Grabstelle eines im Ersten Weltkrieg (vermutl. um 1916) gefallenen kanadischen Soldaten
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Wie die Weltkriege endeten


9.5.2014
Die Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges waren von Instabilität durch Bürgerkrieg und ethnische Konflikte geprägt, und auch nach 1945 wirkte die Gewalt in Form von regionalen Kriegen, Flucht und Vertreibung nach.

Der Krieg ist zu Ende – die Reaktionen und Stimmungen in den verschiedenen Ländern weichen jedoch zum Teil stark voneinander ab: US-Soldaten freuen sich 1918 in Camp Dix, New Jersey, über ihre Entlassung aus dem Kriegsdienst.Der Krieg ist zu Ende – die Reaktionen und Stimmungen in den verschiedenen Ländern weichen jedoch zum Teil stark voneinander ab: US-Soldaten freuen sich 1918 in Camp Dix, New Jersey, über ihre Entlassung aus dem Kriegsdienst. (© picture-alliance / akg-images)

Die Pariser Friedensverträge



Als im Januar 1919 die Pariser Friedensverhandlungen begannen, saß der Hass der Völker aufeinander tiefer denn je. Der Erste Weltkrieg hatte viele Opfer gefordert: Rund zehn Millionen Menschen starben in den vier Kriegsjahren, die indigene Bevölkerung in den Kolonien nicht mitgerechnet. 2 037 000 deutsche Soldaten fielen, 4 950 000 wurden verwundet. Bei etwa 13 Millionen Kriegsteilnehmern entsprach dies einer Verlustquote von 15 Prozent. 1,8 Millionen Russen starben und 1,3 Millionen Franzosen. Prozentual zur eingesetzten Zahl an Soldaten hatte Frankreich die höchste Verlustquote der Großmächte zu beklagen.

Dieser Krieg hatte keine stabilen Lösungen gebracht, im Gegenteil – er hatte im Vergleich zur Vorkriegszeit noch mehr Wunden aufgerissen und noch mehr Begehrlichkeiten geweckt. Zudem war unübersehbar, dass sich die Siegermächte keineswegs darüber einig waren, was bei den Friedensverhandlungen in Paris eigentlich herauskommen sollte. Mit der Auslieferung der deutschen Hochseeflotte und der Besetzung der Kolonien waren etwa für London schon bei Beginn der Verhandlungen im Januar 1919 die wichtigsten Forderungen erfüllt.

Frankreich und der "Cordon sanitaire"

Für Frankreich stellte sich die internationale Konstellation ganz anders dar: Mit der Revolution der Bolschewiki fiel Russland als zentraler Pfeiler des französischen Bündnissystems weg. Damit gab es für Deutschland auch keine Zweifrontenbedrohung mehr – erstmals seit 1894. Die beste Möglichkeit zur Sicherung der eigenen Ostgrenze, über die die Deutschen binnen 40 Jahren zweimal eingefallen waren, wäre sicher die Auflösung des Deutschen Reiches in eine Reihe von unabhängigen und schwachen Staaten gewesen. Solche Pläne hat der französische Generalstab 1916 aufgestellt. Derartige Maximalforderungen ließen sich bei den Verhandlungen jedoch nicht durchsetzen. Insbesondere US-Präsident Woodrow Wilson stellte sich einem "karthagischen Frieden" vehement entgegen.

Doch was war zu tun, wenn das Reich nicht aufgelöst wurde und daher zumindest als potenzielle Großmacht erhalten blieb? Zunächst galt es, das Land mit Gebietsabtretungen im Westen und Osten zumindest zu schwächen. Dann aber musste unbedingt ein Ersatz für Russland geschaffen werden: der "Cordon sanitaire", ein Gürtel ostmitteleuropäischer Staaten, die Deutschland von Osten her bedrohten und zugleich als Puffer gegen Sowjetrussland wirkten. Damit insbesondere Polen und die Tschechoslowakei die ihnen zugedachte Rolle möglichst gut erfüllen konnten, wurden die Grenzziehungen und Nationalitätenkonflikte stets zugunsten der kleinen Staaten gestaltet. So verhinderte man zugleich, dass sich Berlin mit Warschau und Prag verbünden konnte.

Instabilität durch Bürgerkrieg und ethnische Konflikte

Allerdings war die Lage in Ostmitteleuropa unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg überaus instabil. Im Winter 1918/19 entstanden auf dem Territorium der zerfallenen Vielvölkerreiche Russland und Österreich-Ungarn zehn neue Staaten (Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechoslowakei, Österreich, Ungarn, Sowjetrussland sowie das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen; siehe auch Karte III). Die meisten befanden sich inmitten eines revolutionären Umbruchs und lagen zudem in Streit mit ihren Nachbarn. In der Steiermark und in Kärnten kämpften serbische Truppen gegen österreichische Heimwehren, im Teschener Gebiet fochten Tschechen gegen Polen, in Fiume Italiener gegen Kroaten, in Schlesien Deutsche gegen Polen, in Wilna Polen gegen Litauer. Schließlich gerieten auch Polen mit Russen aneinander, was 1920 zum polnisch-sowjetrussischen Krieg führte. Über allem lag der russische Bürgerkrieg, in dem die Bolschewiki mit ihren "weißen" Gegnern um die Macht rangen. Der Konflikt forderte bis 1922 acht Millionen Tote, beinahe so viele wie der gesamte Erste Weltkrieg. Mit der Niederlage des Osmanischen Reiches stand zudem die Neuordnung des gesamten Nahen Ostens auf dem Programm, die eine Vielzahl von Interessenten auf den Plan rief.

In Paris wurde also über viel mehr verhandelt als nur über die Schwächung Deutschlands. Die Grenzen Europas und Kleinasiens wurden neu gezogen. Gleich was die Siegermächte beschließen würden, eine einvernehmliche Lösung war nicht in Sicht, da es unmöglich war, etwa die Ethnien in Ostmitteleuropa sauber voneinander zu trennen. Zudem musste es den Siegermächten in erster Linie darum gehen, lebensfähige Staaten zu bilden und keineswegs darum, überall das Selbstbestimmungsrecht der Völker zu verwirklichen. Wilson hatte dies bereits lange vor dem Waffenstillstand deutlich gemacht. Und dabei war die "self-determination of the nations" nur ein Gesichtspunkt unter mehreren – etwa der wirtschaftlichen Überlebensfähigkeit eines Staates. Es liegt auf der Hand, dass alle Beteiligten das Selbstbestimmungsrecht stets zu ihren Gunsten interpretierten – und dabei geflissentlich übersahen, dass Wilson ein ganz anderes Verständnis von diesem Prinzip hatte. Er verstand darunter letztlich "bürgerliche Selbstbestimmung" im Sinne von Demokratie und Demokratisierung, glaubte er doch daran, dass Demokratien prinzipiell friedfertiger als andere politische Ordnungen seien. Diese Wilsonsche Interpretation war vielen, allen voran den Deutschen, nicht bewusst.

Quellentext

Ergebnisse des russischen Bürgerkriegs

Die Bolschewiki wollten aus dem immer noch überwiegend agrarischen Russland eine moderne Industriegesellschaft machen, allerdings keine kapitalistische, sondern eine andere, sozialistische. […] Der Versuch, sie unter den Bedingungen des Bürgerkriegs sofort umzusetzen, endete in Chaos und Gewalt.
Die ersten Jahre der Sowjetherrschaft brachten keinen Fortschritt, sondern Tod, Zerstörung und eine Regression zu früheren Formen sozialer Organisation: Sieben bis acht Millionen Menschen kamen ums Leben, weitere fünf Millionen fielen der dem Bürgerkrieg folgenden Hungersnot zum Opfer, zwei Millionen emigrierten. Die rechtsstaatlichen und administrativen Strukturen, die das späte Zarenreich zu etablieren begonnen hatte, wurden radikal zerstört, die politischen Eliten umfassend ausgetauscht, die zivilgesellschaftlichen Ansätze, die es seit 1905 gegeben hatte, beiseitegefegt. Obrigkeitliche Disziplinierung und Bevormundung sollten für die kommenden 70 Jahre die Sowjetherrschaft kennzeichnen. [...]

Revolution und Bürgerkrieg erzeugten ein ökonomisches Chaos. Unternehmer, Manager und Fachkräfte flüchteten oder wurden aus den Fabriken und Betrieben vertrieben, Arbeiter und nichtqualifizierte bolschewistische Funktionäre übernahmen die Kontrolle, Fabrikanlagen wurden im Zuge der Kriegshandlungen zerstört. Die Produktion kam weitgehend zum Erliegen, die Geldwirtschaft brach zusammen, und die ökonomischen Beziehungen fielen auf das Niveau des Naturaltauschs zurück. Das Land wurde im Bürgerkrieg in beispielloser Weise verwüstet. Hunger und Seuchen dezimierten die Bevölkerung. Flüchtlingsströme zogen durch das Land. Selbst die größten Städte waren in einem unbeschreiblichen Zustand, wie ein Bericht vom Mai 1919 illustriert: "In ganz Moskau sind alle Läden bis auf einige Lebensmittelläden geschlossen. Die Straßenbahn funktioniert nicht. Die Straßen werden nicht von Dreck und Schnee gereinigt. Die öffentlichen Toiletten sind verschmutzt und zugenagelt; deswegen sind alle Plätze, Gärten, Tore und Höfe mit Abfällen und Mist verdreckt. Auf den Straßen hinter dem Gartenring liegen Pferde- und Hundekadaver. Die Bürgersteige stehen unter Wasser, das in der Nacht einfriert. [...] Man trifft auf Verhungernde und Irre. Auf der Tverskaja-Straße, in der Cˇernyšov-Gasse sind wir auf eine Kinderleiche gestoßen, die von Raben zerfetzt worden war."

Wegen der zusammenbrechenden Versorgung kam es vorübergehend zu einer Entvölkerung der Städte, weil die Menschen aufs Land flüchteten, wo sie leichter an Nahrungsmittel gelangen konnten. Viele Arbeiter hatten noch Beziehungen ins Dorf, sodass sie bei ihren Verwandten unterschlüpfen konnten. 1921 spitzte sich aber auch auf den Dörfern die Misere zu. In der Not wurde geraubt, gemordet und geplündert. Die Berichte von Zeitzeugen evozieren Bilder, wie wir sie heute aus dem Kongo kennen: Leichen auf den Straßen, ausufernde Gewaltkriminalität, Heerscharen von Obdachlosen und verwahrlosten Kindern. Etwa sieben Millionen elternlose Kinder und Jugendliche zogen in Banden übers Land, übernachteten auf Bahnhöfen oder auf freier Straße, ernährten sich von Abfällen oder lebten von Bettelei, Prostitution, Diebstahl und Raubüberfällen. […]
Der Bürgerkrieg hatte weitreichende mentalitätsgeschichtliche und kollektivbiographische Konsequenzen. Die Jugendlichen dieser Zeit sollten in den 1930er-Jahren als menschenverachtende Schergen des stalinistischen Terrors agieren und das Töten von Mitbürgern als Alltagshandlung vollziehen. Große Teile der Bevölkerung wurden durch den Bürgerkrieg und seine Auswirkungen traumatisiert. Andere, die in ihm kämpften, lernten dabei, die eigene Realität auf eine ganz spezifische Weise wahrzunehmen, nämlich als von Feinden eingekreist, gegen die man mit Waffengewalt kämpfen, die man töten musste. Das Bild vom äußeren verschob sich auf den inneren Feind, was ein Schwarz-Weiß-Denken und eine permanente Klassifizierung der Menschen in "Freund" und "Feind" bewirkte. Das mittelfristige mentale Resultat war für diejenigen, die sich den Bolschewiki anschlossen, eine radikale Militanz, die Verherrlichung von Kampf und Gewalt, ein Sich-bewähren-Wollen im Kampf gegen innere und äußere Feinde. Das sind Auswirkungen des Bürgerkriegs, die in den 1930er-Jahren wieder zum Tragen kamen, als diejenige Generation, die während des Bürgerkriegs ihre Jugend und ihren Aufstieg erlebt hatte, in mittlere und höhere Positionen aufgerückt war.

Dietmar Neutatz, Träume und Alpträume. Eine Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert, C. H. Beck Verlag München 2013, Seite 168 ff.



Auswirkungen der Pariser Vorortverträge

Auf die einzelnen Bestimmungen der fünf Pariser Vorortverträge (am 28. Juni 1919 in Versailles mit Deutschland, am 10. September 1919 in St. Germain mit Österreich, am 27. November 1919 in Neuilly mit Bulgarien, am 4. Juni 1920 in Trianon mit Ungarn, am 10. August 1920 in Sèvres mit dem Osmanischen Reich) kann an dieser Stelle nicht eingegangen werden. Zu Versailles hier nur so viel: Für einen harten Frieden waren die Bedingungen nicht weitreichend genug, für einen Ausgleichsfrieden aber waren sie zu einschneidend.

Heraus kam ein unglückliches Mittelding, mit dem Sieger und Besiegte gleichermaßen unzufrieden waren: In Deutschland war der Kampf gegen "Versailles" der einzige gemeinsame Nenner der Gesellschaft – was angesichts des tiefen Grabens zwischen linken und rechten politischen Kräften in der Weimarer Republik gar nicht genug betont werden kann. Die Niederlage nahm man nicht als endgültig hin. Insbesondere viele Militärs waren vom Gedanken durchdrungen, es das nächste Mal "besser" zu machen.

Auch in Ungarn war klar, dass der Frieden von Trianon niemals akzeptiert werden würde – immerhin lebte nun ein Drittel des ungarischen Volkes außerhalb des ungarischen Staates.

Doch damit nicht genug. Sèvres war sicher der härteste von allen Pariser Friedensverträgen. Während Deutschland als Großmacht de facto erhalten blieb, wurde die Türkei auf Kosten der Griechen, Armenier, Briten, Franzosen und Italiener zu einem kaum mehr lebensfähigen Rumpfstaat verkleinert. Sehr bald regte sich massiver Widerstand, und nach dem Sieg türkischer Truppen gegen die Griechen wurde neu verhandelt.

Quellentext

Griechisch-türkischer Konflikt

Mit britischer Billigung landeten griechische Truppen im Mai 1919 in Smyrna – ein großer Schritt bei der Realisierung […] eines Großgriechenlands beiderseits der Ägäis. Nach außen legitimierte Griechenland die Expansion nach Osten mit der Existenz einer starken griechischen Minderheit im westlichen Kleinasien und der Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung. [...]
1921 zog die griechische Armee mit erneuter britischer Billigung ins Innere Anatoliens, wo sie eine Spur der Verwüstung hinterließ. [...] Dieser in seiner Zielsetzung und Ausführung koloniale Krieg provozierte allerdings energischen Widerstand. [...] Im August 1921 schlug Kemal Pascha die griechische Armee 70 Kilometer vor Ankara vernichtend. Vor der Gegenoffensive flohen dann nicht nur die griechischen Truppen, sondern fast alle christlichen Zivilisten. Einerseits befürchteten sie ein Schicksal wie das der Armenier 1915, andererseits ließ ihnen die Taktik der verbrannten Erde beim Rückzug der Armee kaum eine Wahl. [...]
Als die türkischen Truppen im September 1922 in Smyrna/Izmir einrückten, waren dort bereits Hunderttausende von Flüchtlingen eingetroffen. Mit dem Einmarsch begannen Ausschreitungen, an denen sich vor allem paramilitärische Einheiten beteiligten. Frauen wurden vergewaltigt, Menschen auf offener Straße erschlagen, der griechisch-orthodoxe Metropolit Chrysostomos gelyncht. [...]
Tragischer Höhepunkt des griechisch-türkischen Krieges war der große Brand von Smyrna, dem das griechische und armenische Viertel zum Opfer fielen. [...]
Veranlasst durch das Flüchtlingsdrama entschied sich die internationale Staatengemeinschaft für eine Intervention. Die Großmächte schickten Schiffe, um Flüchtlinge aufzunehmen und nach Griechenland zu bringen, und sondierten Anfang Oktober über den Hochkommissar der Alliierten in Istanbul, ob sich die türkische Regierung auf einen Bevölkerungsaustausch einlassen würde. Die Türkei stimmte schließlich einer Friedenskonferenz unter Federführung der Großmächte in der neutralen Schweiz und einem sofortigen Waffenstillstand zu. [...]

Die unterzeichnenden Länder und Mächte legitimierten den Vertrag von Lausanne als "wahre Befriedung" (true pacification). Außerdem brachten die beteiligten Staaten zu ihrer moralischen Entlastung vor, Lausanne habe bloß eine Massenflucht bestätigt. De facto erweiterten die Beschlüsse aber die Arena ethnischer Säuberungen. Obwohl der griechisch-türkische Krieg nur das westliche Kleinasien betroffen hatte, erfasste das Abkommen Gebiete fernab der Kampfhandlungen, so etwa entlang der Schwarzmeerküste und im anatolischen Hochland. Nur Westthrakien und Istanbul blieben von dem "Bevölkerungsaustausch" verschont, wovon neben den Griechen vor allem die Armenier in der damaligen Hauptstadt der Türkei profitierten. [...]
[I]nsgesamt 700000 Menschen verloren erst nach dem Abschluss des Abkommens von Lausanne ihre Heimat. Als sich die Nachrichten über das Resultat der Konferenz in Griechenland und in der Türkei verbreiteten, reagierten die betroffenen Minderheiten mit Protesten und Demonstrationen. So angespannt die Verhältnisse sein mochten, wollten offenbar nur die Wenigsten ihre Heimat und ihr Hab und Gut zurücklassen. Der Widerstand half aber nichts, denn im Abkommen von Lausanne waren der Zwangscharakter und die Ausnahmslosigkeit der Migration festgelegt.
Obwohl das Abkommen zunächst vor allem den Flüchtlingen helfen sollte, verbesserte sich die humanitäre Lage in vielen Gegenden nicht. Vor dem Abtransport wurden die Flüchtlinge häufig misshandelt und ausgeraubt. Entgegen allem technokratischen Optimismus fehlten 1923 an der Schwarzmeerküste Schiffe für den Abtransport. In Griechenland mangelte es an Lagern und Unterkünften für die Aufnahme. [...]
Es gibt keine verlässlichen Opferzahlen des griechisch-türkischen Krieges und der damit einhergehenden ethnischen Säuberungen, aber allein nach der Ankunft in "ihrem" Nationalstaat starben gemäß den amtlichen griechischen Statistiken 75000 Menschen an Mangelernährung, Epidemien und Seuchen. Während des Krieges dürfte die Zahl der Opfer unter den Flüchtlingen deutlich höher gelegen haben. [...] [D]er in Lausanne sanktionierte "Bevölkerungsaustausch" [war] abgesehen von den Ausnahmen in Istanbul und Westthrakien total. Die Türkei galt fortan als homogener Nationalstaat, in Makedonien stieg der griechische Bevölkerungsanteil von 43 Prozent im Jahr 1913 auf fast 90 Prozent im Jahr 1926. [...]

Philipp Ther, Die dunkle Seite der Nationalstaaten. "Ethnische Säuberungen" im modernen Europa, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2011, Seite 96 ff.



Im Frieden von Lausanne 1923 sind dann die bis heute gültigen Landesgrenzen der Türkei festgelegt worden. Bedeutend war dieser Vertrag aber nicht nur, weil damit ein Verlierer des Ersten Weltkrieges die in Paris ausgehandelten Friedensbedingungen revidierte, sondern auch, weil ihm die von zahlreichen Massakern begleitete Vertreibung von 1,5 Millionen Griechen aus Kleinasien und von 500 000 Türken aus Griechenland folgte. In einem Klima der Gewalt schien es nicht mehr möglich zu sein, dass beide Völker friedlich nebeneinander lebten.

Entsetzt über die harten Bedingungen der Pariser Friedensverträge versagte der US-amerikanische Kongress Präsident Wilson die Zustimmung. Die USA zogen sich politisch – wenn auch nicht wirtschaftlich – aus der europäischen Politik zurück. In Frankreich war man bitter enttäuscht über den verlorenen Frieden. Dafür sollte das Land so geblutet haben? Paris zielte dementsprechend darauf ab, noch mehr herauszuschlagen und insgeheim doch noch die Rheingrenze durchzusetzen. Als dies nicht gelang, fielen nach 1923 weite Teile der Gesellschaft in eine tiefe Resignation, die wiederum auf die Politik zurückwirkte. Diese Entwicklung war ein Grund für die passive französische Außenpolitik der 1930er-Jahre und letztlich für die Niederlage von 1940.

Wichtig zu erwähnen ist auch, dass sich in Italien in Folge des Friedens von St. Germain die gesellschaftliche Spaltung verschärfte: Angesichts von 460 000 Toten fühlten sich die Neutralisten in ihrer Ablehnung des Krieges bestätigt, während sich die Kriegsbefürworter um die Beute des Sieges, etwa die Stadt Fiume und Landgewinne an der adriatischen Küste, betrogen sahen. Der Nährboden für die Machtübernahme Mussolinis 1922 war gelegt.

Die größte Schwäche der Pariser Verträge und des aus diesen hervorgehenden Völkerbundes war zweifellos, dass sie – anders als der Wiener Kongress 1815 – keine Grundlage für ein stabiles Staatensystem schufen. Sowjetrussland stand abseits und bald auch die Vereinigten Staaten. Vor allem waren die Verlierer des Weltkrieges vorerst ausgeschlossen. Es handelte sich also nur um eine Teilordnung West- und Mitteleuropas, die unter einem permanenten Revisionsdruck kleiner und großer Mächte stand.

Trotz dieser niederschmetternden Bilanz waren die Pariser Vorortverträge besser als ihr Ruf. Allzu sehr ist man versucht, sie aus der Perspektive der 1930er-Jahre zu betrachten und nicht – wie es eigentlich geboten ist – aus der Zeit des Ersten Weltkrieges. 1919/20 standen die uneinigen Siegermächte vor der Herausforderung, in einem Klima von Misstrauen und Abneigung mit instabilen Staaten eine stabile Friedensordnung zu schaffen. Dabei konnte kein Meisterstück herauskommen. Die Zukunft musste zeigen, wie flexibel das System sein würde, ob es sich evolutionär weiterentwickelte, um die Ungerechtigkeiten zumindest so weit abzumildern, dass die Staaten Europas zu einem dauerhaften Miteinander finden konnten.




 

Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache. Weiter...