Grabstelle eines im Ersten Weltkrieg (vermutl. um 1916) gefallenen kanadischen Soldaten

9.5.2014 | Von:
Sönke Neitzel

Der Globale Krieg

Dimensionen des Zweiten Weltkrieges

Der Krieg im Pazifik

Der Zweite Weltkrieg überstieg auch in seiner geografischen Ausdehnung den Ersten bei weitem. 63 Staaten nahmen nominell an ihm teil, und mit dem Pazifik gab es ein zweites Zentrum des Krieges, auf das mindestens 40 Prozent der Kriegstoten entfallen. In Deutschland ist der Krieg in Ostasien bislang nur wenig beachtet worden. Nur wenige wissen, dass China nach der Sowjetunion die höchste Zahl an Toten zu beklagen hatte. Spricht man hierzulande vom Zweiten Weltkrieg, kommen einem Auschwitz, Stalingrad oder Dresden in den Sinn, nicht aber Nanking, Midway oder Tokio. Vielfach bekannt ist, dass am 6. Juni 1944 die Alliierten in der Normandie landeten – nicht zuletzt aufgrund der Verfilmungen mit John Wayne (The Longest Day, 1964) und Tom Hanks (Saving Private Ryan, 2004). Doch wer weiß schon, dass die Amerikaner nur neun Tage später mit einer gewaltigen Streitmacht auf den Marianen landeten und damit die letzte Kriegsphase auch im Pazifik einleiteten? Das Gros der japanischen Flotte wurde dort vernichtet, und es war nicht zuletzt der erbitterte Widerstand der Japaner auf der Marianen-Insel Saipan, der die Amerikaner in der Ansicht bestätigte, nur mit der Atombombe die japanische Kapitulation erzwingen zu können. Die B-29 Bomber, die im August 1945 Hiroshima und Nagasaki in Schutt und Asche legten, waren im Übrigen auch von den Marianen aus gestartet.

Die Expansion Japans

Doch worum ging es im Krieg im Pazifik, und wie hing dieser mit dem Konflikt in Europa zusammen? Jahrhundertelang hatte sich Japan konsequent von jedem Kontakt mit der Außenwelt abgeschlossen und spielte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts im internationalen Mächtesystem keine Rolle. Von den Amerikanern 1854 gewaltsam zur Öffnung gezwungen, erkannte man in Tokio rasch die Unterlegenheit der eigenen Gesellschaftsordnung. In Verwaltung, Wirtschaft, Justiz und Militär wurden Reformen nach europäischem Vorbild angestoßen, die das Land innerhalb weniger Jahrzehnte von einem mittelalterlichen Feudalstaat in einen modernen Industriestaat verwandelten.

Als Japan 1894/95 China in einem kurzen Krieg besiegte, wurden die europäischen Großmächte zum ersten Mal auf die neue ostasiatische Macht aufmerksam. Argwöhnisch verhinderten Russland, Frankreich und Deutschland, dass die Japaner nach ihrem Sieg auf dem chinesischen Festland Fuß fassten. Doch der Expansionsdrang des rohstoffarmen Landes war nicht zu bremsen. 1904/05 besiegten die japanischen Streitkräfte Russland. Niemand hätte in Europa mit einem solchen Erfolg gerechnet. Nun konnte Japan der Sprung auf den asiatischen Kontinent nicht mehr verwehrt werden. Es sicherte sich im Frieden von Portsmouth/USA die Mandschurei als wirtschaftliche Einflusszone, annektierte mit Port Arthur und Dairen zwei wichtige Häfen in Nordostchina und annektierte 1910 Korea. Damit hatte sich Tokio endgültig aus der Gängelung durch die europäischen Großmächte befreit und war zu einer neuen Regionalmacht aufgestiegen.

Der Erste Weltkrieg, an dem Japan an der Seite der Entente teilnahm, bot dann die günstige Gelegenheit, weiter zu expandieren. Das erste Ziel waren die abgeschnittenen deutschen Kolonien. Tsingtau fiel nach hartem zweimonatigem Kampf im November 1914. Die weit gestreckten deutschen Inselbesitzungen nördlich des Äquators von Palau im Westen bis zu den Marshallinseln im Zentralpazifik ließen sich kampflos besetzen. Daneben strebte Japan wieder danach, seinen Einfluss in China auszudehnen, was diesmal allerdings die USA zu verhindern wussten. Japan konnte sich schließlich nur wirtschaftliche Konzessionen und Eisenbahnrechte sichern.

Nach dem Ersten Weltkrieg erlebte das Land dann eine innenpolitische Radikalisierung, welche die Zivilgewalt erheblich schwächte. So wurde der Mukden-Zwischenfall im September 1931, der zur Eroberung der Mandschurei führte, von örtlichen Militärbefehlshabern inszeniert, die der politischen Kontrolle Tokios entglitten waren. Auch der Entschluss vom Juli 1937, das vom Bürgerkrieg geschwächte China anzugreifen, geht wesentlich auf den Einfluss der Armee zurück. Der zweite chinesisch-japanische Krieg verlief jedoch nicht wie erwartet. Zwar gelang es rasch, weite Teile der Küstenregion zu besetzen. Im Westen und Südwesten konnten sich die nationalchinesischen Streitkräfte unter Chiang Kai-shek jedoch behaupten, während in den japanisch besetzten Gebieten Mao Tse-tungs kommunistische Einheiten Widerstand aus dem Untergrund leisteten. Ein langer Abnutzungskrieg begann. Die weiteren Expansionspläne auf dem Kontinent erhielten auch durch die herben Niederlagen einen erheblichen Dämpfer, die die japanischen Streitkräfte 1938/39 in zwei blutigen Grenzkriegen mit der Sowjetunion hinnehmen mussten.

Als die Wehrmacht 1940 die Niederlande und Frankreich überrannte und auch Großbritannien an den Rand einer Niederlage drängte, hatte dies erhebliche Folgen für die Lage in Ostasien. Die europäischen Kolonialreiche waren durch die Niederlagen der Mutterländer kaum mehr zu verteidigen, und dies gab den Anstoß für eine strategische Umorientierung Tokios. Schließlich entschied sich die japanische Führung, fortan ihren Einflussbereich nicht kontinental, sondern maritim zu erweitern. In Südostasien sollten Rohstoffquellen erschlossen und Japan damit unabhängig von US-Importen gemacht werden. Seit Sommer 1941 liefen zwischen Tokio und Washington intensive Verhandlungen.

Die Gegenwehr der Vereinigten Staaten

Auf US-amerikanischer Seite tat man sich schwer, die komplizierten innerjapanischen Entscheidungsprozesse zu durchschauen. Spätestens als Japan im Juli 1941 in den Süden Französisch-Indochinas einrückte und damit über eine ideale Ausgangsbasis für die Besetzung Südostasiens verfügte, zweifelte Washington nicht mehr an Tokios Entschlossenheit zum Krieg. Die Wirtschaftssanktionen wurden entsprechend verschärft, was die Eskalation weiter vorantrieb. Der endgültige Entschluss Japans zum Krieg gegen die USA fiel aber erst in den letzten Novembertagen 1941.

Quellentext

Kriegserklärung des japanischen Kaisers

The Emperor of Japan, upon the Throne of a line of Emperors unbroken for ages eternal, blessed with Divine Grace hereby presents to you loyal and courageous subjects:
I do hereby declare war upon America and England. Officers and men of our Imperial Army and Navy exert your utmost and go forth into battle. Officials and authorities of Our Government attend to your duties honestly and conscientiously. […]

It has been primarily the glorious and traditional policy of the Imperial Family to contribute to the peace of the world by consolidating and maintaining stability in East Asia. This policy I have faithfully pursued. The constant gist of diplomatic relations of the Empire with the powers of the world has been based upon mutual sharing of prosperity and the promotion of sincere and friendly contacts. But now, unfortunately we have begun hostilities with America and England. It is indeed an unavoidable happening. But it was not my wish that China, not understanding the true motive of the Empire, should indiscriminately take up arms, disturbing the peace of East Asia, and finally forcing the Empire to retaliate with military force. Over four years have passed since then. Fortunately, the National Government has been newly set up. The Empire of Japan has taken up a friendly attitude of good-neighborliness regime in Chungking, dependent upon support from America and England, has forced brother against brother to harbor ill-will against each other from opposite sides of the fence. Hiding under the fair name of peace, America and England are aiding the remaining regime, prolonging the disorder in East Asia and making rampant their inordinate desire of controlling the Orient. Furthermore, they have inveigled the other powers into strengthening their military preparations around Japan, and have taken a challenging attitude towards us. They further placed every obstacle in the way of peaceful commercial endeavors of the Empire, and finally, boldly cut off economic relations, which seriously threatened the very existence of our country. I have strived through the Government to restore conditions back to normal while there was yet peace. I have had patience for a long time, but not having the spirit of mutual concession, they have needlessly delayed the solution to the situation. During this time they have, instead, greatly increased the economic and military threat, striving to force us into submission. The course of affairs has progressed thus far. The years of effort which the Empire has spent in endeavoring to establish stability in East Asia have come to naught, and the Empire faces a dire crisis due to the trend of incidents up to this point. For self-preservation, there is nothing left to do but to spring up in arms and smash all obstacles before us.

By the Divine Spirits of Our Imperial Ancestors Above, I have faith and trust in the loyalty and courage of my subjects, to enlarge upon the great work which the Imperial Ancestors have left us, and immediately weed out the roots of disaster, firmly establishing everlasting peace in East Asia and preserving the glory of the Empire.

IMPERIAL NAME, IMPERIAL SEAL, Dec. 8, 1941

The National Archives, London – WO208/2300 Dieses Dokument wird in englischer Übersetzung wiedergegeben, weil eine verlässliche deutsche Übersetzung nicht verfügbar war.


Der japanische Kriegsplan von 1941 ähnelte jenem von 1904/05, der zum schnellen Sieg über das Zarenreich geführt hatte. Mit einem Überraschungsangriff sollte die feindliche Flotte ausgeschaltet werden, um nach einer kurzen Phase territorialer Eroberungen in Verhandlungen einzutreten. Die japanische Führung konnte sich nicht vorstellen, dass die USA für Asiaten in den Krieg ziehen würden, denen – wie im Falle der Philippinen – ja ohnehin schon die Freiheit von der "weißen" Kolonialherrschaft versprochen war. Doch die Vereinigten Staaten waren keinesfalls bereit, zu verhandeln und ein Imperium des japanischen Kaisers, des Tenno, in Ostasien zu akzeptieren. Obgleich der Krieg mit spektakulären Erfolgen der japanischen Streitkräfte begann – am 7. Dezember 1941 wurde das Gros der US-Pazifikflotte im hawaiianischen Pearl Harbor ausgeschaltet, und binnen weniger Monate wurden die Philippinen, Burma, Malaysia und Indonesien erobert –, hatte Japan niemals eine Chance, den Kampf für sich zu entscheiden. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die USA ein ausreichendes Militärpotenzial aufgebaut hatten, um ihren Gegner niederzuringen.

Japan und NS-Deutschland – ein schwieriges Bündnis

Nicht unerheblich für den Entschluss Tokios zum Angriff auf die USA war die Zusage Hitlers, den Vereinigten Staaten ebenfalls den Krieg zu erklären – was er am 11. Dezember 1941 dann auch tat. Ihm war bewusst, dass US-Präsident Franklin D. Roosevelt seit seiner Wiederwahl im November 1940 darauf drängte, auf Seiten der Briten in den Krieg einzugreifen. Die USA unterstützten Großbritannien massiv mit Waffenlieferungen, und seit Herbst 1941 eskortierten US-Kriegsschiffe britische Konvois im Atlantik. Über kurz oder lang würde es zum Kriegseintritt der Vereinigten Staaten kommen – und da war es nach Hitlers Kalkül besser, wenn Japan die USA von Europa ablenkte.

In der Tat schien sich die Lage für die Alliierten im Frühjahr 1942 erheblich verschlechtert zu haben. Die Japaner überrannten ganz Südostasien und eroberten am 15. Februar 1942 die Festung Singapur, seit 1819 das Zentrum britischer Machtentfaltung in der Region. Ceylon wurde bombardiert, und die britische Flotte floh nach Kenia. Der Indische Ozean war kaum mehr zu verteidigen (siehe a. Karte VII).
Zum gleichen Zeitpunkt plante die Wehrmacht den Vorstoß in den Kaukasus, und Erwin Rommels Truppen drängten von Libyen aus in Richtung Kairo und Nahem Osten. Selbsternannte Strategen entwarfen Pläne, wie die Wehrmacht von der Sowjetunion und Ägypten aus in Richtung Indien vorstoßen sollte, um sich dort mit den Japanern zu vereinigen und das britische Weltreich aus den Angeln zu heben. "Die Herren träumen in Kontinenten", kommentierte der Generalstabschef des Heeres Franz Halder das realitätsferne Wunschdenken. Abgesehen von der logistischen Unmöglichkeit solch weitreichender Vorstöße, gelang es noch nicht einmal, die Kriegsplanungen der beiden Bündnispartner zu koordinieren. Als Rommel im August 1942 vor den Toren Kairos stand, bayerische Gebirgsjäger auf dem 5400 Meter hohen Elbrus, dem höchsten Berg des Kaukasus, die Hakenkreuzfahne hissten und in Indien ein Aufstand gegen die britische Besatzungsmacht ausbrach, hatte sich Japan schon wieder vom Indischen Ozean abgewandt und musste sich der ersten US-Gegenoffensive auf der Salomonen-Insel Guadalcanal erwehren.

Auch später gelang es nicht, zu einer gemeinsamen Strategie zu finden, was auch daran lag, dass die Vorstellungswelt der politischen und militärischen Führung des Deutschen Reiches letztlich auf den europäischen Kontinent beschränkt blieb und sie niemals eine adäquate Strategie für einen Weltkrieg zu entwickeln vermochte. Zudem misstrauten sich die Bündnispartner. Als Singapur fiel, soll Hitler bemerkt haben, dass dies eine herbe Niederlage für die "weiße Rasse" sei, und als ab 1943 deutsche U-Boote vom japanisch besetzten Penang aus operierten, war das Misstrauen den "Weißen" gegenüber unübersehbar.

Japan und Deutschland führten ihre eigenen Kriege, und Hitler wollte auch von den japanischen Vorschlägen nichts wissen, er möge doch mit der Sowjetunion Frieden schließen, um alle Kraft auf den Kampf gegen die Westmächte zu konzentrieren. Eine Koordinierung der Kriegsanstrengungen war schon aus logistischen Gründen viel schwieriger als bei den Alliierten. Wie sollte man überhaupt von Berlin nach Tokio kommen? Eine Flugverbindung war technisch zwar möglich, und im Sommer 1942 flog ein italienisches Langstreckenflugzeug von Odessa bis nach Tokio und wieder zurück. Aber den Japanern war nicht recht, dass dabei sowjetisches Gebiet überquert wurde, denn sie hatten im April 1941 zur Absicherung des Vorstoßes nach Südostasien mit der Sowjetunion einen Neutralitätspakt geschlossen und wollten jede Provokation unbedingt vermeiden. Der Flug eines japanischen Langstreckenflugzeuges, das von Singapur aus bis nach Rhodos fliegen sollte, endete im Fiasko. Am 1. August 1943 startete die Maschine und verschwand spurlos. Die einzige stabile Verbindung zwischen Berlin und Tokio war der Funkverkehr, der aber von den Briten mitgelesen werden konnte.

Es war der Krieg im Pazifik, der die globale Dimension des Zweiten Weltkrieges unterstrich. Das politische Gefüge geriet nicht nur in Europa in Bewegung, sondern gerade auch in Asien. Der Aufstieg Chinas zur neuen kommunistischen Großmacht, die Spaltung Koreas, das Ende der europäischen Kolonialreiche, das in Asien seinen Anfang nahm, sind wichtige Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges. Vergessen werden sollten aber auch nicht die tiefgreifenden Auswirkungen auf die Menschen im pazifischen Raum. Vom Norden Chinas bis nach Ozeanien fielen Millionen Menschen den Kriegshandlungen zum Opfer. Und hier kapitulierte auch der letzte Soldat des Zweiten Weltkrieges: Am 9. März 1974 ergab sich der japanische Leutnant Onoda Hiro auf der Philippineninsel Lubang.


Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache.

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