Grabstelle eines im Ersten Weltkrieg (vermutl. um 1916) gefallenen kanadischen Soldaten
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Der Krieg von unten


9.5.2014
Im Krieg wird Gewalt zur Alltagserfahrung, und militärische Werte werden zur alles bestimmenden Handlungsmaxime. Die Einstellungen der Soldaten werden zudem durch nationale Normen und Gebote geprägt.

Im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg wird Gewalt auch für die einfachen Soldaten zur Alltagserfahrung. Wehrmachtsoldat auf Wachposten in der Sowjetunion 1941/44Im Ersten wie im Zweiten Weltkrieg wird Gewalt auch für die einfachen Soldaten zur Alltagserfahrung. Wehrmachtsoldat auf Wachposten in der Sowjetunion 1941/44 (© Fotograf unbekannt, Deutsch-Russisches Museum, Berlin)

Referenzrahmen Krieg



Die Weltkriege brachten Tod und Verwüstung. Millionen traumatisierte und entwurzelte Menschen blieben zurück. Warum das alles? Wie konnten Menschen anderen so viel Leid zufügen, wie konnten Millionen Soldaten jahrelang ihren todbringenden Aufgaben nachgehen? Warum wehrten sie sich nicht gegen den Wahnsinn? Warum kämpften die Soldaten weiter, als es doch gar nichts mehr zu gewinnen gab?

Die Materialschlachten des Ersten Weltkrieges und die Massenverbrechen des Zweiten scheinen sich jeder Logik zu entziehen. Viele überlieferte Äußerungen aus jener Zeit wirken verstörend. Ernst Jünger schrieb an seinem 21. Geburtstag im März 1916 nach mehr als einem Jahr an der Westfront in sein Tagebuch, dass ihm das Kriegsleben "jetzt grade den richtigen Spaß" mache, dass "das ständige Spiel mit dem Leben als Einsatz […] einen hohen Reiz" habe. In solchen und ähnlichen Zeugnissen liest man über den Horror des Stellungskrieges wie in dem Notizbuch eines Unfallchirurgen. Minutiös hält Jünger fest, wer einen Kopfschuss erhielt, von Granaten zermalmt oder im MG-Feuer zerfetzt wurde. Und dies meist ohne jede emotionale Reaktion. Jünger freut sich über eine gute Unterkunft, ein gutes Essen oder aber über zählbare Erfolge im Kampf. So beschreibt er geradezu genüsslich, wie er nach zweieinhalb Jahren Krieg endlich einmal einen Engländer deutlich im Visier seines Gewehres erblickt und ihn mit einem "trefflichen" Schuss erlegt.

Gewalt als Alltagserfahrung

Die nonchalanten Berichte vom Töten und Sterben verstören uns, weil Gewalterfahrungen dieser Art in unserem Alltag keine Rolle spielen. Wir müssen kaum fürchten, auf dem Weg zur Arbeit oder beim Joggen im Park erschossen zu werden. Die existenzielle Gewalt eines Krieges, der Weltkriege zumal, empfinden wir daher als krasse Abweichung vom Normalen, als etwas, das erklärungsbedürftig ist. Doch der Glaube an die Gewaltferne als menschlichen Normalzustand ist illusionär. Selbst Massengewalt gehörte und gehört stets zu den Handlungsoptionen, und Menschen haben offenbar kein Problem damit, sie auszuüben. Dies zeigt etwa ein Blick auf den Bürgerkrieg in Jugoslawien in den 1990er-Jahren. Serbische und kroatische Nachbarn, die bis dahin friedlich zusammengelebt hatten, gingen auf einmal mit Gewalt aufeinander los. Zehntausende starben. Die Soldaten, die 1914 in den Ersten Weltkrieg zogen, kamen in aller Regel aus Gesellschaften, die seit Jahrzehnten nichts anderes kannten als Frieden. Ihnen war das tödliche Handwerk des Soldaten ebenfalls sehr fern.

Aber sie gewöhnten sich rasch an die neuen Regeln. Sie lernten zu töten und möglichst nicht getötet zu werden, sie lernten das Überleben auch unter den widrigsten Umständen, und sie reduzierten ihr Dasein auf die allernötigsten menschlichen Bedürfnisse. Die Kameraden wurden zur neuen Familie. Der Kampf ums Überleben schweißte den Mikrokosmos der militärischen Primärgruppen zusammen. Eine rohe Männerwelt mit klaren Regeln. Jedem Soldaten war schnell klar, was er zu tun und was er zu lassen hatte. Der Krieg wurde zur neuen Heimat, und die Welt der Soldaten hatte sehr bald nur noch wenig mit dem Zivilleben zu tun. Dieses wurde ihnen geradezu fremd. "Wir glaubten, es gäbe nur noch Schnee und Eis auf der Erde, und in einer jähen Furcht vor allem Schönen und Gütigen überfiel uns das Heimweh. Wir sehnten uns nach Russland zurück, in die weiße Winterhölle, in Leiden, Entbehrungen, Todesgefahr", schrieb der Soldat Willy Peter Reese über seinen Urlaub im Frühjahr 1942.

Quellentext

Töten und Sterben

Sonntag, 23. August 1914

Dann setzte unsere schwere Artillerie ein [...]. Zuerst nahmen sie den links gelegenen Wald hinter dem Dorfe in Arbeit und deckten ihn mit Granaten zu; die direkte und auch die moralische Wirkung dieser schweren Granaten ist eine ganz ungeheure; da war kein Halten mehr. Wie die Erdflöhe kamen die Franzosen aus dem Wald herausgehüpft; in dichten Schaaren liefen sie um ihr Leben; kaum aber waren sie auf dem Feld, da wurde dieses unter Feuer genommen, eine Granate davor, eine dahinter und eine mitten dazwischen; die armen Menschen wußten nicht mehr, wohin sie laufen sollten, und wir, ich schäme mich nachträglich, es zu gestehen, sahen mit grimmiger Freude zu, wie sie zusammengeschossen wurden; ich vermute, daß die Gefühle der alten Römer im Kolosseum ähnlicher Natur gewesen sind. Immerhin muß man zugeben, daß die grausamste Methode in gewissem Sinne auch wieder die menschlichste ist, da sie am schnellsten zum Ziele führt. So war es auch hier. Der Widerstand des Gegners wurde bald schwächer und war schon fast vorbei, bevor unsere Infanterie noch den andern Höhenrand erreicht hatte; zu einem Nahkampf kam es nicht mehr.

Freitag, 28. August 1914

Dann ging ich noch mal aufs Schlachtfeld, um bei Tage nach der Leiche von Delius zu suchen. Ich fand sie schließlich in einer Wiese liegend, nahe dabei ein Hauptmann vom Rgt. 73 und noch ein Offizier, ein Soldat war nicht dabei; es machte den Eindruck, als seien die Offiziere allein vorgestürmt und von ihren Leuten im Stich gelassen worden; damals bestand noch die später aufgehobene Vorschrift, daß Offiziere beim Sprung vorwärts 3 Schritte vor der Front sein mußten. Dadurch waren sie natürlich sofort kenntlich und wurden zuerst abgeschossen, namentlich wenn die Mannschaften den Sprung nicht mitmachten und liegen blieben. Delius hatte einen Gewehrschuß quer durch den Kopf; augenscheinlich hatte er gerade den Kopf gewendet, um seinen Leuten etwas zuzurufen; den Degen hatte er noch in der erstarrten Faust. Ein Arbeitskommando war bereits im Begriff, die Toten zu begraben. Ich ging zurück und kam an der Stelle vorbei, wo eine englische Batterie auf der Flucht von unserer Artillerie überrascht und zusammengeschossen worden war; die Pferde lagen in Geschirren und Strängen übereinander, die Fahrer tot daneben; auf einer Protze saß noch ein Artillerist mit halbem Kopf, ein grauenhaftes Bild, wie der Tod über sie gekommen war. [...]

Aus dem Tagebuch des Dr. med. Alfred Bauer sen., "Der Weltkrieg, wie er sich spiegelte im Gehirn von Alfred Bauer, Stabs- und Regimentsarzt im Res. Inf. Rgt. 78 später Feldlazarett 6", Eschau Elsass, Quelle: privat



Erkenntnisse aus Primärquellen

Die intensive Auswertung von Tagebüchern und Feldpostbriefen hat in den vergangenen Jahren wichtige Erkenntnisse über die Kriegserfahrungen einfacher Soldaten der Weltkriege zutage gefördert. Mit den Abhörprotokollen des britischen und des US-amerikanischen Nachrichtendienstes liegt inzwischen eine neue, außergewöhnlich reichhaltige Quelle vor, die die bisherigen Forschungen wesentlich ergänzt und mithilfe derer wir genauer denn je rekonstruieren können, wie deutsche Soldaten den Zweiten Weltkrieg wahrnahmen, welche Rolle ihre soziale und regionale Herkunft dabei spielte, wie sie über die NS-Ideologie dachten, wie sie Verbrechen bewerteten und über das Kämpfen dachten – kurz: wie sie ihre Welt sahen. Wenngleich auch diese Quellen nur einen Teil der Wehrmacht erfassen, werden die zentralen Deutungsmuster der Soldaten deutlich sichtbar.

Liest man die Zehntausende überlieferten Seiten von heimlich aufgenommenen Gesprächen deutscher Gefangener, trifft man zunächst auf denkbar banale Dialoge. Die Unterhaltungen drehen sich um die Technik ihrer Waffen, um gemeinsame Bekannte, um Frauen und Sex. Die Männer sprechen aber auch über das Töten. Für sie ein alltägliches Handwerk, das keiner besonderen Erklärung mehr bedurfte. Im Gegenteil, vielen machte das Kämpfen Spaß, zumindest, wenn sie aus der Distanz töteten und damit ihre eigene Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen konnten, etwa beim Abschießen feindlicher Flugzeuge oder dem Versenken von Schiffen. Das große Ganze geriet dabei völlig aus den Augen, so es die einfachen Soldaten je interessiert hatte. Bald war es Alltag, dass Menschen zu Tausenden starben. Mit der größten Selbstverständlichkeit sprachen sie von "umlegen", "abknallen" und "niedermachen", und zwar in einem Ton, als ob heute jemand von Meetings im Geschäftsleben berichtet. Das Töten und Sterben gehörte für die Soldaten zum Grundrauschen des Krieges. Die Ausübung von Gewalt war in dieser Welt geboten.

Quellentext

Angriff aus der Luft – Gespräch unter Soldaten in britischer Kriegsgefangenschaft, 30. April 1940

Pohl: Am zweiten Tage des Polenkrieges musste ich auf einen Bahnhof von Posen Bomben werfen. Acht von den 16 Bomben fielen in die Stadt, mitten in die Häuser hinein. Da hatte ich keine Freude daran. Am dritten Tage war es mir gleichgültig, und am vierten Tage hatte ich meine Lust daran. Es war unser Vorfrühstücksvergnügen, einzelne Soldaten mit Maschinengewehren durch die Felder zu jagen und sie dort mit ein paar Kugeln im Kreuz liegen zu lassen.
Meyer: Aber immer gegen Soldaten ...?
Pohl: Auch Leute. Wir haben in den Straßen die Kolonnen angegriffen. Ich saß in der Kette. Die Führermaschine warf auf die Straße, die beiden Kettenhunde auf die Gräben, weil da immer solche Gräben gezogen sind. Die Maschine wackelt, hintereinander, und jetzt ging es in der Linkskurve los, mit allen MGs und was du da machen konntest. Da haben wir Pferde herumfliegen sehen.
Meyer: Pfui Teufel, das mit den Pferden ... nee!
Pohl: Die Pferde taten mir leid, die Menschen gar nicht. Aber die Pferde taten mir leid bis zum letzten Tag. [...]
Pohl: Da habe ich mich so geärgert, wo wir abgeschossen wurden – bevor der zweite Motor auch noch heiß wurde, da hatte ich auf einmal unter mir eine polnische Stadt. Da habe ich noch die Bomben drüber geworfen. Da wollte ich alle 32 Bomben auf die Stadt abwerfen. Sie gingen nicht mehr, doch vier Bomben fielen in die Stadt. Das war alles zerschossen da unten. Damals war ich in so einer Wut, man stelle sich vor, was das heißt, 32 Bomben auf eine offene Stadt zu werfen. Es wäre mir damals gar nicht darauf angekommen. Da hätte ich bestimmt von 32 Bomben 100 Menschenleben auf dem Gewissen gehabt.
Meyer: War ein lustiger Verkehr dort unten?
Pohl: Voll. Auf einen Ring wollte ich Notwürfe machen, weil dort alles voll war. Es wäre mir gar nicht drauf angekommen. In 20 Meter Abstand wollte ich werfen. 600 Meter wollte ich bedecken. Es wäre eine Freude gewesen, wenn es geglückt wäre. [...]
Meyer: Wie reagieren die Menschen darauf, wenn sie so vom Flugzeug beschossen werden?
Pohl: Sie werden verrückt. Die meisten lagen immer mit den Händen so und gaben das deutsche Zeichen. Rattattatat: Bums, da lagen sie! An sich bestialisch. [Schnitt] Richtig so auf die Fresse, die kriegten die Schüsse alle ins Kreuz und liefen wie wahnsinnig, so Zickzack, in irgendwelche Richtung. So drei Schuss Brandmunition, wenn sie die ins Kreuz hatten, Hände hoch, bums, da lagen sie auf dem Gesicht. Dann habe ich weiter geschossen.
Meyer: Was ist, wenn man sich gleich hinlegt? Was ist dann?
Pohl: Da wird man auch getroffen. Wir haben angegriffen aus zehn Meter, und wenn sie dann liefen, die Idioten, da hatte ich doch dauernd ein schönes Ziel. Brauch doch nur mein Maschinengewehr zu halten. Manchmal bestimmt, ich war überzeugt, dass der eine 22 Schüsse abgekriegt hat. Und dann, auf einmal, da habe ich 50 Soldaten aufgescheucht, und sagte: "Feuer, Kinder, Feuer!" Und dann immer so hin und her mit dem Maschinengewehr. Trotzdem hatte ich das Bedürfnis, bevor wir abgeschossen wurden, einen Menschen von Hand aus zu erschießen. [...]
Meyer: Man verroht doch furchtbar bei solchen Unternehmungen.
Pohl: Ich sagte ja, am ersten Tage ist es mir furchtbar vorgekommen. Da habe ich gesagt: Scheiße, Befehl ist Befehl. Am zweiten und dritten Tage habe ich gesagt: Das ist ja scheißegal, und am vierten Tag, da hab ich meine Freude daran gehabt. Aber, wie gesagt, die Pferde, die schrieen. Ich glaubte, nicht das Flugzeug zu hören, so schrien sie. Da lag so ein Pferd mit den Hinterbeinen abgerissen. [...]
Pohl: So ein Flugzeug mit MGs ist eigentlich ganz gut. Denn wenn ein MG irgendwo aufgestellt wird, dann müssen sie warten, bis die Menschen kommen.
Meyer: Wehrten sie sich nicht vom Boden? Schossen sie nicht mit MGs?
Pohl: Einen haben sie abgeschossen. Mit Gewehren. Eine ganze Kompanie hat auf Befehl geschossen. Das war diese "Do 17". Die ist gelandet. Die Deutschen haben die Soldaten mit MGs in Schach gehalten und die Maschine angezündet. Ich hatte manchmal 128 Bomben, mit Zehnern. Die haben wir mitten in das Volk hineingeworfen. Und die Soldaten. Und Brandbomben dazu.[...]


[SRA 75, TNA WO 208/4117]
Sönke Neitzel / Harald Welzer, Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben
Fischer Verlag Frankfurt am Main 2011, Seite 84 ff.



Quellentext

Kriegsverbrechen beim Überfall auf Polen

CSDIC (UK), GRGG 275

Bericht über am 24. März 45 von höheren PW-Offizieren erlangte Informationen [TNA, WO 208/4177]
[...] General Edwin Graf von Rothkirch und Trach: Sehen Sie, wie selbst wir verwildert sind: Ich fuhr durch einen kleinen polnischen Ort, da wurden Studenten erschossen, nur weil sie Studenten sind, und polnische Adelige und Gutsbesitzer, alles wurde erschossen; in der Stadt, nicht draussen auf dem Feld, in einer Stadt, am Rathaus, da wurde erschossen; die Geschosseinschläge sah man noch an dem Dings; komme zu Bockelberg (Vollard-Bockelberg?) und erzähle ihm das. Da sagt er "Ja, hören Sie mal, das können wir nicht anders machen, es muss sein, denn die Studenten, das sind die gefährlichsten Leute, die müssen alle verschwinden, und der Adel, die werden immer gegen uns mucksen. Im übrigen, regen Sie sich doch nicht so furchtbar auf, wenn wir den Krieg gewinnen, ist ja alles egal." Da sage ich: "Herr Generaloberst, das mag sein, aber an diesen neuen Grundsatz muss ich mich erst gewöhnen."

Sönke Neitzel, Abgehört: Deutsche Generäle in britischer Kriegsgefangenschaft 1942-1945, © 2005 Propyläen Verlag in der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin, 6. Aufl., 2012, Seite 299



Aber auch Berichte über Massenerschießungen von Partisanen, Massakern an Juden oder Geiselexekutionen lösten keine Verwunderung aus. Nachfragen galten Details, nicht der Sache an sich. Lediglich bei massenhaften Tötungen etwa von Gefangenen, insbesondere aber von Frauen und Kindern, fiel in den abgehörten Gesprächen mit den Kameraden überhaupt der Begriff des "Verbrechens". Derartige Vergehen wurden meist abgelehnt, und doch schien es nicht weiter verwunderlich zu sein, dass so etwas passierte. Völkerrechtliche Aspekte kamen bei der Deutung des Krieges ohnehin kaum vor. Kriegsverbrechen der Wehrmacht, so zeigt die Auswertung der Abhörprotokolle, spielten in der Wahrnehmung der Soldaten nur eine untergeordnete Rolle. Die eigenen Entbehrungen und Opfer, die eigenen Erfolge, die eigenen Niederlagen waren demgegenüber viel relevanter. Überspitzt formuliert: Das Schicksal der Gegner, sei es jener Soldaten und Zivilisten, die Opfer von Verbrechen wurden, oder auch nur jener, gegen die man auf dem Schlachtfeld kämpfte, fand bei den Soldaten kaum Beachtung.

Vieles, was selbst nach damaligem völkerrechtlichem Verständnis ein Kriegsverbrechen war, wurde von den Zeitgenossen nicht im Entferntesten so wahrgenommen. Und selbst wenn die Soldaten Vorfälle als moralisch verwerflich registrierten, wurden sie rasch als Einzelfälle abgetan oder mit der Schuld anderer begründet. Nur in ganz wenigen Ausnahmefällen beeinflusste das Wissen um Verbrechen die Deutung des Krieges insgesamt. Einige wenige verurteilten deshalb das NS-System, Hitler und den Krieg grundlegend, andere sahen in den Verbrechen eine Notwendigkeit des Weltanschauungskrieges. Die überwiegende Mehrheit der Soldaten blieb aber weitgehend unbeeindruckt, weil sie das Töten von Gefangenen, die Ermordung von Geiseln im Partisanenkampf und das Ausplündern der besetzten Gebiete schlicht für normal hielten und gar nicht nach besonderen Erklärungen suchten.

Im Zentrum ihrer Gedankenwelt, so zeigen die Abhörprotokolle, aber auch andere Quellen wie Feldpostbriefe und Tagebücher, stand zweifellos das "Kriegshandwerk". Und hier funktionierten die Soldaten wie die allermeisten Menschen auch: Sie wollten ihren Job gut machen und scherten sich wenig um die Folgen ihres Tuns. Erledigt man seine Aufgabe gut, erhält man soziale Anerkennung, Beförderungen und Auszeichnungen. Dies gilt im Frieden ebenso wie im Krieg. Wozu das alles gut war, konnten die meisten nicht sagen. Gewiss, die Verteidigung des Vaterlandes, der eigenen Familie, "denen man durch Kampf und Abwehr eine gesicherte Zukunft geben will", wie der sächsische Gefreite Georg Schleske schon im Januar 1915 in seinem Tagebuch schrieb, war ein häufig verwendetes Stereotyp. Wie Europa politisch nach dem Krieg aussehen sollte, welche Probleme gelöst, welche vielleicht neu geschaffen würden, ob man wirklich der Verteidiger oder nicht doch der Angreifer war, wie viele Menschen durch das eigene Handeln ums Leben kamen, darüber machten sich die allermeisten Soldaten keine Gedanken, und zwar im Ersten Weltkrieg ebenso wenig wie im Zweiten. Und niemand wollte das Rechtmäßige seines Tuns in Frage stellen, weil ihn das in einer totalen Institution wie dem Militär vor große Probleme gestellt hätte. Einfach nach Hause gehen konnte man nicht. Also schien es vernünftiger, Zweifel wegzudrücken, nach positiven Gründen für das eigene Tun zu suchen, seinen Job zu machen und zu versuchen, zu überleben. Sollten doch andere die Verantwortung übernehmen. Oder wie der Gefreite Willy Peter Reese es 1944 literarisch ausdrückte: als Soldat wurde ich "überall getragen und gestützt, brauchte ich selbst nicht zu sein".




 

Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache. Weiter...