Sowjetunion II: 1953-1991
1 | 2 | 3 | 4 Pfeil rechts

"Tauwetter" unter Nikita Chruschtschow


10.10.2014
Nach Stalins Tod am 5. März 1953 begann unter Chruschtschow eine neue Ära: Entstalinisierung, Reformen und Kampagnen sollten gesellschaftliche Kräfte freisetzen – mit manchmal unerwarteten Folgewirkungen. Gleichzeitig rang die Sowjetunion im Kalten Krieg mit den USA um Weltgeltung.

Nikita Chruschtschow (re.), 1894 im Governement Kursk geboren und später in der Ukraine lebend, macht als Protégé Stalins Karriere. Als Parteichef Moskaus darf er auf der Tribüne des Lenin-Mausoleums in Moskau um 1935 neben seinem Förderer die Ehrenbezeugungen der Bevölkerung entgegennehmen.Nikita Chruschtschow (re.), 1894 im Governement Kursk geboren und später in der Ukraine lebend, macht als Protégé Stalins Karriere. Als Parteichef Moskaus darf er auf der Tribüne des Lenin-Mausoleums in Moskau um 1935 neben seinem Förderer die Ehrenbezeugungen der Bevölkerung entgegennehmen. (© akg-images)

Die nach dem Roman von Ilja Ehrenburg "Tauwetter" benannte Ära Chruschtschow galt lange Zeit als ungetrübte Befreiung der sowjetischen Gesellschaft, die dank Chruschtschow den Alptraum Stalins abschütteln konnte. Heute gibt es Forscher, die Chruschtschow viel kritischer sehen, vor allem aber ist inzwischen unbestritten, dass die Gesellschaft in ihren Normen und Werten, Feindbildern und Heldengeschichten so stark durch den Stalinismus geprägt war, dass diese Vorstellungen zumindest teilweise weiter wirkten.

Entstalinisierung



Die Frage, warum das Parteipräsidium nach Stalins Tod Amnestien erließ, das Lagersystem, die Schnellgerichte und die Folter abschaffte und sich von Angst und Terror als Herrschaftsmittel verabschiedete, erscheint nur auf den ersten Blick logisch. Einerseits befand sich das Land in einer Krise: In den Lagern gab es Häftlingsrevolten, die Bauern vegetierten wie Leibeigene dahin, die Städte waren unterversorgt. Andererseits hatten sich Gewalt und Schrecken bewährt, um die stalinistische Ordnung aufrechtzuerhalten. Was also bewegte die Männer im Präsidium, auf dieses Instrumentarium zu verzichten? Neben vielen verschiedenen Gesichtspunkten war es nach dem heutigen Forschungsstand auch die Einsicht, dass es nicht zu einem modernen Staat passe, brachiale Gewalt auszuüben. Die Sowjetmenschen sollten fortan umworben und überzeugt werden, dass sie im besseren System lebten. An die Stelle von Zwang sollte Erziehung treten.

Die "kollektive Führung" nach Stalin

Stalin hatte keinen Nachfolger aufgebaut, sondern systematisch diejenigen entmachtet, die dafür in Frage kamen. 1952 hatte er auf dem XIX., seinem letzten Parteitag das Politbüro in Präsidium umbenannt und auf 25 Mitglieder ausgedehnt, damit jeder Einzelne weniger Macht habe; neben seinem engsten Mitstreiter Molotow hatte Stalin weitere alte Wegbegleiter ausgeschlossen.

Noch bevor Stalins Tod festgestellt war, kamen die Mitglieder von Zentralkomitee (ZK), Ministerrat und Präsidium des Obersten Sowjets unter Chruschtschows Leitung am 5. März zusammen und machten in nur 40 Minuten viele dieser Entscheidungen rückgängig: Malenkow erbte von Stalin das Amt des Ministerratspräsidenten, Berija bekam das Innenressort samt Staatssicherheit überantwortet, Molotow kehrte in sein Amt als Außenminister zurück, das Parteipräsidium schrumpfte wieder auf elf Mitglieder und vier Kandidaten, und es wurden vier ZK-Sekretäre ernannt, von denen einer Chruschtschow war. An die Stelle des allmächtigen Generalsekretärs trat damit eine "kollektive Führung". Während nach außen die Gemeinschaft und die Einmütigkeit der Entscheidungen herausgestellt wurden, tobte im Inneren ein Machtkampf unter den Zöglingen Stalins, die gar nicht gelernt hatten, sich zu vertrauen und zusammenzuarbeiten. Als Erstes wurde Berija ausgeschaltet: Als er begann, Reformen einzuleiten, das GULag-Imperium auflöste, die Sondergerichte abschaffte, das Foltern als Verhörmethode verbot, die DDR und Ungarn aufforderte, seinem Beispiel zu folgen, verbündeten sich Malenkow und Chruschtschow, ließen ihn am 26. Juni 1953 verhaften und im Dezember 1953 hinrichten. Ein Beweggrund dafür war die Befürchtung der anderen Präsidiumsmitglieder, Berija werde als alter und neuer Vorsitzender der Staatssicherheit bald auch sie verhaften lassen und der Öffentlichkeit als "Drahtzieher" des stalinistischen Terrors vorführen. Zum anderen stand die Person Berija wie keine andere für die Gewaltexzesse des Stalinismus, sodass ein wirklicher Neuanfang mit ihm der Öffentlichkeit nicht glaubhaft zu vermitteln war. In der Forschung ist bis heute umstritten, welche Motive Berijas "Aufräumen" im Frühjahr 1953 zugrunde lagen und ob er wirklich als "Reformer" gelten kann.

Die UdSSR nach Stalins TodDie UdSSR nach Stalins Tod (© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 844 510)
Als nächstes gelang es Chruschtschow, sich im September vom ZK-Plenum zum "Ersten Sekretär" der Partei wählen zu lassen. Nun führte er die Partei, Malenkow die Regierung. Nach weiteren anderthalb Jahren war Chruschtschows Rückhalt in der Parteibasis so erstarkt, dass er mit Unterstützung der anderen Präsidiumsmitglieder den wegen seiner früheren Nähe zu Berija verhassten Malenkow im Februar 1955 aus dem Amt drängen konnte. Die guten Verbindungen Chruschtschows zur Partei in den Republiken und Regionen zahlten sich erneut 1957 aus, als ihn das Parteipräsidium unter Führung der Alt-Stalinisten absetzen wollte. Chruschtschow schaffte es, zum anberaumten ZK-Plenum alle seine Unterstützer aus der ganzen Union zusammenzuholen, die seine Absetzung verhinderten. Die "Anti-Partei"-Gruppe wurde aus dem Präsidium ausgeschlossen, und Chruschtschow triumphierte, als er im Frühjahr 1958 auch Vorsitzender des Ministerrats wurde.

Die Auflösung des GULag, Massenamnestien und Reintegration

Manuela Putz

Der Tod Stalins hatte direkte Auswirkungen auf den GULag und die Millionen Inhaftierten. Die Hauptverwaltung der Lager wurde erst dem Justizministerium, nach Berijas Exekution wieder dem Innenministerium unterstellt. Berijas Reformen beendeten einzelne Industrieprojekte und übertrugen Zuständigkeiten in andere Behörden mit der Folge, dass die sowjetische Wirtschaft zunehmend von der Zwangsarbeit entkoppelt wurde. Mit der Massenamnestie vom 27. März 1953 wurden 1,2 Millionen Gefangene aus den Besserungsarbeitslagern entlassen. Unter diesem ersten Schub Freigelassener waren jedoch nur wenige, die aus politischen Gründen nach § 58 Strafgesetzbuch der SU/RSFSR verurteilt worden waren. Über deren Entlassung sollten die 1954 eingeführten Revisionskommissionen entscheiden, deren Aufgabe es war, alle Prozessakten der für "konterrevolutionäre Tätigkeit" verurteilten Gefangenen zu begutachten und letztere zu amnestieren bzw. zu rehabilitieren. Schon bald nach Stalins Tod wurde deutlich, dass die Reformen des Strafvollzugssystems kompliziert sein würden und Politik und Behörden auf allen Ebenen vor eine ganze Reihe neuer Aufgaben stellten. So schlug innerhalb des Lagersystems vor allem in den Jahren 1953/1954 Wut und Frustration der Gefangenen in einzelnen Lagerkomplexen in Widerstand gegen Lageradministration und Wachmannschaften um. Es kam zu Übergriffen, Lagerstreiks und Massenerhebungen.

Für die Welt außerhalb der Lager entwickelte insbesondere die Frage nach dem Umgang mit den rund vier Millionen Menschen, die in den ersten fünf Jahren nach Stalins Tod aus den Lagern entlassen wurden, eine enorme gesellschaftliche Sprengkraft. Herumstreunende Banden von freigelassenen Berufskriminellen riefen in der Bevölkerung massive Ängste hervor. Zudem trugen sie die Kultur und vulgäre Sprache der Lager in die sowjetische Gesellschaft. Besonders angespannt war die Situation im Baltikum, in Weißrussland, der Ukraine und Moldawien, in die zu Tausenden die zuvor als "Nationalisten" verurteilten Freiheitskämpfer zurückkehrten. Die Behörden weigerten sich, ihnen Pässe, Wohnungen und Arbeit zu geben. Die sowjetische Führung hatte zudem Schwierigkeiten, der Bevölkerung zu vermitteln, dass diejenigen, die jahrelang als (Volks-)Feinde ausgegrenzt worden waren, nun wieder in die sowjetische Gesellschaft integriert werden mussten.

Die Rehabilitationspolitik stellte einen heiklen machtpolitischen Balanceakt dar. Chruschtschows kulturelles Tauwetter und die Entstalinisierungspolitik gingen daher mit verstärkten politischen Repressionen einher. Während es in den Jahren 1955/56 nur in Einzelfällen zu politischen Verurteilungen kam, wurden in einer neuerlichen Repressionswelle 1957/58 rund 2000 Personen wegen "antisowjetischer Agitation und Propaganda" zu Lagerhaft verurteilt. Im Unterschied zum Stalinschen Massenterror richteten sich Chruschtschows Kampagnen gezielt gegen Regimekritiker und Andersdenkende.

N. S. Chruschtschow als Entstalinisierer

In der Forschung ist man sich nicht einig, warum Chruschtschow 1956 die "Geheimrede" auf dem XX. Parteitag hielt und damit die Entstalinisierung entscheidend vorantrieb. Lange Zeit stimmten die Forscher im Westen Alexander Solschenizyn zu, er habe "aus einer Bewegung der Seele" heraus gehandelt, also aus Scham, Reue und Großmut. Jüngst haben sich allerdings Stimmen gemeldet, die in Chruschtschows Schritt reines Kalkül im Kampf um die Macht im Parteipräsidium vermuten. Auch wird immer wieder darauf hingewiesen, dass, seit die Lagerhäftlinge heimkehrten, das Wissen über Stalins Verbrechen sich ohnehin verbreitete und es ratsam schien, die Wahrheiten über den Terror von oben zu steuern und zu dosieren.

Chruschtschow, der 1894 als Sohn eines Gruben- und Landarbeiters im Governement Kursk geboren wurde, hatte nur vier Jahre lang die Schule besucht, bevor er mit 13 Jahren anfing, im Bergwerk im Donbass zu arbeiten. 1918 war er in die Partei eingetreten, für die er in den Bürgerkrieg zog und in den 1920er-Jahren im Donbass Politarbeit leistete. 1929 begann er ein Studium an der Industrieakademie in Moskau, wo er Stalins Frau Nadeschda Allilujewa traf, die ihn ihrem Mann vorstellte. Als dessen Protegé wurde Chruschtschow 1934 Parteichef Moskaus, als der er nicht nur den Bau der Metro beaufsichtigte, sondern ab 1937 auch der "Troika" angehörte, die die Menschen im Schnellverfahren zum Tod verurteilte. 1938 schickte Stalin ihn als Ersten Sekretär in die Ukraine, wo Chruschtschow für den Tod von 50.000 Menschen verantwortlich zeichnete. Im Krieg diente er als Politkommissar an der Front und erlebte das Leid und Grauen des Krieges hautnah mit. Nachdem er 1947 als Erster Sekretär der Ukraine Hungerhilfe angefordert hatte und deshalb für kurze Zeit bei Stalin in Ungnade gefallen war, setzte dieser ihn 1949 erneut als Parteichef von Moskau ein.

Chruschtschow war also ein Zögling Stalins, und dennoch gibt es Hinweise dafür, dass er die "Geheimrede" nicht aus Opportunismus hielt. 1938 hatte er zwar für den Parteiausschluss von Bucharin und Rykow, aber gegen die Todesstrafe gestimmt. 1939 soll er angesichts des Terrors in der Ukraine gesagt haben: "Ich habe damit nichts zu tun. Wenn ich es kann, werde ich mit diesem ‚Mudakschwili‘ [Stalin] abrechnen. Ich werde ihm keinen vergeben – weder Kirow, noch [Kommandeur I. O.] Jakir, noch Tuchatschewski, noch die einfachsten Arbeiter."

Die "Geheimrede" 1956

Nicht Chruschtschow allein bereitete die Rede über Stalins Verbrechen vor, sondern das Parteipräsidium setzte 1955 eine Kommission ein, die das Schicksal der Delegierten des XVII. Parteitags 1934 und anderer Personen in den Jahren 1935 bis 1940 prüfen sollte. Der 70-seitige Bericht erschütterte das Präsidium nach Angaben A. I. Mikojans sehr: "Wir waren alle überrascht, obwohl wir viel wussten. Aber alles, was die Kommission berichtete, wussten wir natürlich nicht. Jetzt war dies alles überprüft und von Dokumenten bestätigt." Chruschtschow setzte sich mit dem Vorschlag durch, auf dem XX. Parteitag auf einer geschlossenen Sitzung die erschütternden Ergebnisse vorzustellen.

Der Parteitag war am 24. Februar bereits offiziell beendet worden, als am späten Abend Chruschtschow die 1400 Delegierten erneut zusammenrief, um ihnen bis in die Morgenstunden des 25. Februar den im Präsidium abgestimmten Redetext vorzutragen, Fragen wurden nicht zugelassen.

Quellentext

Chruschtschows Geheimrede auf dem XX. Parteitag vom 25. Februar 1956

Genossen! Im Bericht des Zentralkomitees der Partei an den XX. Parteikongreß, in einer Anzahl von Reden der Parteitkongreßdelegierten und schon zuvor auf Plenarsitzungen des ZK der KPdSU ist vieles über den Persönlichkeitskult und seine schädlichen Folgen gesagt worden.
Nach dem Tode Stalins leitete das ZK der Partei eine Aufklärungspolitik ein, um mit zwingender Konsequenz nachzuweisen, daß es unzulässig und dem Geiste des Marxismus-Leninismus zuwider ist, eine Person herauszuheben und sie zu einem Übermenschen zu machen, der gottähnliche, übernatürliche Eigenschaften besitzt, zu einem Menschen, der angeblich alles weiß, alles sieht, für alle denkt, alles kann und in seinem ganzen Verhalten unfehlbar ist. Ein solcher Glaube an einen Menschen, und zwar an Stalin, ist bei uns viele Jahre lang kultiviert worden. [...]
Stalins Eigenmächtigkeit gegenüber der Partei und ihrem Zentralkomitee trat nach dem XVII. Parteitag, der 1934 abgehalten wurde, voll und ganz in Erscheinung.
Das ZK [...] hat eine Parteikommission […] beauftragt, Untersuchungen darüber anzustellen, wieso Massenunterdrückungen gegen die Mehrheit der Mitglieder und Kandidaten des ZK, die auf dem XVII. Parteitag der KPdSU (B) gewählt worden waren, möglich gewesen sind.
Die Kommission hat [...] festgestellt, daß Anklagen gegen Kommunisten konstruiert, falsche Anschuldigungen erhoben und schamlose Mißbräuche mit der sozialistischen Gesetzlichkeit geduldet wurden – was zum Tode unschuldiger Menschen führte. Es hat sich erwiesen, daß viele Aktivisten der Partei, der Sowjets und der Wirtschaft, die in den Jahren 1937 bis 1938 zu "Volksfeinden" gestempelt worden waren, in Wirklichkeit niemals Feinde, Spione, Schädlinge und so weiter waren, sondern immer nur aufrechte Kommunisten. Sie wurden nur als Feinde gebrandmarkt und bezichtigten sich oft selbst, weil sie die barbarischen Folterungen nicht länger ertragen konnten (nach den Weisungen der Untersuchungsrichter – und Wahrheitsverfälscher), aller möglichen schweren und unwahrscheinlichen Verbrechen. Die Kommission hat dem Präsidium des Zentralkomitees umfangreiches Dokumentenmaterial über Massenrepressalien gegen die Delegierten des XVII. Parteitags und gegen Mitglieder des Zentralkomitees, die auf diesem Parteitag gewählt worden waren, unterbreitet. [...]
Es wurde festgestellt, daß von den auf dem XVII. Parteitag gewählten 139 Mitgliedern und Kandidaten des Zentralkomitees der Partei 98 Personen, das sind 70 Prozent, in den Jahren 1937 und 1938 verhaftet und liquidiert wurden. (Entrüstung im Saale.)
Wie war die Zusammensetzung der Delegierten des XVII. Parteitags? Es ist bekannt, daß 80 Prozent der stimmberechtigten Delegierten dieses Parteitags in den Jahren der Verschwörung vor der Oktoberrevolution und während des Bürgerkriegs, also vor 1921, der Partei beigetreten waren. Nach der gesellschaftlichen Herkunft handelt es sich bei der Masse der Delegierten des XVII. Parteitags um Arbeiter (60 Prozent der Stimmberechtigten).
Schon aus diesem Grunde mußte es unfaßbar scheinen, daß ein Parteitag mit einer solchen gesellschaftlichen Struktur ein Zentralkomitee gewählt haben soll, daß in der Mehrheit aus Parteifeinden bestand. Der einzige Grund, warum 70 Prozent aller Mitglieder und Kandidaten des Zentralkomitees als Feinde der Partei und des Volkes angeprangert wurden, war der, daß man Verleumdungen gegen sie vorbrachte, falsche Anschuldigungen gegen sie konstruierte und die revolutionäre Gesetzlichkeit in unzulässiger Weise aushöhlte.
Das gleiche Schicksal ereilte nicht nur die Mitglieder des Zentralkomitees, sondern auch die Mehrzahl der Delegierten des XVII. Parteitags. Von 1966 Stimmberechtigten oder beratenden Delegierten wurden 1108 Personen, also über die Hälfte aller Delegierten, unter der Beschuldigung gegenrevolutionärer Verbrechen verhaftet. Allein diese Tatsache beweist, wie absurd, fantastisch und widersinnig die Beschuldigungen wegen gegenrevolutionärer Verbrechen waren, die, wie wir jetzt sehen können, der Mehrheit der Delegierten des XVII. Parteitags zur Last gelegt wurden. (Entrüstung im Saale.) [...]
Dies war das Ergebnis des Machtmißbrauchs Stalins, der […] mit den Mitteln des Massenterrors gegen die Parteikader vorzugehen begann. [...]
Viele Tausende ehrlicher und unschuldiger Kommunisten kamen infolge dieser ungeheuerlichen Rechtsbeugung ums Leben, weil jedes noch so verleumderische "Geständnis" akzeptiert wurde und weil man Selbstbeschuldigungen und Beschuldigungen anderer Personen durch Gewaltanwendung erpreßte. [...]
Dem NKVD wurde die niederträchtige Praxis gestattet, Listen von Personen zusammenzustellen, für deren Fälle das oberste Militärgericht zuständig war und bei denen die Urteile im voraus feststanden. [...] In den Jahren 1937 bis 1938 wurden 383 solcher Listen mit den Namen vieler Tausender von Tausenden Partei-, Sowjet-, Komsomol-, Armee- und Wirtschaftsfunktionären Stalin zugesandt. Und diese Listen wurden von ihm gebilligt.
Ein großer Teil dieser Urteile wird gegenwärtig überprüft und ein großer Teil von ihnen aufgehoben, weil sie unbegründet sind und auf Fälschungen beruhen. Ich brauche hier nur zu erwähnen, daß seit 1954 der Militärsenat des Obersten Gerichts 7679 Personen rehabilitiert hat, die zum großen Teil erst nach ihrem Tode rehabilitiert werden konnten. [...]
Die Tatsachen zeigen, daß Mißbräuche auf Stalins Befehl und unter Mißachtung der Parteinormen und der sowjetischen Gesetzlichkeit erfolgten. […] Da er eine unbegrenzte Macht besaß, war er in höchstem Maße selbstherrlich und drückte jedermann physisch und moralisch an die Wand. So entstand eine Situation, in der man seinen eigenen Willen nicht mehr zum Ausdruck bringen konnte. [...]
Genossen! Wir müssen den Persönlichkeitskult entschlossen abschaffen, ein für allemal; wir müssen die entsprechenden Konsequenzen ziehen, und zwar sowohl hinsichtlich der ideologisch-theoretischen als auch der praktischen Arbeit. […]
Genossen! Der XX. Parteikongreß der KPdSU (B) war ein erneuter kraftvoller Beweis für die unerschütterliche Einheit unserer Partei, ihrer Verbundenheit mit dem Zentralkomitee, ihres entschlossenen Willens, die große Aufgabe des Aufbaus des Kommunismus zu vollbringen. (Tosender Beifall.) Und die Tatsache, daß wir die mit der Überwindung des dem Marxismus-Leninismus fremden Persönlichkeitskults verbundenen Grundprobleme in all ihren Formen und auch das Problem der Liquidierung seiner lästigen Folgen dargelegt haben, ist ebenfalls ein Beweis für die große moralische und politische Kraft unserer Partei.

Chruschtschow gegen Stalin, Heft 5 der Hessischen Landeszentrale für Heimatdienst, Wiesbaden o. J. (1956); zit. nach Reinhard Crusius / Manfred Wilke (Hg.), Entstalinisierung. Der XX. Parteitag der KPdSU und seine Folgen, Frankfurt am Main 1977, Seite 487, 497-499, 508 f., 536 f.




Chruschtschow thematisierte den Terror gegen die Delegierten des XVII. Parteitags, von denen Stalin 70 Prozent ermorden ließ, die Deportation der Ethnien, den Personenkult und Stalins Fehlentscheidungen im Krieg, die Tausende von Soldaten mit dem Leben bezahlt hatten. Tabu waren die Entkulakisierung und Kollektivierung sowie die Schauprozesse. Chruschtschow unterteilte Stalin in einen "guten" Parteiführer, der bis 1934 das Land aufgebaut hätte, und einen "schlechten", der auf Grund persönlicher Charakterzüge ab 1935 begann, das Land zu terrorisieren. "Wer versuchte, sich gegen grundlose Verdächtigungen und Anschuldigungen zur Wehr zu setzen, fiel den Repressalien zum Opfer."

Die "Geheimrede", wie sie im Westen genannt wurde, war nur für die Parteiöffentlichkeit bestimmt. Das Präsidium ließ den Text als gedruckte Broschüre an alle Parteizellen im ganzen Land verteilen, die in Betrieben, Fabriken und anderen Organisationen Lesungen durchführten. Da auch auf diesen Veranstaltungen keine Diskussion zugelassen war, wurde das ZK in Moskau mit Tausenden von Anfragen überflutet, wie der Terror möglich gewesen sei und warum die Präsidiumsmitglieder nichts unternommen hätten. Angesichts dieser Entwicklung entschloss sich das Präsidium, am 28. März eine Zusammenfassung in der Prawda zu veröffentlichen. Darin rief die Partei auf, die "sozialistische Rechtsstaatlichkeit" und die "Kollektivführung" in allen Bereichen der Gesellschaft wieder herzustellen. Sie ermutigte zu "Kritik und Selbstkritik", um den Personenkult zu überwinden, warnte aber gleichzeitig eindringlich, diesen Prozess zur Diffamierung von Staat und Partei zu missbrauchen. Tatsächlich kam es zu Entlassungen, Parteiausschlüssen und Haftstrafen von fünf Jahren für Personen, die nach den Lesungen offen das politische System in Frage gestellt hatten. Obwohl also eine rückhaltlos offene und grundlegende Debatte über die Ursachen des Stalinismus unterdrückt wurde, ließ auch die reduzierte Form der "geheimen" Abrechnung mit Stalin viele Menschen wie den Dissidenten Lew Kopelew (1912-1997) wieder hoffen: "In den ersten Monaten und Jahren nach dem Kongress lebten wir mit einem neuen Freiheitsgefühl, das sich vorher nur in Versen finden ließ."

Die Folgen der "Entstalinisierung" in Ostmitteleuropa

Nach dem Willen des Moskauer Parteipräsidiums sollte die Entstalinisierung nicht nur in der Sowjetunion, sondern auch in den "Bruderstaaten" vollzogen werden. Im Frühjahr 1953 diskutierten die Präsidiumsmitglieder wiederholt, wie mit dem Sorgenfall DDR zu verfahren sei. Doch die Ereignisse überstürzten sich: Der "Neue Kurs" war noch gar nicht umgesetzt, als es dort am 16. Juni 1953 in Folge von erhöhten Arbeitsnormen landesweit zu Arbeiterprotesten kam. Die DDR-Führung forderte, Moskau möge seine Panzer in Gang setzen. Aber das Moskauer Parteipräsidium ließ sich erst dazu überreden, als der Aufstand am 17. Juni anhielt. Während zuvor im Präsidium offen die Aufgabe der DDR diskutiert worden war, führte der Aufstand allen die möglichen Konsequenzen vor Augen: Machtverlust, Kontrollverlust, Imageverlust, ganz zu schweigen von dem befürchteten Dominoeffekt. Chruschtschow hatte zudem, als er Berija den Beinahe-Verlust der DDR anlastete, ein Exempel statuiert, das auch für ihn gelten würde: Wer ein Land verlor, verlor auch seinen Posten.

Vor diesem Hintergrund entwickelten sich die Ereignisse 1956 in Polen und Ungarn, die beide aus Moskau gedrängt wurden, ebenfalls eine Entstalinisierung einzuleiten. Als es in Folge von Amnestien und des anlaufenden Reformprozesses in Polen im Oktober zu spontanen antirussischen Demonstrationen kam und sich die polnische Parteiführung weigerte, Chruschtschow in ihre Entscheidungen miteinzubeziehen, griff dieser zu einer Doppelstrategie: Er flog selbst nach Warschau und gab gleichzeitig den Marschbefehl für die im Lande stehenden sowjetischen Truppen. Die heftig geführten Verhandlungen brachten einen Minimalkonsens: Chruschtschow rief die Truppen zurück, und die polnischen Genossen verpflichteten sich, den Warschauer Pakt nicht zu verlassen.

Auch in Ungarn bildeten erste Amnestien und Liberalisierungen den Nährboden für offenen Protest. Am 23. Oktober wuchs sich eine friedliche Großversammlung zu einem bewaffneten Volksaufstand aus, dem das riesenhafte Stalindenkmal in Budapest zum Opfer fiel. Die von der ungarischen Partei angeforderte militärische Unterstützung aus Moskau rückte am 24. Oktober mit rund 30.000 Soldaten und 1100 Panzern in Budapest ein. Als der neue Parteichef Imre Nagy (1896-1958) den Austritt aus dem Warschauer Pakt erklärte, entschloss sich das Moskauer Präsidium nach Beratung mit den KP-Führern Polens, Jugoslawiens und Chinas, mit aller Gewalt durchzugreifen. Der Preis für den Erhalt des Warschauer Pakts waren 20.000 tote Ungarn und 1500 tote sowjetische Soldaten.

Ein Vergleich der Ereignisse in der DDR, in Polen und Ungarn führt zu folgenden Erkenntnissen: Anlass für die Aufstände war jeweils die Reforminitiative aus Moskau. Dieses wiederum brachte keineswegs sofort selbst die Gewaltanwendung ins Spiel, sondern reagierte auf Anforderung. Es gab keinen Automatismus, nach dem ein militärisches Eingreifen vorprogrammiert war. Der Verlust eines "Bruderstaates", insbesondere der Austritt aus dem Warschauer Pakt, war für das Parteipräsidium nicht hinnehmbar und hätte das Schicksal des verantwortlichen Parteiführers besiegelt.