Sowjetunion II: 1953-1991

10.10.2014 | Von:
Susanne Schattenberg
Maike Lehmann

Stabilität und Stagnation unter Breschnew

Anhebung des Lebensstandards



Eine der entscheidenden Leitlinien, wenn nicht das zentrale Ziel Breschnews überhaupt, war die Anhebung des Lebensstandards der Bevölkerung. Von seiner Aufbauarbeit in der Ukraine, in Moldawien und Kasachstan wusste er nur zu gut, in welch entbehrungsreichen Verhältnissen große Teile der Bevölkerung immer noch lebten. Rechtfertigte Breschnew anfangs die neue Politik, die Menschen sollten mehr konsumieren können, damit sie motivierter wären, den Sozialismus zu schaffen, behauptete er bald, eine bessere Versorgung der Gesellschaft sei Ausdruck der neuen Entwicklungsstufe, die der Sozialismus inzwischen erreicht habe. Breschnew versuchte also, die Konzentration auf Konsumbedürfnisse mit der marxistisch-leninistischen Theorie zu legitimieren. In der Forschung ist aber heute umstritten, ob die Propagierung des Konsums nicht zu einer Entideologisierung führte und damit entscheidenden Anteil am Niedergang der Sowjetunion hatte.

Quellentext

Lebensgefühl der 1970er-Jahre

Der idealtypische Homo sowjeticus der Siebzigerjahre ging seiner Arbeit nach, widmete sich in seiner Freizeit der Familie, verfügte über eine Anderthalb- oder Zweizimmerwohnung in einer Neubausiedlung mit Zentralheizung und Bad, über ein Sparbuch, kaufte sich nach und nach einen Plattenspieler, einen Fernseher etwa der Marke "Junost", einen Kühlschrank "Saratow" oder "Minsk", eine Waschmaschine und einen Staubsauger. Er stand geduldig Schlange beim täglichen Einkauf, wartete ewig auf einen Telefonanschluss oder gar auf einen Lada, der als Fiat-Lizenz in der Stadt Togliatti produziert wurde. Die beiden dreitägigen Staatsfeiern zum 1. Mai und 7. November feierte er im Freundeskreis mit Lachs, Torte und reichlich Wodka. Außerdem feierte er, je nach Profession, den "Tag des Fischers", den "Tag des Eisenbahners" oder den "Tag des Lehrers". Seinen Sommerurlaub verbrachte er entweder in einer bescheidenen hölzernen Datscha in der Freizeitkolonie, oder er vergnügte sich während seiner Familienausflüge mit Angeln. Für Leute aus der Provinz war ein Aufenthalt in Moskau, möglichst mit einer Aufführung des Balletts "Schwanensee" im Kongresspalast, oder in Leningrad mit Besuch in der Eremitage ein besonderes Erlebnis. Seltener kam es zu einem Urlaub auf der Krim oder im Kaukasus und als Höchstgenuss zu einer Reise nach Ungarn, in die CˇSSR oder die DDR – selbstverständlich in einer gut kontrollierbaren Gruppe.
Die Siebzigerjahre waren die ruhigste, besser gesagt die einzig relativ ruhige Zeitspanne in der Geschichte der Sowjetunion. Die Menschen erhielten mehr Freiräume und Konsummöglichkeiten als früher, während die ideologische Mobilisierung immer lascher wurde. Gleichzeitig kostete es das System enorme Summen und Anstrengungen, diese heute nostalgisch betrachtete Stabilität aufrechtzuerhalten. […]

György Dalos, Lebt wohl Genossen! Der Untergang des sowjetischen Imperiums, hg. von Christian Beetz und Olivier Mille, deutsche Bearbeitung von Elsbeth Zylla, Verlag C. H. Beck oHG, München 2011, Seite 10 f.



Reform der Landwirtschaft

Wie Chruschtschow machte sich auch Breschnew zuerst an die Reform der Landwirtschaft. Hatte sein Vorgänger dafür gesorgt, dass die Bauern überhaupt einen Lohn erhielten, war Breschnews ehrgeiziges Ziel, die Bauern endlich mit den Arbeitern gleichzustellen und ihnen kostendeckende Preise zu zahlen. Das bedeutete, zwei bis dato vollkommen verschiedene Welten aneinander anzugleichen und den Dörfern die Moderne zu bringen. Hintergrund waren die nach wie vor prekäre Versorgungslage und die niedrige Produktivität der Landwirtschaft sowie die enorme Landflucht. Zwischen 1951 und 1965 war die Landbevölkerung um ein Drittel gesunken. Im Zeitraum von 1960 bis 1965 war die Gruppe der 17- bis 29-Jährigen im Dorf um mehr als sechs Millionen Menschen geschrumpft. Auf dem Land gab es nach wie vor kaum Infrastruktur, oft nicht einmal einen Laden, in dem Gebrauchsgegenstände gekauft werden konnten. Ärztliche Versorgung, kulturelle Angebote und Fortbildungsmöglichkeiten fehlten genauso wie fließend Wasser und eine Kanalisation. Auf dem ZK-Plenum im März 1965 verkündete Breschnew eine jährliche Steigerung der Investitionen in die Landwirtschaft um drei Milliarden Rubel, um die Ankaufpreise für Getreide, Fleisch, Milchprodukte und die Löhne zu erhöhen. Lag 1950 der jahresdurchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch mit 26 Kilogramm noch unter dem Wert von 1913, stieg er bis 1975 auf 57 Kilogramm; Ziel der Planbehörden waren allerdings 80 Kilogramm, die nie erreicht wurden. Die Hauptnahrungsmittel blieben Brot und Kartoffeln, Kohl, Karotten und Rote Bete; die Sowjetmenschen aßen doppelt so viele Kohlenhydrate, aber nur halb so viel Fleisch und Fisch wie die US-Amerikaner. Ein Kolchosvorsitzender wird mit den Worten zitiert: "Wenn wir früher nicht arbeiteten, weil wir wussten, dass wir sowieso nichts dafür bekommen würden, dann arbeiten wir heute deshalb nicht, weil wir auch so unseren Lohn bekommen werden." Gilt die erste Dekade unter Breschnew als "satte Zeit", wurden ab Mitte der 1970er-Jahre die Schlangen vor den Lebensmittelläden wieder länger. Dabei brauchte Breschnew die Landwirtschaft auch zunehmend für die Außenpolitik: Im Wettkampf um die Gunst von Drittweltstaaten war es entscheidend, mit den Lebensmittellieferungen der USA mithalten und versprochene Hilfsleistungen einhalten zu können.

Die Kosygin-Reformen

Breschnew und dem Politbüro war bewusst, dass angesichts sinkenden Wachstums und einer Produktivität, die im Vergleich zu den USA in der Industrie zwei- bis zweieinhalbmal niedriger, in der Landwirtschaft sogar viermal niedriger lag, mehr Konsum nur über eine neue "industrielle Revolution" zu erreichen wäre: Die ganze Ökonomie musste von extensiver Rohstoffnutzung auf ein intensives Wachstum umgestellt werden, sprich: Auch die UdSSR hatte nicht unendliche Ressourcen, die immer weiter ausgebeutet werden konnten, sondern die vorhandenen mussten effizienter genutzt werden.

Insofern bestand im Politbüro Einigkeit über Ursachen und Ziele, aber der Weg dorthin war zwischen Breschnew und Regierungschef Kosygin sehr umstritten. Schließlich setzte sich Kosygin durch, dessen Reformen das Zentralkomitee im September 1965 verabschiedete: Unter den Parolen "kreative Eigeninitiative", "Verantwortungsgefühl" und "materielle Anreize" sollten die Betriebe mehr Spielraum beim Einsetzen ihrer Mittel erhalten und dazu angehalten werden, kostendeckend zu arbeiten. Moskau gab nur noch die Planzahlen vor; wie die Produktion organisiert wurde und die zugeteilten Mittel einzusetzen waren, sollte Sache des jeweiligen Betriebes sein. Damit ging einher, dass die Betriebe Rücklagen für Investitionen, Lohnzuschüsse und soziale Maßnahmen bilden durften. Bis zu einem gewissen Grad konnten sie selbst entscheiden, wie sie ihre Angestellten entlohnten, die einen Anreiz erhalten sollten, Verantwortung zu übernehmen und effizienter zu arbeiten. Zur Umsetzung dieser Jahrhundertreform, die als drittwichtigste nach der NÖP und dem Ersten Fünfjahrplan galt, wurde eine Kommission eingesetzt. Zum 1. Januar 1966 wurden 43 Betriebe umgestellt, 1968 waren es 54 Prozent der Unternehmen, die nach dem Kostendeckungsprinzip arbeiteten. Doch bis Anfang der 1970er-Jahre hatte sich die Reform erschöpft: Wie sollte ein Betrieb Gewinn erzielen und Kosten selbst kalkulieren, wenn sowohl die Ressourcen, die er beziehen durfte, als auch der Preis der Ware staatlich festgelegt waren? Zudem nutzten die meisten Betriebe die Überschüsse ausschließlich, um den Arbeiterinnen und Arbeitern mehr Lohn zu zahlen, ohne dass die Produktivität stieg, Kosten gesenkt oder neue Technologien eingeführt wurden. Die Probleme waren und blieben seit den 1930er-Jahren die gleichen: Teure ausländische Technik wurde nicht montiert, sondern verrottete, Fabriken wurden erst mit so vielen Jahren Verspätung in Betrieb genommen, dass ihre Produktion schon veraltet war, fertige Produktionsstraßen hatten so viele Mängel, dass sie gleich in Reparatur gehen mussten, Ministerien kauften Ware für Devisen im Ausland, obwohl sie eine Lizenz hatten, sie selbst herzustellen, Parteiführer bauten willkürlich Kulturpaläste, Sportarenen und Schwimmbäder, anstatt Wohnraum zu schaffen. Doch das offensichtliche Strukturproblem wurde von Breschnew und dem Politbüro ausschließlich als persönliches Fehlverhalten angeprangert: "Wenn die Ministerien und Unternehmensführungen die nötige Parteidisziplin und Prinzipienfestigkeit an den Tag legten und ihre Aufgabe als Parteiführer richtig verständen, gäbe es diese Probleme nicht."

Lohnreform, Rentenreform und Wohnungsbau

Einkommen in der UdSSR 1972Einkommen in der UdSSR 1972 (© Hans-Heinrich Nolte, Kleine Geschichte Russlands, Philipp Reclam jun. GmbH Co, Stuttgart 2003, S. 337)
Zum 1. Januar 1968 beschloss das ZK eine Lohn- und Rentenreform, die Breschnew mit den Worten pries, noch nie sei so viel Geld bereitgestellt worden, um den Lebensstandard der Menschen zu erhöhen. Der Mindestlohn wurde von 30 auf 60, in einigen Branchen auf 70 Rubel angehoben und für alle Arbeiterinnen und Arbeiter der Urlaubsanspruch von zwölf auf 15 Tage erhöht. Gleichzeitig wurde die Fünf-Tage-Woche eingeführt und das Rentenalter nun auch für Kolchosbauern und -bäuerinnen auf 60 bzw. 55 Jahre gesenkt. Die nächste Lohnerhöhung kündigte Breschnew bereits auf dem Märzplenum 1971 an: Im Laufe des 9. Fünfjahrplans (1971-1975) sollte der Mindestlohn auf 70 Rubel und der Durchschnittslohn auf 148 Rubel, für Kolchosangestellte auf 100 Rubel steigen und sich bis 1991 nicht ändern. Auch die Mindestrenten für Arbeiter und Bauern sollten erneut wachsen. Breschnew forcierte auch den Wohnungsbau weiter – bis 1975 sollten 575 Millionen Quadratmeter Wohnraum geschaffen werden. Allerdings hatten 1980 nur 80 Prozent aller Familien eine eigene Wohnung, während sich 20 Prozent weiterhin Kommunalwohnungen teilten. Zum Ende der Sowjetunion lag die Wartezeit für eine Wohnung bei acht Jahren. 1976 bestand die typische 50-Quadratmeter-Wohnung aus zwei Zimmern, Küche und Bad. Damit hatte eine Person im russischen Teil des Landes durchschnittlich 8,3 Quadratmeter zur Verfügung, halb so viel wie Menschen in Westeuropa. Auf dem Land besaßen 1985 erst zehn Prozent aller Häuser ein Badezimmer und fließend Wasser.

Autos für den Sowjetmenschen

PKWs pro 1000 Einwohner 1977PKWs pro 1000 Einwohner 1977
Hatte Chruschtschow 1959 in den USA erklärt, das Automobil sei nichts für den Sowjetmenschen, der besser Bus und Bahn fahre, war Breschnew, selbst ein Autonarr, ganz anderer Meinung. Er reanimierte die Vision der 1930er-Jahre, nach der ein Auto Fortschritt und Zukunft bedeutete. Neu war, dass jetzt nicht nur die Stachanow-Arbeiter, sondern alle Sowjetmenschen ein Auto haben sollten. Breschnew schwärmte: "Ein Mädchen, das heiratet, bekommt von seinen Eltern nicht eine Truhe mit Wäsche und Geschirr, sondern ein Auto – die moderne Mitgift." Das 1965 gegründete Autoministerium vereinbarte, neben vielen anderen Abkommen mit westlichen Firmen, 1966 mit Fiat für 900 Millionen Dollar den Bau einer Fabrik an der Wolga. Seit 1974 rollten dank der Kooperation mit Fiat im Autowerk Toljatti 660.000 Ladas im Jahr vom Band. Auch wenn die Wartezeiten für ein Auto legendär waren, eine Arbeiterin oder ein Arbeiter 20 Monatslöhne investieren musste und die Autodichte in der Sowjetunion (1977 fünf Millionen PKWs auf 270 Millionen Menschen) die dünnste im Ostblock blieb, veränderte das Auto das soziale und kulturelle Leben der Sowjetmenschen. Mit dem Auto konnte man auf die Datscha fahren, Defizitprodukten hinterherjagen, Kartoffeln klauen oder schwarz Taxifahrten anbieten. Da die Autos ständig wartungsbedürftig waren und es viel zu wenige Werkstätten gab, wurde es zum neuen − männlichen − Volkshobby, abends und am Wochenende am Auto zu schrauben.

Die neue individuelle Bewegungsfreiheit wird auch als "Kleiner Deal" zwischen Partei und Bevölkerung bezeichnet: Die Partei schuf neue Freiräume für Freizeitgestaltung und kleine Privatgeschäfte, die Bürgerinnen und Bürger verhielten sich dafür loyal.