30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Zerstörter Straßenzug in Rotterdam im Mai 1940

18.12.2012 | Von:
Michael Wildt

Massenmord und Holocaust

"Aktion Reinhardt“

Im März 1942 setzten dann die "Räumungen“ der jüdischen Gettos im von Deutschland besetzten Polen ein, zunächst in Lemberg und Lublin, deren jüdische Bewohner in Bełz˙ec ermordet wurden. Anfang Mai 1942 kam Sobibór hinzu und in der zweiten Julihälfte Treblinka, wohin die Menschen des Warschauer Gettos gebracht wurden, um dort sofort in den Gaskammern ermordet zu werden.

Seit dem Frühjahr 1941 hatte der geschäftsführende Ernährungsminister Herbert Backe bei Hitler immer wieder auf die Lebensmittelkrise im Deutschen Reich aufmerksam gemacht; für den April mussten spürbare Kürzungen der Rationen angeordnet werden, die zu deutlichem Unmut in der Bevölkerung führten – eine gefährliche Situation, in der die NS-Führung stets den Ersten Weltkrieg, in dem die Loyalität der Bevölkerung aufgrund der schlechten Versorgung eingebrochen war, als Warnung vor Augen hatte. Aus dem Generalgouvernement sollten mehr Nahrungsmittel als bisher ins Reich geschafft werden, indem dort die Rationen noch weiter gesenkt würden. Als die deutsche Besatzungsverwaltung einwandte, dass die Rationen für die Polen schon viel zu gering seien, erwiderte Backe, dass es doch im Generalgouvernement noch 3,5 Millionen Juden gebe. Anfang Juli 1942 besprach Backe seine Mordpläne mit Hitler und Göring, zur gleichen Zeit fanden Unterredungen Hitlers mit Himmler statt.

Nach einem Besuch des Vernichtungslagers Auschwitz ordnete Himmler am 19. Juli 1942 an, dass es bis zum Jahresende keine Juden mehr im Generalgouvernement geben dürfe. In nur wenigen Monaten, zwischen Juli und November 1942, fielen so weit über zwei Millionen Menschen dem systematischen Völkermord zum Opfer. Unter der Leitung deutscher Polizei trieben meist einheimische Kräfte die Juden in den Gettos aus ihren Häusern. Kranke und behinderte Menschen wurden gleich an Ort und Stelle erschossen. Die übrigen Opfer mussten sich auf einem zentralen Platz sammeln, auf dem anschließend Selektionen stattfanden und entschieden wurde, wer noch "arbeitsfähig“ sei und deshalb vorerst von der Deportation in den Tod ausgenommen werden sollte. Alle anderen wurden zum Bahnhof gebracht und mit Zügen in die Vernichtungsstätten gebracht. Allein in den drei Lagern der "Aktion Reinhardt“ wurden über 1,4 Millionen Menschen mit Gas ermordet. In Bełz˙ec starben etwa 435 000 Menschen, in Sobibór zwischen 160 000 und 200 000. Im Vernichtungslager Treblinka, in das die Juden aus dem Getto Warschau gebracht wurden, wurden etwa 850 000 Menschen getötet.

Quellentext

Das Todesurteil für das Warschauer Getto

Marcel Reich-Ranicki erinnert sich:

[...] 1938 war ich aus Berlin nach Polen deportiert worden. Bis 1940 machten die Nationalsozialisten aus einem Warschauer Stadtteil den von ihnen später sogenannten „jüdischen Wohnbezirk“. [...]
Seit dem Frühjahr 1942 hatten sich Vor-fälle, Maßnahmen und Gerüchte gehäuft, die von einer geplanten generellen Veränderung der Verhältnisse im Getto zeugten. [...]
Am 22. Juli fuhren vor das Hauptgebäude des „Judenrates“ einige Personenautos vor und zwei Lastwagen mit Soldaten. Das Haus wurde umstellt. Den Personenwagen entstiegen etwa fünfzehn SS-Männer, darunter einige höhere Offiziere. Einige blieben unten, die anderen begaben sich forsch und zügig ins erste Stockwerk zum Amtszimmer des Obmanns, Adam Czerniaków.
[...] Auf der einen Seite des langen, rechteckigen Tisches [im Konferenzzimmer] nahmen acht SS-Offiziere Platz, unter ihnen Höfle*, der den Vorsitz hatte. Auf der anderen saßen die Juden: neben Czerniaków [...] fünf oder sechs Mitglieder des „Judenrates“, ferner der Kommandant des Jüdischen Ordnungsdienstes, der Generalsekretär des „Judenrates“ und ich als Protokollant.[...]
Höfle eröffnete die Sitzung mit den Worten: „Am heutigen Tag beginnt die Umsiedlung der Juden aus Warschau. Es ist euch ja bekannt, dass es hier zu viel Juden gibt. Euch, den ,Judenrat‘, beauftrage ich mit dieser Aktion. Wird sie genau durchgeführt, dann werden auch die Geiseln wieder freigelassen, andernfalls werdet ihr alle aufgeknüpft, dort drüben.“ Er zeigte mit der Hand auf den Kinderspielplatz auf der gegenüberliegenden Seite der Straße. [...]
So schnoddrig und sadistisch Höfle die Sitzung eingeleitet hatte, so sachlich diktierte er einen mitgebrachten Text, betitelt „Eröffnungen und Auflagen für den ,Judenrat‘“. [...] [I]ch schrieb, dass „alle jüdischen Personen“, die in Warschau wohnten, „gleichgültig welchen Alters und Geschlechts“, nach Osten umgesiedelt würden. Was bedeutete hier das Wort „Umsiedlung“? Was war mit dem Wort „Osten“ gemeint, zu welchem Zweck sollten die Warschauer Juden dorthin gebracht werden? Darüber war in Höfles „Eröffnungen und Auflagen für den ,Judenrat‘“ nichts gesagt. [...]
Höfle diktierte weiter. Jetzt war davon die Rede, dass die „Umsiedler“ fünfzehn Kilogramm als Reisegepäck mitnehmen dürften sowie „sämtliche Wertsachen, Geld, Schmuck, Gold usw.“. Mitnehmen durften oder mitnehmen sollten? – fiel mir ein. Noch am selben Tag, am 22. Juli 1942, sollte der Jüdische Ordnungsdienst, der die Umsiedlungsaktion unter Aufsicht des „Judenrates“ durchführen musste, 6000 Juden zu einem an einer Bahnlinie gelegenen Platz bringen, dem Umschlagplatz. Von dort fuhren die Züge in Richtung Osten ab. Aber noch wusste niemand, wohin die Transporte gingen, was den „Umsiedlern“ bevorstand.
Im letzten Abschnitt der „Eröffnungen und Auflagen“ wurde mitgeteilt, was jenen drohte, die etwa versuchen sollten, „die Umsiedlungsmaßnahmen zu umgehen oder zu stören“. Nur eine einzige Strafe gab es, sie wurde am Ende eines jeden Satzes refrainartig wiederholt: „ ... wird erschossen“.
Wenige Augenblicke später verließen die SS-Führer mit ihren Begleitern das Haus. Kaum waren sie verschwunden, da verwandelte sich die tödliche Stille nahezu blitzartig in Lärm und Tumult: Noch kannten die vielen Angestellten des „Judenrates“ und die zahlreichen wartenden Bittsteller die neuen Anordnungen nicht. Doch schien es, als wüssten oder spürten sie schon, was sich eben ereignet hatte – dass über die größte jüdische Stadt Europas das Urteil gefällt worden war, das Todesurteil.
Ich begab mich schleunigst in mein Büro, denn ein Teil der von Höfle diktierten „Eröffnungen und Auflagen“ sollte innerhalb von wenigen Stunden im ganzen Getto plakatiert werden. Ich musste mich sofort um die polnische Übersetzung kümmern. Langsam diktierte ich den deutschen Text, den meine Mitarbeiterin Gustawa Jarecka sofort polnisch in die Maschine schrieb.
Ihr also, Gustawa Jarecka, diktierte ich am 22. Juli 1942 das Todesurteil, das die SS über die Juden von Warschau gefällt hatte. [...]
Die in den Vormittagsstunden des 22. Juli 1942 begonnene Deportation der Juden aus Warschau nach Treblinka dauerte bis Mitte September. Was die „Umsiedlung“ der Juden genannt wurde, war bloß eine Aussiedlung – die Aussiedlung aus Warschau. Sie hatte nur ein Ziel, sie hatte nur einen Zweck: den Tod.

* SS-Sturmbannführer und Leiter der allgemein „Ausrottungskommando“ genannten Hauptabteilung Reinhard beim SS- und Polizeiführer Marcel Reich-Ranicki, „Ein Tag in meinem Leben“. Rede vor dem Deutschen Bundestag zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2012, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 28. Januar 2012, S. 29 und unter www.bpb.de/apuz/141894/ein-tag-in-meinem-leben

Quellentext

Mord in Bełz´ec

Kurt Gerstein berichtet über den Tötungsprozess:

Kurt Gerstein war ein engagierter Christ, der, um den Verbrechen des NS-Regimes auf die Spur zu kommen, in die SS eintrat und wegen seines Medizinstudiums der Abteilung Hygiene im Sanitätswesen der Waffen-SS zugeordnet wurde. Mehrmals versuchte er, vergeblich, sein Wissen über die Vernichtung der Juden der Vertretung des Vatikans in Deutschland mitzuteilen. Seinen Bericht schrieb er im Mai 1945 in französischer Gefangenschaft und beging kurze Zeit danach im Militärgefängnis in Paris Selbstmord.

„Dicht bei dem kleinen zweigleisigen Bahnhof war eine große Baracke, die so genannte Garderobe, mit einem großen Wertsachenschalter. Dann folgte ein Zimmer mit etwa 100 Stühlen, der Friseurraum. Dann eine kleine Allee im Freien unter Birken, rechts und links von doppeltem Stacheldraht umsäumt, mit Inschriften: Zu den Inhalier- und Baderäumen! – Vor uns eine Art Badehaus mit Geranien, dann ein Treppchen, und dann rechts und links je 3 Räume 5x5 Meter, 1,90 Meter hoch, mit Holztüren wie Garagen. An der Rückwand, in der Dunkelheit nicht recht sichtbar, große hölzerne Rampentüren. Auf dem Dach als ‚sinniger kleiner Scherz’ der Davidstern!! […] Nach einigen Minuten kam der erste Zug von Lemberg aus an. 45 Waggons mit 6700 Menschen, von denen 1450 schon tot waren bei ihrer Ankunft. Hinter den vergitterten Luken schauten, entsetzlich bleich und ängstlich, Kinder durch, die Augen voll Todesangst, ferner Männer und Frauen. Der Zug fährt ein: 200 Ukrainer reißen die Türen auf und peitschen die Leute mit ihren Lederpeitschen aus den Waggons heraus. Ein großer Lautsprecher gibt die weiteren Anweisungen: Sich ganz ausziehen, auch Prothesen, Brillen usw. Die Wertsachen am Schalter abgeben, ohne Bons oder Quittung. Die Schuhe sorgfältig zusammenbinden […]. Dann die Frauen und Mädchen zum Friseur, der mit zwei, drei Scherenschlägen die ganzen Haare abschneidet und sie in Kartoffelsäcken verschwinden läßt. ‚Das ist für irgendwelche Spezialzwecke für die U-Boote bestimmt, für Dichtungen oder dergleichen!’ sagt mir der SS-Unterscharführer, der dort Dienst tut.
Dann setzt sich der Zug in Bewegung. Voran ein bildhübsches junges Mädchen, so gehen sie die Allee entlang, alle nackt, Männer, Frauen, Kinder, ohne Prothesen. Ich selbst stehe mit dem Hauptmann Wirth oben auf der Rampe zwischen den Kammern. Mütter mit ihren Säuglingen an der Brust, sie kommen herauf, zögern, treten ein in die Todeskammern! — An der Ecke steht ein starker SS-Mann, der mit pastoraler Stimme zu den Armen sagt: Es passiert Euch nicht das Geringste! Ihr müßt nur in den Kammern tief Atem holen, das weitet die Lungen, diese Inhalation ist notwendig wegen der Krankheiten und Seuchen. […] Die Kammern füllen sich. Gut vollpacken – so hat es der Hauptmann Wirth befohlen. Die Menschen stehen einander auf den Füßen. 700-800 auf 25 Quadratmetern, in 45 Kubikmetern! Die SS zwängt sie physisch zusammen, soweit es überhaupt geht. – Die Türen schließen sich. […] Aber der Diesel funktioniert nicht! Der Hauptmann Wirth kommt. Man sieht, es ist ihm peinlich, dass das gerade heute passieren muss, wo ich hier bin. Jawohl, ich sehe alles! Und ich warte. Meine Stoppuhr hat alles brav registriert. 50 Minuten, 70 Minuten – der Diesel springt nicht an! Die Menschen warten in ihren Gaskammern. Vergeblich.
Man hört sie weinen, schluchzen. [...] Der Hauptmann Wirth schlägt mit seiner Reitpeitsche dem Ukrainer, der dem Unterscharführer Heckenholt beim Diesel helfen soll, 12, 13mal ins Gesicht. Nach 2 Stunden 49 Minuten – die Stoppuhr hat alles wohl registriert – springt der Diesel an. Bis zu diesem Augenblick leben die Menschen in diesen 4 Kammern, viermal 750 Menschen in viermal 45 Kubikmetern! – Von neuem verstreichen 25 Minuten. Richtig, viele sind jetzt tot. Man sieht das durch das kleine Fensterchen, in dem das elektrische Licht die Kammer einen Augenblick beleuchtet. Nach 28 Minuten leben nur noch wenige. Endlich, nach 32 Minuten ist alles tot!“

Auszug aus dem Augenzeugenbericht von Kurt Gerstein (1905-1945) über seinen Besuch im Vernichtungslager Bełz´ec 1942

in: Hans Rothfels, „Augenzeugenberichte zu den Massenvergasungen“, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 1 (1953), S. 177 ff.



Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache.

Mehr lesen