Grabstelle eines im Ersten Weltkrieg (vermutl. um 1916) gefallenen kanadischen Soldaten
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Völkermord


9.5.2014
Kriege senken die Hemmschwelle für Gewaltaktionen gegen missliebige oder als feindlich eingestufte Bevölkerungs- gruppen und ebnen den Weg zu "ethnischen Säuberungen". Der Zweite Weltkrieg ist eine wichtige Voraussetzung für die Radikalisierung der NS-Führung, die sehr bald dazu entschlossen ist, alle europäischen Juden zu ermorden.

Mit Beginn des Krieges münden die Bestrebungen, "die Judenfrage zu lösen", in Deportationen in die von den Deutschen besetzten Gebiete im Osten. Hanauer Bürger, die zur Kennzeichnung auf ihrer Kleidung den "Judenstern" tragen müssen, besteigen 1942 unter polizeilicher Bewachung einen Zug nach Theresienstadt.Mit Beginn des Krieges münden die Bestrebungen, "die Judenfrage zu lösen", in Deportationen in die von den Deutschen besetzten Gebiete im Osten. Hanauer Bürger, die zur Kennzeichnung auf ihrer Kleidung den "Judenstern" tragen müssen, besteigen 1942 unter polizeilicher Bewachung einen Zug nach Theresienstadt. (© akg-images)

Ein Jahrhundert der Gewalt, so wird das 20. gemeinhin bezeichnet. Zu dieser Zuschreibung kam es nicht nur aufgrund des Sterbens auf den Schlachtfeldern, sondern vor allem wegen der Völkermorde: dem Genozid an den Juden, aber auch dem Völkermord im Osmanischen Reich 1915/16, in Kambodscha 1975-1978 und in Ruanda 1994, um hier nur die bekanntesten zu nennen.

Massenmorde sind gewiss keine Besonderheit des 20. Jahrhunderts, man denke nur an die Ausrottungsfeldzüge der Assyrer (im 9. und 7. Jahrhundert v. Christus im heutigen Nahen Osten) oder die Massenmorde der Kreuzfahrer im Mittelalter. In der Moderne veränderten sich gleichwohl der Charakter und der Rahmen der Gewalt grundlegend. Einerseits führten neue Technologien, bürokratische Rationalität, massenmediale Propaganda und radikale Ideologien zu komplexen Planungs- und Organisationsprozessen, die es zuvor nicht gegeben hatte. Völkermorde – nun meist staatliche Verbrechen – erreichten auch deshalb eine neue quantitative Dimension. Andererseits gab es seit dem 19. Jahrhundert den Versuch, Massengewalt durch verbindliche Rechtsnormen einzugrenzen. Über den Erfolg kann man streiten, gleichwohl veränderte sich dadurch zumindest die Bewertung von Verbrechen. Massenmorde galten nunmehr als elementare Verstöße gegen die internationale Rechtsordnung.

Um den neuen Charakter der Massengewalt zu beschreiben, prägte der Jurist und Friedensforscher Raphael Lemkin 1944 den Begriff "Genozid", den er aus dem griechischen Wort génos (griech. für "Geschlecht") und dem lateinischen caedere (töten) zusammensetzte. Er bezog sich dabei vor allem auf die Ermordung der europäischen Juden. Allerdings konnte sich die Forschung bislang nicht darauf einigen, was unter einem "Genozid" genau zu verstehen ist. Auch die UN-Konvention von 1948 "on the Prevention and Punishment of the Crime of Genocide" lieferte keinen brauchbaren analytischen Begriff, da es sich bei der ihr zugrundeliegenden Definition um einen politisch motivierten Kompromiss der Großmächte handelte, der etwa bestimmte Formen kolonialer Gewalt oder die Massenmorde in der Sowjetunion bewusst ausklammerte. Die Exzesse der Gewalt sind selbst im 20. Jahrhundert so unterschiedlich, dass es wenig sinnvoll erscheint, sie unter einem Begriff zu subsumieren. Man denke etwa an die Niederschlagung des Herero-Aufstandes 1904/05 im damaligen Deutsch-Südwestafrika, die Kollektivierung der ukrainischen Bauern 1929-33, die Massenexekutionen von Republikanern durch die Anhänger General Francos im spanischen Bürgerkrieg (1936-39), die "killing fields" der Roten Khmer in Kambodscha (1975-78) oder die Ermordung von 800 000 Menschen, überwiegend Tutsi, in Ruanda 1994. Jenseits der Fragen um Begriffe und Vergleiche geht es im Folgenden um die Analyse von zwei Phänomenen der Massengewalt, denen im Zeitalter der Weltkriege eine besondere Bedeutung zukommt.



 

Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache. Weiter...