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Grabstelle eines im Ersten Weltkrieg (vermutl. um 1916) gefallenen kanadischen Soldaten

9.5.2014 | Von:
Sönke Neitzel

Wie die Weltkriege entstanden

Unterschiede in der Ausgangssituation 1914 und 1939

Die entscheidende Voraussetzung für den Zweiten Weltkrieg war somit ebenfalls eine Krise des internationalen Systems. Doch anders als 1914 gab es Anfang der 1930er-Jahre Großmächte, die vom Wunsch nach Expansion getrieben waren und einen Eroberungskrieg minutiös vorbereiteten. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges hatte es noch nicht einmal konkrete Ziele gegeben. Erst als die ersten Schlachten geschlagen waren, begannen allerorten die Planungen, was man denn überhaupt erreichen wollte. Hierbei gab es gewiss auch radikale Gedankenspiele, in denen mancher bereits eine Neuordnung Europas in Hitler´schen Dimensionen durchexerzierte. Man denke nur an die Schriften des rechtsextremen Alldeutschen Verbandes, einer 1891 gegründeten überparteilichen Bewegung, die radikal nationalistische Ziele verfolgte. Doch solche Vorstellungen waren nicht politikfähig – und zwar nicht nur in Deutschland. Die europäischen Kabinette wollten ihre Feinde, genauso wie es im 18. und 19. Jahrhundert üblich gewesen war, zwar nachhaltig schwächen und manche Grenze neu ziehen, es galt aber die politische Ordnung Europas im Wesentlichen beizubehalten.

Im Zweiten Weltkrieg hingegen traten die Revisionsmächte an, die Staatenordnung auf den Kopf zu stellen. Dabei kam Deutschland die wichtigste Rolle zu. Zum einen, weil das Kriegsziel der "rassischen" Neuordnung Europas am radikalsten war. Zum anderen, weil der im September 1939 von Hitler entfesselte Krieg die entscheidende Voraussetzung war, um die lokalen, nicht miteinander in Verbindung stehenden Konfliktherde in Europa, Afrika und Asien zu einen weltumspannenden Krieg zu verbinden. Keine andere Macht, weder Japan noch Italien und auch nicht die Sowjetunion, hätte alleine einen Krieg gegen eine andere Großmacht begonnen. Nur Hitler war notfalls bereit, alles auf eine Karte zu setzen, und so führte er den Kampf fort, auch nachdem Großbritannien und Frankreich ihm den Krieg erklärt hatten. Der US-amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt musste sich noch aus dem Konflikt heraushalten, weil die Öffentlichkeit in den USA kein Interesse an einem Engagement in Europa hatte. Erst nach seiner dritten Wiederwahl im November 1940 konnte er das Land auf einen Kriegseintritt vorbereiten. Italien erklärte sich für "nicht kriegführend" und trat nur aufgrund der unerwarteten deutschen Erfolge am 10. Juni 1940 in den Konflikt ein, womit sich der Kampf auf den Mittelmeerraum und Afrika ausdehnte. Gleiches gilt für Japan, dessen südostasiatische Expansionspolitik ohne die Niederlagen der Westmächte 1940 kaum vorstellbar gewesen wäre. Und auch Stalin nutzte die Gunst der Stunde, um 1939/40 Ostpolen, Finnland, die drei baltischen Staaten und Bessarabien zu besetzen.

Die internationale Lage stellte sich 1939 also durchaus anders dar als 1914, als es weder so radikale Kriegsziele noch einen so unbändig zum Krieg entschlossenen Diktator gab. Unvermeidbar war freilich keiner der beiden Kriege. Etwas mehr Flexibilität des internationalen Systems hätte den Ersten leicht verhindern können. Die Abkehr von der Appeasementpolitik und ein entschlosseneres Handeln von Briten und Franzosen – beispielsweise bei der Rheinlandbesetzung 1936, mit der Deutschland den Locarno-Vertrag von 1925 brach – hätte Hitlers aggressiver Außenpolitik schnell ein Ende bereiten können. Doch aus heutiger Sicht ist es allzu leicht, alternative Szenarien zu entwickeln. Angesichts der damaligen Prämissen musste den politischen Akteuren der Jahre 1914 oder 1936 ihr Handeln schlüssig erscheinen.

Erst mit der sogenannten Zerschlagung der Tschechoslowakei im März 1939 erkannten die Westmächte schließlich, dass mit Hitler keine Verständigung möglich war, und bereiteten sich auf einen Krieg vor. Als die Wehrmacht am 1. September 1939 Polen überfiel, machten sie Ernst und erklärten – wie angedroht – Deutschland zwei Tage später den Krieg. Großbritannien war nicht länger bereit zuzusehen, wie die Landkarte Europas mit Gewalt neu gestaltet wurde. Es folgte damit seinem traditionellen Kalkül, sich in einem kontinentalen Krieg gegen den potenziellen Hegemon zu stellen. Um Weltanschauungen ging es den Briten und Franzosen Anfang September 1939 also nicht. Kaum jemand konnte sich zu diesem Zeitpunkt vorstellen, welch radikale Pläne NS-Deutschland verfolgte. Und auch jetzt hätte alles noch ganz anders kommen können: Wenn der schwäbische Schreinergeselle Georg Elser am Abend des 8. November 1939 mit seinem Attentat auf Adolf Hitler in München genauso viel Glück gehabt hätte wie Gavrilo Princip 25 Jahre zuvor in Sarajevo – der Zweite Weltkrieg wäre womöglich zu Ende gewesen, noch bevor er richtig begann.


Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache.

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