izpb Sozialer Wandel
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Materielle Lebensbedingungen


16.12.2014
Der Lebensstandard stieg nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik erheblich schneller an als in der DDR – eine West-Ost-Lücke, die auch zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung noch nicht völlig verschwunden ist. Vom enormen Anstieg des Wohlstands haben verschiedene gesellschaftliche Gruppen in unterschiedlichem Maße profitiert. Nach einem Rückgang der sozialen Ungleichheit in den 1960er- und 1970er-Jahren zeichnet sich seit den 1990er-Jahren eine erneute Polarisierung ab.

In der Nachkriegszeit nehmen Wohlstand und Massenkonsum in Westdeutschland kontinuierlich zu, und bald zählt es zu den 20 reichsten Ländern der Erde. Passanten in der Ladenpassage "Hofstatt" in der Münchner Innenstadt 2014In der Nachkriegszeit nehmen Wohlstand und Massenkonsum in Westdeutschland kontinuierlich zu, und bald zählt es zu den 20 reichsten Ländern der Erde. Passanten in der Ladenpassage "Hofstatt" in der Münchner Innenstadt 2014 (© Peljak, Florian / SZ Photo)

"Wirtschaftswunder" und Stagnation auf hohem Niveau



Reales Nettoäquivalenzeinkommen in West und OstReales Nettoäquivalenzeinkommen in West und Ost (© Zusammengestellt nach Daten, die Markus M. Grabka (DIW) zur Verfügung gestellt hat.)
In Westdeutschland setzte, nachdem die schlimmsten Kriegsfolgen überwunden waren, eine beispiellose Aufwärtsentwicklung ein. Das "Wirtschaftswunder" ließ die Wirtschaftsleistung, die Einkommen und in ihrem Gefolge den Lebensstandard steil in die Höhe schnellen. Das Volkseinkommen – wie die Wirtschaftswissenschaftler die Gesamtheit aller produzierten Güter und Dienstleistungen nennen – "explodierte" zwischen 1950 und 1989 von gut 4400 auf fast 18.400 Euro pro Kopf der Bevölkerung (gerechnet in Preisen von 1989).

Das ungeheure Tempo dieses Wachstums wird durch den historischen Vergleich deutlich. Der Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel hat 1983 errechnet, dass sich das Volkseinkommen in den eineinhalb Jahrhunderten von 1800 bis 1950 in etwa verdreifachte, während es in den vier Jahrzehnten nach 1950 gleich um mehr als das Vierfache zulegte. Wenn man den Reichtum eines Landes am Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner misst, gehört Westdeutschland seit Langem zu den 20 reichsten Ländern der Erde. Die Steigerung des Volkseinkommens spiegelt sich in einem entsprechenden, nahezu kontinuierlichen Wachstum der westdeutschen Reallöhne und Haushaltseinkommen wider. Das – nach Abzug der direkten Steuern und Sozialabgaben – real verfügbare Einkommen pro Kopf lag nach den Berechnungen des Sozialökonomen Richard Hauser im Jahr 1991 um das 2,3-Fache über dem Niveau von 1960.
Das Wohlstandsniveau einer Bevölkerung lässt sich am besten mit dem bedarfsgewichteten verfügbaren Haushaltseinkommen pro Kopf erfassen, weil dieses die Einsparungen durch das gemeinsame Wirtschaften mehrerer Personen in einer Familie bzw. einem Haushalt berücksichtigt. Es wird Nettoäquivalenzeinkommen genannt und international zunehmend eingesetzt. In Westdeutschland erreichte es 1992 einen vorläufigen Gipfel, blieb dann aber bis 1998 unter diesem Niveau.

Die Rückwärtsentwicklung ist insbesondere den Lasten der deutschen Vereinigung geschuldet, die den Westdeutschen erstmals in der Nachkriegsgeschichte eine längere Phase mit realen Einkommenseinbußen beschert hat. Erst 1999 geht es den Westdeutschen wieder etwas besser als 1992, allerdings stagniert die Einkommenssituation mit leichten Auf- und Ab-Bewegungen bis 2008. Trotz der europäischen Wirtschaftskrise sind 2009 und 2010 wieder Gewinne von insgesamt 3 Prozent zu verbuchen. In den 18 Jahren von 1992 bis 2010 ist der durchschnittliche Wohlstand, den der Median der Nettoäquivalenzeinkommen misst, in Westdeutschland nur um 4,8 Prozent gestiegen.

Erheblich rasanter als die Einkommen schnellten die westdeutschen Vermögen in die Höhe. So stieg das Nettovermögen der Privathaushalte (Geldvermögen, Immobilien, Betriebsvermögen) zwischen 1950 und 1970 um das 7,8-Fache und zwischen 1973 und 1983 nochmals um das 2,3-Fache an. Nach dem Vierten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (2013) verfügte ein durchschnittlicher Haushalt 2008 über Geld- und Immobilienvermögen in Höhe von 132.000 Euro. Hinter diesen Durchschnittswerten verbergen sich allerdings sehr krasse Ungleichheiten in der Verteilung zwischen Arm und Reich.

Haushaltsausstattung mit Konsumgütern in West und OstHaushaltsausstattung mit Konsumgütern in West und Ost (© Datenquellen: Datenreport 1987 (West 1962); Wirtschaft und Statistik 1988 (West 1988); Statistisches Jahrbuch der DDR (Ost 1960 und 1988); Statistisches Bundesamt (West und Ost 2013).)
Die "Wohlstandsexplosion" in den Nachkriegsjahrzehnten lässt sich beispielhaft auch an den Wohnverhältnissen und an der Ausstattung der Haushalte mit hochwertigen Konsumgütern illustrieren. Die Wohnungen und Eigenheime – ein zentraler Faktor für die Qualität des Familienlebens und ein wichtiges Refugium für die wachsende Freizeit – wurden geräumiger und komfortabler. Die Wohnfläche, die jeder Person im Durchschnitt zur Verfügung stand, hat sich zwischen 1950 und 2013 von 15 qm auf 48 qm mehr als verdreifacht; während es 1950 in 80 Prozent der Wohnungen noch kein Bad gegeben hatte, waren 1998 93 Prozent aller Wohnungen mit Bad, Innen-WC und Zentralheizung ausgestattet. Auch die technischen Konsumgüter, die das Leben leichter und angenehmer machen, wie Autos, moderne Haushaltsgeräte und Kommunikationsmedien gehören heute zur Normalausstattung.
Im internationalen Vergleich ist die Entstehung von Wohlstand und Massenkonsum nichts Außergewöhnliches, sondern eine normale Entwicklung, die sich in allen Gesellschaften Westeuropas und Nordamerikas in ähnlicher Form vollzogen hat. Die deutsche Besonderheit besteht eher in der spezifischen Ausgangslage der Deutschen. Für die Kriegsgeneration war der schnelle und steile Aufstieg aus den Verwüstungen und dem Elend der Nachkriegszeit besonders dramatisch und nahm Züge eines "Wunders" an.

Rückstand in der DDR



Die Entwicklung in der DDR konnte mit dem westdeutschen Tempo nicht Schritt halten. Obwohl auch dort die Verdienste kontinuierlich zunahmen, öffnete sich die West-Ost-Wohlstandsschere immer weiter. 1960 lag das reale, das heißt um die Kaufkraft bereinigte durchschnittliche Haushaltsnettoeinkommen in der DDR nach den Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin 1985) um 30 Prozent hinter dem westdeutschen zurück, 1970 um mehr als 40 Prozent und in den 1980er-Jahren bereits um mehr als 50 Prozent. 1988, ein Jahr vor der Wende, lagen die Bruttoverdienste der ostdeutschen Arbeitnehmer bei nur 31 Prozent der westdeutschen Durchschnittseinkommen – das entspricht in etwa dem Produktionsniveau der DDR-Wirtschaft, das für die 1980er-Jahren auf circa ein Drittel des westdeutschen geschätzt wird. Wegen der vielen Doppelverdiener war der Abstand zum Westen bei den Haushaltseinkommen nicht ganz so drastisch: 1988 erzielten die DDR-Privathaushalte ein Nettoeinkommen (Kaufkraft) von 47 Prozent des Westniveaus.

Der Rückstand im Lebensstandard lässt sich auch beim Wohnen und bei der Ausstattung mit Konsumgütern quantifizieren. Ostdeutsche wohnten enger (1989: 28 qm pro Person, West 35 qm), einfacher (1989: 49 Prozent der Wohnungen mit Bad, Innen-WC und Zentralheizung, West 79 Prozent) und in älteren Häusern (1989: mehr als die Hälfte in Vorkriegsbauten, West circa ein Viertel). Bei der Ausstattung mit Pkws (1988: 52 Prozent aller Haushalte) und Haushaltsgeräten hinkte die DDR um mindestens 15 Jahre, bei den Telefonen (1988: 16 Prozent aller Haushalte) sogar um drei Jahrzehnte hinter der Bundesrepublik her. Dürre Zahlen dieser Art machen das Wohlstandsdefizit nur sehr unzureichend deutlich. Weitere Stichworte dazu sind die schmerzlich empfundenen gravierenden Mängel im Angebot von Waren und Dienstleistungen sowie qualitative Unterschiede wie zum Beispiel "Trabbi" statt Golf.
Auch in der Vermögensbildung blieb die DDR erheblich hinter der Bundesrepublik zurück. 1988 betrug das private Geldvermögen pro Einwohner 8103 Mark (2302 Euro) im Vergleich zu 40.747 D-Mark (20.834 Euro) im Westen.

Die Ursachen für das Wohlstands- und Produktivitätsdefizit lagen in erster Linie in der Leistungs-, Innovations- und Wachstumsschwäche der zentralen Planwirtschaft. Es darf jedoch nicht übersehen werden, dass auch die Ausgangslage in Ost und West nach dem Krieg sehr ungleich war. Der Historiker Rainer Karlsch hat 1993 ermittelt, dass die Ostdeutschen durch Reparationszahlungen nach dem Zweiten Weltkrieg pro Kopf um fast das Sechzigfache höher belastet waren als die Westdeutschen. Dazu kamen zusätzliche Hemmnisse durch die erzwungene Einbindung in den osteuropäischen Wirtschafts- und Handelsraum sowie der Verlust leistungsfähiger Arbeitskräfte aufgrund der ständigen Westwanderung, die erst 1961 durch den Bau der Berliner Mauer und die Absperrung der Grenze mit Gewalt unterbunden wurde.

Die sich öffnende Wohlstandsschere wurde der DDR-Bevölkerung wegen des Westreiseverbots lange Zeit nicht in ihrem ganzen Ausmaß bewusst. Neben den Defiziten an Freiheit, politischer Teilhabe und Arbeitsqualität war sie jedoch eine – wenn nicht sogar die – zentrale Ursache für die wachsende Unzufriedenheit in den 1980er-Jahren, für die Massenflucht im Jahre 1989 und schließlich für den Zusammenbruch der DDR, der möglich wurde, nachdem der außenpolitische Druck zur Erhaltung des Systems gewichen war.