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Zerstörter Straßenzug in Rotterdam im Mai 1940

18.12.2012 | Von:
Michael Wildt

Massenmord und Holocaust

Mord an den polnischen Juden

Seitdem die Juden auf dem sowjetischen Kriegsschauplatz vom Sommer 1941 an systematisch ermordet wurden, waren auch die polnischen Juden vom Massenmord bedroht. Nachdem sich Generalgouverneur Hans Frank erfolgreich dagegen gesperrt hatte, die Juden aus den besetzten westpolnischen Gebieten in das Generalgouvernement zu deportieren, waren sich die deutschen Besatzungsbehörden unschlüssig, was nun mit den überfüllten Gettos geschehen solle. So waren beispielsweise 140 000 Menschen im Getto Litzmannstadt in Łódz´ zusammengepfercht. Die Enge, die katastrophale Ernährung und mangelhafte Hygiene ließen Epidemien ausbrechen, die den Deutschen wiederum das Schreckensbild und den Vorwand lieferten, dass die Gettos Seuchenherde seien, die rücksichtslos gesäubert werden müssten. Dass die Täter wie selbstverständlich Mord als "Lösung“ betrachteten und die vorsätzliche Tötung sogar als "human“ gegenüber dem Sterben im Getto, zeigt jenes berüchtigte Telegramm, das der regionale SD-Chef Rolf-Heinz Höppner am 16. Juli 1941 an Eichmann als Zusammenfassung verschiedener Besprechungen zur "Lösung der Judenfrage“ im Warthegau schrieb: Es bestehe im kommenden Winter die Gefahr, "daß die Juden nicht mehr sämtlich ernährt werden können. Es ist daher ernsthaft zu erwägen, ob es nicht die humanste Lösung ist, die Juden, soweit sie nicht arbeitseinsatzfähig sind, durch irgendein schnellwirkendes Mittel zu erledigen. Auf jeden Fall wäre dies angenehmer, als sie verhungern zu lassen.“

Im Oktober 1941 bat Gauleiter Greiser Himmler um die Genehmigung, 100 000 als arbeitsunfähig eingestufte Juden töten zu lassen. Daraufhin wurde im nahegelegenen Kulmhof/Chełmno eine Vernichtungsstätte mit Gaswagen errichtet, in denen ab Anfang Dezember systematisch Menschen ermordet wurden. Unter den ersten Opfern waren Roma, die aus dem österreichischen Burgenland nach Łódz´ deportiert worden waren. In Kulmhof/Chełmno starben insgesamt mindestens 152 000 Menschen.

Mitte Oktober 1941 hatte Himmler dem SS- und Polizeiführer in Lublin, Odilo Globocnik, allem Anschein nach den Auftrag erteilt, ein regionales Vernichtungslager in Bełz˙ec für die polnischen Juden im Generalgouvernement zu errichten. Zugleich wurde das T4-Expertenpersonal aus der Mordaktion gegen behinderte und kranke Menschen nach Lublin versetzt, um dort die neuen Vernichtungslager, in denen mit Gas getötet werden sollte, aufzubauen. Im Unterschied zu Kulmhof/Chełmno errichtete man in Bełz˙ec erstmals Gaskammern, an die große Panzermotoren angeschlossen wurden, um die Menschen mit den Abgasen zu töten. Nach diesem Modell entstanden weitere Vernichtungsstätten im Bezirk Lublin: Sobibór und Treblinka.

Die Entscheidung, die deutschen und westeuropäischen Juden in den Osten zu deportieren, warf für die Täter eine Reihe von Fragen auf, die von den verschiedenen mit der Deportation befassten Instanzen des NS-Regimes gemeinsam abgestimmt werden mussten. Zudem war noch nicht geklärt, ob die – im Warthegau und im Reichskommissariat Ostland bereits gefällten – Entscheidungen, die in den Gettos zusammengepferchten Menschen nach Arbeitsfähigkeit zu selektieren und die angeblich Arbeitsunfähigen mit neuen Tötungsmitteln massenweise und systematisch zu ermorden, von den anderen NS-Institutionen geteilt wurden.

Als dringliches Problem für die NS-Führung erwies sich die Behandlung der deutschen und österreichischen Juden, also der Menschen, die aus dem eigenen Land kamen. Von den etwa 20 000 Juden aus Deutschland, die zwischen dem 15. Oktober und 4. November 1941 nach Łódz´ deportiert worden waren, starben etliche an Hunger, Krankheiten und Entbehrung, aber noch wurde keiner von ihnen in Kulmhof/Chełmno ermordet. Die 12 000 deutschen, österreichischen und tschechischen Juden, die im November nach Minsk verschleppt worden waren, kamen ins Getto und blieben vorerst am Leben, wohingegen mehr als 6600 weißrussische Juden wenige Tage zuvor erschossen worden waren. Andererseits tötete das SS-Einsatzkommando 3 sämtliche 4934 Juden aus Deutschland und Österreich, die am 25. und 29. November 1941 in Kaunas/Kowno angekommen waren. Gleichfalls ermordeten SS-Einheiten unter dem Höheren SS- und Polizeiführer Friedrich Jeckeln am 30. November in Riga 1000 Berliner Juden unmittelbar nach ihrer Ankunft.


Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache.

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