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Von den Kolonien zur geeinten Nation


20.3.2014
Die "heilsame Vernachlässigung" der englischen Kolonien Nordamerikas durch das Mutterland fördert deren staatliche Unabhängigkeit. Einwanderungswellen treiben die kontinentale Expansion voran, doch innere Konflikte gefährden immer wieder die Einheit der jungen Nation.

Das Nationaldenkmal am Mount Rushmore in South Dakota würdigt US-Präsidenten von Bedeutung für das Werden der Nation: George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt und Abraham Lincoln (v.l.n.r.).Das Nationaldenkmal am Mount Rushmore in South Dakota würdigt US-Präsidenten von Bedeutung für das Werden der Nation: George Washington, Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt und Abraham Lincoln (v.l.n.r.). (© ullstein bild - Chromorange/TipsImages/Massi)
Der Aufstieg der ehemals an der Peripherie des englischen Weltreiches gelegenen nordamerikanischen Kolonien zur Groß- und Weltmacht des 20. Jahrhunderts ist ein einzigartiges Phänomen der neuesten Geschichte.

Die Vereinigten Staaten von Amerika wagten mit ihrer Gründung 1776 das älteste demokratische "Experiment" der Neuzeit. Sie schufen sich ein politisches System, das sich neuen Gegebenheiten und gesellschaftlichen Entwicklungen immer wieder flexibel anzupassen wusste. Bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts überflügelte ihre landwirtschaftliche und industrielle Produktion die der anderen Industrienationen. Durch ihre für den Ausgang jeweils entscheidende Beteiligung an den beiden Weltkriegen stiegen sie zur Weltmacht auf, die wirtschaftlich und militärisch nach wie vor die Führungsrolle innerhalb der westlichen Vertrags- und Bündnissysteme einnimmt. Diese Entwicklung haben die USA nicht nur dem Zerwürfnis der europäischen Staaten zu verdanken, sondern auch ihrer eigenen inneren politischen und wirtschaftlichen Beschaffenheit. 50 Millionen Einwanderer, die dem Land eine starke Innovationskraft und Vitalität verliehen, trugen ebenso dazu bei wie reichliche Rohstoffvorkommen.

Kolonialzeit



Das Zeitalter der Entdeckungen und Erfindungen löste die europäische Expansion nach Übersee aus: Die spanische, französische wie auch die englische Krone entsandten um 1500 herum Expeditionen zur Erschließung der Neuen Welt und leiteten daraus in der Folge verschiedene Machtansprüche ab, die unweigerlich ein Konfliktpotenzial entstehen ließen. Im Jahre 1507 benannte der deutsche Kosmograf Martin Waldseemüller den neuen Kontinent nach dem florentinischen Seefahrer Amerigo Vespucci, bekannt durch seine Erkundungsfahrten an den Küsten Südamerikas zwischen 1499 und 1502.

Der spanische Entdecker Juan Ponce de Léon erforschte im Jahre 1513 die Ost- und Westküsten Floridas; zwischen 1539 und 1543 erkundete sein Landsmann Hernando de Soto, Gouverneur von Kuba, das Land nördlich des Golfs von Mexiko; parallel dazu fand der Spanier Francisco de Coronado von Mexiko aus auf der vergeblichen Suche nach Goldvorkommen seinen Weg in das heutige New Mexico. Spanier waren es auch, die 1565 mit St. Augustine im Norden Floridas die erste dauerhafte Niederlassung auf dem Gebiet der zukünftigen Vereinigten Staaten gründeten.

Der spätere französische Besitzanspruch auf das Gebiet entlang dem St. Lorenz-Golf und dem gleichnamigen Strom bis in die Gegend von Québec und Montréal basierte wiederum auf den drei Reisen des französischen Seefahrers Jacques Cartier zwischen 1534 und 1543, während die englischen Ansprüche auf Teile Nordamerikas sich von den Erkundungsfahrten des in englischen Diensten stehenden italienischen Seefahrers John Cabot (eigentlich Giovanni Caboto) ableiteten, der 1497 zunächst die Küste Neufundlands und ein Jahr später auch Teile des nordamerikanischen Festlandes erforschte.

Die englischen Koloniegründungen in Nordamerika unterschieden sich grundlegend von denen Spaniens und Frankreichs in Mittel- und Südamerika. Während dort die jeweiligen Königshäuser die Eroberung der neuen Territorien veranlassten und finanzierten, war die englische Krone an der Erschließung der Kolonien nur mittelbar beteiligt: Sie vergab lediglich Privilegien und Freibriefe (charters) an private Handelsgesellschaften, die eigenständig die Organisation der Besiedlung übernahmen. Damit entwickelte sich bei den Siedlern von Anfang an ein Gefühl der Selbstständigkeit. Seinen institutionellen Ausdruck fand dies in von Grundbesitzern und Steuerzahlern gewählten Selbstverwaltungsorganen, die aus Unterhäusern (assemblies) und Oberhäusern (senates) bestanden.

Die fast 150 Jahre währende "heilsame Vernachlässigung" (salutary neglect) durch das Mutterland förderte den Impuls zur Loslösung und schließlich zur Unabhängigkeit von England während der Amerikanischen Revolution in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Die 13 Kolonien, die sich dann von Georgia bis New Hampshire zu einem Bund zusammenschlossen, wiesen von Anbeginn ausgeprägte regionale Besonderheiten auf und wurden bereits unter teils sehr unterschiedlichen Vorzeichen gegründet.

Quellentext

Wie kam Amerika zu seinem Namen?

Dass ein aus Freiburg im Breisgau stammender Kartograf (gegen seinen Willen) den amerikanischen Kontinent nach einem italienischen Kaufmann (ohne dessen Wissen) benannt hat, gehört zu den Eigentümlichkeiten der Entdeckungsgeschichte der Neuen Welt. Martin Waldseemüller hatte 1507 eine Beschreibung der Reisen des "Amerigo" unter dem Titel "Cosmographiae Introductio" herausgegeben. Amerigo Vespucci, der in den Diensten der florentinischen Bankiersfamilie Medici stand, war zwischen 1497 und 1504 mehrfach über den Atlantik nach Südamerika gereist. Seine Reisebeschreibungen trugen wesentlich zur Verbreitung der gelehrten Einsicht bei, dass sich zwischen Asien und Europa nicht nur einige Inseln, sondern eine "neue Welt" befinde ("Mundus Novus" war der Titel von Vespuccis zweiter Reisebeschreibung).
Zusammen mit dem humanistischen Poeten Matthias Ringmann veröffentlichte Waldseemüller im Jahr 1507 in Frankreich eine zwölfteilige Weltkarte. Diese Karte war ein drucktechnisches Meisterwerk von zweieinhalb Metern Länge und enthielt zudem eine "Einführung in die Weltbeschreibung", in der Waldseemüller vorschlug, das neu entdeckte Land (Südamerika, nicht Nordamerika!) nach dessen vermeintlichem Entdecker "Land des Americus" oder – in Analogie zu den "Frauennamen Europa und Asien" – "America" zu nennen.
Die Veröffentlichung sorgte im frühen 16. Jahrhundert für enormen Aufruhr, da die Auffassung von Claudius Ptolemäus, dass es nur drei Kontinente gäbe, noch immer unbestritten war. Als Waldseemüller bald nach der Erstveröffentlichung der Karte erkannte, dass er die Entdeckung des neuen Kontinents fälschlich dem "Amerigo" zugeschrieben hatte, betitelte er den Kontinent in der Neuauflage der Weltkarte wieder mit "terra incognita". Die 1000-fach gedruckte Karte, von der nur ein einziges Exemplar überlebt hat (seit 2003 befindet sich dieses in der Kongressbibliothek in Washington D.C., seit 2005 ist es UNESCO-Weltkulturerbe), war in der Zwischenzeit schon so weit verbreitet, dass Amerika der Name für den neu entdeckten Kontinent blieb.

Christof Mauch, Die 101 wichtigsten Fragen. Amerikanische Geschichte, Verlag C. H. Beck, München 2008, Seite 15 f.



Süden

Die nach der "jungfräulichen" Königin Elisabeth I. benannte englische Kolonie Virginia wurde aus kommerziellen Interessen gegründet: Gold, Gewürze und der vermutete Zugang nach Indien über die legendäre Nordwestpassage zogen Abenteurer, Kaufleute und Aktionäre der London Company an. Sie errichteten 1607 an der Chesapeake Bay die erste dauerhafte englische Niederlassung in Nordamerika mit Namen Jamestown. Das Überleben dieser Kolonie schien anfangs sehr unsicher: Die Malaria führte zu hohen Sterblichkeitsraten, geeignete Exportprodukte fehlten, weder die vermuteten Goldvorkommen noch der Seeweg nach Indien ließen sich finden. Erst die Einführung des Tabakanbaus 1612 zog Kapital und Arbeitskräfte an; auch der Anreiz privaten Landbesitzes verstärkte im Mutterland den Wunsch, in die Neue Welt auszuwandern.

Als im Jahr 1619 ein holländisches Schiff mit 20 Afrikanern an Bord in Jamestown landete, begann ein schwieriges Kapitel der US-amerikanischen Historie, das bis in die Gegenwart durch ethnische Konflikte geprägt ist – die Geschichte des schwarzen Amerikas.

Zunächst waren die Afrikaner in etwa gleichgestellt mit den weißen Schuldknechten, die die Vorbezahlung ihrer Schiffspassage im Zeitraum einiger Jahre abdienen mussten. Neben ihnen gab es bald auch verschleppte oder zwangsdeportierte Häftlinge aus England. Erst durch den wachsenden Arbeitskräftemangel setzte sich dann das institutionell verankerte System der Sklaverei durch, das im Mutterland England nicht existierte und einen Menschen gleichsam zur Ware erklärte (chattel slavery). Etwaige moralische Skrupel suchten die Sklavenbesitzer durch Zitate aus dem Alten Testament zu zerstreuen, in denen die Sklaverei als legitimiert erschien. Als gegen Ende des 17. Jahrhunderts vermehrt Menschen aus Afrika in die Kolonien Virginia und Maryland gebracht wurden, war die Sklaverei dort fest verankert und rechtlich kodifiziert.

Um 1700 betrug die Anzahl der ansässigen Sklaven bereits 20 000, was etwa 20 Prozent der dortigen Gesamtbevölkerung entsprach. Auch in den später gegründeten Carolinas (ab 1663) wurden zunehmend Sklaven zur Arbeit eingesetzt. South Carolina mit seinen großen Reisplantagen und dem Ausfuhrhafen Charleston begann dadurch bald wirtschaftlich zu florieren.

Die Gesellschaft dieser südlichen Kolonien, deren Population am Vorabend der Amerikanischen Revolution (zu Beginn der 1760er-Jahre) einschließlich ihrer Sklaven etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung der englischen Festlandskolonien ausmachte, war noch fest im Ständedenken verhaftet. Eine kleine Schicht von Großpflanzern gab den Ton an, allen voran die sogenannte Virginia-Aristokratie, ein Netzwerk einflussreicher, gebildeter und vermögender Angehöriger der Oberschicht. Soziale Spannungen zwischen diesen Eliten und der weißen Mittel- und Unterschicht existierten zwar, kamen aber nur selten zum Ausbruch – nicht zuletzt durch die Präsenz der vielen Sklaven, die sich auf Sozialkonflikte innerhalb der weißen Bevölkerung eher mildernd auswirkte.

Neuengland

Bei der anschließenden Besiedlung der nördlichen Kolonien in Neuengland (des Gebiets der heutigen Bundesstaaten Massachusetts, Connecticut, Rhode Island, New Hampshire, Vermont und Maine) standen anders als im Süden nicht vornehmlich wirtschaftliche, sondern religiöse und gesellschaftspolitische Motive im Vordergrund. 1620 setzten die sogenannten Pilgerväter (Pilgrim Fathers), die England ihres Glaubens wegen hatten verlassen müssen, ihren Fuß auf den Boden von Cape Cod, der dem heutigen Boston vorgelagerten Halbinsel. Noch an Bord ihres Schiffes "Mayflower" hatten 41 der 101 Passagiere am 11. November jenes Jahres einen Vertrag geschlossen, der als Mayflower Compact in die Geschichte der USA einging und die Regierungsform ihrer künftigen Kolonie definierte. Er schrieb einen religiösen und politischen Selbstverantwortungsanspruch fest, der die Mitglieder "gemeinsam im Bund mit Gott" zum Zusammenhalt verpflichtete. Die pilgrims, eine Splittergruppe der Puritaner, jener kirchlichen und teilweise auch sozialen Protestbewegung innerhalb des englischen Protestantismus des 16. und 17. Jahrhunderts, wollten die Anglikanische Hochkirche (Church of England) von den etablierten Hierarchien und Riten "reinigen" und allein die Bibel als Grundlage menschlichen Handelns akzeptieren.

Gegenüber Andersdenkenden herrschte wenig Toleranz. Kirchenzugehörige galten als "Erwählte", und nur sie hatten das Wahlrecht, eine Praxis, die bis 1691 aufrechterhalten wurde. Gleichwohl führten die Puritaner mit der Selbstverwaltung einer jeden Siedlung (local self-government) und jeder einzelnen Gemeinde (congregationalism) auch fortschrittliche politische Institutionen ein.

Die seit 1629 mit einem königlichen Freibrief ausgestattete Massachusetts Bay Company beauftragte den Puritaner John Winthrop (1588-1649) mit der Errichtung neuer Siedlungen. Er gründete unter anderem die Stadt Boston, in der Überzeugung, dass seine Kolonie für die weltweite Christenheit als "Neues Jerusalem" Vorbildcharakter bekommen würde. Diese Art von religiös und politisch unterlegtem Sendungsbewusstsein hatte im weiteren Verlauf der Geschichte erheblichen Einfluss auf die Ausprägung einer spezifisch US-amerikanischen Identität. "Müßiggang" wurde als Sünde verdammt, und die religiöse Unterweisung stand im Mittelpunkt der bürgerlichen Bildung. Es entstanden viele entsprechend ausgerichtete Schulen, darunter auch das 1636 gegründete Harvard. Zutiefst von der Sündhaftigkeit des Menschen überzeugt und durch ihre Erfahrung in England geprägt, misstrauten die Puritaner generell der Macht, da Menschen ihres Erachtens unweigerlich zu deren Missbrauch und zu Korruption neigten. Daraus erklären sich die bis heute tief sitzende amerikanische Skepsis gegenüber der Staatsmacht sowie die Betonung demokratischer Werte und der Rechte des Individuums.

Allein bis 1640 kamen über 20 000 Puritaner in die Region der Massachusetts Bay. Anders als die Pilgerväter hielten sie wirtschaftlichen Erfolg für ein Zeichen der Gnade Gottes. Gepaart mit Ehrgeiz und Wohlstandsstreben führte diese Auffassung sehr rasch zur Prosperität. Es entstand ein puritanisches Gemeinwesen mit einer Staatskirche, die Andersdenkende und Dissidenten wie Roger Williams (1603-1683) und Anne Hutchinson (1591-1643) wiederum ins Exil trieb. Beide gründeten daraufhin 1636/38 die Kolonie Rhode Island, wo die strikte Trennung von Kirche und Staat eingeführt wurde.

Das erste in der Neuen Welt begangene Erntedankfest (Thanksgiving) im Herbst 1621 sollte die Beziehung zwischen den Siedlern und der amerikanischen Urbevölkerung (Native Americans) festigen. Die angestrebte und öffentlich bekundete Harmonie war indessen nur von kurzer Dauer. Wie auch in Virginia kam es ab 1622 in Neuengland zu gewalttätigen Konfrontationen zwischen den europäischen Einwanderern und den amerikanischen Ureinwohnern, in deren Verlauf diese fast gänzlich ausgerottet wurden.

Mittelatlantik

Während die südlichen und neuenglischen Kolonien in religiöser, politischer, kultureller und wirtschaftlicher Hinsicht zum überwiegenden Teil englisch geprägt waren, entwickelte sich seit den 1640er-Jahren in den sogenannten Mittelatlantik-Kolonien eine größere Vielfalt euro-amerikanischen Kulturlebens. So hatten Niederländer an den Flüssen Hudson und Delaware Handelsstützpunkte errichtet, um mit den dort ansässigen Ureinwohnern einen lukrativen Pelzhandel zu betreiben. Auf diese Weise entstand die Kolonie "Neu-Niederlande" mit ihrem Seehafen Neu-Amsterdam auf der Insel Manhattan, die die Niederländer den Ureinwohnern für 50 Gulden abgekauft hatten. Skandinavier prägten durch die Einführung der Blockhütte das typische architektonische Bild der Pionierzeit in dieser Region. Während des zweiten britisch-niederländischen Seekrieges (1664-1667) wurde das Gebiet dann von den Engländern erobert und dem Herzog von York, Bruder des englischen Königs Charles II., als Lehen übergeben: Aus Neu-Niederlande wurde New York und aus Neu-Amsterdam New York City.

Eine gänzlich andere Form der Koloniegründung stellte Pennsylvania dar, das die englische Krone 1681 dem Quäker William Penn als Lehen überließ. Seine im 17. Jahrhundert in England gegründete Religionsgemeinschaft besaß eine ausgesprochen philanthropische Ausrichtung und hat sich im weiteren Verlauf der amerikanischen Geschichte in vielen Bereichen der Gesellschaft sozial engagiert. Penn, der die Koloniegründung als "heiliges Experiment" betrachtete, gründete im Jahr darauf am Zusammenfluss von Delaware und Schuylkill River die Hauptstadt Philadelphia. Ihr schachbrettartig angelegtes Straßenmuster wurde zum Vorbild für die meisten US-amerikanischen Städte. Anders als die Puritaner glaubten Penn und seine Glaubensbrüder an "das Gute im Menschen" und hegten eine optimistische Zukunftserwartung – eine Sichtweise, die geistesgeschichtlich für die Vereinigten Staaten letztlich ebenso prägend wurde wie der puritanische Skeptizismus.

Zur ersten Einwanderergeneration gehörten auch 13 deutsche Mennoniten-Familien aus Krefeld, die 1683 mit dem Schiff "Concord" unter der Leitung des Theologen Franz Daniel Pastorius in Pennsylvania eintrafen. Seitdem gab es eine kontinuierliche deutsche Einwanderung in diese Region. Am Vorabend der Amerikanischen Revolution betrug der deutsche Bevölkerungsanteil Pennsylvanias immerhin ein Drittel, in allen 13 Kolonien durchschnittlich rund zehn Prozent. Um 1700 wurde die gesamte Kolonialbevölkerung auf 250 000 Menschen geschätzt. Mit rapider Wachstumstendenz verdoppelte sie sich nahezu alle 20 Jahre und belief sich 1760 auf 1,6 Millionen. Im Jahr der Unabhängigkeitserklärung (1776) war sie schließlich auf 2,5 Millionen (darunter 20 Prozent Sklaven) angewachsen.

Spannungen mit England

Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts dachten und fühlten die Kolonisten überwiegend englisch. Innerhalb von 20 Jahren sollte sich dies so fundamental ändern, dass sie zu "Amerikanern" wurden. Die Ursachen für diesen Prozess waren komplex und lagen sowohl in den Kolonien als auch im Mutterland.

Der sogenannte French and Indian War (1754-1763), die amerikanische Variante des Siebenjährigen Krieges, in dem sich Franzosen mit verschiedenen indigenen Stämmen gegen die Engländer verbündeten, begrenzte im Ergebnis das französische Vordringen von Kanada aus in das Ohio-Tal. Das siegreiche britische Empire konnte 1763 im Frieden von Paris die Existenz des französischen Kolonialreiches in Nordamerika beenden. Danach versuchte England, seine hohe Staatsverschuldung zumindest teilweise durch Steuern aus den nordamerikanischen Kolonien zu decken. Da die Sicherheit der englischen Siedler an den Siedlungsgrenzen – der frontier – durch vermehrte Übergriffe von Ureinwohnern zunehmend gefährdet wurde, entschloss sich London zur Entsendung von Schutztruppen nach Nordamerika. Allerdings war auch diese Stationierung mit erheblichen Kosten verbunden, die wiederum teilweise die Kolonisten tragen sollten. Ferner wurde in London beschlossen, einen Teil dieser Soldaten in privaten Haushalten einzuquartieren. Ein weiterer, in den Augen der Kolonisten recht unpopulärer Schritt war es, das Gebiet jenseits der Appalachen von der "weißen" Besiedlung auszuschließen, wovon sich England die endgültige Befriedung der Grenze zwischen Siedlern und Ureinwohnern erhoffte.

Entscheidend für das weitere Verhältnis zwischen Kolonien und Mutterland wurde ein Wandel in Englands Vorstellung von imperialer Kontrolle. Nachdem es durch den Siebenjährigen Krieg seine nordamerikanischen Besitzungen nahezu verdoppelt hatte, vollzog England einen allmählichen Übergang vom kommerziellen zum territorialen Imperialismus. Es wollte die Kolonien nicht mehr nur aus Handelsperspektive regieren, sondern auch mit Blick auf ihre Bevölkerungsstärke und die damit einhergehenden potenziellen Finanzerträge.

Just zu dem Zeitpunkt, als ab 1763 in den Kolonien eine Wirtschaftsrezession einsetzte, unternahm England mit dem sogenannten Zuckergesetz von 1764 den ersten Versuch, die Kolonien an den Verwaltungskosten zu beteiligen: Es belegte Genussmittel wie Wein, Kaffee, Zucker und Melasse mit Einfuhrzöllen, die hohe finanzielle Einbußen der amerikanischen Alkoholbrennereien und verschiedener anderer Branchen befürchten ließen.

Der größte Stein des Anstoßes für die Kolonisten bestand allerdings in der Präambel des Gesetzes, die generell die angestrebte Verstärkung der imperialen Kontrolle über die Kolonien betonte. Damals offenbarten sich bereits deutlich unterschiedliche Auffassungen über die Art politischer Vertretung: Während in England nach wie vor die Ansicht herrschte, dass ein Parlamentsabgeordneter der Gesamtbevölkerung gegenüber Verantwortung trage, vertraten die Kolonisten aufgrund ihrer Erfahrungen in den assemblies die Meinung, Volksvertreter seien direkt und ausschließlich ihren Wählern verpflichtet.

Streit um die Stempelsteuer

Einen neuen Höhepunkt erreichte der Protest der Kolonisten mit dem Stempelsteuergesetz von 1765, das eine direkte Steuer auf jedwede Art von Druckerzeugnissen, Reklame, juristische Dokumente und sogar Würfelspiele erhob. Zudem sollte zur Steuereintreibung in den Kolonien eine britische Bürokratie aufgebaut werden. Dies erregte die Gemüter besonders und wurde als Versuch Englands interpretiert, den Kolonisten seine Autorität aufzuzwingen. Kaufleute, Rechtsanwälte und Journalisten aus Boston, Philadelphia und New York, die besonders hart von der neuen Steuer betroffen waren, organisierten daraufhin einen wirkungsvollen Importboykott englischer Waren. Parallel dazu kam es zu spontanen Massendemonstrationen, in deren Verlauf britische Steuerbeamte geteert und gefedert wurden.

Die assembly von Virginia verabschiedete schließlich eine Resolution, nach der nur eine repräsentative Versammlung der Kolonien das Recht beanspruchen könne, ihre Bürger zu besteuern. "No taxation without representation" (keine Besteuerung ohne politische Repräsentanz) war das Motto des kolonialen Widerstandes. Eine "Anti-Stempelsteuergesetz-Versammlung", ein interkolonialer Kongress, der als erster Schritt zur Revolution angesehen werden kann, tagte im Oktober 1765 mit Vertretern aus neun Kolonien in New York.

Obwohl die englische Regierung danach bereit war, das umstrittene Steuergesetz außer Kraft zu setzen, verfolgte sie doch weiter ihr Vorhaben, die Kolonien fester in das Empire einzubinden und die Autorität von König und Parlament durchzusetzen. So entbrannte aus der Auseinandersetzung um ein Steuergesetz der fundamentale Konflikt zwischen Mutterland und Kolonisten, die auf ihren während der "heilsamen Vernachlässigung" entwickelten Rechten beharrten.

Weg in den Widerstand

Bald kam es zu erneuten Einfuhrzöllen, zum Beispiel auf Farbe, Papier und Tee, und 1770 im Verlauf einer Auseinandersetzung zwischen Kolonisten und britischen Soldaten zum sogenannten Bostoner Massaker, bei dem fünf Zivilisten getötet wurden. Zwar traten die Engländer daraufhin vom Teezoll und von ihren sonstigen Ansprüchen zurück, doch der gewachsene Unmut der Kolonialbevölkerung entlud sich schließlich in der sogenannten Boston Tea Party im Dezember 1773, bei der als Indianer verkleidete Kolonisten die wertvolle Teeladung dreier Schiffe in das Bostoner Hafenbecken kippten.

Gegen die angedrohten Strafmaßnahmen des Mutterlandes organisierte sich umgehend eine gut koordinierte interkoloniale Widerstandsbewegung, die für September/Oktober 1774 den "Ersten Kontinentalkongress" in Philadelphia einberief, zu dem alle Kolonien Delegierte entsandten. Der Kongress beschloss die Einstellung des Handels mit dem Mutterland, worauf König Georg III. und das englische Parlament im Februar 1775 erklärten, dass sich die Kolonien nunmehr in einer offenen Rebellion befänden, eine Verstärkung der britischen Truppen vor Ort anordneten und den Befehl erteilten, aufrührerische Kolonisten umgehend zur Rechenschaft zu ziehen. Diese begannen ihrerseits, Milizen zu organisieren sowie Waffen und Munition zu sammeln. Nur wenige Wochen darauf, im April 1775, kam es bei Lexington und Concord in Massachusetts zu ersten militärischen Auseinandersetzungen zwischen Kolonisten und Engländern.

Im Mai 1775 trat der Zweite Kontinentalkongress in Philadelphia mit 65 Delegierten sämtlicher Kolonien zusammen. Er übernahm nunmehr die Regierungsfunktion, ernannte den Pflanzer und Kriegsveteranen des French and Indian War George Washington aus Virginia zum Oberbefehlshaber der neu zu schaffenden amerikanischen Streitkräfte und rief den Verteidigungszustand aus. Es wurde neues Papiergeld gedruckt, und man nahm diplomatische Beziehungen zu verschiedenen anderen Nationen auf. Eine Friedenspetition an den englischen König zeigte keine Wirkung. Georg III. proklamierte im August 1775 vielmehr den Zustand der offenen Kolonialrebellion und ließ im November eine See- und Handelsblockade errichten. Die Befürworter der Unabhängigkeit sahen sich dagegen bestärkt durch Thomas Paines Pamphlet "Common Sense", das die Ansicht vertrat, nur eine unabhängige republikanische Staatsform könne die Kolonien vor der Tyrannei der mittlerweile als korrupt angesehenen englischen Monarchie bewahren. Der phänomenale Erfolg dieser Schrift zeigte die gewachsene Politisierung breiter Schichten und dokumentierte, dass das amerikanische Unabhängigkeitsstreben zunehmend in eine Revolution einmündete.

Quellentext

Gedanken über den gegenwärtigen Zustand der amerikanischen Angelegenheiten (Auszüge)

[...] Ich habe gehört, daß einige behauptet haben, Amerika habe unter seiner früheren Verbindung mit Großbritannien geblüht. Daher sei die gleiche Verbindung für sein zukünftiges Glück notwendig und werde immer den gleichen Effekt haben.
Nichts kann irreführender sein als so ein Argument. Wir könnten ebensogut behaupten, daß, weil ein Kind mit Milch gedeihen konnte, es niemals Fleisch brauchte oder daß die ersten zwanzig Jahre unseres Lebens die nächsten zwanzig Jahre bestimmen müßten.
Aber auch dies heißt mehr zugeben als wahr ist, denn ich antworte geradeheraus: Amerika hätte ebenso viel und wahrscheinlich noch viel mehr geblüht, wenn keine europäische Macht irgend etwas mit ihm zu tun gehabt hätte. Der Handel, durch den es reich geworden ist, entspricht den Lebensbedürfnissen und wird immer einen Markt finden, solange das Essen in Europa Sitte ist.
Aber England hat uns beschützt, sagen einige.
Daß es uns beanspruchte, ist wahr; und daß es den Kontinent auf unsere wie auf seine eigenen Kosten verteidigte, ist zugegeben; aber es würde auch die Türkei aus den gleichen Motiven verteidigt haben, nämlich zum Nutzen des Handels und der Herrschaft. [...]
Wir haben uns des Schutzes Großbritanniens gerühmt ohne zu bedenken, daß sein Motiv Eigennutz und nicht Zuneigung war; daß es uns nicht vor unseren Feinden um unsretwillen, sondern vor seinen Feinden um seinetwillen geschützt hat, mit denen wir keinen Streit aus irgendeinem Grund hatten [...].
Laßt Britannien seinen Anspruch auf den Kontinent aufgeben oder den Kontinent die Abhängigkeit abschütteln, und wir werden in Frieden mit Frankreich und Spanien leben, wenn sie Krieg mit Britannien führen. [...]
Aber Britannien ist das Mutterland, sagen einige. [...]
Europa und nicht England ist das Mutterland Amerikas. Diese Neue Welt ist ein Zufluchtsort für die verfolgten Liebhaber der bürgerlichen und religiösen Freiheit aus jedem Teil Europas geworden. Hierher sind sie geflohen, nicht aus den zarten Umarmungen einer Mutter, sondern aus den Klauen von Ungeheuern. Und es ist im Hinblick auf England wahr, daß die gleiche Tyrannei, die die ersten Emigranten von zu Hause vertrieb, ihre Nachkommen immer noch verfolgt.
In diesem ausgedehnten Teil der Erdkugel vergessen wir die engen Grenzen von dreihundertundsechzig Meilen, den Umfang Englands, und messen unsere Freundschaft mit einem größeren Maßstab; wir erheben Anspruch auf Brüderschaft mit jedem europäischen Christen […].
Ich verwerfe daher den Ausdruck Mutterland für England ganz, weil er falsch, selbstsüchtig, engherzig und kleinlich ist. [...]
Unser Plan ist Handel und wenn wir den gut erledigen, so wird er uns Frieden und Freundschaft ganz Europas sichern; weil es im Interesse ganz Europas ist, Amerika als Freihafen zu haben. Ihr Handel wird immer ein Schutz sein und Amerikas Unfruchtbarkeit an Gold und Silber wird uns vor Eindringlingen schützen.
Ich fordere den hitzigsten Befürworter einer Versöhnung auf, einen einzigen Vorteil aufzuzeigen, den dieser Kontinent durch die Verbindung mit Großbritannien ernten kann.
Ich wiederhole diese Herausforderung: es ergibt sich nicht ein einziger Vorteil. [...]
Aber die Schäden und Nachteile, die wir durch diese Verbindung erleiden, sind unzählig [...].
Denn jede Unterwerfung unter oder Abhängigkeit von Großbritannien tendiert dazu, diesen Kontinent in europäische Kriege und Auseinandersetzungen zu verwickeln und uns mit Nationen in Feindschaft zu bringen, die sonst unsere Freundschaft suchen und gegen die wir weder Zorn hegen noch Beschwerden haben. Da Europa unser Handelsmarkt ist, sollten wir keine partielle Verbindung mit irgendeinem seiner Teile eingehen. Es ist das wahre Interesse Amerikas, europäischen Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen, was es niemals könnte, solange es in seiner Abhängigkeit von Britannien zum ausschlaggebenden Gewicht auf der Waagschale der britischen Politik gemacht würde. [...]

Thomas Paine, Common Sense, Philadelphia 1776