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1.2.2013 | Von:
Dr. Stephan Rosiny

Kulturen und Religionen

Der Nahe Osten ist geprägt von kultureller und religiöser Vielfalt. Der Islam, die Mehrheitsreligion, bestimmt in unterschiedlichen Ausprägungen den Alltag, aber auch gesellschaftliche und politische Verhältnisse. Besondere Aufmerksamkeit erwecken heute Islamisten als politische Akteure.
In Jerusalem stehen Heiligtümer dreier monotheistischer Religionen, im Bild die jüdische Klagemauer und der muslimische Felsendom.In Jerusalem stehen Heiligtümer dreier monotheistischer Religionen, im Bild die jüdische Klagemauer und der muslimische Felsendom. (© Alimdi.net / xyz Pictures)

Einleitung

Wenn vom "Nahen Osten" oder kulturgeografisch vom "Vorderen Orient" die Rede ist, denkt man hierzulande meist an Länder, in denen Arabisch gesprochen wird und der Islam die kulturprägende Mehrheitsreligion ist. Doch gehören zum Nahen Osten im weiteren Sinne auch die nichtarabischen Staaten Iran, Israel und die Türkei sowie viele andere Ethnien wie etwa Kurden, Berber und Tscherkessen. Neben den Muslimen gibt es größere christliche und jüdische Gemeinden sowie Anhänger kleinerer Religionsgemeinschaften wie Zoroastrier und Bahai. Die drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam entstanden im Gebiet des heutigen Nahen Ostens und beziehen sich auf Abraham als ihren gemeinsamen Stammvater. Sie sind bis in die Gegenwart mit zahlreichen Konfessionen, Rechtsschulen, Kirchengemeinschaften und Sekten anzutreffen. Diese Ethnien, Kulturen und Religionen weisen weiterhin regionale und lokale Besonderheiten auf. Bewohner von Städten und Dörfern, sesshafte Bauern oder nomadische Beduinen haben ihre besonderen, an ihre Umwelt angepassten Lebensweisen entwickelt und teils seit Jahrhunderten bewahrt. All dies macht den Nahen Osten zu einem bunten Mosaik unterschiedlicher religiöser und kultureller Lebensformen. Eine Kenntnis seiner Geschichte ist unerlässlich, um die heutigen Kulturen und Religionen, aber auch die Politik der Region zu verstehen.

Kulturgeschichte des Vorderen Orients

Der Vordere Orient gehört mit China, Indien und Mittelamerika (Azteken, Maya) zu den Wiegen der menschlichen Zivilisation. In der heutigen Südtürkei und in Mesopotamien reichen ihre Spuren bis ins neolithische Altertum vor 12 000 Jahren zurück. Die altorientalischen Reiche der Sumerer, Ägypter, Babylonier, Assyrer, Hethiter und Perser formten die Region zu einem Kulturraum, der durch Handelsverbindungen wie die Seidenstraße oder das Mittelmeer, durch Wissens- und Technikaustausch und nicht zuletzt durch wechselseitige Beeinflussungen in Religion, Philosophie, Architektur und Kunst geprägt ist. Einige der frühen Kulturen sind bis in die Gegenwart im kollektiven Gedächtnis der Völker lebendig und ein Bestandteil der modernen nationalen Geschichtsschreibungen. Manche zeitgenössischen Diktatoren versuchen dieses Erbe für die Legitimierung ihrer Herrschaft zu nutzen und inszenieren sich als Erben antiker Herrscher.

Der Irak führt sich auf die Zivilisationen Mesopotamiens, des um die Flüsse Euphrat und Tigris gelegenen Zweistromlands, zurück. Hier entstanden im siebten vorchristlichen Jahrtausend die ersten Siedlungen und städtischen Kulturen der Menschheit, die bedeutende Erfindungen wie Keramik, Werkzeuge und Waffen sowie gesellschaftspolitische Neuerungen der staatlichen Verwaltung hervorbrachten. Beispielsweise schuf der babylonische König Hammurabi (1792-1750 v. Chr.) eines der ersten Gesetzbücher. In ihm schrieb er das Strafprinzip der gleichmäßigen Vergeltung (Talio) fest, das an die Stelle ungezügelter Rache trat.

Die syrische Geschichtsschreibung bezieht sich auf die namensgebenden Assyrer (1500-626 v. Chr.), die im heutigen Nordirak und Nordsyrien herrschten. In Ägypten sind die pharaonischen Reiche nicht nur architektonisch mit den Pyramiden und anderen Monumentalbauten gegenwärtig. Ihre Spuren finden sich in bestimmten Bräuchen wie etwa dem volkstümlichen Zar-Kult, einem Ritual der Geisteraustreibung, und auch in der Liturgie des koptischen Christentums. Diese altorientalische Kirche führt sich auf den Evangelisten Markus zurück, in dessen Nachfolge ihr eigener Papst steht. Schließlich leiten Ägypter – wie auch Iraker – ihren Anspruch auf eine arabische Führungsrolle unter anderem aus dem Glanz ihrer antiken Kulturen ab.

Nicht minder stolz auf ihre Frühgeschichte sind die Libanesen, von deren Küstenstädten Tyros, Sidon und Byblos einst die Phönizier (~1200-146 v. Chr.), ein Seefahrervolk, als Erste Afrika umsegelten, das Mittelmeer weiträumig als Handelsraum nutzten und dort Kolonien wie die Stadt Karthago nahe dem heutigen Tunis gründeten. Sie dehnten ihren Einflussbereich – anders als für Großreiche sonst üblich – vorwiegend als Handelsmacht und über Verträge und nur zweitrangig durch kriegerische Eroberung und Besatzung aus. Die Phönizier erfanden eine aus 22 Konsonanten bestehende Buchstabenschrift, die zur Grundlage für das hebräische, das griechische, das lateinische und das arabische Alphabet wurde. Später eroberten das Griechische (~750-146 v. Chr.) und das Römische Reich (509 v. Chr.-395 n. Chr.) große Teile des Nahen Ostens und nutzten ebenfalls das Mittelmeer als Handels- und Kulturraum.

Iran sieht sich in Kontinuität zum Reich der Perser (550 v. Chr.-651 n. Chr.), dessen straff organisierte Bürokratie von den islamischen Kalifaten übernommen wurde. Viele kulturelle Besonderheiten sind trotz der arabischen Eroberung und Islamisierung des Landes erhalten geblieben. So gilt hier etwa eine Mischung aus vorislamischem Sonnenkalender – mit dem Neujahr (Nouruz) zur Sonnenwende am 20. oder 21. März – und dem islamischen Hidschri-Kalender. Letzterer beginnt mit der Auswanderung des Propheten Mohammed und seiner muslimischen Gemeinde von Mekka nach Medina im Jahre 622 n. Chr. Er orientiert sich am Mondverlauf, weshalb seine zwölf Monate und somit auch das Jahr kürzer sind als das dem Sonnenlauf folgende Jahr unserer Zeitrechnung.

Nach der Teilung des Römischen Reichs 395 n. Chr. kontrollierte das oströmische Byzantinische Reich (395-453) den östlichen Bereich des Mittelmeers. In ihm war das Orthodoxe Christentum Staatsreligion, aus dem verschiedene, im Nahen Osten bestehende Kirchen wie die Griechisch-, die Syrisch- und die Armenisch-Orthodoxe Kirche hervorgingen. Byzanz grenzte an das arabisch-islamische Reich, das seit der Religionsstiftung durch Mohammed (570-632) stetig expandierte und schließlich 1453 das gesamte Territorium des Byzantinischen Reichs eroberte. Die Islamisierung und Arabisierung des Nahen Ostens wurde auch von den christlichen Kreuzrittern nicht aufgehalten, die zwischen 1095 und 1270 zeitweise die den drei abrahamitischen Religionen heilige Stadt Jerusalem und angrenzende Territorien kontrollierten.

Nach der türkisch-islamischen Eroberung benannten die muslimischen Sieger 1453 die Stadt Konstantinopel in Istanbul um und machten sie zur Hauptstadt des Osmanischen Reiches (~1300-1922/3). Der osmanische Sultan (arabisch, "Herrscher") übernahm 1517 zusätzlich den islamischen Herrschertitel des Kalifen und brachte damit seinen Anspruch als Oberhaupt aller Muslime zum Ausdruck. Sein Herrschaftsbereich verkleinerte sich besonders im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts im Zuge des Ersten Weltkrieges, als europäische Kolonialmächte fast alle arabischen Staaten als Kolonien oder Mandatsgebiete unter ihre Kontrolle brachten. Aus dem verbliebenen Rumpfstaat ging 1923 die Türkei hervor. Frankreich und Großbritannien, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zusätzlich die USA und die Sowjetunion bzw. Russland, üben seitdem bedeutenden Einfluss auf die Region aus.

Im Mittelalter übernahm Europa kulturelle und wissenschaftliche Errungenschaften des Vorderen Orients, beispielsweise medizinische Erkenntnisse, wie die Entdeckung des Blutkreislaufs, oder Navigationsinstrumente der Seefahrt. In dieser Epoche gelangten auch viele arabische Lehnwörter, wie Algebra, Alkohol, Matratze, Ziffer und Zucker, nach Europa. Der Islam war in dieser Zeit in vielem fortschrittlicher und offener als das Christentum, etwa im Bereich medizinischer Forschung oder in der Verrechtlichung diplomatischer Beziehungen zu Andersgläubigen. Arabische Philosophen wie Avicenna (980-1037) und Averroes (1126-1198) beeinflussten mit ihren Kommentaren des Aristoteles nachhaltig die Philosophiegeschichte Europas, die christliche Scholastik, den Humanismus und die Aufklärung.

Doch kehrte sich dieses Verhältnis zunehmend um. Schon im 15. Jahrhundert wechselte Europa vom Importeur zum Exporteur von Fertigprodukten, wie Papier, Nägeln, Textilien und Glas. Mit dem europäischen Kolonialismus und der zunehmenden Vernetzung der Welt durch Handel und Kommunikation, Wirtschaft und Kultur unterlagen lokale, traditionelle Gemeinschaften im Nahen Osten immer mehr vom Weltmarkt bestimmten und von westlichen kulturellen und ideologischen Mustern dominierten Einflüssen. Dies schlägt sich in der Stadtplanung und Architektur, in der Infrastruktur und in Medien, im Bildungswesen, der Gesundheitsversorgung und der Staatsverwaltung, in Konsumgewohnheiten und nicht zuletzt in politischen Ideologien, wie dem Nationalismus, Sozialismus, Liberalismus und Kommunismus, nieder. Arbeitsmigranten, Studierende, politische oder Kriegsflüchtlinge aus dem Nahen Osten wohnen weltweit verstreut, auch im Westen. Sie übernehmen hier Verhaltensweisen und Werte und spiegeln sie über Familienbesuche oder als Rückkehrende in ihre Herkunftsländer zurück.

Im Prozess der Globalisierung sind Kulturen und Religionen zu weltweiten Austauschgemeinschaften verschmolzen: Der "Orient" ist in Europa unter anderem in Migrantengemeinden und Spezialitätenrestaurants präsent. New Yorks Skyline erhält Konkurrenz in den Hochhäusern von Dubai, der saudischen Hauptstadt Riad oder von Doha, der Hauptstadt Katars. Nur im Bereich der Säkularisierung scheint der Nahe Osten einer westlich dominierten Modernisierung zu widerstehen: Religion prägt hier nach wie vor den Alltag, die Gesellschaften und teilweise auch die Politik der Region. Das gilt insbesondere für den Islam als die Mehrheitsreligion, die in jüngerer Zeit von vielen Gläubigen in die politisierte Form des Islamismus umgedeutet wird.

Quellentext

Christen in Nahost

Die häufig verwirrende Vielfalt der orientalischen Kirchen geht auf theologische, aber auch politische Auseinandersetzungen zurück, die schon in früher Zeit begannen. Als "altorientalische" (AO) oder orientalisch-orthodoxe Kirchen bezeichnet man diejenigen Gemeinschaften, die sich nach dem Konzil von Ephesos (431) und dem Konzil von Chalcedon (451, heute ein Stadtteil Istanbuls) von der byzantinisch-römischen Reichskirche trennten. Während Orthodoxe und Katholiken in Jesus zwei Naturen "unvermischt und ungetrennt" wirken sehen, betonen die meisten Gemeinschaften – mit Ausnahme etwa der Assyrischen Kirche des Ostens – die Einheit göttlicher und menschlicher Natur in ihm ("Monophysiten" oder "Miaphysiten"). Die Liturgie findet meist in alten Nationalsprachen statt, etwa Aramäisch oder Syrisch.

Weitere Spaltungen entstanden, seit sich ab der Frühen Neuzeit immer wieder einzelne Gruppierungen der Autorität des römischen Papstes unterwarfen; sie heißen "unierte Kirchen" oder katholische Ostkirchen. Während sie bis ins Mittelalter vielerorts Bevölkerungsmehrheiten stellten, sind Christen heute in fast allen Ländern des Nahen Ostens Minderheiten.
Viele kleinere, oft protestantische Gemeinschaften sind seit dem 19. Jahrhundert im Zuge der Aktivitäten westlicher Missionare entstanden. [...]

Die [folgenden] Angaben zur Anzahl der Mitglieder sind mit Vorsicht zu genießen: Solche demografischen Daten sind in vielen Ländern ein Politikum. Sicher ist, dass aufgrund von Auswanderung und Unterdrückung die Zahl der Christen in vielen Ländern seit Jahren sinkt.

Kopten, Armenier [...]
Armenische Apostolische Kirche (AO) |
entstanden im 1. Jh. | Sitz*: Antelias bei Beirut sowie Entschmiadsin (Armenien) | Hauptverbreitungsgebiete: Armenien, Iran, Türkei | Gläubige**: ca. 9 Millionen
Armenisch-Katholische Kirche | uniert seit 1742 | Bz-ommar bei Beirut | Naher Osten | ca. 540 000
Koptisch-Orthodoxe Kirche (AO) | 1. Jh. | Kairo | Ägypten, Libyen, Sudan | ca. 10 Millionen
Koptisch-Katholische Kirche | uniert seit 1895 | Kairo | Ägypten | ca. 200 000
Evangelische Kirche von Ägypten | (Synode vom Nil) 1958 | Kairo | Ägypten | ca. 300 000 [...]

Die Byzantinische Staatskirche und ihre Nachfolger Ökumenisches Patriarchat von Konstantinopel | 1. Jh. | Istanbul | Türkei, Griechenland | ca. 4 Millionen Rum-Orthodoxes Patriarchat von Antiochien und dem ganzen Orient | 1. Jh. | Damaskus | Syrien, Libanon | ca. 2 Millionen

Griechisch-Orthodoxes Patriarchat von Alexandrien und ganz Afrika | 1. Jh. / 451 | Alexandria | Ägypten, Afrika | ca. 350 000 Griechisch-Orthodoxes Patriarchat von Jerusalem | 451 | Jerusalem | Israel, Palästina, Jordanien, Ägypten | ca. 120 000 Melkitische Griechisch-Katholische Kirche | uniert seit 1729 | Damaskus | Israel/ Palästina, Syrien, Jordanien | ca. 1,6 Millionen

Syrische Kirchen
Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien
(AO) (oft Jakobiten genannt) | 1./6. Jh. | Damaskus | Türkei, Syrien, Irak, Libanon, Indien | ca. 1,5 Millionen
Syrisch-Katholische Kirche | uniert seit 1677/1783 | Beirut | Libanon, Syrien, Irak | ca. 170 000

Syrisch-Maronitische Kirche von Antiochien | 7. Jh. (uniert seit 1182) | Jounieh bei Beirut | ca. 3 Millionen

Heilige Apostolische und Katholische Assyrische Kirche des Ostens (AO) (oft Nestorianer genannt) | 1. Jh. / 334 | Chicago sowie Bagdad (Alte Heilige Apostolische und Katholische Kirche des Ostens, seit 1964) | Irak, Iran, Syrien, Türkei | ca. 400 000
Chaldäisch-Katholische Kirche | uniert seit dem 19. Jh. | Bagdad | Irak, Syrien | ca. 460 000

* Sitz des Kirchenoberhaupts
** Gläubige weltweit (ungefähre Angaben)
Martin Tamcke, "An den Christen offenbart sich die Vielfalt", in: zenith 4/2011, S. 42 f.

Quellentext

Das libanesische Mosaik

Mit seinen knapp über 10 000 qkm und rund vier Millionen Einwohnern gehört der Libanon zu den kleineren arabischen Ländern. Achtzehn Religionsgemeinschaften sind offiziell anerkannt: zwölf christliche und fünf muslimische Konfessionen sowie eine kleine jüdische Gemeinde. Ferner leben im Libanon zahlreiche Flüchtlinge wie Armenier, Kurden, Palästinenser, Iraker und Syrer.

Im 19. Jahrhundert hatten sich europäische Mächte als Schirmherren einzelner Religionsgemeinschaften im Osmanischen Reich etabliert, um über Stellvertreter in dem zerfallenden Großreich Fuß zu fassen. So hatte etwa Frankreich schon früh begonnen, die maronitischen Christen des Libanon zu unterstützen. Dadurch wuchs den Religionsgemeinschaften eine politische Bedeutung zu, soziale Revolten schlugen hier immer wieder in konfessionelle Bürgerkriege um. Zu deren Entschärfung wurde auf europäischen Druck hin bereits im 19. Jahrhundert ein Proporzsystem eingeführt, in dem die Religionsgemeinschaften proportional zu ihrer jeweiligen Stärke führende Staatsämter beanspruchen dürfen.

1920 übernahm Frankreich das Völkerbund-Mandat über das Territorium der Staaten Syrien und Libanon. Es schuf den heutigen Großlibanon, indem es dem vorwiegend von Christen bewohnten Libanongebirge den mehrheitlich muslimisch bewohnten Küstenstreifen mit den Städten Beirut, Saida und Tripoli sowie Territorien im Norden, Osten und Süden zuschlug. Christen behielten eine knappe Bevölkerungsmehrheit von 52 Prozent und dank französischer Protektion einige sicherheitsrelevante Posten wie beispielsweise das Oberkommando der Armee und des Geheimdienstes.

Im 1943 unabhängig gewordenen Libanon übernahm man dieses Prinzip der Machtteilung im Parlament, in der Regierung sowie in gehobenen Verwaltungsposten. Der Verteilungsschlüssel dieses "politischen Konfessionalismus" orientiert sich dabei mit geringfügigen Änderungen bis heute an der letzten offiziellen Volkszählung von 1932. Ein komplexes Wahlrecht mit gemischtkonfessionellen Wahlbezirken und verschiedene Mechanismen der wechselseitigen Kontrolle von Verfassungsorganen sollen die Vertreter der Konfessionen zu Zusammenarbeit statt zu Konkurrenz bewegen. Dies verhinderte eine Machtkonzentration in den Händen Weniger oder einer einzelnen ethnisch-konfessionellen Gemeinschaft, wie sie in den übrigen arabischen Ländern ansonsten üblich war. Im Nationalpakt von 1943 wurde die politische Rollenzuschreibung der Konfessionen weiterhin gefestigt: Maroniten dürfen seither den Staatspräsidenten, Sunniten den Ministerpräsidenten und Schiiten den seinerzeit eher protokollarischen Parlamentspräsidenten stellen.

Darüber hinaus genießen die Religionsgemeinschaften weitreichende Autonomie im Familienrecht, im Bildungssystem und in der Organisation sozialer Dienste. Die Eliten der jeweiligen Gemeinschaften üben weitreichende Kontrolle über das Leben ihrer Glaubensmitglieder aus. Diese wenden sich für Dienstleistungen nicht als gleichberechtigte Bürger an den Staat, sondern erhalten sie meist nur vermittelt über die Vertreter ihrer Gemeinschaften. Es gibt im Libanon beispielsweise keine zivile Eheschließung, was Ehen zwischen Angehörigen verschiedener Religionen erschwert und die Grenzen zwischen den Konfessionen zementiert. Auch Parteien, Medien, Schulen, ja selbst staatliche Sicherheitsdienste sind meistens einer Konfessionsgemeinschaft zuzuordnen.

Die Verteilung politischer Ämter nach Religionszugehörigkeit und die "Mentalität des Konfessionalismus" sind maßgeblich verantwortlich für die Zersplitterung der Gesellschaft, für einen hohen Grad an Klientelismus und Korruption sowie für die Schwäche des libanesischen Staats.

Unterschiedliche Geburten- und Abwanderungsraten der Gemeinschaften führten zu einer Verzerrung der Machtverhältnisse. Christen bilden heute nur noch eine Bevölkerungsminderheit, sie hielten aber bis zum Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 die Mehrheit der Parlaments- und Kabinettssitze sowie viele Führungsämter. Der Bürgerkrieg war kein eigentlicher Religionskrieg, aber dennoch spielte die ethnisch-konfessionelle Zugehörigkeit häufig eine größere Rolle als politische Überzeugungen. Milizen verübten immer wieder Massaker an Angehörigen anderer Gemeinschaften. Der Krieg führte in einigen Regionen zur Flucht und Vertreibung einzelner Gemeinschaften, sodass relativ homogene christliche und muslimische Siedlungsgebiete entstanden.

Auch heute noch, mehr als 20 Jahre nach dem Ende des Bürgerkriegs, geraten fast alle politischen Kontroversen ins Fahrwasser konfessioneller Konkurrenz, selbst wenn sie fern jeder religiösen Bedeutung sind wie etwa die Versorgung mit Elektrizität, die rechtliche Stellung der Palästinaflüchtlinge oder die Landesverteidigung. Externe Mächte nutzten diese Uneinigkeit wiederholt aus und nahmen über lokale Stellvertreter Einfluss. So mischen Iran und Saudi-Arabien, Israel und Syrien, die USA, Frankreich und viele weitere Länder im Kräftespiel des Landes mit. Syrien hatte von 1976 bis 2005 Truppen im Land stationiert und massiv die libanesische Innenpolitik beeinflusst. Israel besetzte 1978 mit Hilfe christlicher Milizen Teile des Südlibanon als "Sicherheitszone", nach libanesischer Lesart hat es sich bis heute nicht vom gesamten libanesischen Territorium zurückgezogen. Gegen diese Besatzung kämpften zunächst linke und nationalistische, palästinensische und libanesische Milizen. Seit 1982 engagiert sich in diesem Konflikt in zunehmendem Maße die schiitische Hisbollah, die von den USA und Israel als "Terrororganisation" klassifiziert wird. Im Libanon erwarb sie sich hingegen das Image einer "Befreiungsbewegung", da sie die israelischen Truppen im Jahr 2000 zum Rückzug und zur Aufgabe des "Sicherheitszone" zwang. Neben ihrem "Islamischen Widerstand" baute sie soziale Dienste auf, ist seit 1992 im Parlament vertreten und beteiligte sich seit 2005 an verschiedenen Koalitionsregierungen mit christlichen und anderen muslimischen Parteien. Von ihren innerlibanesischen Gegnern wird sie wegen ihrer Waffenpräsenz kritisiert, wobei allerdings auch andere Parteien bis heute bewaffnete Verbände unterhalten. Zahlreiche politische Morde und bewaffnete Auseinandersetzungen halten das Land seit 2005 in Atem. Der im März 2011 ausgebrochene Aufstand in Syrien, der dort zum Bürgerkrieg eskalierte, führte auch im Libanon zu Kämpfen zwischen Verbündeten und Gegnern des syrischen Regimes.

Trotz all dieser Schwierigkeiten hat sich der Libanon eine erstaunliche politische und kulturelle Offenheit, Freiheit und Vielfalt bewahrt. Bis zum "Arabischen Frühling" war er die einzige Demokratie im arabischen Raum, in der bei regelmäßig stattfindenden, vergleichsweise freien Wahlen zahlreiche Kandidaten und Parteien gegeneinander antreten können, in der sich Regierungen, Staats- und Ministerpräsidenten abwechseln und in dessen Parlament meist sehr kontrovers diskutiert wird. Die meisten Libanesen haben es gelernt, wie in einem Mosaik mit den vielen verschiedenen Formen von Religion(en) und Kultur(en) auf engem Raum zusammenzuleben.

Stephan Rosiny

Die Religion des Islam

Vermutlich um 610 n. Chr. hatte der islamische Prophet Mohammed im Alter von 40 Jahren sein erstes Offenbarungserlebnis. Er verkündete in den folgenden Jahren den Bewohnern seiner Heimatstadt Mekka, einer bedeutenden Handels- und Pilgerstadt auf der Arabischen Halbinsel, die neue Botschaft des Islam. Die frühe Gemeinde stieß jedoch auf die Ablehnung der etablierten Oberschicht, weshalb sie im Jahre 622 nach Medina auswanderte. Diese Hidschra ("Auswanderung") markiert den Beginn der islamischen Zeitrechnung. In der Oasenstadt Medina fand Mohammed mit seiner prophetischen Mission neue Anhänger. Er wirkte als Schiedsrichter untereinander verfeindeter Clans und gewann dadurch zunehmend politische Autorität. Dabei halfen ihm göttliche Offenbarungen, die seinen Aussagen und seinem Verhalten besonderes Gewicht verliehen. Er und seine Anhänger bauten ein staatsähnliches Gemeinwesen auf, in dem nicht mehr Stammesloyalität, sondern das gemeinsame religiöse Bekenntnis zählte. Durch militärische Eroberungen und den vertraglichen Beitritt weiterer Stämme weitete sich die frühislamische Gemeinde bereits zu Lebzeiten Mohammeds auf den Großteil der Arabischen Halbinsel aus.

Ausbreitung des Islam bis zum Jahr 750Ausbreitung des Islam bis zum Jahr 750 (© https://commons.wikimedia.org/)
Angetrieben vom neuen Glauben eroberten arabische Stämme bis zum Jahr 750 die gesamte heutige arabische Welt, dazu große Teile Spaniens und Portugals (das arabische al-Andalus) und Zentralasiens. Sie verbreiteten dabei nicht nur den Islam als Religion, sondern in unterschiedlicher Intensität auch eine durch ihn geprägte arabische Kultur. Der Koran, die heilige Schrift der Muslime, setzte die Norm für die arabische Schriftform und Sprache. Sie diente den frühen islamischen Dynastien, dem in Damaskus residierenden Kalifat der Umayyaden (661-750) und dem der Abbasiden in Bagdad (750-1258), als Verwaltungssprache und ist heute Amtssprache in allen arabischen Ländern. Die gemeinsame Sprache ermöglichte immer wieder überregionale intellektuelle und politische Bewegungen wie etwa die Nahda, eine säkulare Reformbewegung im 19. Jahrhundert, den Arabischen Nationalismus Mitte des 20. Jahrhunderts oder die schnelle Ausbreitung des "Arabischen Frühlings", in dem gemeinsame politische Parolen und Protestlieder grenzüberschreitende Wirkung entfalteten.

Daneben haben sich weitere Sprachen im Vorderen Orient gehalten. Ethnien wie die Berber und Kurden haben ihre eigenen Sprachen bewahrt. Einige Religionsgemeinschaften pflegen teils uralte Liturgiesprachen, so christliche Gemeinden das Koptische, das Aramäische und das Syrische sowie Juden das Hebräische, das 1948 in reformierter Form Staatssprache Israels wurde. Je weiter sich die arabisch-islamische Eroberung ausdehnte, desto schwächer wurde die kulturelle Arabisierung. Das osmanische Türkisch als Amts- und Literatursprache und das Persische übernahmen noch die arabischen Schriftzeichen, behielten aber weitgehend ihr Vokabular und ihre Grammatik. Auch islamische Regeln gingen eine Mischung mit lokalen Bräuchen ein, etwa im Familienrecht, in den Bekleidungsregeln oder im Gräberkult. Der Islam wurde zum Bindeglied sozial und ethnisch äußerst unterschiedlicher Gemeinschaften und Kulturen.

Glaubensrichtungen

Der Islam und seine GlaubensrichtungenDer Islam und seine Glaubensrichtungen (© bpb, The Pew Forum on Religion & Public Life, GIGA Institut; © dpa-infografik Globus 5449)
Mohammed hatte bei seinem Tod 632 keine klare Nachfolgeregelung zur Leitung seiner Gemeinde getroffen. Es kam deshalb zur grundlegenden Spaltung in den sunnitischen (arab.: Sunna – dt.: Brauch, Tradition) und den schiitischen Islam (arab.: Schia – dt.: Anhängerschaft, gemeint sind die Anhänger Imam Alis). Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten durchzieht die islamische Geschichte und beeinflusst noch heute die aktuelle politische Auseinandersetzung im Nahen Osten, etwa die Konkurrenz zwischen dem mehrheitlich schiitischen Iran und dem mehrheitlich sunnitischen Saudi-Arabien um die regionale Führung am Persisch-Arabischen Golf.

Die mehrheitliche, sunnitische Richtung hält die Kalifen für die rechtmäßigen Nachfolger des Propheten in der Leitung der Gemeinde. Nach den ersten vier "rechtgeleiteten Kalifen" Abu Bakr, Omar, Uthman und Ali, dem Cousin und Schwiegersohn Mohammeds, waren die bedeutendsten Kalifats-Dynastien die der Umayyaden (661-750), der Abbasiden (750-1258) und der Osmanen (1517-1924). Die Sunniten sehen die Bedeutung der Kalifen vor allem in der politischen Führung der Gemeinde. Eine verbindliche oberste religiöse Autorität gibt es nicht. Die Sunniten fühlen sich in besonderer Weise dem Leben und Wirken des Propheten in der sunnitischen Glaubensauslegung verpflichtet, die in den Hadith-Werken tradiert werden. Diese enthalten exemplarische Aussprüche und Handlungen des Propheten Mohammed und seiner frühen Gefährten und haben deshalb neben dem Koran normative Bedeutung für die islamische Rechtsfindung (Scharia). Der sunnitische Islam zählt in der Gegenwart vier "Rechtsschulen" (arab.: madhhab), die sich in der Methodik der Rechtsableitung und geringfügig in ihrer religiösen Praxis unterscheiden. Daneben gibt es verschiedene Richtungen der islamischen Mystik, des Sufismus.

Schiiten gehen davon aus, dass Gott Ali zum politischen und spirituellen Nachfolger des Propheten Mohammed und zum Oberhaupt (Imam) der Gemeinde bestimmt habe. Nur die aus der Ehe der Prophetentochter Fatima mit Ali hervorgegangenen Nachfahren sind qualifiziert, die Gemeinde religiös zu leiten. Eine ebenfalls beanspruchte politische Autorität konnten die schiitischen Imame gegen das sunnitische Kalifat hingegen nicht durchsetzen. Die sunnitischen Kalifen gelten ihnen daher als unrechtmäßige Herrscher, die allerdings aus pragmatischen Gründen – Schiiten waren fast immer Bevölkerungsminderheiten – in der Regel akzeptiert wurden. In der Frühzeit des Islam rebellierten Schiiten jedoch immer wieder gegen allzu tyrannische Herrscher. Sie sehen im Prophetenenkel, Imam al-Husein, der im Jahre 680 gegen den umayyadischen Kalifen Yazid rebellierte und in Kerbela den Tod fand, ein besonderes Vorbild. Sie begehen das tragische Ereignis seines "Martyriums" in den jährlich stattfindenden Aschura-Ritualen.

Als im 9. Jahrhundert der letzte einer Reihe von zwölf Imamen, der Imam al-Mahdi, in Kindesalter "in die Verborgenheit" einging, brach der unmittelbare Kontakt zu religiöser Rechtleitung ab. Religionsgelehrte (ulama) übernahmen stellvertretend die Funktion religiöser Rechtleitung, bis zur erwarteten Rückkehr des Mahdi als endzeitlichem Erlöser. Der schiitische Islam hat einige Richtungen hervorgebracht, die sich in der Reihe der von ihnen anerkannten Imame als Nachfolger des Propheten unterscheiden. Die zahlenmäßig größte Richtung ist die Zwölferschia. Daneben gehören die Zaiditen im Jemen, die Ismailiten und Drusen, die Aleviten in der Türkei und die Alawiten in Syrien sowie viele weitere kleinere Gruppen der schiitischen Richtung im Islam an. Schiiten bilden gegenwärtig circa 10 bis 20 Prozent aller Muslime. In Iran, im Irak und in Bahrain stellen sie die Bevölkerungsmehrheit, im Libanon, in Saudi-Arabien, Jemen und Syrien bedeutende Minderheiten. Die islamische Mystik, der Sufismus, zählt zwar mehrheitlich zum sunnitischen Islam, weist aber viele Gemeinsamkeiten mit dem schiitischen Islam auf. Wie in diesem suchen die Gläubigen spirituell die Nähe Gottes, vermittelt etwa über Heilige und den Besuch von deren Gräbern. Beide Richtungen, Schiiten und Sufis, stehen deshalb in der Kritik fundamentalistischer Sunniten, die eine solche Heiligenverehrung als verbotenen Polytheismus (Vielgötterei) ablehnen. Religiöse Extremisten zerstören deshalb immer wieder deren heilige Stätten.

Der Islam als normative Ordnung

Der Islam ist mit der Gemeindegründung von Medina 622 und durch den frühen Erfolg der islamischen Expansion eine sehr diesseitsorientierte Religion geworden, die schon früh Verhaltensregeln für das zwischenmenschliche Zusammenleben, Vertragsgestaltungen, politische Verwaltung und das Kriegswesen entwickelte. Muslime gehen davon aus, dass das "Reich Gottes" bereits auf Erden zu verwirklichen sei. Dies prägte den Islam als eine Gesetzesreligion, die zahlreiche Aspekte des menschlichen Lebens festlegen will. Tatsächlich aber existierten zu allen Zeiten parallel zum religiösen Recht auch andere Rechtsvorstellungen, seien es lokale Gewohnheitsrechte und Bräuche oder von Herrschern erlassene Gesetze. Die nicht schriftlich kodifizierte normative Ordnung der Scharia ist nach Ansicht der Gläubigen nicht von Menschen geschaffen, sondern göttlichen Ursprungs und daher "absolut gerecht". Allerdings gibt es große Meinungsverschiedenheiten unter Muslimen, was genau die Scharia bedeutet, unter welchen Umständen sie gültig ist, angepasst und erneuert werden darf. Das hängt unter anderem mit Fragen zusammen, die im Kern jeder monotheistischen Religion stecken: Hat Gott als "Schöpfer" alles vorherbestimmt und die Menschen zu bloßen Befehlsempfängern gemacht, oder hat er sie mit Verstand und der Freiheit ausgestattet, ihr Schicksal selbstständig zu gestalten? Gibt es ewige Wahrheiten und Regeln, die für alle Zeiten gültig sind, oder können bzw. müssen sie den veränderten Umständen sich wandelnder Gesellschaften angepasst werden? Die jeweils erste Position vertreten etwa Salafisten, eine islamistische Bewegung, die fundamentalistisch und buchstabengetreu die überlieferten Regeln befolgen will. Auf der anderen Seite stehen reformorientierte Islamisten, wie etwa die Muslimbruderschaft, oder schiitische Gruppierungen, die mit Hilfe "selbstständiger Rechtsfindung" (idschtihad) zeitangepasste Verhaltensregeln suchen. Säkularen Gläubigen bietet die Religion eine moralische Orientierung, aber keine exakte Handlungsanweisung für ihr Leben. Daneben gibt es auch Atheisten, wenngleich sie sich durch den dominanten islamischen Diskurs derzeit nur selten offen zu erkennen geben.

Die arabisch-islamische Kultur

Obwohl nur rund ein Fünftel aller Muslime in arabischen Ländern leben, ist der Islam eine arabisch geprägte Religion geblieben. Für die arabischen und andere von Muslimen bewohnte Länder stellt die Religionsstiftung des Propheten Mohammed auf der Arabischen Halbinsel ein zentrales Ereignis dar. Der Koran wurde in arabischer Sprache offenbart und niedergeschrieben, und Arabisch hat seine sakrale Bedeutung bis in die Gegenwart behalten. So vollziehen Muslime weltweit ihre Pflichtgebete in arabischer Sprache und beten in Richtung Mekka. Diese Stadt auf der Arabischen Halbinsel ist auch das Ziel der jährlich stattfindenden Pilgerfahrt (Hadsch), die jeder Muslim einmal im Leben vollziehen soll.

Religion und Kultur üben im Nahen Osten noch einen viel größeren Einfluss auf das tägliche Leben der Menschen aus als etwa in Europa. Im Westen sind durch die Aufklärung und durch die Liberalisierung und Individualisierung der modernen Gesellschaften viele Freiräume für ein selbstbestimmtes Leben ohne den direkten Einfluss von religiösen und kulturellen Vorschriften entstanden. In vielen Regionen des Nahen Ostens dominiert hingegen noch eine patriarchalische Familienordnung, in der Frauen und Jugendliche ihren Männern und Eltern gehorchen müssen. Dies ist keine Besonderheit des Islam, auch Christentum und Judentum entstanden ursprünglich in einem patriarchalischen Umfeld. Mittlerweile verändert sich das Verhältnis zwischen Frauen und Männern, der jungen Generation zu ihren Eltern aber auch in diesem Teil der Welt rasant. Ein Mehr an Bildung, der Zugang zu neuen Medien oder Reisen ins Ausland erweitern den Horizont und wecken den Wunsch, das eigene Leben selbstbestimmter gestalten zu dürfen.

Trotz zunehmender Offenheit in vielen Bereichen orientieren sich viele Muslime in Fragen des Glaubens, aber auch in sozialen und politischen Fragen nach wie vor an Vorbildern aus der islamischen Geschichte und Tradition. In Phasen des gesellschaftlichen Umbruchs, wie die Region sie etwa zu Zeiten des Kolonialismus erlebte und aktuell angesichts der Globalisierung erlebt, sollen diese Vorbilder Halt gewähren. Muslime können dabei fundamentalistisch eine buchstabengetreue Imitation der frühislamischen Gemeinde unter Mohammed anstreben oder sich im Sinne einer zeitgemäßen Anpassung der Religion kritisch mit den islamischen Quellen auseinandersetzen. So stellen muslimische Reformer, darunter auch einige Islamisten, Verhaltensweisen in Frage, die im Namen des Islam Jahrhunderte überdauert haben. Dies gilt etwa für den Bereich der sozialen Rollenzuschreibung zwischen Mann und Frau. Manche fortschrittliche Gelehrte und "islamische Feministinnen" kritisieren die Frauen diskriminierenden Regeln und die patriarchalische Werteordnung als überholtes Relikt der vorislamischen Stammeskultur. Andere verteidigen hingegen die konservativen Normen als unveränderbare göttliche Bestimmungen.

Kulturen und Religionen sind von Menschen geprägte und gelebte sinnstiftende Vorstellungen und Lebensentwürfe. Menschen ändern ihre Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens und passen dabei – bewusst oder unbewusst – ihre Identitäten und Glaubensvorstellungen an veränderte Gegebenheiten an. In diesem gesellschaftlichen Prozess und in Konkurrenz zu anderen Kulturen und Religionen sind kulturelle und religiöse Vorstellungen einem steten Balanceakt zwischen der Bewahrung von "authentischen" Besonderheiten und dem Wunsch nach Reformen und dem Anschluss an den globalen Fortschritt ausgesetzt. Diese Auseinandersetzung kommt auch im Rahmen des Islamismus zum Tragen. Im "Arabischen Frühling" erlebt sie eine erneute Dynamik.

Quellentext

Die Fünf Säulen des Islam

Die grundlegenden religiösen Pflichten der Muslime sind als die Fünf Säulen bekannt.
1. Shahada – das Glaubensbekenntnis nach der Formel: Ich bezeuge, dass es keine Gottheit außer Gott gibt und dass Muhammad der Gesandte Gottes ist. Die shi'itische Minderheit fügt dem die Worte hinzu: ,Ali ist der Freund Gottes‘.

2. Salat – Anbetung. Zuweilen auch als "Gebet" übersetzt, nimmt salat die Form einer rituellen Prostration [sich niederwerfen, Anm. d. Red.] an, bei der die präzise Ausführung der Körperbewegungen genauso wichtig ist wie die begleitend stattfindende geistige Aktivität. Sunnitische Muslime sollen salat fünfmal am Tage verrichten: in der Morgendämmerung, am Mittag, mitten am Nachmittag, nach Sonnenuntergang sowie am Abend. Die Gläubigen müssen sich im Zustand ritueller Reinheit befinden [...]. Salat kann praktisch überall verrichtet werden, vorausgesetzt, der Betende wendet sich der qibla zu – der Richtung, in der die Ka'aba in Mekka liegt. Am Freitag wird mittags das Gebet in der Gemeinde verrichtet, zu dem sich alle erwachsenen männlichen Mitglieder der Gemeinde versammeln. Männer und Frauen bleiben für gewöhnlich getrennt; die Frauen nehmen hinter den Männern oder in einem abgeschirmten Teil der Moschee am Gottesdienst teil. In der Regel hält der Imam oder Vorbeter eine Predigt. [...]

3. Zakat – Almosengeben / obligatorische Wohlfahrtsspende. Diese Steuer ist einmal pro Jahr von allen erwachsenen Muslimen zu zahlen und wird auf 2,5 Prozent des Kapitalvermögens taxiert, über das jemand zusätzlich zu einem als nisab bekannten Minimum verfügt. Nisab umfasst für den Viehbestand zum Beispiel fünf Kamele, dreißig Kühe [...] oder vierzig Schafe oder Ziegen. Zakat ist für Bankguthaben, Edelmetalle, in den Verkehr gebrachte Handelsware (nicht aber für persönliche Besitztümer, wie Autos, Kleidung, Häuser und Schmuck), den Viehbestand und eingefahrene Ernte von bebautem Land zu leisten. Die Empfänger sollten arm und bedürftig sein. In der Vergangenheit wurde zakat von der muslimischen Regierung eingezogen und nach althergebrachtem Schema verteilt. Heutzutage ist das Almosenspenden der Gewissensentscheidung des Gläubigen überlassen.

4. Saum – das Fasten während Ramadan. Gefastet wird im heiligen Monat Ramadan, dem neunten Monat des Mondkalenders, tagsüber, solange es hell ist. Das Fastengebot bezieht sich auf Essen, Trinken, Rauchen und Geschlechtsverkehr. Das Fasten beginnt mit dem Morgengrauen und endet mit Sonnenuntergang. [...] Der Ramadan bietet traditionell Gelegenheit für Familienzusammenkünfte wie auch für religiöse Besinnung. Es gilt als besonders verdienstvoll, während des heiligen Monats den gesamten Koran zu rezitieren. Nach der Überlieferung war es der 27. Ramadan, die "Nacht der Macht", als der Koran "herabkam".

5. Hajj – Pilgerfahrt nach Mekka. Die Erfüllung dieser sehr weitgehenden und anspruchsvollen religiösen Pflicht wird von jedem und jeder muslimischen Erwachsenen mindestens einmal im Leben gefordert. Die jährliche Pilgerfahrt oder Hajj findet während der letzten zehn Tage des zwölften Mondmonats (Dhu'l al Hijja) statt und erreicht ihren Höhepunkt mit dem Opferfest ('Id al-Adha). [...] Die kleinere Wallfahrt oder 'Umra kann zu jeder Zeit des Jahres verrichtet werden. [...] Die [...] zu verrichtenden Rituale beinhalten: Tawaf, das Umschreiten der Ka´ba; Sa'i, den siebenmaligen Lauf zwischen den beiden Hügeln Safa und Marwa; [...] das "Verweilen" in der Ebene am Berg Arafat, einige Kilometer außerhalb von Mekka; der "Ansturm" durch die enge Talschlucht von Muzdalifa; die "Steinigung" der drei Pfeiler, die den Satan darstellen; das Schlachten eines Opfertiers in Mina [...].

Malise Ruthven, Der Islam. Eine kurze Einführung, Philipp Reclam jun. GmbH Stuttgart 2000, S. 193 ff.

Politischer Islam

Im 18. und 19. Jahrhundert traten im Nahen Osten in Reaktion auf europäische imperiale Bestrebungen in der Region islamische Religionsgelehrte und muslimische Denker auf, die in einer Wiederbelebung des Islam die Lösung politischer und gesellschaftlicher Probleme sahen. Die unterschiedlichen Ideologien und politischen Bewegungen, die daraus im 20. Jahrhundert entstanden, werden heute zusammenfassend als Islamismus bezeichnet.

Auf der Arabischen Halbinsel begründete Mohammed Ibn Abd al-Wahhab (1703-1792) eine fundamentalistische theologische Schule. Sie suchte das Heil in einer exakten Imitation der frühislamischen Gemeinde, der buchstabengetreuen Befolgung islamischer Vorschriften und in der Ablehnung "unislamischer Neuerungen", zu denen sie einige technologische Errungenschaften zählte. Dieser "Wahhabismus" ist die Staatsreligion in Saudi-Arabien geworden, das mit seinen enormen Öleinkünften seit den 1970er-Jahren die Verbreitung dieser Doktrin in Form des Salafismus unterstützte. Salafisten wollen das Vorbild der "frommen Altvorderen" (as-salaf as-salih), der frühen islamischen Gemeinde, imitieren. Sie suchen deshalb Regeln und Lösungen für sämtliche Lebensbereiche in den schriftlichen Quellen des Islam und lassen Neuerungen nur zögerlich zu. Allerdings können sie auch recht pragmatisch agieren. So haben einige Salafisten, um ihren wachsenden politischen Einfluss zu sichern, im "Arabischen Frühling" Parteien gegründet und sich an Wahlen beteiligt, die sie zuvor als "unislamische Neuerungen" verdammt hatten.

Im bewaffneten Widerstand gegen die sowjetische Besatzung Afghanistans (1979-1989) radikalisierte sich eine Gruppe und propagierte den Dschihadismus, dessen bekannteste Vertreterin die Terrororganisation al-Qaida (gegründet 1988 von Osama bin Laden) wurde. Dschihadisten verengen den Dschihad (wörtl.: "Anstrengung") auf eine Gewaltstrategie, die auch vor dem Töten von Zivilisten und anderen Muslimen, die nicht ihrem Islambild folgen, nicht Halt macht. Im Islamverständnis der Dschihadisten gelten andere Richtungen im Islam, wie etwa die Schiiten, als "Abtrünnige". Sie sehen sich selbst in einem "globalen Dschihad", sozusagen in einem "heiligen Krieg" gegen die Ungläubigen. Obwohl sie zahlenmäßig eine verschwindend kleine Gruppe innerhalb der Muslime und selbst innerhalb des Islamismus nur eine Minderheit darstellen, prägen sie heute die negative Außenwahrnehmung des Islam und des Islamismus.

Diese Gewalt gegen Unschuldige im Namen der Religion lehnen die allermeisten Muslime und Islamisten strikt ab. Gemäßigte Islamisten, wie etwa die 1928 gegründete ägyptische Muslimbruderschaft, wollen ihre eigenen Gesellschaften nicht durch Gewalt, sondern durch Bildung, Sozialeinrichtungen und Wirtschaftsförderung schrittweise reformieren. Sie unterhalten hierfür Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser und Institutionen der Wirtschaftsförderung, wie Genossenschaften oder Kleinkreditprogramme. Dies verstehen sie als ihren Dschihad, ihre "Anstrengung" eines gottgefälligen Lebens mit dem Ziel der Verbesserung ihrer Gesellschaften und der individuellen Selbstperfektionierung. Sie übernehmen Aspekte der westlichen Moderne wie Demokratie, Meinungsfreiheit, Bürgerrechte und Zivilgesellschaft, solange diese nach ihrer Ansicht mit der Scharia, der islamischen normativen Ordnung, vereinbar sind.

Quellentext

Saudi-Arabien und der Wahhabismus

Das Königreich Saudi-Arabien präsentiert der interessierten Außenwelt zwei sehr unterschiedliche Seiten: Einerseits verfügt das Land weltweit über die umfangreichsten Vorräte an Erdöl und baute aus den Erlösen eine hochmoderne Wirtschaft auf. Seine heiligen Stätten ziehen muslimische Pilger aus aller Welt an. Andererseits gilt Saudi-Arabien als verschlossen, extrem konservativ und einer puritanischen Auslegung des Islam verpflichtet.

1932 gelang es der den Staatsnamen prägenden Familie Sa‘ud unter ihrem Oberhaupt Abd al-Aziz (genannt Ibn Sa‘ud) zum dritten Mal seit der Mitte des 18. Jahrhunderts, auf der Arabischen Halbinsel einen Zentralstaat unter ihrer Führung zu errichten. Auch diese Gründung fußte auf einem nahezu symbiotischen Verhältnis mit der Geistlichkeit. Die Allianz geht auf das Jahr 1744 zurück, als der Dynastiegründer Mohammed Ibn Sa‘ud dem islamischen Reformer Mohammed Ibn Abd al-Wahhab zusicherte, dessen Religionsauslegung nicht nur als die allein gültige anzunehmen, sondern sie auch zu schützen und zu verbreiten.

Der nach al-Wahhab benannte Wahhabismus basiert auf den extrem konservativen Schriften des islamischen Gelehrten Ibn Taimiya (1263-1328). Dieser hatte nachdrücklich eine Rückkehr der Gläubigen zu den ursprünglichen Aussagen von Koran und Sunna gefordert. Nur was in diesen beiden Schriften stehe, sei legitim. Abd al-Wahhab begriff sich als Sachwalter dieser Forderungen. Speziell in Mekka und Medina sollte diese strenge Religionsauffassung gelten. Denn als bedeutendste unter den "Heiligen Stätten" des Islam waren sie Ziel für die den gläubigen Muslimen vorgeschriebene Pilgerfahrt und Orte besonderer Gottesnähe. Um sein Vorhaben zu verwirklichen, unterstützte Abd al-Wahhab die Expansionsbestrebungen der Al Sa’ud und versprach – auch für seine Nachfolger – die Al Sa‘ud als einzig rechtmäßige Herrscherfamilie zu proklamieren. Auf dieser Grundlage kann die Familie Sa‘ud seit jeher auf die Unterstützung der hohen Geistlichen bauen, die zwar kaum Alltagspolitik betreiben, aber wichtige Inhalte der Gesetzgebung bestimmen und aufmerksam über die Einhaltung der wahhabitischen Normen wachen.

Die Symbiose begünstigte nicht nur eine außergewöhnliche "weltliche", sondern auch geistliche Machtfülle des Königs; in einem Land, in dem Koran und Sunna offiziell als Verfassung gelten, verkörpert er als "Hüter der Heiligen Stätten" Mekka und Medina die höchste religiöse Autorität. Da sich aus dem Anspruch, in Übereinstimmung mit der wahhabitischen Rechtsauslegung zu herrschen, jedoch der Kern ihrer Legitimität ableitet, sind alle Könige letztlich darauf angewiesen, dass nicht nur die Geistlichen, sondern alle gläubigen Untertanen die Übereinstimmung bestätigen oder sie zumindest nicht in Frage stellen. Für den jeweiligen König bedeutet das Fluch und Segen zugleich: Schon Staatsgründer Ibn Sa‘ud hatte erkennen müssen, dass das wahhabitische Sendungsbewusstsein ihm zwar die Bildung seines Königreiches ermöglicht hatte, dass es dieses aber durch einen grenzenlosen Missionierungseifer wieder gefährdete. Folgerichtig löste er 1929 die Verbände seiner Glaubenskrieger (Ikhwan oder Ichwan, "Brüder", in Wehrdörfern sesshaft gemachte Beduinen) gewaltsam auf. Trotzdem blieb das Religionsverständnis, das diese Bruderschaft vertreten hatte, in Saudi-Arabien lebendig. Es behauptet sich bis heute in dem Teil der Gesellschaft, dem jegliche Veränderung der "reinen wahhabitischen Lehre" – auch in den Beziehungen zum Ausland – suspekt erscheint. "Al-Qa‘ida auf der Arabischen Halbinsel" gibt der Erscheinung in der Gegenwart einen Namen. Immerhin waren 15 der 19 Attentäter des 11. Septembers 2001 Bürger Saudi-Arabiens, allen voran Osama bin Laden.

Auf der anderen Seite entstanden mit der Ausformung des Staates und insbesondere dem Modernisierungsschub, den Saudi-Arabien als weltgrößter Erdölexporteur nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erfuhr, Akteure, denen die Veränderungen der Gesellschaft viel zu langsam und halbherzig vonstatten gingen: Privatunternehmer, Intellektuelle, Manager, Techniker und Spezialisten der Erdölwirtschaft. Sie forderten immer vernehmlicher einen modernen Staat inklusive bürgerlicher Freiheiten.
Die beschriebenen Widersprüche führten zu zahlreichen Eigenarten, die auch gegenwärtig das Leben in Saudi-Arabien auszeichnen. Während eine Sittenpolizei/mutauwa islamkonformes Verhalten in der Öffentlichkeit kontrolliert und Frauen kein Auto fahren dürfen, hat sich die saudische Gesellschaft gleichzeitig wie selbstverständlich an die modernsten Errungenschaften heutiger Technik, etwa im Bereich der Kommunikation oder der Infrastruktur, gewöhnt. Trotz einer engen außenpolitischen Bindung an die USA verfolgt Saudi-Arabien eine selbstbewusste Außenpolitik und sieht sich als Führungsmacht in der Region.

Die Bewältigung des Dauerspagats zwischen den gegensätzlichen Ansprüchen von Modernisten und Traditionalisten stellt jedenfalls eine elementare Herausforderung für alle Nachfolger Ibn Sa’uds dar. Der gegenwärtige König Abdullah zeigte sich dabei besonders anpassungsfähig. Seit 2003 führt er einen "gelenkten" Dialog mit auserlesenen Reformern, der es ihm gestattet, den Kurs und die Geschwindigkeit möglicher Umgestaltungen selbst zu bestimmen. Wie lange ihm dies noch gelingen wird, bleibt angesichts der auch in Saudi-Arabien spürbaren Auswirkungen des "Arabischen Frühlings" offen.

Henner Fürtig

Die ideellen Wurzeln dieses reformerischen Islamismus liegen im Islamischen Modernismus. Dessen Vertreter Jamal ad-Din al-Afghani (1839-1897) und Mohammed Abduh (1849-1905) interpretierten die religiösen Quellen neu, den Gegebenheiten ihrer Zeit angepasst. Ihr Ziel war es, die Region gegen die ökonomisch, politisch und militärisch überlegenen europäischen Kolonialmächte zu stärken, indem sie westliche Errungenschaften wie Militärwesen, Demokratie und moderne Wissenschaften mit dem Islam versöhnen wollten (siehe Kapitel 3, S. 22 ff.).

Als europäische Mächte nach dem Ersten Weltkrieg auch noch die ostarabischen Staaten besetzten sowie die jüdische Besiedlung Palästinas und die Staatsgründung Israels förderten, stieß dies auf breite Ablehnung in der einheimischen Bevölkerung, auf Gegenwehr sowohl arabisch-nationalistischer als auch islamistischer Bewegungen. Letztere wollen hierfür den Islam zur Basis der Gesellschaftsordnung und des politischen Systems erheben, um der politischen Vorherrschaft und "kulturellen Invasion" des Westens mit authentischen "islamischen Werten" zu begegnen.

Als die meisten arabischen Staaten bis Mitte des 20. Jahrhunderts ihre Unabhängigkeit erlangten, übernahmen zunächst säkulare nationalistische und sozialistische Regime die Macht. Sie verloren allerdings an Ansehen, weil sie zunehmend autoritär herrschten und weil es ihnen nicht gelang, ihre Gesellschaften nachhaltig zu entwickeln und die Versprechen von Freiheit, Gerechtigkeit, Fortschritt und wirtschaftlichem Aufstieg zu erfüllen. Seit Ende der 1960er-Jahre – die arabische Niederlage gegen Israel im Nahostkrieg von 1967 (Dritter Nahostkrieg) gilt hier als Scheidepunkt – gewannen deshalb Islamisten an Zulauf. Unter der Parole "Der Islam ist die Lösung" kritisieren sie seither die bestehenden "korrupten" Regime und den Verfall moralischer Werte. Außenpolitisch wenden sie sich gegen die westliche (und bis zum Zerfall der Sowjetunion 1990 die östliche) Einflussnahme auf ihre Gesellschaften. "Weder West noch Ost" lautete etwa eine Parole der Iranischen Revolution von 1979, in deren Folge erstmals in der Neuzeit ein islamisches politisches System, die "Islamische Republik Iran" errichtet wurde. Der schiitische Islamismus, wie er in der "Islamischen Revolution" in Iran und im "Islamischen Widerstand" der Hisbollah im Libanon gegen die israelische Besatzung des Südlibanon (1978-2000) zum Tragen kam, greift das rebellisch-revolutionäre Element von Imam al-Husain, dem Enkel des Propheten, wieder auf.

Bis zum "Arabischen Frühling" im Jahr 2011 blieben sunnitisch-islamistische Bewegungen und Parteien in den meisten arabischen Ländern verboten oder unter Kontrolle der autoritären Regime. Reform-Islamisten, wie etwa die ägyptische Muslimbruderschaft, hatten sich bereits zuvor an Protesten gegen die autokratischen Herrscher beteiligt. Seit den Revolutionen und Umbrüchen des "Arabischen Frühlings" erleben sie Aufwind. In Tunesien, Ägypten und Marokko wurden sie 2011 bei den erstmals freien Wahlen jeweils stärkste Partei, die Ägypter bestimmten den Muslimbruder Mohammed Mursi im Juni 2012 zu ihrem ersten frei gewählten Präsidenten. Islamisten gelten als Favoriten kommender Wahlen in anderen Ländern, weil sie aufgrund ihrer bisherigen oppositionellen Haltung und ihres sozialen Engagements hohes Ansehen und breiten sozialen Rückhalt genießen. Viele Menschen trauen ihnen eine grundlegende Reform von Politik und Gesellschaft zu.

In den nächsten Jahren müssen sie allerdings unter Beweis stellen, dass sie diese hohen Erwartungen erfüllen können. Neben ihren säkularen Kritikern treten ihnen dabei insbesondere Salafisten als Konkurrenten entgegen, die ihr enges Verständnis islamischer Regeln unter Umständen auch zwangsweise durchsetzen wollen. Weniger fromme Muslime und Anhänger anderer Religionen sorgen sich deshalb, dass eine Islamisierung ihrer Gesellschaften mit der Einschränkung von Freiheitsrechten besonders von Frauen einhergeht.

Quellentext

Die Muslimbruderschaft – Rekrutierung und Organisation

[...] Die interne Geschlossenheit der Muslimbruderschaft sowie ihre ideologische Festigkeit ist auf ein strenges Auswahlverfahren zurückzuführen. Muslimbrüder suchen an so gut wie jeder ägyptischen Universität nach neuen Mitgliedern. Besonders fromme Studenten werden als erste gezielt angesprochen. Zunächst identifizieren sich die Anwerber nicht als Muslimbrüder und versuchen lediglich, eine Beziehung zu ihren Zielsubjekten aufzubauen, um ihre Religiosität eingehend zu überprüfen. [...] [Laut] Khaled Hamza, der die englischsprachige Website der Bruderschaft leitet, [...] kann allein die Rekrutierung ein volles Jahr dauern. Muslimbrüder geben diese ersten Kontakte oft als Grund an, warum sie sich schließlich der Gruppe angeschlossen haben. [...]

Diese sorgsame Anwerbungsprozedur stellt sicher, dass die Organisation nur in junge Männer investiert, die sich ohnehin schon der islamistischen Ideologie verbunden fühlen. Die Rekrutierung ist jedoch nur der Anfang eines mehrstufigen Prozesses, an dessen Ende ein Kandidat zu einem vollwertigen Muslimbruder wird. [...]

Ein Bewerber ist zunächst ein muhib, ein Jünger. In dieser Phase, die gewöhnlich sechs Monate dauert, sich aber bis zu vier Jahren hinziehen kann, kommt der muhib in eine lokale Gruppe, die usra (Familie). Mit regelmäßigen Treffen überwacht sie die Frömmigkeit und Ideologie des Anwärters. Bestehend aus vier bis fünf Brüdern unter Vorsitz eines nakib (Leiter) ist die usra die niedrigste, aber wichtigste Einheit in der Hierarchie der Muslim- bruderschaft. Sie trifft sich mindestens einmal wöchentlich und bespricht vornehmlich die Lebensumstände und Aktivitäten ihrer Mitglieder. So kontrollieren die Muslimbrüder, ob ihre jungen Kollegen an den strengen religiösen Standards der Organisation festhalten, und schaffen zudem ein starkes Gefühl der Gruppenzugehörigkeit. [...]

Nachdem der Leiter der usra durch eigene Beobachtungen oder schriftliche Tests feststellt, dass der muhib regelmäßig betet und über ein Grundverständnis der wichtigsten islamischen Texte verfügt, wird dieser zu einem muajad (Anhänger). Diese Phase dauert ein bis drei Jahre. Der muajad ist ein nicht stimmberechtigtes Mitglied der Organisation und muss bestimmte Pflichten erfüllen, die ihm Vorgesetzte auftragen. Dazu gehört predigen, rekrutieren oder in Moscheen lehren. Zudem muss er einen rigorosen Lehrplan absolvieren, wie das Auswendiglernen wichtiger Teile des Korans und das Studium der Texte des Gründers der Muslimbruderschaft, Hassan al-Banna.

Die nächste Stufe ist die des muntasib (Angehörigen). Sie nimmt ein weiteres Jahr in Anspruch und ist der erste Schritt in Richtung Vollmitgliedschaft. Ein muntasib kann in offiziellen Abteilungen der Muslimbruderschaft arbeiten, zum Beispiel bei Lehrprogrammen für Geschäftsleute, Arbeiter, Studenten oder Kinder. Außerdem gibt er zwischen fünf und acht Prozent seines Einkommens an die Bruderschaft.

Erfüllt ein muntasib die Anforderungen seiner Vorgesetzten und Beobachter, steigt er auf zum muntazim (Organisator). Noch einmal zwei Jahre verharrt der Bewerber in dieser Phase, in der er niedere Führungsrollen übernehmen darf, wie die Gründung einer usra. Bevor er die letzte Stufe erreicht – die des ach’amal (aktiver Bruder) – wird die Loyalität des muntazim noch einmal auf die Probe gestellt. [...] Für eine Beförderung auf die höchste Ebene ist es zudem nötig, dass die Vorgesetzten darauf vertrauen können, dass der muntazim den Anweisungen der Führung der Muslimbruderschaft folgt. [...]

Einmal zum ach’amal geworden, kann ein Muslimbruder bei allen internen Wahlen abstimmen, in allen Einrichtungen der Bruderschaft mitarbeiten und sich für höhere Positionen bewerben. [...]

Nur, wer sich vollständig zur Sache bekennt, kann Vollmitglied werden. Gleichzeitig stellt die strenge Hierarchie der Bruderschaft sicher, dass die Mitglieder auf lokaler Ebene die Vorgaben der nationalen Führungsspitze pflichtbewusst erfüllen.

Ganz oben in der Rangordnung ist das Generalsekretariat (maktab al-irschad), dem rund 15 langjährige Muslimbrüder und der oberste Führer (murshid) angehören. Jedes Mitglied des Generalsekretariats ist zuständig für einen bestimmten Geschäftsbereich, wie Rekrutierung an den Universitäten, Bildung oder Politik. Gewählt wird das Generalsekretariat vom Rat (schura), der aus etwa hundert Muslimbrüdern besteht. Der Rat debattiert wichtige Entscheidungen – beispielsweise darüber, ob die Organisation an einer Wahl teilnimmt – und stimmt darüber ab. Das Generalsekretariat führt die Anweisungen dann aus. [...]

Eric Trager, "Unverwüstliche Muslimbruderschaft", in: IP, November/Dezember 2011, S. 74 ff.; https://zeitschrift-ip.dgap.org/de/ip-die-zeitschrift/archiv/jahrgang-2011/november-dezember/unverwüstliche-muslimbruderschaft.
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