und wurde von ihr in einer Zeugenaussage am 9. Februar 1967 vor einem sowjetischen Staatsanwalt für ein deutsches Strafverfahren bestätigt.
Dina ging etwa in der zweiten Zehnergruppe. Sie passierten den Korridor des Grabens, und vor ihnen öffnete sich ein sandiger Steinbruch mit fast senkrechten Wänden. Es war schon halbdunkel. Dina konnte den Steinbruch nur schlecht übersehen. Im Gänsemarsch schickte man alle schnell, zur Eile antreibend, nach links, auf einen sehr schmalen Vorsprung. Links war die Wand, rechts eine Grube, und der Vorsprung war offensichtlich eigens für die Erschießung herausgeschnitten. Er war so schmal, dass sich die Leute, wenn sie über ihn gingen, instinktiv an die sandige Wand drückten, um nicht zu fallen. Dina blickte nach unten. Ihr schwindelte, so tief schien es ihr zu sein. Unten war ein Meer von blutigen Körpern. Auf der gegenüberliegenden Seite des Steinbruchs konnte sie die dort aufgestellten leichten Maschinengewehre ausmachen, dort befanden sich auch einige deutsche Soldaten. Sie hatten ein Lagerfeuer angezündet, auf dem sie anscheinend irgend etwas kochten. Als die ganze Kette der Unglücklichen auf den Vorsprung getrieben worden war, entfernte sich einer der Deutschen vom Lagerfeuer, ging ans Maschinengewehr und begann zu schießen. Dina sah es nicht so sehr, wie sie es fühlte, dass die Körper von dem Vorsprung hinabstürzten, und sie merkte, wie die Geschosskette sich ihr näherte. Ihr zuckte es durch den Kopf: „Sofort bin ich dran, jetzt …“ Und sie wartete nicht, sondern stürzte sich, die Fäuste ballend, in die Tiefe.
Ihr schien es, als ob sie eine ganze Ewigkeit fallen würde, es war ja tatsächlich auch sehr tief. Beim Aufprall fühlte sie weder einen Stoß noch einen Schmerz. Sofort war sie von oben bis unten mit warmem Blut bedeckt, über ihr Gesicht strömte Blut, weil sie gleichsam in eine Wanne mit Blut gefallen war. Sie lag, breitete die Arme aus, schloss die Augen, vernahm irgendwelche dumpfen Töne, Stöhnen, Schluckauf und Weinen ringsumher und unter sich hervor: Es gab viele, die noch nicht ganz tot waren. Diese ganze Masse aus Leibern bewegte sich kaum merklich, senkte sich und verdichtete sich durch die Bewegung der verschütteten noch Lebenden.
Soldaten stiegen auf den Vorsprung und begannen mit Laternen nach unten zu leuchten, sie schossen aus Pistolen auf diejenigen, die ihnen noch am Leben zu sein schienen. Aber nicht weit von Dina stöhnte jemand immer noch weiter. Sie hörte sie näherkommen, sie waren schon auf den Leichen. Die Deutschen kletterten herunter, bückten sich, nahmen den Getöteten irgend etwas ab, dabei schossen sie von Zeit zu Zeit in die sich bewegende Masse.
[...] Nach einigen Minuten hörte sie eine Stimme von oben: „Also los, fangt an zuzuschütten!“ Schaufeln begannen zu knirschen, man hörte das dumpfe Klatschen des Sandes auf die Körper, es kam immer näher, und schließlich begannen die Sandhäufchen auch auf Dina zu fallen. Sie wurde zugeschüttet, aber sie rührte sich nicht, solange ihr Mund noch nicht zugeschüttet war. Sie lag mit dem Gesicht nach oben, atmete Sand ein, verschluckte sich und instinktiv, ohne sich darüber im klaren zu sein, begann sie sich in panischer Furcht hin und her zu wälzen, schon eher bereit, sich erschießen zu lassen, als bei lebendigem Leibe begraben zu werden. Mit der linken gesunden Hand begann sie, den Sand von sich wegzuscharren, verschluckte sich wieder, hätte um ein Haar gehustet und konnte mit äußerster Mühe diesen Husten unterdrücken. Aber ihr wurde leichter. Schließlich kroch sie unter der Erde hervor. Dort oben hatten sie aufgehört. Sie hatten den Sand nur darübergestreut und waren dann fortgegangen. Dinas Augen waren voller Sand. Es herrschte eine Höllenfinsternis, und die Luft war so schwer.
Dina näherte sich der nächsten Sandwand, lange, lange, langsam machte sie sich vorsichtig an sie heran, dann stand sie auf und begann mit der linken Hand Löcher in die Wand zu machen. So presste sie sich an die Wand, machte Löcher und kletterte Fußbreit um Fußbreit nach oben, dabei in jeder Sekunde riskierend, abzustürzen. Oben fand sich ein Strauch, sie ertastete ihn, klammerte sich verzweifelt an, und in dem Moment, als sie sich über den Rand schwingen wollte, hörte sie eine leise Stimme, vor der sie beinahe wieder zurückgestürzt wäre. „Tante, erschrick nicht, ich bin auch am Leben.“ Es war ein Junge in Unterwäsche. Er kroch genauso wie sie heraus. Der Junge zitterte. „Sei leise“, zischelte sie ihm zu. „Kriech hinter mir“. Und so krochen sie zusammen weiter, irgendwohin, schweigend.

Ernst Klee / Willi Dreesen (Hg.), „Gott mit uns“. Der deutsche Vernichtungskrieg im Osten 1939-1945, S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 1989, S. 127-129

Zit. nach Steffens/Lange (s. Lit.), Bd. 2, S. 120 ff.


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Enthemmte Gewalt im Vernichtungskrieg

ZEIT Geschichte: In keinem anderen Krieg der Geschichte haben so viele Menschen in solchem Ausmaß gemordet wie während des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion. Herr Heer, Sie haben mit der Wehrmachtsausstellung von 1995 maßgeblich dazu beigetragen, diese Verbrechen der Öffentlichkeit bewusst zu machen; Sie, Herr Welzer, haben sich als Sozialpsychologe intensiv mit Fragen der Täterpsychologie befasst. Wie waren diese Gewalttaten möglich?
Harald Welzer: Menschen sind meines Erachtens grundsätzlich zu allem fähig, daher wundert es mich nicht, dass sie auch in diesem Krieg zu allem fähig waren – zumal der Möglichkeitsraum für Gewalt von Anfang an so weit geöffnet wurde, wie man es sich überhaupt nur vorstellen kann. Etwa durch die verbrecherischen Befehle, die den Soldaten Straffreiheit bei Gewalttaten an Zivilisten garantierten.
Hannes Heer: Um aber das Besondere des Geschehens zu erfassen, muss man die Vorgeschichte anschauen. Vom späten 19. Jahrhundert an kursierten in Deutschland völkisch-nationalistische Großmachtfantasien, 1933 bot sich dann in den Augen vieler die letzte Chance, doch noch zu erreichen, womit man im Ersten Weltkrieg gescheitert war: Deutschland zur Weltmacht zu machen. Diese Verheißung wirkte wie Starkstrom – und trug im Kern schon die Gewalt in sich, die im Zweiten Weltkrieg eskalierte.
[...] ZEIT Geschichte: Dass gemordet wurde, weil gemordet werden durfte, ist mittlerweile Konsens in der Täterforschung. Welche Rolle aber spielten Zwang und Angst? Wie groß waren die Spielräume des Einzelnen im Krieg?
Heer: Im Kampf, an der Front, gab es keine Spielräume. Außerhalb des Kampfgeschehens hingegen herrschte kein Befehlsnotstand. Ein Beispiel: Zwei deutsche Soldaten sollen Gefangene abführen. Wenn man einen Kameraden dabeihatte, der ähnliche Ansichten vertrat, konnte man frei entscheiden. Man konnte die Gefangenen zum Beispiel laufen lassen und hinterher sagen: Die wollten fliehen, wir haben sie auf der Flucht erschossen.
Welzer: Oder umgekehrt: Man knallt die einfach ab, obwohl es weder eine Order noch irgendeinen Grund dafür gibt [...]
Heer: Bestimmten Befehlen konnte man sich auch verweigern, etwa wenn es um Erschießungen von Juden ging. Das wurde keineswegs drakonisch bestraft, wie später oft behauptet, und die Soldaten wussten das. Das Risiko war ein anderes: dass man durch fortgesetzte Verweigerung aus dem Zentrum der Gruppe an die Peripherie geriet und zum Außenseiter wurde. Und holten einen die Kameraden dann noch raus, wenn man verwundet im Kornfeld lag? Da hieß es dann womöglich: Der mit seinen moralischen Gefühlsduseleien, jetzt hat er seine Lektion bekommen.
ZEIT Geschichte: Neben der bekannten Ausrede, man habe morden müssen, steht die Behauptung, nichts gewusst zu haben – schon gar nicht vom Massenmord an den Juden.
Welzer: Wir haben zwei sehr starke Belege dafür, dass alle, und zwar wirklich alle, gewusst haben müssen, was mit den Juden geschah. Der erste Beleg ist die Detailliertheit dessen, was im Gespräch über die Massenerschießungen und die Vergasungen geäußert wird. Der zweite ist das komplette Fehlen von Verwunderung angesichts dieser Erzählungen. Dass jemand sagt: Was erzählst du denn da für einen Quatsch! – das kommt nicht vor. Stattdessen kreisen die Fragen um die Details: wie die Leichen in den Gruben geschichtet werden, damit möglichst viele hineinpassen, wie groß die Gruben sind, ob auch Frauen und Kinder erschossen werden.
Heer: Eine beliebte Ausrede lautet: Ich war an dem und dem Abschnitt, da haben wir nichts mitbekommen. Doch das ist unglaubwürdig. Wenn die Soldaten zum Beispiel Urlaub hatten und nach Hause fuhren, saßen sie oft eine Woche und länger in der Eisenbahn, und da wurde natürlich geredet! Vor allem über alles, was extrem war: also auch über die Judenerschießungen. Dasselbe gilt für die Lazarette. Das waren riesige Informationsbörsen, da erfuhr man alles.
[...] ZEIT Geschichte: Wenn die Brutalisierung der Männer im Krieg so unglaublich schnell vonstattenging, wie verhielt es sich umgekehrt nach 1945: Konnten sich die Soldaten genauso schnell wieder in die Zivilgesellschaft einfügen? Oder ist der Prozess der Enthumanisierung, wie er im Vernichtungskrieg stattgefunden hat, irreversibel?
Welzer: Da kann man nur spekulieren. Es scheint, als hätten sich die Deutschen wenigstens nach außen hin schnell an die neuen Gegebenheiten angepasst – statt Nationalsozialismus herrschte nun Demokratie, statt Krieg Frieden. So schnell die Menschen in die Gewaltlogik des Vernichtungskrieges eingestiegen waren, so schnell scheint es, kamen sie da auch wieder raus. Gewalt war nun einfach nicht mehr gefragt und bildete keine Rahmenbedingung mehr für das eigene Handeln. Deshalb haben sich die zurückgekehrten Wehrmachtsoldaten auch nicht in marodierende Gangs verwandelt.
Heer: In einigen Institutionen, etwa bei der Polizei – oder wenn ich an die Lehrer denke, die mich unterrichtet haben –, waren die Kontinuitäten zu den Jahren vor 1945 aber doch sehr stark, personell wie mental. Natürlich wurde die eigene Gewaltgeschichte transformiert und auf die neue Lage angepasst.
Welzer: Aufs Ganze gesehen ist es aber wirklich erstaunlich, wie schnell sich Verhältnisse relativer Normalität herstellten. Was nicht heißen soll, dass die Erfahrung extremer Gewalt, sei es erfahrene, ausgeübte oder beobachtete, am Einzelnen so ohne Weiteres vorüberging. Die Zerstörung körperlicher Integrität ist etwas ganz Furchtbares, das tiefe Spuren in der Psyche hinterlässt. Diese Verletzungen reichen über Generationsgrenzen hinaus.
ZEIT Geschichte: Dennoch hat der Krieg gegen die Sowjetunion noch immer keinen festen Platz in der deutschen Erinnerungskultur – weder in der privaten noch in der öffentlichen. Wie ist das zu erklären?
Heer: Es ist immer schwer, an eigene Verbrechen zu erinnern. Im Fall des Holocaust ist dies in Deutschland halbwegs gelungen. Dass der Vernichtungskrieg als Ganzes nicht annähernd so fest im Bewusstsein verankert ist, hat damit zu tun, dass bei der Wehrmacht gleichsam die gesamte deutsche Gesellschaft betroffen war: In so ziemlich jeder Familie gab es Männer, die den Krieg mitgemacht hatten. Die Strategie der ehemaligen Wehrmachtsoldaten und ihrer Familien war es folglich, die begangenen Verbrechen zu verschweigen, umzudeuten und zu verleugnen. Dazu kam ein eigenes Opfernarrativ, das schon bald die deutsche Erinnerungskultur beherrschte. Und sicherlich spielte es auch eine Rolle, dass man nach 1949, im antikommunistischen Klima des Kalten Kriegs, an die Feindbilder der Nazizeit anschließen und sich wunderbar rechtfertigen konnte.
Welzer: Was die Rolle der Ideologie angeht, bin ich auch hier skeptisch, aber ansonsten kann ich zustimmen. Wobei es in diesem Fall natürlich auch noch einen ganz schlichten und profanen Grund für das schlechte Gedächtnis der Deutschen gibt: Es ist immer unangenehm, sich an einen Krieg zu erinnern, den man verloren hat.

Christian Staas / Volker Ulrich „Ein Erlebnis absoluter Macht“, in: ZEITonline vom 24. Mai 2011
http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2011/02/Wehrmachtsoldaten-Interview-Heer-Welzer/komplettansicht (zuletzt abgerufen: 30.10.2012)








 

Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache. Weiter...