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Grabstelle eines im Ersten Weltkrieg (vermutl. um 1916) gefallenen kanadischen Soldaten

9.5.2014 | Von:
Sönke Neitzel

Wie die Weltkriege entstanden

Die Schuldfrage

Bereits in den Julitagen 1914 – also noch bevor der erste Schuss gefallen war – stellten sich Zeitgenossen die Frage, wie es zu der folgenschweren Eskalation hatte kommen können. Und vor allem: Wer war der Schuldige? Zunächst zeigte jeder auf den anderen, und die Debatte kam nicht recht voran. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg legte der Hamburger Historiker Fritz Fischer mit zwei Aufsehen erregenden Büchern neue Dokumente vor, die beweisen sollten, dass Deutschland den Krieg geplant und gezielt im Sommer 1914 begonnen habe. Schließlich nahmen Historiker immer mehr Aspekte des Kriegsbeginns unter die Lupe: die Rolle Österreich-Ungarns, dann Frankreichs, Großbritanniens und zuletzt auch Russlands und Serbiens. Hinzu kamen die innenpolitischen Verwerfungen, der Einfluss herausragender Persönlichkeiten, der öffentlichen Meinung oder bestimmter gesellschaftlicher Gruppen.

Heute liegen Studien aller denkbaren methodischen Ausrichtungen zum Kriegsbeginn vor: Diplomatie-, sozial- und kulturgeschichtliche Arbeiten sind darunter ebenso wie Biografien oder Gesellschaftsanalysen. Es gibt Bücher, die die langen Wege in den Ersten Weltkrieg analysieren, ebenso wie solche, die mehr die Ereignisse unmittelbar vor dem Ausbruch im Blick haben. In den vergangenen 100 Jahren ist der Beginn des Ersten Weltkrieges in jeder denkbaren Variante durchdacht und analysiert worden. Der australische Historiker Christopher Clark hat zu Recht bemerkt, dass es mittlerweile mehr Bücher und Aufsätze über den Kriegsbeginn gibt, als ein Mensch in seinem Leben lesen kann. 1990 sollen es bereits über 25000 gewesen sein – mittlerweile dürften einige Tausend hinzugekommen sein. Eine abschließende, unstrittige Erklärung, warum es 1914 zum Weltkrieg kam, hat sich aber noch immer nicht finden lassen.

Quellentext

Der "Kriegsrat" 1912 – Auftakt zum Weltkrieg?

Wilhelm II. hatte ins Berliner Schloss "befohlen": am Sonntag, den 8. Dezember 1912, 11 Uhr. Anwesend waren der Staatssekretär des Reichsmarineamtes, Großadmiral Alfred von Tirpitz, der Chef des Admiralstabs, Vizeadmiral August von Heeringen, sowie der Chef des Generalstabs, General der Infanterie Helmuth Johannes Ludwig von Moltke (der Jüngere). […]
Der Chef des Kaiserlichen Marinekabinetts, Admiral Georg Alexander von Müller, war ebenfalls zugegen und hielt am Abend über die Besprechung in seinem Tagebuch fest, dass "Seine Majestät" beunruhigt gewesen sei. Der Botschafter in London, Karl Max Fürst von Lichnowsky, hatte ihm mitgeteilt, Lord Haldane – das "Sprachrohr" des britischen Außenministers Sir Edward Grey – habe dem deutschen Diplomaten bedeutet, "dass England, wenn wir Frankreich angriffen, unbedingt Frankreich beispringen würde, denn England könne nicht dulden, dass die Balance of power in Europa gestört werde". Der Kaiser begrüßte "diese Mitteilung als erwünschte Klärung der Situation denjenigen gegenüber, die sich von Pressefreundlichkeiten der letzten Zeit Englands sicher fühlten".

Das war eine kaiserliche Spitze gegen Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg und gegen den Staatssekretär des Auswärtigen Amts, Alfred von Kiderlen-Wächter, die sich einen regionalen Ausgleich erhofften durch die am 3. Dezember in London eröffnete internationale Botschafterkonferenz. […] (siehe Seite 7)

Ohne die politische Reichsleitung hinzuzuziehen, erläuterte der Kaiser seine Sicht der Dinge: "Österreich müsse den auswärtigen Slaven (den Serben) gegenüber kraftvoll auftreten, sonst verliere es die Macht über die Slaven" in der österreichisch-ungarischen Monarchie. Wenn Russland die Serben stütze, "wäre der Krieg auch für uns unvermeidlich". Man müsse sich um Verbündete für Österreich kümmern: Bulgarien, Rumänien, Albanien und "auch vielleicht die Türkei". Träten diese Mächte auf Österreichs Seite, "dann seien wir soweit frei, um den Krieg mit ganzer Wucht gegen Frankreich zu führen". Die Flotte müsse sich nun auf den Krieg gegen England einrichten. Der durch Heeringen "im letzten Vortrag erörterte Fall eines Krieges gegen Russland allein werde nach der Haldane'schen Erklärung außer Betracht bleiben". Stattdessen komme es zum Unterseebootkrieg gegen englische Truppentransporte in der Schelde beziehungsweise bei Dünkirchen sowie zum "Minenkrieg in der Themse". Daher forderte der Kaiser von Tirpitz "schleunige Mehrbauten von U-Booten".

Moltke meinte, ein Krieg sei unvermeidbar, "je eher je besser". Auch sollte "durch die Presse besser die Volkstümlichkeit eines Krieges gegen Russland" vorbereitet werden. Tirpitz warf ein, "dass die Marine gern das Hinausschieben des großen Kampfes um 1 ½ Jahre sehen würde". Moltke erwiderte, "die Marine würde auch dann nicht fertig sein und die Armee käme in immer ungünstigere Lage, denn die Gegner rüsteten stärker als wir, die wir mit dem Gelde sehr gebunden seien". Müllers Resümee der Besprechung lautete: "Das Ergebnis war so ziemlich 0."

Kaum ein anderes Schriftstück hat in den 1960er-Jahren eine größere Rolle in der geschichtswissenschaftlichen Auseinandersetzung über die Ursachen des Ersten Weltkriegs gespielt. Die Befürworter der These, dass das Deutsche Reich 1914 einen Angriffskrieg geplant habe, stützten sich auf jene Zusammenkunft, die Bethmann Hollweg abschätzig einen „Kriegsrat“ nannte. Fritz Fischer sprach in dem Buch "Krieg der Illusionen" (1969) von einem vollständigen Stimmungsumschwung im Dezember 1912 in Deutschland und von einem "vertagten Krieg". Allerdings schränkte er aufgrund der abschließenden Bemerkung aus dem Müller-Tagebuch über das "ziemlich Null"-Ergebnis ein: "Dem Kriegsentschluss entsprachen keine konkreten Überlegungen über die Voraussetzungen einer erfolgversprechenden Eröffnung des Krieges." […]

Michael Salewski machte vor einem Jahrzehnt in seiner Geschichte des Ersten Weltkrieges darauf aufmerksam, dass sich nirgendwo aus der Müller-Quelle der Wunsch herauslesen lasse, "den Krieg ohne Grund und gleichsam ex officio vom Zaun zu brechen". […]
Demgegenüber stellte John C. G. Röhl, Verfasser einer dreibändigen Biographie über Wilhelm II., 2008 fest, dass sich "die militärpolitische Besprechung jenes Sonntagvormittags reibungslos in einen Entscheidungsprozess einbetten" lasse, der 1914 in die Katastrophe führte. "Den Gegnern Fischers wäre es leichter gefallen, seine These von der Vertagung des Krieges zu widerlegen, wäre nicht der Weltkrieg just zu dem im Dezember 1912 anvisierten Zeitpunkt" herbeigeführt worden, unmittelbar nach dem Ausbau des Nord-Ostsee-Kanals (Kaiser-Wilhelm-Kanals) und auf dem Wege eines "Rassenkrieges" zwischen Österreich und Serbien.

Differenzierter urteilt Preußen-Kenner Christopher Clark jüngst in der Studie "The Sleepwalkers. How Europe went to war in 1914". Bethmann Hollwegs Bemerkung über den "Kriegsrat" sei "ironisch" gewesen, denn nicht auf den Kaiser, sondern auf den Kanzler sei es angekommen. Unmittelbare Folgen habe die Besprechung nicht gehabt, weil weder die von Moltke empfohlene Propagandaoffensive noch eine wirtschaftliche Vorbereitung auf einen Waffengang erfolgt sei. Das Treffen sei vielmehr eine "Episode" gewesen, und Wilhelm II. habe sich schon im Januar 1913 wieder beruhigt.

Rainer Blasius, "‚Je eher, je besser‘, meinte Moltke", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 8. Dezember 2012

Militarismus in Europa
[…] Krieg war um 1913 zwar ein akzeptiertes Mittel der Politik, das aber keineswegs bedenkenlos ins Kalkül gezogen wurde […].
[…] Das Militär verfügte in den meisten europäischen Staaten über ein hohes Ansehen und diente als Vorbild für Jugendorganisationen. Staatliche Festakte kamen kaum ohne Militärparaden aus, Veteranenverbände hielten die Erinnerung an vergangene Kämpfe aufrecht. Gleichwohl lässt sich diese große Präsenz des Militärischen nicht einfach als Zustimmung zum Krieg werten. […]

Militärische Traditionsvereine, die häufig in die lokale Festkultur integriert waren, erinnerten an militärische Werte und die kriegerische Geschichte. Veteranen genossen vor allem in Deutschland und Frankreich ein hohes Ansehen. Auch wenn sie vor einem Krieg warnten, weil sie seine Schrecken kennengelernt hatten, verbreiteten sie populäre Kriegserzählungen. Daneben existierten zwar zahlreiche unabhängige Jugendverbände, die sich vom militaristischen Gedankengut distanzierten. Doch auch sie waren bereit, die Nation zu verteidigen, sollte es zu einem Krieg kommen. In der Tat gehörten große Teile der europäischen Jugend paramilitärischen Verbänden an. Der 1911 gegründete Jungdeutschlandbund erfreute sich der tatkräftigen Unterstützung der Armee. Er gab die "Jungdeutschland-Post" heraus, in der es 1913 hieß: "Still und tief im deutschen Herzen muß die Freude am Krieg und ein Sehnen nach ihm leben, weil wir der Feinde genug haben." Auch in Frankreich erfreuten sich die sociétés de préparation militaire staatlichen Beistands. Beide Staaten banden die Jugendorganisationen um 1910 bei offiziellen Festakten verstärkt ein. In Großbritannien gab es in public schools und Universitäten ein militärisches Training, das auch bei den 1908 vom britischen General Robert Baden-Powell gegründeten boy scouts eine Rolle spielte.

Solche Entwicklungen riefen Kritik hervor. 1913 wurde in Den Haag der "Friedenspalast" eingeweiht, in dem das auf den Haager Friedenskonferenzen ins Leben gerufene Schiedsgericht zur friedlichen Beilegung internationaler Konflikte seinen Sitz nahm. Die Konferenzen hatten 1899 und 1907 stattgefunden und waren von Ideen der Friedensbewegungen inspiriert worden. Norman Angell, Jan Bloch, Ludwig Quidde, Charles Richet und Bertha von Suttner bildeten die publizistische Speerspitze des Pazifismus. Sie widersprachen der Ansicht von Militaristen wie Friedrich von Bernhardi und Gustave Le Bon, der Krieg sei ein natürliches Phänomen und wirke sich positiv auf die Entwicklung der Menschen aus. Die Pazifisten betonten vielmehr seine fatalen Auswirkungen. […]

In den militärischen Planungen aller Großmächte wurde betont, dass der Krieg von der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung unterstützt werden müsse – anders wäre ein moderner Volkskrieg nicht zu gewinnen. […] Die französische Regierung versuchte, für die großen Armeerüstungen von 1913 die Unterstützung breiter Bevölkerungsteile zu gewinnen, indem sie die Angst vor einem deutschen Überraschungsangriff, einer attaque brusquée, schürte. Da diese Kampagne in Wahrheit hauptsächlich innenpolitische Motive hatte – sie sollte die Exekutive stärken und richtete sich gegen die Linke –, trug sie eher zur gesellschaftlichen Spaltung als zur Versammlung der Öffentlichkeit hinter der Rüstungspolitik der Regierung bei. Zudem verschärfte sie den ohnehin erstarkenden Nationalismus und kräftigte die rechtsnationalen Verbände wie die Ligue d’Action française. In Deutschland hatten sich solche Verbände schon früher als gefährlich erwiesen. Sie forderten eine nationale Politik und agitierten offen für den Krieg, zur Not auch gegen die Reichsleitung. Daher war Kanzler Bethmann Hollweg äußerst zurückhaltend, 1913 eine Kampagne für die Aufrüstung zu entfesseln. Gleichwohl war der Geist aus der Flasche. Im Zuge der Rüstungsdebatte gründete sich der Deutsche Wehrverein, der zusammen mit dem Alldeutschen Verband oder dem Flottenverein (mit 1,1 Millionen Mitgliedern) und Teilen der Presse ins nationalistische Horn blies. In Großbritannien propagierten Navy League und National Service League (zusammen 300 000 Mitglieder) weitere Rüstungsanstrengungen und sorgten dafür, dass das Militär an Ansehen gewann. Waren manche dieser Verbände mit Billigung der Regierungen entstanden, wurde die Politik durch deren Agitation nun erheblich unter Druck gesetzt. Indem die nationalistischen Vereinigungen immer wieder die Notwendigkeit eines Krieges betonten, wollten sie die Kriegsbereitschaft erhöhen. Gegen eine solche bellizistische Stimmungsmache bezog vor allem die sozialistische und liberale Presse deutlich Position. […]

Christoph Nübel, "Bedingt kriegsbereit. Kriegserwartungen in Europa vor 1914", in: APuZ 12/2013, Seite 24 ff.


Die Vielzahl der Forschungen macht deutlich, dass es viele verschiedene Perspektiven auf die Entstehung des Ersten Weltkrieges gibt. Aus deutscher Sicht stellen sich die Dinge anders dar als aus serbischer; aus Sicht deutscher Sozialdemokraten anders als aus Sicht der britischen Liberalen; für Kaiser Wilhelm II. anders als für den russischen Zaren. Sobald man seinen Blickwinkel verändert, ergibt sich eine andere Perspektive. Es gibt also nicht die Geschichte vom Kriegsbeginn, dazu ist das ganze Phänomen zu kompliziert. Doch ist es möglich, einen Schuldigen zu benennen? Fritz Fischer ist es nicht gelungen nachzuweisen, dass Deutschland den Krieg seit 1912 bewusst geplant hat. Allerdings hätte Österreich-Ungarn ohne seinen mächtigen Bündnispartner nie gehandelt. Also ohne den deutschen "Blankoscheck" kein Erster Weltkrieg. Aber auch Russland hätte ohne Frankreich keinen Krieg mit Deutschland riskiert – also ohne die französischen Ermutigungen an St. Petersburg im Juli 1914 kein Erster Weltkrieg. Und Frankreich hätte wohl nicht so agiert, wenn es nicht sicher mit dem Eingreifen Großbritanniens gerechnet hätte. Und wenn Russland und Frankreich ihre Außenpolitik nicht an Serbien gebunden hätten – für das sie sich vor 1912 herzlich wenig interessiert hatten –, hätte der Brandherd auf dem Balkan niemals ganz Europa in Flammen setzen können. Und natürlich hätte die serbische Regierung das Attentat in Sarajevo verhindern können.

Jede der beteiligten Mächte hatte es im Juli 1914 in der Hand, ohne wesentlichen Ansehensverlust die Eskalation der Lage zu verhindern. Und wenngleich niemand einen Weltkrieg wollte, so spielten die Entscheidungsträger in den europäischen Hauptstädten doch mit dem Feuer. Sie waren wohl keine "Sleepwalkers" (engl. für Schlafwandler), wie Christopher Clark meinte, sondern Zocker. In ihrem riskanten Vabanquespiel war der Krieg für sie ein letztes Mittel der Politik.

Der Krieg war also das Ergebnis einer europäischen Krise, deren Ursachen mit dem Hochimperialismus, den sich immer weiter verschlechternden internationalen Beziehungen und schließlich den innenpolitischen und sozialen Krisen weit zurückreichten und an der alle ihren Anteil hatten. Eine besondere Rolle spielten dabei die Entscheidungsträger in den europäischen Hauptstädten – jeweils eine Gruppe von fünf bis zehn Personen (Monarchen, Kanzler, Außen- und Kriegsminister, Generalstabschefs) –, für die der Erhalt des Friedens keine Priorität besaß. Für Männer wie den deutschen Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg, den österreichisch-ungarischen Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf, den russischen Außenminister Sergej Dmitrievicˇ Sazonov, den französischen Präsidenten Raymond Poincaré oder den britischen Außenminister Edward Grey war Krieg im Sommer 1914 gewiss nicht das einzige, aber doch ein legitimes, teilweise sogar ein wünschenswertes Instrument zur Verbesserung der außenpolitischen Lage. Geradezu fatal wirkte sich aus, dass jeder dem anderen unterstellte, ein Bösewicht zu sein. Niemand von den Entscheidungsträgern war willens, das eigene Handeln kritisch zu reflektieren und sich in die Lage des anderen hineinzuversetzen. So blieb im Sommer 1914 nichts mehr von dem auf Konsens und Ausgleich angelegten Wiener System übrig, das 1815 nach dem Ende der Napoleonischen Kriege von den Großmächten etabliert worden war. So lautet zumindest eine Lesart, die einen Konflikt rückblickend als sehr wahrscheinlich erachtet.

Andere Interpretationen stellen dem internationalen Mächtesystem am Vorabend des Ersten Weltkrieges hingegen bessere Noten aus. Schließlich habe es 43 Jahre lang einen großen Krieg in Europa verhindert und dem Kontinent damit eine der längsten Friedensperioden seiner Geschichte beschert. Und wenn es im Juli 1914 nicht zum großen Knall gekommen wäre, so argumentieren manche, hätte Europa die Gefahrenzone hinter sich gelassen. Schließlich sei abzusehen gewesen, dass sich das deutsch-britische Verhältnis entspannt und das Verhältnis Großbritanniens und Frankreichs zu Russland merklich abgekühlt hätte. Die Karten wären also neu gemischt worden.

Quellentext

Europäische Bündnissysteme

Den Kern des europäischen Mächtesystems bildeten im 19. Jahrhundert die fünf Großmächte Großbritannien, Frankreich, Preußen-Deutschland, Österreich [seit 1867 Österreich-Ungarn] und Russland. Je nach Situation und Interessenlage gingen sie Allianzen ein, die zeitlich freilich begrenzt waren und deren Konstellationen sich rasch wieder verändern konnten. 1879 schlossen das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn den Zweibund ab und gingen damit zum ersten Mal ein langfristiges Bündnis ein, 1882 folgte ein Abkommen der beiden Länder mit dem Königreich Italien (Dreibund), 1894 schlossen Frankreich und Russland eine politisch-militärische Allianz. An den Grundkonstellationen der internationalen Beziehungen änderte dies noch wenig, da es sich um Defensivbündnisse handelte, die nur wirksam wurden, falls ein Partner von einer dritten Partei angegriffen wurde.

In den 1890er-Jahren begannen sich die internationalen Beziehungen jedoch grundlegend zu wandeln. Der Hochimperialismus infiltrierte zunehmend die öffentliche Meinung und die Politik der Großmächte. Sozialdarwinismus, übersteigertes Prestigedenken und überschäumender Nationalismus nährten überall in Europa die Vorstellung, in einem erbarmungslosen Wettkampf zu stehen, in dem sich nur der Stärkste würde behaupten können. Die Idee der friedlichen Koexistenz fand immer weniger Befürworter, bald gab es nur noch Freund oder Feind.
Großbritannien, das sich im 19. Jahrhundert traditionell von längerfristigen Bündnissen ferngehalten hatte, gab seine bisherige Politik der selbstgewählten diplomatischen Isolation auf und schloss zwischen 1902 und 1907 eine Reihe von Allianzen, um sein von allen Seiten bedrohtes Empire abzusichern. Den Auftakt markierte 1902 ein Pakt mit Japan, um die Position gegenüber dem Angstgegner Russland zu stärken. 1904 räumten Großbritannien und Frankreich ihre Streitigkeiten in Afrika aus, über die es 1898 fast zum Krieg gekommen war. Dieses Übereinkommen war mehr als nur ein Vertrag über die Abgrenzung kolonialer Einflusszonen. Er wurde schon damals als Entente cordiale bezeichnet, ein Begriff, der den Nagel auf den Kopf traf. Denn Großbritannien und Frankreich rückten fortan immer näher zusammen. Es gab geheime Militärplanungen und politische Absprachen. Obwohl London formal nicht an Paris gebunden war, entwickelte sich die Entente cordiale de facto zu einem richtigen Bündnis. Der Kriegseintritt auf Seiten Frankreichs am 4. August 1914 war eine logische Folge. Befördert wurde diese Entwicklung durch das immer unruhiger und taktloser agierende Deutsche Reich, das lautstark seine Rolle als neue Weltmacht einforderte.

1907 schloss London dann auch mit St. Petersburg einen Vertrag über den Interessenausgleich im Mittleren Osten, vor allem in Persien. Das Abkommen führte Großbritannien an das französisch-russische Bündnis heran. Erneut gab es zwischen den drei Ländern zwar keine formale Übereinkunft, gleichwohl aber die Überzeugung, in internationalen Fragen möglichst gemeinsam zu handeln und vor allem den Zweibund zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn in Schach zu halten. De facto war 1907 also eine Triple Entente entstanden.
Als Folge der Krise um die Annexion der bis dahin völkerrechtlich zum Osmanischen Reich gehörenden Gebiete von Bosnien und Herzegowina durch Österreich-Ungarn 1908 und infolge der beiden Balkankriege 1912/13 (s. a. Karte IV) festigte sich die Loyalität unter den Bündnispartnern immer mehr. Aus anfangs eher losen Defensivbündnissen und Kolonialverträgen formten sich zwei Blöcke – hier die Triple Entente, dort der Zweibund –, die am Vorabend des Ersten Weltkrieges wie Antipoden gegenüberstanden. Das internationale System hatte seine Flexibilität verloren. (siehe a. kl. Karte I)


Letztlich wissen wir nicht, wie die Geschichte weitergegangen wäre, wenn der Attentäter Gavrilo Princip am 28. Juni 1914 in Sarajevo danebengeschossen hätte. Die Geschichtsschreibung kann nur Plausibilitäten aufzeigen. Die europäischen Mächte waren im "langen 19. Jahrhundert", also in der Zeit von 1789 bis 1914, vor allem damit beschäftigt gewesen, Krieg in Übersee zu führen und die Welt in Besitz zu nehmen. Als der Globus aufgeteilt war, richtete sich die Aufmerksamkeit ab 1912 wieder auf Europa. Dass es nur zwei Jahre später zum Ersten Weltkrieg kam, kann im Rückblick eigentlich kaum überraschen, denn Krieg war nach wie vor ein akzeptiertes Mittel der Politik. Und wenn von Kriegen die Rede war, dachte niemand mehr an die verheerenden Kämpfe gegen Napoleon 1805 bis 1815, sondern an die kurzen Feldzüge von 1859, 1866 und 1870/71. Und so erschien es doch wahrscheinlich, dass die Spannungen der Großmächte über kurz oder lang zu einem großen Krieg führen konnten.

Situation vor dem Zweiten Weltkrieg

Nur 25 Jahre nach dem Ersten begann der Zweite Weltkrieg. Die eigentliche Wegscheide zwischen der Nachkriegszeit des Ersten und der Vorkriegszeit des Zweiten Weltkrieges war die seit 1929 grassierende Weltwirtschaftskrise. Sie führte zu gewaltigen ökonomischen und auch politischen Umwälzungen, die binnen weniger Jahre die Pariser Friedensordnung von 1919/20 auflösten, die den Ersten Weltkrieg beendet hatte. Mehr als jedes andere Ereignis veränderte die Wirtschaftskrise die Rahmenbedingungen, sodass die gewaltorientierte Expansionspolitik einzelner Staaten erfolgversprechend und die Entfesselung eines neuen großen Krieges möglich wurde. Der enorme Rückgang von Produktion und Welthandel führte zu hoher Arbeitslosigkeit und innenpolitischer Destabilisierung. Die Regierungen hatten keine Erfahrung zur Lösung einer derart einschneidenden Krise und flüchteten in den Protektionismus, also in den Schutz der eigenen Wirtschaft.

National-egoistische Versuche der Krisenbewältigung verringerten die Handlungsspielräume des internationalen Systems und verstärkten vor allem in den USA die Tendenz zum Isolationismus. Man schottete sich vom Ausland ab, hielt sich weitgehend von internationalen Verpflichtungen fern und konzentrierte sich auf die innerstaatlichen Eigeninteressen. Die gleichzeitig wachsende Entfremdung zwischen Paris und London schwächte beide Länder als Garantiemächte der Versailler Ordnung. Den immer schärfer vorgetragenen Revisionswünschen der Staaten, die sich als Verlierer des Ersten Weltkrieges empfanden – allen voran Deutschland, Italien und Japan – konnte man immer weniger entgegensetzen. Opfer dieser Politik waren kleine Staaten wie Österreich, die Tschechoslowakei oder Albanien, nicht selten selbst von Revisionsansprüchen geleitet, die sich auf das System der kollektiven Sicherheit verlassen hatten. Sie erlebten nun dessen Zusammenbruch, wie er sich in der dramatischen Einflusslosigkeit des 1920 gegründeten Völkerbundes und des Scheiterns der Genfer Abrüstungskonferenzen Anfang der 1930er-Jahre ankündigte.

Zwischenstaatliche Übergriffe in Asien, Afrika und Europa

Das erste Opfer der neuen Instabilität war die zu China gehörige Mandschurei, die japanische Truppen im September 1931 besetzten. Dieses Ereignis war nicht zuletzt deshalb von besonderer Bedeutung, weil die chinesischen Proteste gegen die gewaltsame Besetzung eines Gebietes von der Größe der heutigen Türkei ungehört verhallten. Die Ohnmacht des Völkerbundes hätte deutlicher kaum demonstriert werden können.
Die Konsequenzen ließen nicht lange auf sich warten. Spätestens seit 1935 kam es zu einer spürbaren Verdichtung zwischenstaatlicher Gewalt in Europa, Asien und Afrika. Zu erwähnen sind die Überfälle Italiens auf Abessinien (heute: Äthiopien, siehe auch Seite 14) 1935 und auf Albanien im April 1939, der erneute Angriff Japans auf China 1937 sowie die von deutscher Seite unter Bruch geltender Verträge durchgeführte kampflose Besetzung des entmilitarisierten Rheinlandes (1936), Österreichs (März 1938), des Sudetenlandes (Oktober 1938) und des tschechischen Reststaates (März 1939) (siehe a. Karte III).

Quellentext

Abessinienkrieg 1935/36

Massentod durch entfesselte Kriegsgewalt und Verfolgungsterror, durch die der Soziologe Wolfgang Sofsky das 20. Jahrhundert geprägt sieht, bestimmten auch die Geschichte Äthiopiens während der italienischen Fremdherrschaft. Italienischem Angriffskrieg und Besatzungsregime fielen von 1935 bis 1941 zwischen 350 000 und 760 000 der rund 10 Millionen Abessinier zum Opfer, wobei anzumerken ist, dass sich wegen fehlender statistischer Daten die genaue Opferzahl nie präzise wird ermitteln lassen. […] Tatsächlich wurde das zentrale Hochplateau Äthiopiens seit dem 3. Oktober 1935 zum Schauplatz des ersten kriegsbedingten Massensterbens seit der Gründung des Völkerbunds, dessen Mitgliedstaaten sich feierlich verpflichtet hatten, Konflikte untereinander mit friedlichen Mitteln beizulegen. […]
Mitte Dezember gingen Einheiten des kaiserlichen Nordheeres zu einer Gegenoffensive über und brachten die italienischen Streitkräfte zeitweise in arge Bedrängnis. Diese mussten viele ihrer Vorposten räumen, sich aus ganzen Ortschaften zurückziehen und von ihnen kontrollierte Pässe wieder aufgeben. […]

In dieser Situation kam es zur Entgrenzung des Krieges. Um den äthiopischen Vormarsch zu stoppen, entschieden sich "Duce" und Oberkommando für einen chemischen Krieg großen Stils. Am 22. Dezember wurden an der Nordfront erstmals Yperit-Bomben zum Einsatz gebracht, als Einheiten von Ras Immirù gerade im Begriff waren, den Takazze-Fluss zu überqueren. […]

Der wohl eindrücklichste Augenzeugenbericht aus äthiopischer Sicht stammt von Ras Immirù, der einen der ersten Angriffe mit knapper Not überlebt hatte: "[…] Es war der Morgen des 23. Dezember, und ich hatte eben den Takazze durchquert, als am Himmel einige Flugzeuge auftauchten. […] Diesen Morgen […] warfen sie keine Bomben ab, sondern merkwürdige Fässer, die, sobald sie den Erdboden oder das Wasser des Flusses berührten, zerbarsten und eine farblose Flüssigkeit in der Umgebung freisetzten. Bevor ich mir bewusst machen konnte, was da geschah, waren einige hundert meiner Männer durch die mysteriöse Flüssigkeit kontaminiert und schrien vor Schmerz, während sich ihre blossen Füsse, Hände und Gesichter mit Blasen bedeckten. Andere, die ihren Durst am Fluss gestillt hatten, wanden sich in einem Todeskampf, der Stunden dauerte, am Boden. Unter den Opfern befanden sich auch Bauern, die ihre Herden am Fluss getränkt hatten, und Leute aus benachbarten Dörfern. Meine Unterführer hatten sich inzwischen um mich geschart und fragten mich um Rat; aber ich war wie betäubt, sodass ich nicht wusste, was ich antworten sollte; ich war ratlos, wie man diesen Regen, der Brandverletzungen verursachte und tötete, bekämpfen konnte." […]

Schon in kleinsten Konzentrationen wirkt Yperit, besser bekannt unter seinem Namen Senfgas (oder englisch: "mustard gas"), tödlich. Im Juli 1917 von der kaiserlich-deutschen Feldartillerie erstmals gegen britische Einheiten in Form von Granaten nahe des belgischen Ypern abgefeuert, war es in der Mitte der dreißiger Jahre der am stärksten toxische unter allen damals bekannten Kampfstoffen. […] Insgesamt setzten die italienischen Streitkräfte während der heißen Phase des Krieges rund 300 Tonnen chemische Kampfstoffe ein. […]

Begünstigt wurde die Anwendung chemischer Waffen durch fünf Faktoren: erstens durch den politischen und militärischen Willen zur Entgrenzung des Krieges; zweitens durch die Tatsache, dass Abessinien keinen chemischen Gegenschlag führen konnte; drittens durch die gleichgültige Haltung des Völkerbunds und der Westmächte; viertens durch die große Gefechtsfelddistanz zwischen Bomberpiloten und ihren Opfern, durch das, was Wolfgang Sofsky "einseitiges Töten aus Distanz" genannt hat, und fünftens durch den unter den Invasoren grassierenden Rassismus, der in der Regia Aeronautica – jener Teilstreitkraft, die von allen Truppengattungen am stärksten von "faschistischem Geist" durchdrungen war – besonders ausgeprägt war. […]

Aram Mattioli, "Entgrenzte Kriegsgewalt. Der italienische Giftgaseinsatz in Abessinien 1935–1936", in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 3/2003, Seite 311 ff.


Von der Rheinlandbesetzung abgesehen, ging es bei all diesen Gewaltakten um mehr als bloße Revisionspolitik. Vielmehr zielten sie darauf ab, dem eigenen Land durch Eroberung kolonialer Ergänzungsräume oder durch Ausweitung des Kernstaates für künftige kriegerische Auseinandersetzungen eine günstige geostrategische Ausgangslage zu verschaffen. Diese Tendenzen schienen den Westmächten umso bedrohlicher, als sich damit eine gefährliche Verknüpfung der Krisenregionen Ostasiens, des Mittelmeerraumes und Mitteleuropas ergab, der die Großmächte Großbritannien und Frankreich immer weniger zu begegnen vermochten.

Schulterschluss der Expansionsmächte

Die Revisions- und Expansionsmächte demonstrierten hingegen immer wieder demonstrativ den Schulterschluss miteinander: Dies gilt für die Achse Berlin – Rom, die sich im Verlaufe des Abessinienkrieges und des Spanischen Bürgerkrieges herausbildete ebenso wie für den Antikomintern-Pakt, der 1936 zunächst zwischen Deutschland und Japan geschlossen und später um Italien und andere Mächte erweitert wurde, sowie für den deutsch-italienischen "Stahlpakt" vom Mai 1939. Obwohl, wie wir heute wissen, diese Abkommen weniger Ausdruck substanzieller politischer Gemeinsamkeiten waren als vielmehr pompöse Propagandafassaden, ergab sich aus dem Zusammenrücken der großen nationalistisch-expansionistischen Diktaturen in der zweiten Hälfte der 1930er-Jahre ein für die liberalen Demokratien Europas zunehmend beängstigendes Szenario. Italien – einst eifrige Kontrollmacht der Pariser Ordnung von 1919/20 – hatte sich auf die Seite Deutschlands gestellt, im Spanischen Bürgerkrieg drohte der Sieg der Faschisten unter Führung General Francisco Francos, und in Südosteuropa gerieten die meist autoritär regierten Klein- und Mittelstaaten immer mehr in den Sog des Deutschen Reiches.



Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache.

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