izpb Sozialer Wandel

16.12.2014 | Von:
Rainer Geißler

Struktur und Entwicklung der Bevölkerung

Wanderungen



Wanderungen sind in Deutschland ein wesentlicher Bestimmungsfaktor der Bevölkerungsentwicklung; sie beeinflussen maßgeblich die Einwohnerzahl und wichtige Aspekte der Sozialstruktur wie etwa die Alters-, Geschlechts- und Schichtstrukturen. Die Migration innerhalb Deutschlands ist in ihrem Ausmaß und in ihrer Größenordnung nahezu einzigartig unter den Industriegesellschaften. Die Bundesrepublik hätte ohne Vertriebene, Flüchtlinge und Übersiedler im Jahr 1989 nur etwa 41 statt 62 Millionen Einwohner gezählt, und in der DDR hätten ohne Ost-West-Wanderungen 1987 etwa 20 statt lediglich 16,6 Millionen Menschen gelebt. Während der Geburtenrückgang und die Alterung der Bevölkerung in beiden deutschen Gesellschaften – trotz aller Unterschiede – ähnlich verlief, vollzogen sich in der Bundesrepublik und in der DDR völlig gegensätzliche Wanderungsprozesse mit sehr unterschiedlichen Folgen für das Bevölkerungswachstum und für die damit zusammenhängenden sozioökonomischen und auch politischen Entwicklungen.

Die Bundesrepublik zählt seit ihrer Gründung zu den wichtigsten Einwanderungsländern der Welt. Hier lösten Einwanderungen ein starkes Bevölkerungswachstum aus und stimulierten die wirtschaftliche und soziale Entwicklung. In der DDR dagegen verursachten Abwanderungen ein Schrumpfen der Bevölkerung und waren eine der Ursachen für wirtschaftliche, soziale und politische Krisen. Der Auswanderungsdruck und die Massenflucht am Ende der 1980er-Jahre waren schließlich ein wichtiger Grund für den Zusammenbruch der DDR.

In Deutschland lassen sich nach dem Zweiten Weltkrieg fünf bedeutende, sich teilweise überlagernde Wanderungsströme unterscheiden. So kamen
  • über 12 Millionen Vertriebene und Flüchtlinge aus dem ehemaligen deutschen Osten, davon zogen etwa 8 Millionen in die Bundesrepublik und circa 4 Millionen in die DDR (1944-1950);
  • bis zur Wiedervereinigung 4,6 Millionen Flüchtlinge und Übersiedler aus der Sowjetischen Besatzungszone / DDR in die Bundesrepublik (1945-1990);
  • Arbeitsmigranten, vor allem aus der Türkei, aus (Ex-)Jugoslawien, Italien, Griechenland, Spanien und Portugal (insbesondere 1961-1973 sowie seit 1987); 2011 lebten 6 Millionen von ihnen – einschließlich ihrer Familienangehörigen – in Deutschland, davon 2 Millionen mit deutschem Pass;
  • seit 1950 4,5 Millionen deutschstämmige (Spät-)Aussiedler aus Ost- und Südosteuropa, davon allein etwa 2,5 Millionen zwischen 1990 und 2004; von ihnen leben 2011 noch 3,2 Millionen mit einer weiteren Million hier geborener Nachkommen in Deutschland;
  • seit der Krise und dem Zusammenbruch der DDR 2,6 Millionen Übersiedler aus Ostdeutschland nach Westdeutschland (1989–2011); diesen stehen etwa 1,6 Millionen Umzüge von Westdeutschland in die neuen Bundesländer gegenüber.
Vertriebene und Flüchtlinge

In der Folge des Zweiten Weltkrieges wurden über 14 Millionen Deutsche durch Flucht und Vertreibung gezwungen, Ostmitteleuropa zu verlassen. Die größten Gruppen stellten neben den Schlesiern mit knapp 3,2 Millionen die Sudetendeutschen mit 2,9 Millionen und die Ostpreußen mit 1,9 Millionen. Bis 1950 waren etwa 8 Millionen in die Bundesrepublik gezogen und knapp 4 Millionen in die DDR, wo sie schönfärberisch als "Umsiedler" bezeichnet wurden. Etwa 1,7 Millionen Menschen überlebten Flucht und Vertreibung nicht.

Die erzwungene Ost-West-Wanderung war von herausragender Bedeutung für die ost- wie westdeutsche Nachkriegsentwicklung. Einerseits stellte die Integration der Flüchtlinge in die sich gerade erst etablierenden beiden neuen deutschen Gesellschaften eine große Herausforderung und Belastung dar. Nach anfänglichen erheblichen Integrationsproblemen – 1950 war zum Beispiel jeder dritte Arbeitslose in der Bundesrepublik ein Vertriebener – gelang in Westdeutschland die rasche wirtschaftliche und gesellschaftliche Eingliederung. Sie war bereits Anfang der 1960er-Jahre vollzogen und wird häufig als "Nachkriegswunder" bezeichnet.

Die Zuwanderer waren für den wirtschaftlichen Wiederaufbau der Bundesrepublik von erheblicher Bedeutung, und ihr Arbeitskräftepotenzial wurde zu einem "strukturellen Wachstumsfaktor" für die westdeutsche Wirtschaft. Wegen ihres Flüchtlingsstatus und weil sie ihr Vermögen verloren hatten, waren die Vertriebenen besonders motiviert und aufstiegsorientiert. Die Aufnahme der Flüchtlinge leitete überdies einen neuen religionsgeschichtlichen Abschnitt ein: Die bis dahin charakteristischen Regionen mit konfessionell homogenen Milieus wurden aufgebrochen und verwandelten sich in Mischzonen.

Deutschstämmige Einwanderer aus Ost- und Südosteuropa werden seit 1950 nicht mehr als "Flüchtlinge" oder "Vertriebene" registriert, sondern wurden zunächst "Aussiedler" und seit 1993 "Spätaussiedler" genannt. Heute zählen sie statistisch zu den "Deutschen mit Migrationshintergrund".

Deutsch-deutsche Flüchtlinge und Übersiedler

Seit der Gründung der beiden deutschen Teilstaaten war ihre Bevölkerungsgeschichte durch deutsch-deutsche Migrationen gekennzeichnet. Von Ost nach West stellten sich umfangreiche Fluchtbewegungen ein. Die Bevölkerungszahl der DDR sank zwischen 1947 und 1961 kontinuierlich – insbesondere deshalb, weil der von der sowjetischen Besatzungsmacht erzwungene und von der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) vollzogene Umbau von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft viele Menschen veranlasste, der DDR den Rücken zu kehren. Die Zwangskollektivierung der Bauern im Jahr 1960 und andere Sozialisierungs- und Kollektivierungsmaßnahmen sowie die sich ankündigende Absperrung der Grenze ließen die Flüchtlingszahlen noch einmal dramatisch ansteigen.

Zwang und Benachteiligungen durch die Umwälzungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, Mangel an Freiheit und Demokratie, aber auch das zunehmende West-Ost-Wohlstandsgefälle waren die wichtigsten Motive für die Massenabwanderung aus der DDR. Unter den Übersiedlern waren auch circa 700.000 Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten; ihnen wurden nach 1950 in der DDR keine staatlichen Integrationshilfen mehr gewährt. Die Gesamtzahl aller, die von 1945 bis 1990 die Sowjetische Besatzungszone oder DDR verließen, beläuft sich auf 4,6 Millionen Personen.

Die deutsch-deutsche Grenze wurde nicht nur von Ost nach West, sondern auch umgekehrt von West nach Ost überquert. Zwischen 1950 und 1961 zogen circa 400.000 Bundesbürger in die DDR, eine vergleichsweise niedrige, aber gleichwohl beachtenswerte Zahl. Ein Teil dieser Menschen waren DDR-Flüchtlinge, die der Bundesrepublik wieder den Rücken kehrten.

Die Massenwanderungen wirkten sich in den beiden Gesellschaften sehr unterschiedlich aus. Die Wirtschaft der DDR geriet durch die anhaltende Flucht von hoch qualifizierten Arbeitskräften mit Hoch- und Fachschulabschluss sowie vieler Unternehmer, Handwerker, Facharbeiter und Bauern zunehmend in Schwierigkeiten. Zwar wurde die DDR dadurch von systemkritischem Potenzial teilweise entlastet. Unter dem Strich erwies sich jedoch der ständige Verlust von qualifizierten Arbeitskräften als eine einschneidende wirtschaftliche Belastung. 1957 wurde daher die Auswanderung als "Republikflucht" kriminalisiert, und im August 1961 stoppte die SED-Führung die Auswanderung gewaltsam durch den Bau der Berliner Mauer und die Abriegelung der innerdeutschen Grenze.

Die Bundesrepublik profitierte erheblich von der Zuwanderung. Die häufig hohen Qualifikationen der Flüchtlinge und Übersiedler wurden auf dem Arbeitsmarkt für den wirtschaftlichen Aufschwung benötigt. Da die Zuwanderer aus der DDR meist auch sehr leistungsorientiert und einsatzfreudig waren, brachte ihre wirtschaftliche Integration keine ernsthaften Probleme mit sich. Allerdings waren ihre schulischen und beruflichen Chancen nicht so gut wie die der einheimischen Bevölkerung.

Deutsch-deutsche Binnenwanderung

Die Krise und der Zusammenbruch der DDR lösten die letzte große Auswanderungswelle von Ost- nach Westdeutschland aus, und im vereinten Deutschland setzte sich dann infolge des Wohlstandsgefälles der Zug gen Westen als Binnenwanderung fort. 1989, im Jahr der Grenzöffnung, schnellte die Zahl der Übersiedler auf 388.000 hoch, und 1990 zogen sogar 395.000 Menschen in die alten Bundesländer um. Gleichzeitig setzt allmählich eine Gegenbewegung von West nach Ost ein; neben Rückkehrern suchen auch immer mehr Westdeutsche ihre Chance in den neuen Bundesländern – darunter neben Selbstständigen vor allem leitendes Personal in verschiedenen Dienstleistungssektoren (z. B. Verwaltung, Justiz, Universitäten) und Industrie. Nach der Jahrtausendwende ging die Zahl der Zuwanderer aus Ostdeutschland kontinuierlich von 177.000 im Jahr 2002 auf 105.000 im Jahr 2012 zurück. Die Zahl der West-Ost-Wanderer schwankte in diesem Zeitraum um die 90.000.

Von 1990 bis 2011 sind per Saldo mehr als 1,7 Millionen Menschen von Ost- nach Westdeutschland abgewandert. Obwohl das Wanderungsdefizit der neuen Länder in den letzten Jahren kontinuierlich zurückgegangen ist und 2012 nur noch 15.000 Personen umfasst, ist ein Ende der angespannten demografischen Situation in Ostdeutschland nicht in Sicht. Die ländlichen Regionen, allen voran in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, verzeichnen weiterhin große Wanderungsverluste. Durch die Abwanderung junger und gut qualifizierter Frauen haben sich bereits in vielen ostdeutschen Landkreisen sogenannte disproportionale Geschlechterverhältnisse entwickelt: Gegenwärtig stehen 100 jungen 18- bis 24-jährigen Männern weniger als 80 Frauen gleichen Alters gegenüber. Mit den unausgewogenen Partnerschafts- und Heiratsmärkten verbindet sich das Problem, dass sich die Chancen auf Familienbildung erheblich verringern. Die Prozesse der Alterung und Bevölkerungsschrumpfung werden sich in den neuen Ländern noch rascher fortsetzen als im Westen. Der Demografiebericht 2011 der Bundesregierung geht davon aus, dass in den neuen Ländern 2060 ein Drittel weniger Menschen leben wird als heute (in Westdeutschland nur 18 Prozent weniger).
Die Einwanderer aus dem Ausland – (Spät-)Aussiedler, Arbeitsmigranten und Flüchtlinge – werden im Kapitel über Migration und Integration behandelt.

Perspektiven



Aussagen über künftige Entwicklungen sind eine Rechnung mit vielen Unbekannten und lassen sich nur mit großer Vorsicht formulieren. Gleichwohl sind mehrere langfristige Trends erkennbar:
  • Bevölkerungsrückgang: Selbst wenn in Zukunft jährlich 200.000 Migrantinnen und Migranten nach Deutschland zuwandern werden – ein realistischer Wert, der in vielen Szenarien zugrunde gelegt wird –, wird die Bevölkerung von derzeit 80 Millionen bis 2060 auf 65 bis 70 Millionen Einwohner zurückgehen. Die neuen Bundesländer – insbesondere ihre peripheren ländlichen Regionen – werden davon besonders stark betroffen sein.
  • Alterung: Die Bevölkerung wird älter werden, der Anteil von Hochbetagten und Pflegebedürftigen wird sich deutlich erhöhen. Da gleichzeitig der Anteil der kinderlosen Lebensformen zugenommen hat, werden immer mehr Menschen im höheren Lebensalter nicht über ausreichende familiäre Unterstützung verfügen und auf gesellschaftliche Hilfe angewiesen sein.
  • Einwanderungen: Da das Arbeitskräftepotenzial schrumpft und altert, gehen Expertinnen und Experten von einem Bedarf an weiteren Einwanderern aus, der nicht nur ökonomisch, sondern auch demografisch bedingt ist (System der sozialen Sicherung). Er liegt nach den meisten Schätzungen in den nächsten Jahren bei mindestens 100.000 Personen pro Jahr und in den kommenden Jahrzehnten (ab 2020) bei etwa 200.000 pro Jahr.