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Zerstörter Straßenzug in Rotterdam im Mai 1940

18.12.2012 | Von:
Michael Wildt

Massenmord und Holocaust

Auschwitz

Insbesondere Auschwitz steht als Name für das schrecklichste Verbrechen in der Menschheitsgeschichte. 1939 zunächst als Lager für polnische politische Häftlinge eingerichtet, wurde es 1941 für Tausende sowjetische Kriegsgefangene ausgebaut. Morde an Häftlingen hatte es in diesen Jahren stets gegeben, aber in der Planung des neuen Lagers in Auschwitz-Birkenau ab September 1941 waren auch zwei Krematorien vorgesehen. Erste Morde mit Zyklon B wurden an sowjetischen Kriegsgefangenen im September 1941 verübt. Ab Juli 1942 liefen dann regelmäßig Züge mit deportierten Juden aus ganz Westeuropa ein. An der Rampe in Birkenau selektierten SS-Ärzte die Menschen in "arbeitsfähig“ und "arbeitsunfähig“, wobei die "Arbeitsunfähigen“, in erster Linie alte Menschen und Mütter mit ihren Kindern, in zwei umgebauten Bauernhäusern, deren Räume als Gaskammern dienten, sogleich ermordet wurden. Später, im Frühjahr 1943, wurden zwei neue große Krematorien, die jeweils über eigene Gaskammern verfügten, fertiggestellt. Ein drittes Lager, Monowitz, entstand in Auschwitz, als der Chemiekonzern I. G. Farben einen Produktionsstandort für ein neues Werksgelände suchte, das kriegswichtiges synthetisches Gummi herstellen sollte. Zwar wurde in Auschwitz kein einziges Kilogramm synthetischer Kautschuk produziert, aber es wurden Pläne für eine deutsche Musterstadt mit einem gigantischem Zwangsarbeitslager entwickelt. Siedlungsvisionen und Vernichtungspolitik gingen stets Hand in Hand.

Die wohl am wenigsten zutreffende Metapher für die Vernichtungslager ist die der "Todesfabrik“. So industriell das Verfahren des Tötens in den Gaskammern erscheinen mag, so wenig griff hier ein Rädchen ins andere. Weder in Auschwitz noch in Bełz˙ec, Sobibór oder Treblinka funktionierte eine "saubere“, anonyme Vernichtungsmaschinerie; vor und in den Gaskammern spielten sich grauenvolle Szenen ab. Das Ermorden der Menschen, das Lüften der Gaskammern, das Verbrennen der Leichen, das Sortieren der Habseligkeiten dauerte mehrere Stunden. Hunderte von jüdischen Zwangsarbeitern wurden für diese "Arbeit" eingesetzt. Die Vorstellung einer "Todesfabrik", des reibungslosen Ineinandergreifens vieler Teile einer großen Maschine, verschleiert das tatsächliche, brutale Geschehen und entlastet die Phantasie, sich das Unvorstellbare vor Augen zu führen. Die Ordnung, die das Bild von der Vernichtungsmaschinerie suggeriert, hat es jedenfalls nie gegeben.

Quellentext

Vernichtung durch Arbeit

Julius Bendorf überlebt Auschwitz-Monowitz:

Julius Bendorf wird am 4. Januar 1915 in Ober-Ramstadt im Odenwald geboren. Bis zu deren Schließung 1938 arbeitet er als Angestellter einer jüdischen Privatbank in Darmstadt. Versuche, mit der Familie in die USA auszuwandern, schlagen fehl. Ab April 1938 wird Julius Bendorf zur Zwangsarbeit herangezogen, zunächst in Darmstadt, dann – gemeinsam mit seinem Bruder Manfred – in Paderborn und Bielefeld. Vor dort werden die beiden Brüder im März 1943 nach Auschwitz deportiert. Julius Bendorf überlebt Lager und Todesmarsch. 1948 wandert er in die USA aus. – Sein Bericht wird 1985 in Ober-Ramstadt aufgezeichnet.

„Wir kamen in Auschwitz mitten in der Nacht an: Scheinwerfer machten die Gegend taghell, dann scharfe Kommandos, Türen auf, aussteigen. Die schrien: sofort raus, sofort raus, raus. Man hat die Koffer gar nicht mehr mitnehmen können. In der Nacht haben die Ärzte schon entschieden, wer in welche Richtung zu gehen hatte. Wir mussten uns alle ausziehen und bekamen so eine Art Häftlingsuniform. Sie haben alte Leute und Kinder aussortiert. Also, wir sind dann herausgestiegen und sofort in Viererreihen losmarschiert und dann an diesen Ärzten vorbei, und die haben dann immer gebrüllt: nach links, nach rechts, nach links, nach rechts. Es war die erste Selektion, und ich stand zusammen mit meinem Bruder Manfred, und die rechte Seite kam nach Monowitz. [...]
Das Lager Monowitz, das für die IG-Farben Buna erzeugen sollte, bestand noch nicht lange. Die Häftlinge mussten es in Handarbeit aufbauen. [...] Das Lager diente vorwiegend den Produktionsaufgaben der IG-Farben. Was mich da erwartete, war nun wirklich entsetzlich, etwas ganz anderes, als ich vorher erlebt hatte. Ich sah also z. B. auch Hinrichtungen hier, dem sogenannten Lager IV, in dem weitgehend die IG-Farben für ihre Produktion Menschen durch Arbeit vernichtete.
Der Arbeitstag sah so aus, dass man um 4.00 Uhr morgens geweckt wurde, dann musste man zum Appellplatz gehen. Insassen der einzelnen Wohnblocks wurden abgezählt. Dann kam der Kommandant, und der Stubenälteste meldete, so und so viele Häftlinge angetreten. Das musste übereinstimmen mit der Liste. [...] Dann ging es zur Arbeit mit SS-Begleitung. Wenn die Arbeit so gegen 17.00 oder 18.00 Uhr beendet war, marschierten wir wieder geschlossen herein, mussten dort antreten im Lager, und es wurde wieder gemeldet, wieviele Häftlinge zurückgekommen sind, und dann wurde gezählt und wieder gezählt. Die Toten mussten mitgeschleppt werden; sie wurden dann mitgezählt. Manchmal haben die sich verzählt, und dann musste alles von vorne anfangen. [...]
Auf die Dauer konnte es in Monowitz nicht gelingen, seine Arbeitskraft zu erhalten, denn man konnte sich der Antreiberei nicht entziehen. Dafür sorgten schon die unmenschlichen Bewacher, die zusätzliche Ängste verursachten durch Bestrafungen oder Drohungen, nach Auschwitz-Birkenau – und das hieß Gaskammer, was jeder wusste – verladen zu werden. Die Bestrafungen, die von uns allen mitangesehen werden mussten, waren Prügel oder Hinrichtungen durch den Strick. [...] An einem einzigen Abend haben sie in Monowitz vier Leute aufgehängt. [...]
Im Laufe der Zeit erlosch bei sehr vielen Häftlingen der Überlebenswille, und ich habe gesehen, wie einige Mithäftlinge aus meiner Bielefelder Zeit an die elektrisch geladenen Zäune sprangen, um ihrem Leben ein Ende zu setzen.
In meinen Unterlagen steht, dass ich im Häftlingskrankenhaus in Monowitz behandelt worden bin, und zwar vom 28. August 1943 bis 20. Oktober 1943. Ich hatte in dieser Zeit eine Reihe von Geschwüren. Meine Behandlung bestand darin, dass auf diese Geschwüre Salz gepackt wurde und ein paar Papierbinden darüber kamen. Um diese Zeit waren für Häftlinge keinerlei Verbandsstoffe mehr zu haben. Hätte ich etwas Ernsteres gehabt, wäre ich also wirklich ins Krankenhaus gekommen, dann wäre das mein Ende gewesen. Ich wäre sofort mit einem Lastwagen ins Todeslager Auschwitz-Birkenau überführt worden und dort vergast worden. Meinem Bruder ist es so ergangen. Manfred hatte eine Verletzung am Bein, und die war nicht richtig behandelt worden. So konnte er seinen Fuß überhaupt nicht mehr belasten. Er konnte also nicht mehr laufen. Sein Schicksal hat sich dann in Auschwitz vollendet, er ist dort vergast worden. Ich habe das, als er abgeholt wurde, nicht sicher gewusst, weil ich immer noch einen Funken Hoffnung hatte, dass er vielleicht zurückkommen würde, um hier weiterarbeiten zu können. Da jeder in Monowitz wusste, was in Auschwitz passiert, gab es nur eine einzige Parole: Gehe nicht ins Krankenlager! Und so haben die Menschen, die erkrankt waren, bis zuletzt versucht, ihre Krankheit zu vertuschen, nur um nicht auf diesen Weg geschickt zu werden. Meine Krankenbehandlung hatte mich nicht arbeitsunfähig gemacht, und so blieb mir dieser Weg erspart. [...]“

Helmut Beier, Ober-Ramstadt und seine Juden. Dokumente und Berichte. Hg. vom Magistrat der Stadt Ober-Ramstadt 1988, S. 255 ff.



Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache.

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