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Zerstörter Straßenzug in Rotterdam im Mai 1940

18.12.2012 | Von:
Michael Wildt

Massenmord und Holocaust

Deportationen

Im Deutschen Reich wurden die Juden mit dem Kriegsbeginn verschärften Drangsalierungen ausgesetzt. Am 10. September 1939 ordnete Himmler an, dass die jüdischen Gemeinden sich selbst um ihren Schutz vor Bombardierungen zu sorgen und eigene Luftschutzräume zu bauen hätten. Lokale Parteigruppen und kommunale Ämter hatten bereits ihrerseits damit begonnen, Ausgehverbote für Juden zu verhängen oder die Radioapparate zu beschlagnahmen. Zwar verbot die NS-Führung derlei Initiativen von unten, Himmler erließ aber seinerseits ebenfalls am 10. September ein Ausgehverbot für Juden ab 22 Uhr. Wenige Tage später folgte eine Verordnung, die Juden untersagte, ein Radiogerät zu besitzen. Am 23. September sollte die Gestapo "schlagartig“ im ganzen Reich die Radioapparate von Juden einziehen. Lebensmittelkarten für Juden wurden von Januar 1940 an generell mit einem "J“ gekennzeichnet, die Rationen immer weiter eingeschränkt und Zulagen gestrichen.

Konsequent in ihren Bemühungen, die Juden vollständig sozial zu isolieren, machten sich die Nationalsozialisten 1939 daran, auch in Deutschland die jüdische Bevölkerung zu "gettoisieren“. Das hieß, die bestehenden Mietverhältnisse wurden aufgelöst und "Judenhäuser“ eingerichtet, in denen die jüdischen Deutschen von nun an, oftmals auf engstem Raum mit mehreren Familien in einer Wohnung, leben mussten. Darüber hinaus forcierte die NS-Führung Pläne, die noch im Reich lebenden Juden zur Zwangsarbeit heranzuziehen, nachdem schon zuvor arbeitslose Juden arbeitsverpflichtet worden waren. Jetzt wurden Männer und Frauen, die als arbeitsfähig eingestuft wurden – das waren im Sommer 1941 etwa 59 000 Menschen – zur Erntearbeit in der Landwirtschaft, in Industriebetrieben, zum Räumen von Bombardierungsschäden oder Bauen von Straßen und Eisenbahngleisen eingesetzt, oftmals ohne Lohn und Versicherungsschutz. Zudem galt ein Sonderarbeitsrecht für Juden, die keine Zulagen oder sonstigen Vergünstigungen, die den nichtjüdischen Arbeitern zustanden, erhalten sollten. Auf die "Wahrung des sozialen Abstandes“ der Volksgenossen zu den jüdischen und polnischen Arbeitern legte das Arbeitsministerium größten Wert.

1940 wurde ein alter antisemitischer Plan zu neuem Leben erweckt: die Deportation der europäischen Juden nach Afrika. Antisemiten wie der deutsche Kulturphilosoph Paul de Lagarde hatten diese Idee seit Ende des 19. Jahrhunderts verbreitet. Auch andere europäische Staaten wie Polen oder Frankreich zogen in den 1930er-Jahren die Deportation ihrer jüdischen Staatsbürger nach Madagaskar ernsthaft in Erwägung. Die polnische Regierung entsandte gar 1937 eine Kommission dorthin, um die Bedingungen für eine Deportation polnischer Juden zu prüfen.

Heydrich ließ im August 1940 drei Exemplare einer vierzehnseitigen Broschüre mit Karte, Lexikon-Auszügen und Organigramm zum "Madagaskar-Projekt“ an das Auswärtige Amt schicken. Detailliert war in diesem RSHA-Plan entwickelt, wie vier Millionen europäische Juden nach Madagaskar deportiert und dort in einem Polizeistaat unter der Leitung des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD dahinvegetieren sollten. Mit 120 Schiffen – so die Broschüre – könnten täglich etwa 3000 Juden verschifft werden, sodass nach Rechnung des RSHA innerhalb von vier Jahren das "Judenproblem“ gelöst sein sollte. Heydrich selbst sprach im Juni in einem Brief an Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop von einer "territorialen Endlösung“, die jetzt notwendig sei. Auch das Auswärtige Amt arbeitete an einem Madagaskar-Plan.

Quellentext

Überleben in Wien 1941 bis 1943

Lotte Freiberger ist 1923 in Wien geboren. Ihr jüdischer Vater war Großkaufmann in der Garnbranche. Ihre Mutter war geborene Katholikin, aber bei ihrer Heirat zum Judentum konvertiert. Um die Familie zu schützen, trat die Mutter in der NS-Zeit wieder zum katholischen Glauben über.

Der Text wurde im Rahmen eines 1982 begonnenen „Oral-History“-Projektes erhoben.

[...] „Um diese Zeit [1941] verschickten die Nazi junge Mädchen nach Stendal in Norddeutschland zum Spargelstechen. Wir ahnten zu Recht nichts Gutes. Durch einen ‚arischen‘ Geschäftsfreund meines Vaters bekamen wir die Adresse einer Frau Ostermann, die eine Schneiderwerkstätte hatte und jüdische Arbeiterinnen aufnehmen durfte, als Zwangsdienstverpflichtete. Sie war eine sehr brave, anständige Frau. Die Werkstatt war in der Alserstraße. Ich trat am 26. Mai 1941 dort ein und blieb bis Kriegsende. Die Firma lieferte ins ‚Altreich‘, wie man Deutschland damals nannte, das war quasi ein ‚Export‘, und ich war dadurch vor dem Spargelstechen in Stendal geschützt. Ich möchte noch erwähnen, dass keine meiner Freundinnen Stendal überlebte. Ich hörte nie mehr etwas von ihnen. Später hat man erfahren, dass sie nach getaner Arbeit direkt in die Vernichtungslager geschickt wurden.
Eine ‚arische‘ Firma wie Ostermann durfte jüdische Arbeiterinnen – gegen lächerliche Bezahlung – anstellen, wenn folgende Voraussetzungen gegeben waren: strengste Isolation von den ‚arischen‘ Mitarbeitern der Werkstatt, extra Klosett, keine Küchenbenützung. Wir stellten unsere Reindeln [Dosen] aufs Fensterbrett, woanders war kein Platz. Die Arbeiterinnen der ‚arischen‘ Werkstatt spuckten darauf. [...]
Es war bereits die Zeit der Deportationen. Wenn ich in die Werkstatt kam, fehlte täglich die eine oder andere. Sie kamen nie mehr wieder, sie waren deportiert worden. Wir wurden immer weniger, manchmal fehlten gleich vier oder fünf von uns, man wagte sich kaum mehr in die Firma – aus Angst, wer morgen fehlen würde. So passierte es, dass ich eines Tages allein dort war. Alle waren bereits ‚ausgehoben‘ worden, wie man die Abholung durch die SS nannte, und nach Polen deportiert worden. Niemand von den Frauen hat überlebt.
Zu Anfang der Deportationen kam die SS alleine, später mit ‚Aushebern‘, das waren jüdische Männer, die gezwungen wurden – teilweise vielleicht auch freiwillig dabei waren –, diesen Dienst zu machen. Sie waren sehr unangenehm und brutal, aus Selbsterhaltungstrieb, sie dachten damit ihr Leben retten zu können. Dem war aber nicht so. Mit dem letzten Polentransport gingen alle ‚Ausheber‘ mit ihren Familien mit.
Nach der ersten ‚Aushebung‘, bei der meine Tante geholt wurde, kamen sie noch dreimal zu uns, bei Tag und bei Nacht. Immer dieselbe Situation. Nachdem sie unsere Dokumente gesehen hatten, sagten sie zu meinem Vater: ‚Sie können bleiben, die Tochter packt. Wir lassen die Papiere im Lager überprüfen und kommen wieder.‘ Das erste Mal rannte ich zum offenen Fenster, mein Vater zog mich noch an meinen Füßen zurück, der SS-Mann schrie: ‚Soll sie springen!‘ Dann wurde gepackt. Meine Mutter sagte: ‚Du gehst nicht alleine. Entweder wir alle oder keiner.‘ So packten wir drei Koffer, nähten Geld in Mäntel ein und warteten. Nach Stunden kam der SS-Mann mit meinen Papieren und sagte: ‚Sie kann bleiben.‘ Einige Tage später wurde wieder an unsere Tür geklopft. Vor der Tür stand ein wütender SS-Mann. Alles wiederholte sich: Packen, Dokumente, Warten – und nach Stunden die Mitteilung, dass ich bleiben kann. Noch ein drittes Mal wiederholte sich diese Szene, da rannte ich zum Gashahn, und wieder drehte mein Vater im letzten Moment ab.
Die Transporte gingen Ende 1942 fast täglich. Es kamen auch die Alten und Kranken aus dem Spital dran, alle, die früher zurückgestellt worden waren. Es passierte mitunter, dass ein Auto nicht vollbesetzt war, da holte man ganz einfach von der Straße Juden, sie trugen ja alle den Stern und waren dadurch als Juden kenntlich. Sie wurden auf die Lastwagen verladen – so, wie sie waren – und direkt zum Bahnhof geführt. Wenn ich also in der Früh in die Arbeit ging, wusste ich nie, ob ich abends wieder nach Hause kam. [...]
Die wenigen jüdischen Jugendlichen, die es in Wien noch gab, trafen sich zum Wochenende am jüdischen Friedhof beim vierten Tor. Dort gab es eine große Fläche ohne Grabsteine, wo Gemüse und Kartoffeln für das jüdische Spital angebaut wurden. Dort spielten wir Ball und andere Spiele und konnten ein wenig die Sorgen vergessen. Leider wurde auch diese Gruppe von Sonntag zu Sonntag immer kleiner, immer wieder fehlte wer, weil er schon am Transport war. [...] Wien war 1943/44 schon fast ‚judenrein‘.“ [...]

Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (Hg.), Jüdische Schicksale. Berichte von Verfolgten, Wien 1992, S. 199 ff.

Zit. nach Steffens/Lange (s. Lit.), Bd. 2, S. 174 ff.

Faktisch war das Madagaskar-Projekt bereits im Ansatz gescheitert, weil nur dann deutsche Deportationsschiffe auf den Weltmeeren nach Afrika fahren konnten, wenn die Seemacht Großbritannien besiegt war. Trotz seiner mehr als fragwürdigen Umsetzbarkeit wurde der Plan innerhalb der NS-Führung ernsthaft erwogen. Mitte August, als der Luftkrieg gegen England noch im vollen Gang war, vermerkte Goebbels nach einem Gespräch mit Hitler, dass die Juden "später mal nach Madagaskar verfrachtet“ werden sollten.

Und noch etwas anderes machte der Madagaskar-Plan deutlich. Allen Beteiligten, ob im Reichssicherheitshauptamt oder im Auswärtigen Amt, war klar, dass auf dieser Insel, die nur teilweise landwirtschaftlich zu nutzen war, keinesfalls Millionen Menschen würden überleben können. Der Madagaskar-Plan besaß bereits eine völkermörderische Dimension, auch wenn noch von einer "territorialen Endlösung“ die Rede war.

Tatsächlich wurde im Frühjahr 1940 eine andere Gruppe aus Deutschland deportiert: Roma und Sinti. Schon im 19. Jahrhundert waren "Zigeuner“, wie sie abfällig genannt wurden, Opfer polizeilicher Drangsalierung und gesellschaftlicher Vorurteile gewesen. Kommunen hatten ihnen den Aufenthalt verboten, sie waren als Diebe und Spione verdächtigt und vertrieben worden. Das NS-Regime systematisierte die Verfolgung von Roma und Sinti und gründete bei der Kriminalpolizei eine eigene "Reichsstelle für die Bekämpfung des Zigeunerunwesens“. Ebenfalls unterstützte die Kriminalpolizei die sogenannte Rassenhygienische Forschungsstelle unter Dr. Robert Ritter, die in einem groß angelegten Projekt die in Deutschland lebenden "Zigeuner“ rassistisch erfasste. Tausende von Menschen mussten sich vermessen lassen und Auskunft über ihre Familie geben. 1936 begannen die Internierung von Roma und Sinti in eigenen Lagern an den Stadträndern und ihr Einsatz zur Zwangsarbeit.

Quellentext

Verfolgung von Sinti und Roma

Jakob Müller, 1928 geboren, heute in Kaiserslautern.


„Als wir aus Worms abgeholt wurden, wurde uns keine Begründung dafür gegeben. Wir lebten in einem großen Gebiet, wo viele Sinti wohnten. Die haben dann das Areal umstellt und kamen morgens an, in unsere Wohnung in der Kleinen Fischerweide 50, direkt neben der Nibelungenschule. Sie riefen ‚Raus, raus, raus‘, und wir konnten nur das Nötigste mitnehmen. Dann sind wir mit den Lastwagen von Worms direkt nach Frankfurt gekommen. Mein Vater war gar nicht mehr zuhause, er war bei der Deutschen Luftwaffe.
Der ist dann 1941 ‚aus rassischen Gründen‘ unehrenhaft aus der Armee entlassen worden und kam dann auch ins Frankfurter Lager. Reingekommen in das Lager in der Dieselstraße in Frankfurt sind wir am 10. September 1940 und sind bis zum 13. März 1943, bis wir nach Auschwitz deportiert wurden, dort geblieben. Von da aus sind wir in das Konzentrationslager nach Auschwitz gekommen und danach weiter in verschiedene Lager.
Das Lager in Frankfurt in der Dieselstraße hatte eine Länge von circa 80 Metern und eine Breite von etwa 20 Metern. Wir hatten keine Wohnungen, sondern mußten in ausrangierten Möbelwagen wohnen. Da waren etwa 25 Möbelwagen drin, und am Anfang so ungefähr 150 bis 180 Personen. Manche Familien, mit acht bis zwölf Personen, mußten auf einem Raum von circa sieben Meter Länge und zwei Meter Breite wohnen. Die mußten also auf circa 14 Quadratmetern hausen, waren auf engstem Raum zusammengepfercht.
Morgens war immer ‚der Appell‘, da sind wir gezählt worden – wir waren ja eingezäunt, vorne dran am Ausgang war eine Wachstube, da war turnusmäßig immer ein Polizist. Insgesamt waren es vier. [...]
Wir durften ein Jahr zur Schule gehen, und zwar in die Riederwaldschule, dann hat sich die Bevölkerung darüber mokiert, zuletzt mußten wir alle ganz hinten in einem Block sitzen. Dann kam der Frankfurter Erlaß, und da durften wir Kinder nicht mehr die Schule besuchen.
Die Familien waren unter sich. Sie konnten kochen und haben sich die Verpflegung selbst gekauft. Die Kinder haben später überhaupt keinen Ausgang gehabt, die Frauen konnten wenigstens morgens einkaufen gehen. Wir konnten das Lager nicht verlassen, wie wir wollten. Nur die arbeitsfähigen Personen, die in der Rüstungsindustrie tätig waren, sind morgens zur Arbeit gegangen, und abends war wieder Appell.[...]
Das Lager wurde dann im März 1943 zu fünfzig Prozent aufgelöst, die Hälfte von uns kam nach Auschwitz, die andere Hälfte ist im Frankfurter Lager geblieben. [...]
Mein Vater starb 1943 im KZ-Lager von Auschwitz, was man dort so sterben nannte. Von Auschwitz sind wir dann 1944 in ein Lager nach Ravensbrück gekommen. Erst dort haben wir mit den Sterilisationen zu tun bekommen. Wir waren dort mit 191 Männern und 34 Kindern, der jüngste war da fünfeinhalb. Dort wurde dann gesagt, daß, wenn man sich sterilisieren ließe, die Verwandten freikämen. Da mußte man dann Fragebögen ausfüllen, für welchen Angehörigen man das machen ließe, die Mutter, den Bruder oder so. Nur zwei Jungen, darunter ich, wurden nicht sterilisiert. Aber statt der versprochenen Freiheit kamen wir dann ins nächste Lager, nach Oranienburg. Dort wurde dann gesagt: Eure Familienangehörigen kommen frei, wenn ihr Euch zur Waffen-SS meldet. Tatsächlich haben sich etliche gemeldet, aber keiner der Verwandten kam frei.“

Eva von Hase-Mihalik / Doris Kreuzkamp, „Du kriegst auch einen schönen Wohnwagen“. Zwangslager für Sinti und Roma, während des Nationalsozialismus in Frankfurt am Main, Brandes & Apsel Verlag Frankfurt 1990, S. 23 ff.

Ende April 1940 ordnete Himmler die Deportation von insgesamt 2500 "Zigeunern“ aus Norddeutschland und dem Rheinland sowie aus Frankfurt und Stuttgart ins Generalgouvernement an. Im Mai nahm daraufhin die Kriminalpolizei im Reich Hunderte von Roma und Sinti fest, internierte sie in provisorischen Lagern und deportierte sie ins besetzte Polen. Dort mussten sie schwere Zwangsarbeit leisten und waren nur notdürftig untergebracht. Im Verlaufe des Winters 1940/41 wurden die Roma und Sinti weitgehend sich selbst überlassen; viele starben an Kälte, Unterernährung und Krankheiten. Etliche versuchten, sich zurück zu ihren Familien nach Deutschland durchzuschlagen, wenige blieben in Polen zurück, um dort auf irgendeine Weise im Untergrund zu überleben.

Mittlerweile drängten zahlreiche Instanzen des NS-Regimes darauf, sich der Juden zu entledigen. Nachdem Reinhard Heydrich offenkundig seit längerem mit einem Plan zur "Endlösung der Judenfrage“ beauftragt worden war, dessen Einzelheiten jedoch nicht überliefert sind, erhielt er von Göring am 31. Juli 1941 die Ermächtigung, "alle erforderlichen Vorbereitungen in organisatorischer, sachlicher und materieller Hinsicht zu treffen für eine Gesamtlösung der Judenfrage im deutschen Einflußgebiet in Europa.“

Im April 1941 hatte der ehemalige Stellvertreter Heydrichs, Werner Best, der nun als Verwaltungschef der deutschen Besatzung in Paris fungierte, für eine Besprechung mit dem sogenannten Judenkommissar der Vichy-Regierung, Xavier Vallet, die allgemeine Maxime formuliert, dass das deutsche Interesse "in einer progressiven Entlastung aller Länder Europas vom Judentum mit dem Ziel der vollständigen Entjudung Europas“ bestehe, was die Dimension der Planungen innerhalb der SS-Führung markierte. Der "Judenreferent“ in der Deutschen Botschaft in Paris unterbreitete Botschafter Otto Abetz diverse Vorschläge, darunter die Zwangssterilisation sämtlicher französischer Juden, die Abetz bei nächster Gelegenheit mit Ribbentrop und Göring besprechen wollte.

Auch die NSDAP-Gauleiter in Deutschland drängten auf eine rasche Deportation der Juden vor allem aus den Städten, damit die frei werdenden Wohnungen ausgebombten "Volksgenossen" zur Verfügung gestellt werden könnten. "In der Judenfrage“, so schrieb Goebbels über eine Unterredung mit Hitler am 19. August 1941, "kann ich mich beim Führer vollkommen durchsetzen. Er ist damit einverstanden, daß wir für alle Juden im Reich ein großes sichtbares Judenabzeichen einführen, das von den Juden in der Öffentlichkeit getragen werden muß […]. Im übrigen sagt der Führer mir zu, die Berliner Juden so schnell wie möglich, sobald sich die erste Transportmöglichkeit bietet, von Berlin in den Osten abzuschieben. Dort werden sie dann unter einem härteren Klima in die Mache genommen.“ Die Behörde von Albert Speer als Generalbauinspektor für Berlin ging zur selben Zeit davon aus, dass demnächst Tausende von Juden bewohnte Wohnungen geräumt würden, um die "Volksgenossen“ mit Wohnungen zu versorgen, und stellte aus seiner Gesamtkartei entsprechende Listen zusammen, die der Berliner Gestapo übergeben wurden.

Im September wurde die Drohung Wirklichkeit: Deutsche Juden mussten von nun an in der Öffentlichkeit einen Stern tragen. Die Polizeiverordnung vom 1. September 1941 legte detailgenau fest: "Der Judenstern besteht aus einem handtellergroßen, schwarz ausgezogenen Sechsstern aus gelbem Stoff mit der schwarzen Aufschrift ‚Jude’. Er ist sichtbar auf der linken Brustseite des Kleidungsstücks fest aufgenäht zu tragen.“

Quellentext

Victor Klemperer beschreibt die Einführung des „Judensterns“ …

Victor Klemperer (1881-1960), Romanist, Hochschullehrer, stammte aus einer jüdischen Familie und war 1912 zum Protestantismus übergetreten. Dennoch verfolgten ihn die Nationalsozialisten als „rassischen Juden“. 1935 wurde er als Professor an der Technischen Hochschule Dresden entlassen und konnte nur aufgrund der Ehe mit seiner nichtjüdischen Frau Eva überleben. Nach 1945 war er wieder als Professor an den Universitäten Halle, Greifswald und
Berlin tätig.
Tagebucheintrag am 8. September 1941: „Heute morgen brachte Frau Kreidl (die Witwe) aufgelöst und blaß die Nachricht, im Reichsverordnungsblatt stehe die Einführung der gelben Judenbinde. Das bedeutet für uns Umwälzung und Katastrophe. Eva hofft noch immer, die Maßregel werde gestoppt werden, und so will ich noch nichts weiter darüber schreiben.“
Tagebucheintrag am 15. September: „Die Judenbinde, als Davidsstern wahr geworden, tritt am 19.9. in Kraft. Dazu das Verbot, das Weichbild der Stadt zu verlassen, Frau Kreidl sen. war in Tränen, Frau Voß hatte Herzanfall. Friedheim sagte, dies sei der bisher schlimmste Schlag, schlimmer als die Vermögensabgabe. Ich selber fühle mich zerschlagen, finde keine Fassung. Eva, jetzt gut zu Fuß, will mir alle Besorgungen abnehmen, ich will das Haus nur bei Dunkelheit auf ein paar Minuten verlassen.“
Tagebucheintrag am 19. September: „Heute der Judenstern. Frau Voß hat ihn schon aufgenäht, will den Mantel darüber zurückschlagen. Erlaubt? Ich werfe mir Feigheit vor. Eva hat sich gestern auf Pflasterweg den Fuß übermüdet und soll nun jetzt auf Stadteinkauf und hinterher kochen. Warum? Weil ich mich schäme. Wovor? Ich will von Montag an wieder auf Einkauf. Da wird man schon gehört haben, wie es wirkt.“
Tagebucheintrag am 20. September: „Gestern, als Eva den Judenstern annähte, tobsüchtiger Verzweiflungsanfall bei mir. Auch Evas Nerven zu Ende.“

Victor Klemperer. Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933-1945, 2 Bände Hg. von Walter Nowojski unter Mitarbeit von Hadwig Klemperer © Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 1995, Bd. I: 1933-1941, S. 663, 671



... und erlebt die Deportation seiner Bekannten

Tagebucheintrag am 25. Oktober 1941: „Immer wieder erschütternde Nachrichten über Judenverschickungen nach Polen. Sie müssen fast buchstäblich nackt und bloß hinaus. Tausende aus Berlin nach Lodz (‚Litzmannstadt‘).“
Tagebucheintrag am 27. Oktober: „Am Sonnabend abend Ida und Paul Kreidl bei uns. Sie haben eine Tochter vel Schwester in Prag, die für Polen registriert ist. Sie waren Sonnabend gefaßter als die Tage vorher. Es lägen relativ günstige Nachrichten aus Lodz vor: saubere Baracken, gute Heizung und Verpflegung, anständige Behandlung in den Munitionsfabriken“.
Tagebucheintrag 9. November: „Die Verschickungen nach Polen nehmen ihren Fortgang, überall unter den Juden tiefste Depression. Ich traf am Lehrerseminar in der Teplitzer Straße Neumanns, die sonst tapfer optimistischen Leute waren ganz am Boden, erwogen Selbstmord. Ihnen hatte sich eben die Möglichkeit aufgetan, nach Kuba zu kommen, da trat die absolute Emigrationssperre ein. In Berlin beging der Onkel Frau Neumanns, Atchen Finks älterer Bruder, ein tiefer Sechziger, mit seiner Frau Selbstmord, als sie abtransportiert werden sollten. Er möchte lieber tot sein und seine Frau tot wissen, sagte mir Neumann, ehe er sie ‚verlaust beim Aufbau von Minsk‘ sehe. Frau Neumann, in Tränen: ‚Wir besprachen gerade, wo man sich Veronal beschaffen könnte‘ ... Ich rüttelte an ihnen mit so schönen Worten, daß ich selber davon ganz erbaut war. Fünf Minuten vor zwölf ... unsere besondere Tapferkeit ... Minsk aufzubauen könne nicht uninteressant sein, etc.“
Tagebucheintrag 13. Januar: „Paul Kreidl erzählt – Gerücht, aber von verschiedenen Seiten sehr glaubhaft mitgeteilt –, es seien evakuierte Juden bei Riga reihenweis, wie sie den Zug verließen, erschossen worden.“
Tagebucheintrag 20. Januar: „Gestern bis Mitternacht bei Kreidls unten. Eva half Gurte für Paul Kreidl nähen, an denen er seinen Koffer auf dem Rücken schleppt. Dann wurde ein Bettsack gestopft, den man aufgibt (und nicht immer wiedersehen soll). Ihn karrte Paul Kreidl heute auf einem Handwägelchen zum vorgeschriebenen Spediteur.“
Tagebucheintrag 21. Januar: „Vor dem Weggehen des Deportierten versiegelt Gestapo seine ganze Hinterlassenschaft. Alles verfällt. Paul Kreidl brachte mir gestern abend ein Paar Schuhe, die mir genau passen und bei dem furchtbaren Zustand der meinigen höchst willkommen sind. Auch ein bißchen Tabak, den Eva mit Brombeertee mischt und in Zigaretten stopft. Ich bin schon seit vielen Wochen bei purem Brombeertee. – Heute vormittag Art Kondolenzbesuch bei der Mutter.“
[Paul Kreidl verließ Deutschland am 21. Januar 1942 mit dem Transport nach Riga und wurde dort vermutlich gleich am Tag seiner Ankunft erschossen – Anm. d. Red.].

In: Ders., Bd. I, S. 681 f., 685, Bd. II: 1942-1945, S. 9, 14

Am 14. September 1941 übersandte Alfred Rosenberg, Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, Hitler ein Memorandum, dass das Deutsche Reich als Vergeltungsmaßnahme, falls die Sowjetunion ihre Ankündigung wahr mache, 400 000 Wolgadeutsche umzusiedeln, seinerseits die Deportation aller Juden Zentraleuropas in den Osten in Angriff nehmen sollte. Zwei Tage später traf Botschafter Abetz mit den Vorschlägen seines "Judenreferenten“ aus Paris in Hitlers Hauptquartier ein. Noch am selben Tag hatte er eine Unterredung mit Hitler, der, laut Abetz’ Aufzeichnungen, von "Vernichtungsphantasien“ gegenüber "Bolschewisten und Asiaten“ erfüllt war. Am 17. September schließlich trug Außenminister Ribbentrop persönlich seine Stellungnahme zu Rosenbergs Vorschlag bei Hitler vor.

In diesen Septembertagen fiel die Entscheidung Hitlers, mit der Deportation aller deutschen, österreichischen und tschechischen Juden zu beginnen, noch bevor der Krieg zu Ende sei. Am 18. September teilte Himmler dem Gauleiter des Warthelandes, Arthur Greiser, mit, der "Führer“ wünsche, dass "möglichst bald das Altreich und das Protektorat vom Westen nach dem Osten von Juden geleert und befreit“ werde. Möglichst noch im Jahr 1941 sollten die Juden des Altreichs und des Protektorats vorübergehend in das Getto Litzmannstadt deportiert werden, um sie dann im Frühjahr 1942 "weiter nach dem Osten abzuschieben“. Am 15., 16. und 18. Oktober verließen die ersten Deportationszüge Wien, Prag und Berlin in Richtung Łódz´, später auch nach Riga, Minsk und Kaunas.

In den dortigen Gettos, die unmittelbar nach dem Überfall auf die Sowjetunion errichtet worden waren, gab es nicht genügend Räume für die Neuankömmlinge. Die SS erschoss deswegen Tausende von einheimischen Juden, um Platz für die deutschen Juden zu schaffen.

Quellentext

Aus dem Erinnerungsbericht von Chaim Baram

(Heinz Behrendt), geboren 1919, der mit seiner Frau am 14. November 1941 von Berlin nach Minsk deportiert worden war:
„Wir bekommen unsere Behausung zugeteilt. Sieben Leute sind in unserem Zimmer, das eine Bodenfläche von 5 x 5 mtr hat. [...] Die Kälte ist in diesem Winter besonders grausam. Der abends gekochte Tee in einer Kanne ist am Morgen vollkommen zu Eis erstarrt. [...] Im Ghetto gab man uns als Tagesration 200 gr Brot und eine Schöpfkelle, ca. ½ l Wassersuppe. Die sanitären Verhältnisse spotteten aller Beschreibung. Es gab noch keine Latrine. Die erste Arbeit im Berliner Ghetto war daher das Ausgraben von kleinen Gruben. [...] So blieb es nicht aus, dass im Ghetto ungenannte Epidemien ausbrachen. Todesfälle waren jetzt an der Tagesordnung. [...] Im Laufe der kalten Monate konnte man die Toten nicht begraben, die Erde war zu hart gefroren. Unser Schuppen nebenan diente als Sammelstelle für Tote, die aufgeschichtet einer über dem anderen den Raum füllten.“

Ungedruckte Quelle aus dem Archiv von Yad Vashem

Obwohl damit noch nicht ihre Ermordung beschlossen war, so war doch eine entscheidende Grenze überschritten. Denn bislang hatte Hitlers politische Linie gegolten, alle Mittel auf die Erringung des Sieges zu konzentrieren und die "Judenfrage“ nach dem Ende des Krieges gegen die Sowjetunion zu "lösen“. Dass er in diesen Septembertagen die bisherigen Einwände beiseite schob und den Forderungen nach Deportation der deutschen und westeuropäischen Juden in den Osten zustimmte, obwohl der Krieg gegen die Sowjetunion noch nicht gewonnen war, durchbrach die letzte immanente Schranke in der Radikalisierung der Politik. Von diesem Punkt an waren alle Schritte möglich – auch die systematische Vernichtung.


Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache.

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