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Zerstörter Straßenzug in Rotterdam im Mai 1940

18.12.2012 | Von:
Michael Wildt

Massenmord und Holocaust

Holocaust in West- und Südeuropa

Der erste Deportationszug aus Westeuropa verließ am 27. März 1942 mit über tausend jüdischen Menschen das Lager Compiègne bei Paris in Richtung Auschwitz. Die französische Polizei beteiligte sich an der Verhaftung von Juden. In Frankreich hielten sich 1940 etwa 300 000 Juden auf, zu einem großen Teil Menschen aus Deutschland und anderen Ländern Europas, die vor den Nationalsozialisten dorthin geflüchtet waren. Annähernd 75 000 von ihnen wurden deportiert und ermordet. Viele wurden noch ergriffen, als Deutschland im November 1942 nach der Landung der Alliierten in Westafrika auch in die bislang unbesetzte Zone einmarschierte.

In den Niederlanden war es das Lager Westerbork, aus dem die holländischen Juden nach Auschwitz in den Tod deportiert wurden. Von den 140 000 Anfang 1941 in den Niederlanden lebenden Juden betraf dieses Schicksal 107 000 Menschen, von denen nicht mehr als 5200 überlebten. Aus Belgien, wo zahlreiche Juden untertauchen konnten, wurden etwa 25 000 Menschen deportiert; in Norwegen gelang es vielen, rechtzeitig ins neutrale Schweden zu flüchten, sodass dort nur ein Bruchteil der jüdischen Gemeinde den Nationalsozialisten in die Hände fiel. Und in Dänemark konnten die Juden auf die Solidarität und den Widerstandswillen ihrer nichtjüdischen Nachbarn bauen, denn kurz vor der geplanten Deportation im Oktober 1943 gelang es den meisten, mit Booten nach Schweden zu entkommen. Nur 500 der knapp 8000 jüdischen Dänen gerieten in deutsche Hände und wurden nach Theresienstadt deportiert, wo der größte Teil von ihnen überlebte.

Im besetzten Serbien begegneten die Militärs dem aufflammenden Partisanenkampf mit dem Befehl, für jeden getöteten Deutschen 100 Juden zu ermorden. Bis zum Jahresende 1941 lebte fast keiner der 6000 jüdischen Männer mehr, die etwa 8500 Frauen und Kinder wurden in das Lager Sajmište in Belgrad verschleppt und dort im Frühjahr 1942 von SS und Polizei in Gaswagen qualvoll umgebracht. Der kroatische Ustascha-Staat, der gleichermaßen mörderisch gegen die serbische Minderheit im Land wie gegen die Roma vorging, raubte die kroatischen Juden gnadenlos aus und tötete sie dann im Lager Jasenovac. War der Süden Kroatiens zunächst noch von italienischen Truppen besetzt, die sich weigerten, Juden an die deutschen Behörden auszuliefern, so fiel auch dieser Schutz weg, als das faschistische Regime Italiens im September 1943 zusammenbrach. Auch die Juden, die dort bislang überlebt hatten, wurden nun von den Deutschen in den Tod deportiert.

Griechenland geriet mit dem Balkanfeldzug im Frühjahr 1941 ebenfalls unter deutsche und italienische Gewalt. Hier agierte die Militärbesatzung mit äußerster Härte gegen Widerstandsaktionen. Als zum Beispiel in der Region Kalavryta im Dezember 1943 kommunistische Partisanen eine deutsche Kompanie angriffen und dabei etwa 80 deutsche Soldaten erschossen, befahl der kommandierende Wehrmachtsgeneral, Kalavryta sowie all diejenigen Orte, die angeblich die Partisanen unterstützt hätten, "dem Erdboden gleichzumachen“. Innerhalb weniger Tage wurden 24 Ortschaften und drei Klöster niedergebrannt und deren Bewohner erschossen. Insgesamt wurden während der deutschen Besatzungszeit 180 000 Griechen getötet; von den etwa 71 000 griechischen Juden wurden 55 000, nachdem sie systematisch ausgeraubt worden waren, nach Auschwitz und Treblinka deportiert, zunächst aus den von Deutschland besetzten Westteilen Griechenlands, später, nach Mussolinis Sturz im September 1943, auch aus den übrigen, vordem italienisch besetzten Landesteilen.

Bulgarien und Rumänien als verbündete Mächte erließen harte antisemitische Gesetze, lieferten aber ihre jüdischen Minderheiten, soweit sie die jeweilige Staatsbürgerschaft besaßen, nicht aus – im Unterschied zur Slowakei, die ihre Juden in die Gewalt der Deutschen übergab. Gegenüber den Juden in den eroberten und besetzten Gebieten dagegen verhielten sich die Rumänen äußerst brutal. Zehntausende wurden aus Czernowitz und der Bukowina nach Transnistrien verschleppt und dort entweder erschossen oder dem Tod durch Hunger, Kälte und Seuchen preisgegeben. Über 211 000 jüdische Menschen fielen der Verfolgung zum Opfer.

Von den 3,3 Millionen polnischen Juden wurden mehr als zwei Millionen in den Vernichtungslagern Chełmno, Sobibór, Bełz˙ec, Treblinka, Auschwitz und Majdanek ermordet. Weitere etwa 700 000 Menschen starben in Gettos, Arbeitslagern und durch Erschießungen. Aber in Polen und der Sowjetunion gab es auch Widerstand durch Partisanen, und der jüdische Aufstand im Getto Warschau im Mai 1943 zeigte, obwohl er brutal niedergeschlagen wurde, dass die Macht der Deutschen nicht uneingeschränkt und unverwundbar war.

Im März 1944 marschierte die Wehrmacht in Ungarn ein, weil die NS-Führung zum einen befürchtete, Ungarn könne wegen der militärisch aussichtslosen Lage aus dem Bündnis mit Deutschland ausscheren. Zum anderen war die deutsche Kriegswirtschaft dringend auf die dortigen Rohstoffe, Nahrungsmittel und vor allem Arbeitskräfte angewiesen. Ein Sonderkommando unter Adolf Eichmann organisierte zusammen mit der ungarischen Polizei die Deportation von über 430 000 ungarischen Juden nach Deutschland, nachdem sie all ihrer Habe beraubt worden waren. Etwa 100 000 wurden zur Sklavenarbeit auf die wichtigsten Rüstungsbetriebe verteilt, während alle anderen in Auschwitz ermordet wurden. Als im Oktober sowjetische Truppen auf Budapest vorrückten, unterstützten die deutschen Besatzer einen Putsch der faschistischen "Pfeilkreuzler“ gegen den ungarischen Diktator Miklós Horthy und trieben mit ihren ungarischen Helfershelfern, da Züge nicht mehr fahren konnten, über 75 000 Menschen auf Todesmärschen zum Arbeitseinsatz in Richtung Deutsches Reich. Von den über 700 000 Juden, die im März 1944 in Groß-Ungarn gelebt hatten, überlebten nur 293 000.

Quellentext

Die „Auschwitzlüge“

Das Ausmaß des nationalsozialistischen Völkermords, die Massenerschießungen von Juden zu Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion im Sommer 1941 und die spätere fabrikmäßige Tötung mit Giftgas haben die Vernichtung der europäischen Juden zu einem einzigartigen Phänomen in der Geschichte Europas gemacht, mit dem es sich nach Kriegsende auseinanderzusetzen galt. Gerichtsprozesse, wissenschaftliche Forschungen und Erinnerungsberichte führten zu immer differenzierteren und umfangreicheren Kenntnissen über den Holocaust bzw. die Shoah. Die Öffnung der Archive in den ehemaligen Ostblockstaaten gab der Forschung neue Impulse und brachte insbesondere auf dem Gebiet der Täterforschung weitere und detailliertere Erkenntnisse über die Vernichtungsmaschinerie.

Obgleich eine unglaubliche Fülle von wissenschaftlichen Publikationen, autobiografischen Zeugnissen und Zeitungsartikeln zum Thema erschienen ist und es selbst vor bundesdeutschen Gerichten seit einigen Jahren eines Nachweises über die Zahl der jüdischen Opfer – zwischen 5,1 und 6 Millionen – nicht mehr bedarf, funktionieren in Teilen der deutschen Bevölkerung noch immer Verharmlosungs- und Verdrängungsmechanismen, die zugunsten eines Schlussstriches eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ausblenden wollen. Eine Minderheit allerdings gibt sich damit nicht zufrieden, sie verharmlost nicht nur durch Aufrechnung mit anderen Verbrechen, sondern stellt den Genozid an den Juden insgesamt in Frage. In der Öffentlichkeit vertreten wird diese Methode durch ein Netzwerk von Publizisten, die behaupten, die historischen Erkenntnisse über den Holocaust müssten einer grundlegenden Revision („Revisionisten“) unterzogen werden, deren Ergebnis sei, dass der Holocaust nicht stattgefunden habe, sondern von jüdischer Seite als der Betrug des 20. Jahrhunderts lanciert worden sei. Dieses Phänomen allerdings beschränkt sich nicht nur auf Deutschland, sondern es ist längst über seine Grenzen hinaus zu beobachten und insbesondere im internationalen Rechtsextremismus zum einigenden ideologischen Faktor geworden. [...]
Die Holocaust-Leugnung hatte vor allem in den 70er- und 80er-Jahren Konjunktur, blieb jedoch weitgehend auf einen kleineren Kreis von Alt- und Neonazis beschränkt. [...] Erst der Erfolg des World Wide Web verhalf den Revisionisten zu neuen, bisher unbekannten Möglichkeiten, ungehindert ihre Propaganda international zu verbreiten und mit den technischen Errungenschaften attraktiv insbesondere für junge Leute zu werden.
Die meisten rechtsextremen Internet-Pages beschäftigen sich mit dem Versuch, den Holocaust zu leugnen, Zahlenspiele zu betreiben, deren Ergebnis entweder ein Bruchteil der tatsächlichen Opferzahl wiedergibt oder durch unterschiedliche Angaben seriöser Institutionen oder abweichender Forschungsresultate den Genozid an den Juden überhaupt bezweifelt, wobei die angebliche Nichtexistenz von Gaskammern eine zentrale Rolle spielt. Die Vorgehensweise entspricht der bekannten Taktik der Holocaust-Leugner, vermeintliche Spezialisten und Pseudowissenschaftler ins Feld zu führen, diese immer wieder wechselweise zu zitieren, sodass sich ein Zirkelschluss ergibt, der angeblich wissenschaftlich fundierte Tatsachen vermitteln soll. Die vordergründig naive Frage, ob es schon Antisemitismus sei, wenn man die Geschichte des Holocaust hinterfragt, will auf Wissenschaftlichkeit abheben. [...]
Die Revisionisten vermitteln den Anschein, wissenschaftlich zu arbeiten, einige unter ihnen bedienen sich des wissenschaftlichen Umfelds, aus dem sie kommen, um auf ihre vermeintliche Seriosität abzuheben. [...] Das Negieren von Quellen und ihre selektive Auswahl als Beleg für eine vorab intendierte These, die Verfälschung von Dokumenten, die Diskreditierung von Zeugenaussagen der Täter (etwa des Kommandanten von Auschwitz Rudolf Höß) wie der Opfer und der wissenschaftlichen Forschung zum Nationalsozialismus, das Stützen auf unseriöse Gutachten, all dies hat mit Wissenschaft nichts gemein, es sind vielmehr Methoden einer politischen Propaganda, der jeglicher Wille einer wissenschaftlichen Erkenntnis fehlt und deren alleiniger Zweck die Verbreitung antisemitischer Stereotypen ist. [...]
Durch bewusste Entstellungen der historischen Tatsachen werden scheinbare Widersprüche in den Forschungen und Darstellungen der seriösen Historiografie produziert. Die Revisionisten bezweifeln: die Zahl der Ermordeten; die Techniken der Ermordung; die Existenz der Gaskammern – ein Thema, das in den letzten Jahren den zentralen Platz im revisionistischen Umfeld einnimmt; einzelne Dokumente und Abbildungen; die Orte der Vernichtung; den Holocaust überhaupt; die Verantwortung Hitlers (Hitler habe nichts gewusst, es gebe schließlich keinen Befehl).
Der Genozid wird in revisionistischen Veröffentlichungen zum Nationalsozialismus nicht erwähnt oder nur als eines von vielen Kriegsereignissen eingestuft und gegen die angeblichen „Kriegsverbrechen der Alliierten“ aufgerechnet. [...] Ähnliche Ziele verfolgen die Revisionisten auch mit dem Hinweis auf die „Vertreibungsopfer“. Die Verbrechen an den Juden werden zwar zugegeben, aber als Kriegsfolge eingestuft, als legitime Abwehrmaßnahme gegen die Angriffe des „Internationalen Judentums“, die schließlich Deutschland den Krieg erklärt hätten. Wenn Revisionisten den Judenmord und den Einsatz der Vernichtungsmaschinerie als Fakten anerkennen, dann geben sie zumindest die Zahl der Opfer deutlich geringer an. [...]
Im europäischen Rechtsextremismus nimmt die Holocaust-Leugnung eine zentrale Rolle ein, hier wird unterstellt, der Holocaust habe nie stattgefunden, die „Auschwitzlüge“ werde aber von jüdischer Seite benutzt, um mit Hilfe ihres Opferstatus moralischen Druck vor allem auf europäische Regierungen auszuüben (Restitution, Unterstützung der israelischen Politik), aber auch Einfluss auf die Israelpolitik der USA zu nehmen. Zudem negiert die These von der „Auschwitzlüge“ natürlich auch die Behauptung, die Gründung des Staates Israel sei historisch notwendig gewesen, um den Überlebenden des Holocaust und Juden generell eine sichere Heimstätte zu schaffen. [...]
In Deutschland [...] ist die gewalttätige Umsetzung antisemitischer, verschwörungstheoretischer Indoktrination, also dessen, was rechtsextreme Parteien und Druckerzeugnisse des Spektrums regelmäßig thematisieren, noch immer im Wesentlichen auf die rechtsextreme Szene begrenzt. Angriffe auf Mahnmale und Gedenkstätten sind Versuche, die deutsche Geschichte reinzuwaschen und die Erinnerung an die Vergangenheit auszulöschen. Dies gilt ebenso für die Schändung jüdischer Friedhöfe, Ersatzhandlungen also, die besonders perfide anmuten, weil sie sich gegen die Toten richten, obwohl die Lebenden gemeint sind.

Juliane Wetzel, „Die Auschwitzlüge“, in: Wolfgang Benz / Peter Reif-Spirek (Hg.), Geschichtsmythen. Legenden über den Nationalsozialismus, 2. Aufl., Metropol-Verlag Berlin 2005, S. 27 ff.




Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache.

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