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izpb Sozialer Wandel

16.12.2014 | Von:
Rainer Geißler

Materielle Lebensbedingungen

Annäherung seit der Einheit



Annäherung der ArbeitnehmerverdiensteAnnäherung der Arbeitnehmerverdienste (© Datenquelle: Institut der deutschen Wirtschaft Köln)
Die Angleichung der Lebensverhältnisse in den neuen und alten Ländern stellt seit der Wende die größte Herausforderung für die deutsche Gesellschaft und ihre Machteliten dar und bildet gleichzeitig einen zentralen Konfliktherd im Verhältnis von Ost- und Westdeutschen. Der verständliche Wunsch der Ostdeutschen nach einer möglichst raschen Anhebung ihres Lebensstandards auf das westdeutsche Niveau kollidiert mit der ökonomischen Gesetzmäßigkeit, dass Wohlstandsverbesserungen an Produktivitätsfortschritte gebunden sind und dass sich ein enormer Produktivitätsrückstand nicht kurzfristig aufholen lässt.
Die West-Ost-Produktivitätslücke wurde zwar inzwischen etwas mehr als halbiert, aber der weitere Aufholprozess hat nach den Berechnungen der Statistischen Ämter von Bund und Ländern seit 1996 an Tempo verloren: Das ostdeutsche Bruttoinlandsprodukt je Einwohner ist seitdem nur noch geringfügig von 62 auf 67 Prozent des Westniveaus im Jahr 2012 angestiegen, und auch die Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigen hat sich in diesen eineinhalb Jahrzehnten nur um 11 Prozentpunkte von 65 auf 76 Prozent des Westniveaus erhöht.

Durch Hilfen aus den alten Bundesländern im Zuge von Solidaritätsvereinbarungen wurde dafür gesorgt, dass sich die Wohlstandsschere schneller und weiter schloss als die Produktivitätsschere, wenn auch nicht alle Blütenträume, die in der Anfangseuphorie nach dem Zusammenbruch der DDR reiften, in Erfüllung gingen.

Nach den Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln verdienten die ostdeutschen Arbeitnehmer 2001 im Durchschnitt 1206 Euro netto pro Monat im Vergleich zu den durchschnittlich 1449 Euro ihrer westdeutschen Kolleginnen und Kollegen. Die einst weit auseinanderklaffende Verdienstlücke – 1991 machte sie noch 43 Prozent aus – ist innerhalb von vier Jahren um mehr als die Hälfte auf 20 Prozent zusammengedrückt worden, danach schrumpfte sie nur noch sehr langsam auf nominal (d. h. ohne Beachtung der Kaufkraftunterschiede) 17 Prozent im Jahr 2001. Real dürfte der Abstand – unter anderem wegen der etwas niedrigeren Mieten – ein wenig kleiner gewesen sein. Nimmt man nicht die individuellen Löhne und Gehälter als Maßstab, sondern das Nettoäquivalenzeinkommen, dann betrug die Wohlstandslücke 2001 noch 13,4 Prozent.

So entwickeln sich die RentenSo entwickeln sich die Renten (© picture-alliance / dpa-infografik, Globus 6605; Quelle: BMAS, Dt. Rentenversicherung)
Besonders rasant vollzog sich die Erhöhung der Renten. Die produktionsorientierte Sozialpolitik der DDR hatte die aus dem Arbeitsleben ausgeschiedenen Menschen stark vernachlässigt. Große Teile der Rentner und insbesondere der Rentnerinnen mussten mit Minimaleinkommen ein Dasein am Rande der Gesellschaft fristen. Durch die Übernahme des westdeutschen Systems der Alterssicherung wurden die meisten älteren Menschen quasi über Nacht aus dieser Randlage befreit. Die ostdeutschen Rentnerinnen und Rentner gehören in der Regel zu den materiellen Gewinnern der Einheit. Das mit dem Nettoäquivalenzeinkommen gemessene Wohlstandsniveau ist in den ostdeutschen Rentnerhaushalten 2008 genauso hoch wie in den Nichtrentnerhaushalten – im Gegensatz zu Westdeutschland, wo den Rentnerhaushalten etwas weniger (95 Prozent) zur Verfügung steht als den Nichtrentnerhaushalten (Berechnungen des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle). Eine Ursache sind die günstigeren Erwerbsbiografien der ostdeutschen Frauen, die längere Beitragszeiten haben als westdeutsche.

Die "nachholende Einkommensexplosion" in den neuen Ländern – sie stellte das Tempo der Lebensstandardsteigerungen in den goldenen Jahren des westdeutschen Wirtschaftswunders in den Schatten – schlug sich auch in der deutlichen Verbesserung der Wohnverhältnisse und in der Ausstattung der Haushalte nieder.
Die Wohnfläche pro Person stieg von 28 qm 1989 auf 43 qm 2013 (West 2013: 48 qm), etwa zwei Drittel der ostdeutschen Wohnungen wurden renoviert und modernisiert. Bei der Zufriedenheit mit den Wohnungen gibt es zwischen Ost und West so gut wie keine Unterschiede mehr. Ostdeutsche Haushalte sind 2013 genauso oder ähnlich gut mit Pkws, Farbfernsehern, Waschautomaten, Gefrierschränken, Mikrowellengeräten, Netz- und Mobiltelefonen, PCs und Internetzugang, DVD-Rekordern und digitalen Fotoapparaten versorgt wie westdeutsche.

Zahlen dieser Art erfassen nur unzureichend oder auch gar nicht die Entstehung einer Konsumwelt nach dem Muster westlicher Wohlstandsgesellschaften, den Qualitätssprung im Dienstleistungsangebot, die Sanierung der Umwelt, die Verbesserung der Verkehrsnetze und der Gesundheitsversorgung oder den Reiseboom.

Weiterhin Ost-West-Lücke

Die Ost-West-Lücke in den Verdiensten, Wohnbedingungen und anderen Aspekten des Lebensstandards wurde erheblich reduziert, besteht aber weiterhin. Die Entwicklung des Nettoäquivalenzeinkommens zeigt sogar an, dass sich die Ost-West-Wohlstandsschere wieder geöffnet hat. 2001 hatten die Ostdeutschen mit 86,6 Prozent des Westniveaus den bisherigen Gipfel der Annäherung erreicht. Bis 2005 fielen sie dann wieder auf 82,5 Prozent zurück, 2010 liegen sie bei 84,3 Prozent. Real dürfte die Wohlstandslücke allerdings nur etwa halb so groß sein, denn Berechnungen kommen 2009 auf Kaufkraftvorteile in Ostdeutschland im Umfang von 8 Prozent.

Besonders augenfällig wird der fortbestehende West-Ost-Abstand bei den Vermögensverhältnissen. Vier Jahrzehnte DDR ohne wesentliche Vermögensbildung sowie die fortbestehenden Einkommensdefizite und die hohe Arbeitslosigkeit nach der Vereinigung fordern ihren Tribut. Im Vierten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (2013) ist die Entwicklung der Nettovermögen (Geld- und Immobilienvermögen abzüglich Schulden) in West und Ost zwischen 1993 und 2008 registriert. Im früheren Bundesgebiet nahm das durchschnittliche Nettovermögen eines Haushalts in diesem Zeitraum von 125.000 auf 132.000 Euro zu, in den neuen Ländern von 36.000 auf 55.000 Euro. Die ostdeutschen Haushalte haben in diesen 15 Jahren etwas aufgeholt, verfügen aber 2008 erst über 42 Prozent des Vermögens der westdeutschen Haushalte. So sind auch Erbschaften in Ostdeutschland seltener als im Westen, und die vererbten Beträge von durchschnittlich 15.000 Euro liegen sehr deutlich unter dem West-Durchschnitt von 70.000 Euro.

Weiterer Nachholbedarf besteht bei der Sanierung verfallener Stadtviertel und Dörfer sowie beim Zustand öffentlicher Gebäude und Einrichtungen wie Schulen, Krankenhäusern und Altersheimen. Defizite dieser Art wurden zwar gemildert, aber es wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen, um sie endgültig zu beseitigen.
Der soziale Umbruch hat für die Ostdeutschen nicht nur neuen Wohlstand, sondern auch eine Fülle von schmerzlichen Erfahrungen mit sich gebracht. Die größten Verunsicherungen hat die lang anhaltende Massenarbeitslosigkeit ausgelöst; etwa ein Drittel der Arbeitsplätze ist nach dem Zusammenbruch der DDR verloren gegangen. "Das Leiden aller Leiden ist die Arbeitslosigkeit." Dieser Satz von Martin Walser gilt für Ostdeutsche in besonderer Weise, war doch die DDR in stärkerem Maße eine "Arbeitsgesellschaft" mit Arbeitsplatzgarantie geblieben als die Bundesrepublik.

Das Tempo der Annäherung wäre ohne Leistungstransfers von West nach Ost in weltweit einmaliger Größenordnung nicht möglich gewesen. Nach den Berechnungen des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle belaufen sich die Nettotransfers (abzüglich zurückfließender Steuereinnahmen und Sozialversicherungsbeiträge) für die Jahre 1991 bis 2011 auf etwa 1400 Milliarden Euro, das heißt pro Einwohner der alten Länder (einschließlich Ausländer) über zwei Jahrzehnte hinweg etwa 1000 Euro jährlich. Die Bundesbank hat errechnet, dass ein lediger westdeutscher Durchschnittsverdiener zwischen 1990 und 1996 Einkommensverluste von 6 Prozent durch zusätzliche Steuern und Sozialabgaben für den Aufbau Ost hinnehmen musste.

Trotz dieser Anstrengungen ist das vereinte Deutschland von einer Angleichung der Lebensbedingungen in Ost und West noch ein erhebliches Stück entfernt, und es ist absehbar, dass die soziale Einheit im Sinne der Herstellung gleicher Lebensverhältnisse ein langwieriger Prozess ist. Die Folgen von fast einem halben Jahrhundert ungleicher Entwicklungen sind nicht innerhalb weniger Jahre zu beseitigen. Die Deutschen – insbesondere ihre wichtigen Entscheidungsträger und Meinungsführer – stehen dabei vor der Aufgabe, beim Abbau der West-Ost-Kluft ein mittleres "goldenes Tempo" zu finden, das weder die Geduld der Ostdeutschen noch die Solidaritätsbereitschaft der Westdeutschen überfordert.