Grabstelle eines im Ersten Weltkrieg (vermutl. um 1916) gefallenen kanadischen Soldaten

9.5.2014 | Von:
Sönke Neitzel

Völkermord

Die Vertreibung und Ermordung der Armenier

Bereits im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts kam es im Osmanischen Reich zu gewaltsamen Spannungen zwischen den muslimischen Türken und den christlichen Armeniern, die vor allem in Ostanatolien an der Grenze zu Russland und Persien siedelten. Seit dem Berliner Kongress 1878 war die "Armenische Frage" ein Thema auch auf der Bühne der internationalen Politik. Nachdem 1894/96 und 1909 rund 200 000 Armenier in Pogromen ermordet worden waren, erzwangen die Großmächte unter Führung Russlands schließlich ein Reformprogramm, das den Armeniern eine begrenzte Autonomie im Osten des Osmanischen Reiches gewähren sollte.

Der Erste Weltkrieg stoppte diese Pläne und führte dann zur entscheidenden Radikalisierung der türkischen Armenierpolitik. Sie wurde bestimmt von den Jungtürken, einer nationalistisch-reformistischen Gruppierung, die zwischen 1908 und 1918 die führende politische Kraft im Osmanischen Staat war. Das nationalistische Motiv, die Vorherrschaft der Türken in dem osmanischen Vielvölkerstaat mit allen Mitteln durchzusetzen, verband sich mit der aus der Kriegssituation geborenen Auffassung, dass die an der Grenze zu Russland siedelnden Armenier ein Sicherheitsrisiko seien. Dies war insofern nicht ganz falsch, als diese nach mehr Autonomie strebten, im Zuge der türkisch-russischen Grenzkämpfe 1914/15 in der Tat mit dem Zarenreich sympathisierten und in wenigen Fällen auch die Truppen des Zaren unterstützt hatten. In Konstantinopel wurden bereits kurz nach dem Eintritt des Osmanischen Reiches in den Ersten Weltkrieg am 5. November 1914 die armenischen Staatsbediensteten entlassen. Nachdem die türkischen Offensiven unter hohen Verlusten abgewehrt waren und russische Einheiten ihrerseits in den äußersten Osten des Osmanischen Reiches vordrangen, rebellierten armenische Deserteure, deren Widerstand brutal niedergeschlagen wurde.

Dies war ein willkommener Vorwand, um die in der jungtürkischen Führung lange Zeit vorgedachte ethnische Säuberung Ostanatoliens umzusetzen. In der Nacht vom 24./25. April 1915 begann eine Verhaftungswelle, die zunächst armenische Intellektuelle in Konstantinopel betraf. Einen Monat später wurde die Deportation der Armenier aus ihren seit Jahrhunderten angestammten Siedlungsgebieten in die syrische Wüste angeordnet. Hunderttausende starben entweder auf den Märschen oder aber in gezielten Massakern vor Ort, denen vor allem die Männer zum Opfer fielen.

Die wichtigsten Kollaborateure des jungtürkischen Regimes, das von 1913 bis 1918 diktatorisch herrschte, waren die örtlichen kurdischen Stämme. Religiöse Motive standen dabei wohl nicht im Vordergrund, sondern eine Mischung aus Befehlen, Aussicht auf Beute und Straffreiheit bei der Ausübung von jedweden Grausamkeiten. Die Intention Konstantinopels war es, die Armenier zu dezimieren, aber wohl nicht, sie vollständig auszulöschen, so wie es Hitler mit den europäischen Juden vorhatte. Von offizieller türkischer Seite wird der Genozid bis heute bestritten. Die Deportationen werden mit der militärischen Notwendigkeit begründet, eine staatsfeindliche Bevölkerungsgruppe aus dem Frontgebiet zu evakuieren. Die Opferzahl wird mit 150 000 angegeben. Schätzungen westlicher Wissenschaftler gehen von bis zu 1,5 Millionen Toten aus.

Quellentext

Ein Brief und eine Reaktion

Der Botschafter in außerordentlicher Mission in Konstantinopel (Wolff-Metternich) an den Reichskanzler (Bethmann Hollweg)

Bericht
Nr. 711
Pera, den 7. Dezember 1915

Antwort auf Erlass No. 857, Erlass No. 855 und Telegramm No. 2401.
Ich habe die Armeniergreuel im Laufe der letzten Woche mit Enver Pascha, mit Halil Bey und heute mit Djemal Pascha ernstlich besprochen und darauf hingewiesen, dass Unruhe und Empörung auch im befreundeten Ausland und in Deutschland weite Kreise ergriffen habe und der türkischen Regierung schliesslich alle Sympathien entziehen würde, wenn nicht Einhalt geschehe. Enver Pascha und Halil Bey behaupten, dass keine ferneren Deportationen – insbesondere nicht aus Konstantinopel – beabsichtigt seien. Sie verschanzen sich hinter Kriegsnotwendigkeiten, dass Aufrührer bestraft werden müssten, und gehen der Anklage aus dem Wege, dass Hunderttausende von Frauen, Kindern und Greisen ins Elend gestossen werden und umkommen. Djemal Pascha sagt, dass die ursprünglichen Anordnungen notwendig gewesen seien, ihre Ausführung aber schlecht organisiert worden sei. Er leugnet nicht, dass infolgedessen traurige Zustände herrschten, die er durch Zuführung von Lebensmitteln und Geld zu lindern bestrebt sei. Es ist dies richtig. Seine Etappenstrasse bei Aleppo ist infolge des Elends der Flüchtlinge verseucht, und er sucht nach Abhülfe, hat auch mehrere Personen, die die Flüchtlinge bestohlen haben, aufhängen lassen. Oberst von Kress, der Chef des Stabes Djemals, sagt mir, dass das Elend jeder Beschreibung spotte und alle Schilderungen übertreffe. Dabei wird im Lande verbreitet, die Deutschen wünschten die Massakres.
Ich habe eine äusserst scharfe Sprache geführt. Proteste nützen nichts, und türkische Ableugnungen, dass keine Deportationen mehr vorgenommen werden sollen, sind wertlos.
Von vertrauenswürdiger Seite erfahre ich, dass nach Auskunft des hiesigen Polizeipräsidenten, die ich bitte, geheim zu halten, auch aus Konstantinopel neuerdings etwa 4000 Armenier nach Anatolien abgeführt worden sind und dass mit den 80 000 noch in Constantinopel lebenden Armeniern allmählich aufgeräumt werden soll, nachdem schon im Sommer etwa 30 000 aus Konstantinopel verschickt und andere 30 000 geflohen sind. Soll Einhalt geschehen, so sind schärfere Mittel notwendig. Ich schlage daher folgende Veröffentlichung in der "Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" vor, mit der Weisung an mich, dass sie im Auftrage der Kaiserlichen Regierung erfolgt sei:
"Infolge der zahlreichen Nachrichten, die über das traurige Loos der aus ihren bisherigen Wohnstätten nach anderen Gegenden umgesiedelten armenischen Bevölkerung der Türkei zum Teil aus der ausländischen Presse nach Deutschland gelangt sind, hat in weiten Kreisen des deutschen Volkes eine zunehmende Beunruhigung Platz gegriffen. Wenn schon es jedem Staate, zumal in Kriegszeiten, frei stehen muss, gegen aufrührerische Elemente seiner Bevölkerung mit aller Strenge des Kriegsrechts vorzugehen, so muss es bei Ausführung der zur Sicherheit des Staates erforderlichen Massnahmen doch vermieden werden, dass unter dem Verschulden Einzelner ein ganzer Volksstamm einschliesslich Greisen, Frauen und Kindern zu leiden hat.
Mit Rücksicht auf die engen freundschaftlichen Beziehungen, die durch das Bündnisverhältnis zwischen der Türkei und Deutschland bestehen, hat die Kaiserliche Regierung es für ihre Pflicht gehalten, sobald die ersten Nachrichten über die bei Umsiedelung der armenischen Bevölkerung vorgekommenen tief bedauerlichen Vorgänge, die hauptsächlich durch die Missgriffe von Unterbehörden entstanden zu sein scheinen, zu ihrer Kenntnis gelangt sind, die türkische Regierung in nachdrücklicher Weise durch die Kaiserliche Botschaft in Konstantinopel auf die Ausschreitungen und Härten aufmerksam zu machen, und wiederholt, schriftlich und mündlich, ihre Abstellung zu verlangen. Die Kaiserliche Regierung hofft ernstlich sowohl im Interesse der Türkei selbst als in dem des armenischen Volksstammes, dass diesen Vorstellungen Folge gegeben wird." […]
Um in der Armenierfrage Erfolg zu haben, müssen wir der türkischen Regierung Furcht vor den Folgen einflössen. Wagen wir aus militärischen Gründen kein festeres Auftreten, so bleibt nichts übrig, als mit ferneren erfolglosen Verwahrungen, die mehr verärgern als nützen, zuzusehen, wie unser Bundesgenosse weiter massakriert.
Die Seele der Armenierverfolgungen ist Talaat Bey. Er kehrt erst Ende der Woche aus Anatolien zurück. Ich werde erst dann erfahren, welche Wirkung meine Besprechungen mit seinen Kollegen und Djemal auf ihn haben. Ich schlage daher vor, mit der Veröffentlichung in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung zu warten, bis ein ferneres Telegramm von mir eintrifft.
Metternich

[Notiz Zimmermann 16.12]
Das werden wir jedenfalls tun müssen. Der Artikel wird aber m. E. vor Veröffentlichung zu mildern sein. In vorliegender Form würde er der Entente zu sehr passen.

[Notiz Jagow]
Namentlich muß der Schluß freundlicher für die türkische Regierung gehalten sein.

[Notiz Bethmann Hollweg 17.]
Die vorgeschlagene öffentliche Koramierung eines Bundesgenossen während laufenden Krieges wäre eine Maßregel, wie sie in der Geschichte noch nicht dagewesen ist. Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht. Bei länger andauerndem Kriege werden wir die Türken noch sehr brauchen. Ich begreife nicht, wie Metternich diesen Vorschlag machen kann, obwohl er es nicht für ausgeschlossen hält, daß Djemal Enver verdrängt.

© Wolfgang & Sigrid Gust (Ed.): www.armenocide.net A Documentation of the Armenian Genocide in World War I. All rights reserved



Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache.

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