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Zerstörter Straßenzug in Rotterdam im Mai 1940

18.12.2012 | Von:
Michael Wildt

Massenmord und Holocaust

Wannsee-Konferenz

Am 20. Januar 1942 fand in der einstigen Villa des Industriellen Ernst Marlier, nun Gästehaus des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD, jenes Treffen statt, das als Wannsee-Konferenz in die Geschichte eingehen sollte. Neben Reinhard Heydrich, dem Chef der Gestapo Heinrich Müller und Adolf Eichmann vom Reichssicherheitshauptamt nahmen Staatssekretär Dr. Wilhelm Stuckart aus dem Reichsinnenministerium, der Leiter der Deutschland-Abteilung im Auswärtigen Amt und Unterstaatssekretär Martin Luther, der Staatssekretär im Justizministerium Dr. Roland Freisler, Erich Neumann, Staatssekretär im Amt des Beauftragten für den Vierjahresplan, und andere hochrangige Vertreter aus dem Staats- und Parteiapparat an dem Treffen teil.

Auf der Wannsee-Konferenz wurde nicht, wie früher angenommen, die "Endlösung der Judenfrage“ beschlossen, sondern vielmehr, wie die nachträgliche Niederschrift es ausdrückte, die "Parallelisierung der Linienführung“ vereinbart, das heißt, man verständigte sich auf Mord. An die Stelle der Auswanderung sei nunmehr "als weitere Lösungsmöglichkeit nach entsprechender vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach dem Osten getreten“. Deren Zahl gab Heydrich, nach den überhöhten statistischen Vorlagen Eichmanns, mit elf Millionen an. Europa sollte "vom Westen nach Osten durchgekämmt“ werden, wobei das Deutsche Reich und das Protektorat Böhmen und Mähren "allein schon aus Gründen der Wohnungsfrage und sonstigen sozial-politischen Notwendigkeiten“ vorweggenommen werden müssten. Über elf Millionen Juden sollten im Zuge der "Endlösung der europäischen Judenfrage“ getötet werden. Die detaillierte Länderliste führte auch Staaten wie Irland, Portugal, Spanien, England, Schweden, Finnland, die Schweiz und die Türkei auf, die gar nicht unter deutscher Gewalt standen, was zeigt, wie systematisch, umfassend und unerbittlich diese Täter planten.

Ein weiterer, wichtiger Besprechungspunkt war die "Mischlingsfrage“. Die Bestimmungen der Nürnberger Gesetze waren dem Reichssicherheitshauptamt, aber auch der Parteikanzlei und dem Rassepolitischen Amt der NSDAP zu eng gefasst. Sie wollten die "Halbjuden“ den Juden gleichstellen. Für die besetzten Gebiete hatten die Nürnberger Gesetze und deren nachfolgende Durchführungsverordnungen, in denen bürokratisch festgelegt wurde, wer als "Jude“ zu gelten habe, sowieso keine Gültigkeit, aber auch innerhalb des Reichsgebietes wollten die SS und die Polizei Zugriff auf die "Mischlinge“ haben. Das Reichsinnenministerium wie auch Göring lehnten eine Ausweitung der Definition, soweit sie deutsche und österreichische Juden betraf, jedoch ab. Sie fürchteten eine mögliche Unruhe in der Bevölkerung, wenn zum Beispiel Juden, die mit nichtjüdischen Deutschen verheiratet waren, in die Deportationen und Morde einbezogen wurden. Die Wannsee-Konferenz sollte hier Klarheit bringen, aber Heydrich konnte sich nicht gegen Stuckart durchsetzen. Die "Mischlingsfrage“ blieb offen.

Dennoch war Heydrich mit dem Ergebnis der Konferenz offensichtlich zufrieden, hatten doch die übrigen Staats- und Parteiinstanzen seine Führung in der "Endlösung der Judenfrage“ anerkannt und den Massenmord als Instrument akzeptiert. Insofern bildet die Wannsee-Konferenz zweifellos einen wichtigen Markstein im Prozess der Radikalisierung der Gewalt (Unter http://www.ghwk.de/wannsee-konferenz/dokumente-zur-wannsee-konferenz/ sind Protokolle der Konferenz als PDF-Dokumente eingestellt, zuletzt abgerufen am 05.03.2018).


Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache.

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