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16.12.2014 | Von:
Rainer Geißler

Armut und Prekarität

Armut und Prekarität im heutigen Deutschland sind nicht vergleichbar mit dem Massenelend, das die Industrialisierung begleitete, oder mit der Lebenssituation breiter Bevölkerungskreise in der Zwischen- und Nachkriegszeit. Wohlstandswachstum und Sozialstaat haben Armut und Prekarität quantitativ und qualitativ verändert, aber nicht beseitigen können.
Tafeln, wie hier in Hamburg-Bergedorf, sammeln mithilfe von ehrenamtlichen Helfern „überschüssige“, aber qualitativ einwandfreie Lebensmittel und geben diese an Bedürftige weiter.Tafeln, wie hier in Hamburg-Bergedorf, sammeln mithilfe von ehrenamtlichen Helfern "überschüssige", aber qualitativ einwandfreie Lebensmittel und geben diese an Bedürftige weiter. (© Bundesverband Deutsche Tafel e. V. / Wolfgang Borrs)

Als "prekär" bezeichnen die Sozialwissenschaften die soziale Lage von Menschen, die Gefahr laufen, in die Armut und die damit verbundene soziale Ausgrenzung abzugleiten. Das Problem, was Armut ist, wer zu den Armen gehört und welche Lebensumstände als "Leben in Armut" bezeichnet werden sollen, ist unter Sozialwissenschaftlern, Sozialarbeitern und Politikern umstritten. Einig ist sich die Armutsforschung über drei Aspekte der Armut:
  • Armut in Deutschland ist keine absolute, sondern relative Armut. Mit anderen Worten: Armut ist in entwickelten Gesellschaften keine Frage des physischen Überlebens mehr – wie noch in vielen Ländern der sogenannten Dritten oder Vierten Welt –, sondern eine Frage des angemessenen Lebens; die Armutsgrenze wird nicht durch ein physisches, sondern durch ein soziokulturelles Existenzminimum markiert.
  • Armut wird als interkulturell und historisch relative Erscheinung begriffen: Was Armut ist, variiert interkulturell von Gesellschaft zu Gesellschaft und historisch von Zeitabschnitt zu Zeitabschnitt. So definierte der Rat der Europäischen Gemeinschaft 1984 verarmte Personen als "Einzelpersonen, Familien oder Personengruppen, die über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedsstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist". Was in einer Gesellschaft als "annehmbares Minimum" angesehen wird, verändert sich im Laufe der Zeit mit dem Wandel der Lebensverhältnisse in der Gesamtgesellschaft. Festlegungen dieser Art beruhen auf gesellschaftlichen bzw. politischen Mehrheitsmeinungen und werden nicht von allen Parteien, Wissenschaftlern oder Gesellschaftsmitgliedern geteilt.
  • Armut ist mehrdimensional: Sie ist nicht nur ein ökonomisch-materielles, sondern gleichzeitig auch ein soziales, kulturelles und psychisches Phänomen. Ökonomische und materielle Unterversorgung ist gekoppelt mit der Versagung von allgemein anerkannten Lebenschancen in wesentlichen Bereichen der menschlichen Existenz, mit dem weitgehenden Ausschluss von der Teilhabe am wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Leben.

Quellentext

Tafelläden – Pro und Contra einer gut gemeinten Institution

Menschen in Lumpen, die durch riesige dunstige Müllkippen an den Rändern der Städte pflügen und sich dort ihre Existenz zusammenklauben: Solche beklemmenden Bilder kennt man nur aus Entwicklungsländern. Aber auch im reichen Land Deutschland ernährt sich eine zunehmende Zahl Menschen von den Müllbergen der Wohlhabenden. Doch hier ist dieses Bild retuschiert, die störenden Teile sind entfernt: Die Abfallhaufen sind überdacht, geordnet und verwaltet, der verzweifelt wühlende Müllsucher ist verschwunden. An den Tafeln, die überschüssige Lebensmittel an Bedürftige verteilen, ist Armut kein Skandal mehr, sondern gut aufgehoben.
Am 23. Februar 1993 eröffnete in Berlin die erste Tafel nach dem Vorbild der US-amerikanischen Foodbanks. Was damals als Nothilfe für Menschen gedacht war, die aus allen sozialen Netzen gefallen waren, etwa Drogenkranke oder Obdachlose, hat sich zum parallelen Versorgungssystem für Menschen entwickelt, die durch zu niedrige Grundsicherung, Hartz IV und prekäre Arbeitsverhältnisse so tief in die Armut gerutscht sind, dass sie auf Lebensmittelspenden angewiesen sind. Mehr als 900 Tafeln gibt es heute in Deutschland. An den bundesweit 3000 Ausgabestellen und Tafelläden holen 1,5 Millionen Menschen Essen ab.
Die Idee der Tafel ist so einfach wie faszinierend: Ehrenamtliche sammeln bei Supermärkten übrig gebliebene, aber verzehrfähige Lebensmittel ein und verteilen diesen Überschuss, der sonst vernichtet werden würde, an Bedürftige. Damit wollen die Tafeln zwei der größten Probleme unserer Zeit in einem Aufwasch beseitigen: die Verschwendung von Lebensmitteln und die wachsende Armut. Fast 20 Millionen Tonnen Lebensmittel werden in Deutschland jedes Jahr weggeschmissen, während 15 Millionen Menschen nahe oder unterhalb der Armutsgrenze leben. Ein Gedanke, der auch in der Überflussgesellschaft schwer zu ertragen ist.
[…] Die Tafeln suggerieren, mit dem Verteilen des "zu viel" an diejenigen, die "zu wenig" haben, die tiefe Kluft zwischen arm und reich zu überbrücken. Doch diese Inszenierung der Armut […] reduziert die Situation der Bedürftigen allein darauf, nicht genügend zu Essen zu haben. "In Deutschland muss niemand hungern" – diese beruhigende Behauptung findet an den Tafeln ihre praktische Umsetzung. […]
Verschwendung ist der Motor der Konsumgesellschaft: Nur wenn viel weggeworfen wird, wird auch viel gekauft. Und weil die Wahlfreiheit des Konsumenten im Supermarkt wie ein Menschenrecht gehandelt wird, wachsen die Müllberge. Die neuen Armen wiederum sind das Ergebnis der Arbeitsmarkt- und Sozialstaatsreform. Es sind diejenigen, für die es keine Verwendung mehr gibt auf dem Arbeitsmarkt – oder die in prekären Arbeitsverhältnissen für wachsenden Profit der Unternehmen sorgen.
Kein Wunder, dass zu den Tafelsponsoren und -spendern ausgerechnet die Konzerne gehören, die von der Überproduktion und Verschwendung von Lebensmitteln profitieren: Rewe, Lidl, Aldi, Metro Group, Edeka. Ihre Spende an die Tafeln lenkt davon ab, wie groß ihr Anteil an der Verschwendung ist, verschafft ihnen ein "nachhaltiges" Image und spart ihnen Entsorgungskosten. "Wer von uns Lebensmittel erhält, ist kein Almosenempfänger, sondern leistet etwas für den Klima- und Ressourcenschutz. Das ist eine gesellschaftliche Leistung, die wir anerkennen müssen", sagt Gerhard Häuser, der Vorsitzende des Bundesverbands der Tafeln. Sie seien "Rädchen in der Lebensmittelindustrie". Das also können Tafelkunden immerhin bieten: Sie entsorgen den Wohlstandsmüll und en passant das schlechte Gewissen der Konsumgesellschaft. […]
Heute erleben wir […]: Armutsbekämpfung wandelt sich von der öffentlichen politischen Aufgabe zur privat organisierten Wohlfahrt wohlhabender Bürger. Stefan Selke, Soziologe an der Universität Furtwangen, erforscht seit vielen Jahren Funktion und Auswirkungen der Tafeln in Deutschland. Er gilt als größter Tafelkritiker in Deutschland und hat außerdem das "Kritische Aktionsbündnis 20 Jahre Tafeln" ins Leben gerufen. Er sagt: "Tafeln sind Prototypen der neuen Freiwilligengesellschaft". In dieser würden verbindliche soziale Rechte gegen eine unverbindliche Almosenökonomie ersetzt.
Das Problem freiwilliger Hilfe ist jedoch: Es gibt keinen Anspruch darauf. So haben nur zehn Prozent der Bedürftigen in Deutschland Zugang zu den Tafeln, es gibt Wartelisten. Wer zur Tafel kommen darf und wer nicht, das bestimmen die Organisatoren örtlicher Tafeln. Und darauf verlassen, dass die Tüte bei der Tafel voll wird, kann man sich nicht. Es gibt ja nur, was andere nicht haben wollten. Und das nur, solange der Vorrat reicht. Wo nur der Überschuss verteilt wird, sind nicht nur die Waren endlich, sondern auch die Gerechtigkeit. So wiederholen und zementieren die Tafeln die gesellschaftlichen Zustände von drinnen und draußen und oben und unten. […]

Kathrin Hartmann, "Solange der Vorrat reicht", in: Frankfurter Rundschau vom 23./24. Februar 2013
Kathrin Hartmann: Wir müssen leider draußen bleiben. Die neue Armut in der Konsumgesellschaft. Blessing Verlag 2012

Einkommensarmut

Die statistischen Angaben zur Zahl der Armen unterscheiden sich stark – je nachdem, wie Armut gemessen bzw. wo die "Armutsgrenze" gezogen wird. Es lassen sich grob zwei Konzepte von Armut unterscheiden: die staatlich anerkannte "offizielle Armut" und die "relative Armut".

Offizielle Armut

Die "offizielle Armut" erfasst alle Menschen, die staatliche Unterstützung erhalten, um den soziokulturellen Mindestbedarf für ein menschenwürdiges Leben sicherzustellen. Staatliche Hilfe erhalten Personen oder Familien, wenn sie nicht mehr in der Lage sind, das gesellschaftlich zuerkannte Existenzminimum aus eigener Kraft und durch andere soziale Versorgungsleistungen zu sichern. Dieses Minimum errechnet sich nach einem komplizierten Verfahren und sichert den Empfängern ein Einkommen von weniger als der Hälfte des Durchschnittseinkommens. Nach dem Datenreport 2008 mussten Haushalte von Sozialhilfeempfängern 2005 mit monatlich 883 Euro pro Person (bedarfsgewichtet nach Alter) auskommen, einem Durchschnittshaushalt standen 1875 Euro zur Verfügung.

In den 1960er-Jahren nahm die Zahl der Sozialhilfeempfänger ab, aber in den 1970er-Jahren kehrte sich dieser Trend wieder um. Seitdem rutschten immer mehr Menschen in die Sozialhilfe, offiziell als "Hilfe zum Lebensunterhalt" (HLU) bezeichnet, ab. Ende 1982 wurde in Westdeutschland die Millionengrenze überschritten, Ende 1992 die Zweimillionengrenze, und Ende 1997 stieg die Zahl in Gesamtdeutschland auf einen vorläufigen Gipfel von 2,89 Millionen. Dieser wurde nach einem vorübergehenden Rückgang 2004 – beim Auslaufen der traditionellen Sozialhilfe – erneut geringfügig übertroffen. Damals lebten 2,91 Millionen Menschen oder 3,4 Prozent der Bevölkerung von laufender Hilfe zum Lebensunterhalt.

Viele arme Menschen wissen gar nicht, dass ihnen Sozialhilfe zusteht, und nicht wenige scheuen den Gang zum Sozialamt aus Stolz oder Scham, aus Furcht vor der Stigmatisierung als Almosenempfänger oder auch, weil sie verhindern möchten, dass Kinder oder andere Verwandte nach dem Sozialhilfegesetz zur finanziellen Mithilfe verpflichtet werden. Die letzte Schätzung zur "Dunkelziffer der Armut" – auch "verdeckte Armut" genannt – kommt zu dem Ergebnis, dass 2003 auf drei HLU-Empfänger mindestens zwei, eher drei weitere Berechtigte kamen (Becker/Hauser 2005).

Leben mit Hartz IVLeben mit Hartz IV (© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 174 094; Quelle: Bundesagentur für Arbeit; Stand Ende 2013)
Mit der Zusammenlegung von Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe in der größten Sozialreform der deutschen Nachkriegsgeschichte durch das Hartz-IV-Gesetz lief die übliche Sozialhilfestatistik Ende 2004 aus. Die Regelung der Ansprüche auf Arbeitslosengeld II und Sozialgeld – im Volksmund "Hartz IV" genannt – ist hochkomplex und mehrfach geändert worden. Die Empfänger von "Hartz IV" sind nicht mehr mit den HLU-Empfängern nach der traditionellen Sozialhilferegelung vergleichbar. Sicher ist, dass die Reform die verdeckte Armut nicht beseitigt hat. Nach einer Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung nahmen im Jahr 2008 zwischen 34 und 43 Prozent der Menschen, die einen Anspruch auf Hilfe durch die Hartz-IV-Gesetze haben, diese Unterstützung nicht in Anspruch (Bruckmeier u. a. 2013).

Relative Armut

Relative Einkommensarmut 1991-2012Relative Einkommensarmut 1991-2012 (© GESIS – Social Indicators Monitor (www.gesis.org/SIMon): System Sozialer Indikatoren für Deutschland)
Die europäische international vergleichende Armutsforschung arbeitet mit dem weiter gefassten Begriff der "relativen Armut": Arm sind demnach Einzelpersonen oder Familien, die über weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens – gewichtet nach Anzahl und Alter der in einem Haushalt lebenden Personen – verfügen. Die relativen Armutsquoten liegen erheblich höher als die Sozialhilfequoten. 2004 bezogen in Westdeutschland 3,4 Prozent der Bevölkerung laufende Hilfe zum Lebensunterhalt, aber 10,8 Prozent – also mehr als dreimal so viele Menschen – mussten mit einem Einkommen vorliebnehmen, das weniger als 60 Prozent des Durchschnitts betrug. Diese Unterschiede haben zwei Ursachen: Zum einen erfasst die "relative Armut" auch die "verdeckte Armut", und zum anderen liegt das politisch anerkannte soziokulturelle Existenzminimum erheblich niedriger als die 60-Prozent-Grenze. Daher wird die relative Armut im politischen Bereich häufig nicht als "Armut", sondern als "Armutsrisiko" oder "Armutsgefährdung" bezeichnet.

Bekämpfte Einkommensarmut nach der SozialhilfegrenzeBekämpfte Einkommensarmut nach der Sozialhilfegrenze (© Eigene Grafik nach Daten der Sozialhilfestatistik des Statistischen Bundesamtes)
Das Schaubild "Relative Einkommensarmut 1991-2012" macht deutlich, dass sich die relative Einkommensarmut im früheren Bundesgebiet insbesondere in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre wieder ausgebreitet hat: 1991 waren 6,6 Prozent der Westdeutschen arm, 1996 bereits 10,4 Prozent. Und auch im vergangenen Jahrzehnt ist die Armutsquote nochmals von 10,2 Prozent im Jahr 2000 auf den bisherigen Gipfel von 12,6 Prozent im Jahr 2012 angestiegen. Auch im europäischen Vergleich hat sich die Situation Deutschlands erheblich verschlechtert. 2001 war Deutschland im Kampf gegen die Armut noch sehr erfolgreich – in den damals 15 EU-Staaten lebten lediglich in Schweden weniger Menschen in Armut. Im vergangenen Jahrzehnt ist Deutschland ins Mittelfeld abgestiegen: 2010 war die Armutsquote in 7 der 15 Gesellschaften niedriger – in den drei skandinavischen Ländern sowie in den Niederlanden, in Österreich, Luxemburg und Frankreich.

Die Ergebnisse aus dem Datenreport 2013 zu den Alltagsproblemen, die im Schaubild "Probleme im Alltag durch relative Armut" dargestellt sind, vermitteln einen Eindruck davon, welche Einschränkungen und Belastungen sich hinter dem abstrakten statistischen Konzept der 60-Prozent-Mediangrenze verbergen. So konnten es sich zum Beispiel 60 Prozent der Betroffenen nicht leisten, jedes Jahr eine Woche Urlaub woanders als zu Hause zu verbringen. Von den Menschen mit einem Nettoäquivalenzeinkommen oberhalb der 60-Prozent-Grenze sind 16 Prozent dieser Einschränkung unterworfen.

Quellentext

Mini-Job und Multi-Jobber – ein "Musterbeispiel"

Es ist 21.45 Uhr, und Christine Schöpfel ist für heute fertig mit der Arbeit. Sie schaut sich noch einmal um: Die Toiletten sind sauber, die Kaffeetassen in der Spülmaschine, die kleinen Zwiebelschalen liegen nicht mehr auf dem Teppich, sondern im Mülleimer. Die Papierkörbe sind leer – halt, hier fehlt noch eine Mülltüte. Christine Schöpfel läuft noch einmal schnell in die Küche, eine von den weißen Tüten, aufschütteln, in den Plastikeimer damit, fertig. Licht aus.
Sie schließt ab und läuft zu ihrem Auto, einem kleinen roten Kia. Zu Hause, das weiß sie, warten eine unordentliche Wohnung, unerledigte Näharbeiten, ein Hund, ein Vogel und ein Mann, der sich beschweren wird, dass sie zu viel arbeitet. Sie weiß, dass er recht hat. Spätestens morgen früh, am Donnerstag, wenn sie um halb sechs aufsteht, um die Putz-Tour einer Kollegin beim Pflegedienst zu übernehmen. Vier Haushalte, das geht bis nachmittags. Dann noch Waschen und Bügeln bei einem Kunden, dem sie auf eigene Rechnung den Haushalt führt.
Abends fährt sie wieder hierher, in diese ganz normale Bürolandschaft. Motivierende Sprüche an den Wänden, Familienfotos neben den Bildschirmen, Pin-up-Girls im Pausenraum. Zwölf Schreibtische, sechs Toiletten, Küche, Flur, Treppenhaus. Zwei Mal die Woche erledigt sie nach diesem Putzdienst noch einen zweiten, in einem Logistikzentrum bei Erfurt.
Wie sie das alles schafft? "Eigentlich gar nicht mehr", sagt Christine Schöpfel und verbirgt ihr Gesicht hinter einer Hand. Fünf Jobs hat sie im Moment – denn zu den verschiedenen Putz-Jobs, zum Waschen-Wischen-Bügeln in einem fremden Haushalt kommt noch ein privater Nähbetrieb, Änderungsschneiderei in den eigenen vier Wänden. Dass Schöpfel 62 Jahre alt und inzwischen in Rente ist, zählt nicht: Die 40-Stunden-Woche ist bei ihr spätestens Donnerstagmittag voll – und am Wochenende wird genäht. [...]
Schöpfel, die in der DDR als leitende Postangestellte und Bürokraft in einer Betriebspraxis gutes Geld verdiente, war nach der Wende immer wieder arbeitslos, hielt sich mit Urlaubsvertretungen und Gelegenheitsjobs über Wasser. Eine gute Stelle als Buchhalterin gab sie auf, als sie Mitte der Neunzigerjahre zu ihrem Lebensgefährten ins Erfurter Umland zog. Das Schuhgeschäft, mit dem sie sich dort selbständig machte, ging Pleite. Für die Rente kam kaum etwas zusammen.
Heute ist sie eine von 7,5 Millionen Mini-Jobbern in Deutschland. Bis zu 450 Euro im Monat kann man in diesen Jobs dazuverdienen, so gut wie steuerfrei. Immer mehr Menschen – alleinerziehende Mütter, Studenten, Rentner – bessern so ihr Gehalt auf. Viele haben gleich mehrere Stellen, nicht wenige erledigen den Mini-Job neben einer Vollzeitstelle. Man nennt sie Multi-Jobber, und auch ihre Zahl wächst: etwa 2,7 Millionen sind es im Moment.
So viel Multi-Job wie bei Christine Schöpfel ist allerdings selten. Dabei ist sie ein Musterbeispiel für das, was sich die Erfinder der Mini-Jobs vor mehr als zehn Jahren gedacht haben: Schöpfel wird immer dann gefragt, wenn gerade Not am Mann ist. Für Auftragsspitzen und saisonale Höhepunkte seien Mini-Jobber ideal, befand man damals, als die neuen Arbeits- und Sozialgesetze gemacht wurden. Schnell eingestellt, ein paar Stunden die Woche, ein paar Euro auf die Hand. Wunderbar flexibel.
An einem nieseligen Vormittag im November sitzt Christine Schöpfel an der Nähmaschine und schaut aus dem Fenster. Für sechs Euro kann man bei ihr Hosen kürzen lassen, aufwendigere Arbeiten wie das Füttern einer Jacke kosten 20 Euro oder ein bisschen mehr. Das ist selbst in Thüringen, wo die Löhne so niedrig sind wie fast nirgendwo sonst in Deutschland, ziemlich günstig. [...]
Doch im Moment kommt Schöpfel einfach nicht zum Nähen – sie hat zu viel zu tun mit Urlaubsvertretungen, mit Krankheitsausfällen. Wann immer jemand wegbleibt, springt sie ein. […]
Trotzdem sagt Christine Schöpfel, die Arbeit mache ihr Spaß. "Sonst würd ich es nicht machen." Sie ist stolz, Geld zu verdienen, stolz auf ihre Leistungsfähigkeit. "Das sitzt einfach so bei mir drin." Schöpfel hat zwei Kinder großgezogen, voll gearbeitet, immer schon.
[...] So viel wie ihr Mann, der in einer Aluminium-Gießerei beschäftigt war, hat sie nie verdient. Noch heute, ihr Mann ist seit fast zwanzig Jahren tot, gestorben an den Graphit-Dämpfen in der Gießerei, ist die Witwenrente größer als ihre eigene. […]

Charlotte Theile, "Die Arbeitssammlerin", in: Süddeutsche Zeitung vom 4. Januar 2014

Risikogruppen


Probleme im Alltag durch relative ArmutProbleme im Alltag durch relative Armut (© Eigene Grafik nach Daten bei Silvia Deckl, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.), Datenreport 2013, Bonn 2013)
Als Risikogruppen werden Bevölkerungsgruppen mit einem besonders hohen Anteil von Armen bezeichnet; die Zugehörigkeit zu ihnen ist also mit einem sehr großen Risiko verknüpft, an oder unter der relativen Armutsgrenze leben zu müssen. Mit dem Wandel der Armut hat sich auch die Struktur der Risikogruppen teilweise verändert.

In den 1960er- und 1970er-Jahren waren alte Menschen – vor allem ältere Frauen – besonders hohen Armutsrisiken ausgesetzt. Die Altersarmut wurde jedoch durch die Verbesserung der Alterssicherung, vor allem durch die Dynamisierung der Renten, eingedämmt. Seit drei Jahrzehnten liegt die Armutsquote der älteren Menschen nicht mehr über, sondern unter dem Durchschnitt. Zwischen 2009 und 2011 waren lediglich die 31- bis 40-Jährigen seltener von Armut betroffen als die über 60-Jährigen. Allerdings droht wegen verschiedener Entwicklungen am Arbeitsmarkt – Zunahme des Niedriglohnsektors und der unsteten Beschäftigungsverhältnisse, prekäre Selbstständigkeit mit Niedrigeinkünften – eine neue Altersarmut, wenn keine sozialpolitischen Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Auch die Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind – sieht man einmal von der überwiegend weiblichen Risikogruppe der Alleinerziehenden ab – weitgehend eingeebnet worden. In den Jahren 2009 bis 2011 lag die durchschnittliche Armutsquote der Frauen nur um 1,7 Prozentpunkte über derjenigen der Männer.

Risikogruppen und Schutz vor Armut in DeutschlandRisikogruppen und Schutz vor Armut in Deutschland (© Eigene Grafik nach Daten bei Jan Goebel / Roland Habich / Peter Krause, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.), Datenreport 2013, Bonn 2013 (Datenbasis: Sozio-ökonomisches Panel); Ausländer und Bevölkerung mit Migrationshintergrund nach Angaben f)
Aus der soziodemografischen Struktur der Armutsbevölkerung, die Jan Goebel, Roland Habich und Peter Krause für den Datenreport 2013 berechnet haben, lassen sich folgende Faktoren ableiten, die das Risiko, in relative Armut abzurutschen, am meisten erhöhen (in dieser Reihenfolge):
  • Arbeitslosigkeit,
  • Alleinerziehen,
  • Migrationshintergrund (insbesondere Ausländerstatus),
  • geringe schulische Qualifikation (kein Hauptschulabschluss),
  • Scheidung,
  • geringe berufliche Qualifikation (un- und angelernte Arbeiter),
  • niedriges Alter (11-30 Jahre) und
  • Kinderreichtum (Familien mit mindestens drei Kindern).
Den besten Schutz gegen Armut bieten
  • ein hoher beruflicher Status (gehobene/höhere Beamte, leitende Angestellte),
  • die Vollzeiterwerbstätigkeit,
  • eine gute Ausbildung (Hochschulabschluss) sowie
  • ein Leben zu zweit ohne Kinder.
Ob jemand in Armut gerät oder nicht, hängt sehr stark von seiner Situation auf dem Arbeitsmarkt ab. Während Vollzeiterwerbstätigkeit vergleichsweise gut gegen Armut schützt (Armutsrate 4,5 Prozent), führen die Arbeitslosen die Liste der armutsbedrohten Gruppen mit großem Abstand an (56 Prozent). Erwerbstätigkeit ist allerdings kein absoluter Schutz gegen Armut. Die aus anderen Gesellschaften bekannten "working poor" bilden auch in Deutschland ein wachsendes Segment der Armutsbevölkerung. Nach dem Vierten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (2013) verdienten neben den erwähnten 4,5 Prozent der Vollzeiterwerbstätigen weitere 15 Prozent der Teilzeiterwerbstätigen im Jahr 2010 so wenig, dass sie unter der 60-Prozent-Grenze leben mussten.

Obdachlose

Materielle Not hat häufig Wohnungsnot und Obdachlosigkeit zur Folge. Menschen ohne eigene Wohnung gehören zuden Ärmsten der Armen; ihre Mittel reichen nicht aus, um sich ein eigenes "Obdach" zu leisten. Über Art und Umfang der Obdachlosigkeit in Deutschland kursiert eine Fülle von Missverständnissen, weil wichtige Begriffe wie "Obdachlose" oder "Wohnungslose" im Amtsdeutschen, bei Wissenschaftlern, Journalisten, Sozialpädagogen oder in der Umgangssprache einen sehr unterschiedlichen Bedeutungsgehalt haben. Nach der Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnungslosenhilfe (BAG W) ist wohnungslos, wer weder über Wohneigentum noch "über einen mietvertraglich abgesicherten Wohnraum verfügt".

Wohnungslosigkeit

Wohnungslosigkeit kann sehr unterschiedliche Formen annehmen. Die meisten Wohnungslosen leben in provisorischen Notunterkünften. Diese werden ihnen von den Gemeindebehörden mietfrei zur Verfügung gestellt, weil sie nicht in der Lage sind, aus eigener Kraft eine Wohnung zu finanzieren. Menschen in Notunterkünften dieser Art haben zwar eine Wohnung, leben darin aber nicht als Mieter mit entsprechenden Rechten, sondern nur als vorübergehend geduldete Nutzer. Sie sind stärkeren behördlichen Reglementierungen ausgesetzt, und ihre Privatsphäre ist eingeschränkt, weil die Behörden jederzeit das Recht auf Zutritt und Kontrolle haben. Auch viele (Spät-)Aussiedler waren in den 1990er-Jahren in Notunterkünften untergebracht, bis sie eine Mietwohnung gefunden hatten.

Im Statistischen Jahrbuch (2013, S. 487) ist zwar nachzulesen, wie viele Legehennen in Käfigen gehalten werden, aber nicht, wie viele Menschen in unwürdigen Verhältnissen wohnen müssen. Daher lässt sich die Zahl der Wohnungslosen nur schätzen. Dank der Bemühungen der BAG W sind die Schätzungen aber immer zuverlässiger geworden.

Da sich die Situation auf dem Wohnungsmarkt seit Ende der 1980er-Jahre durch die sprunghaft angestiegene Ost-West-Wanderung (ca. 3 Millionen Aus- und Übersiedler) krisenhaft zuspitzte, nahm auch die Zahl der Wohnungslosen zunächst erheblich zu und erreichte 1996 mit etwa 930.000 – davon gut 50.000 in den neuen Ländern – ihren Gipfel. Danach war sie zwölf Jahre lang rückläufig. 2008 erreichte sie einen Tiefststand von 227.000. Die meisten (Spät-)Aussiedler konnten die Notunterkünfte verlassen, 2010 waren nur noch etwa 2000 von ihnen ohne eigene Wohnung. Aber auch einheimischen Deutschen gelang es besser als vorher, im Mietwohnungsmarkt Fuß zu fassen. Viele Neubauten sowie preisgünstige Wohnungen, die durch den Abzug der alliierten Truppen frei geworden waren, trugen zu diesem Rückgang ebenso bei wie die Anstrengungen von Kommunen und freien Trägern der Wohnungslosenhilfe (Übernahme von Mietschulden, vermehrte Beratungsangebote).

Seit 2009 kehrt sich der rückläufige Trend jedoch wieder um; die Zahl der Wohnungslosen stieg innerhalb von vier Jahren um ein Viertel auf 284.000 im Jahr 2012, von denen ca. 35.000 in Ostdeutschland leben. Für den erneuten Anstieg der Wohnungslosigkeit lassen sich drei Ursachen ausmachen:
  • der schrumpfende Bestand an Sozialwohnungen,
  • gestiegene Mietpreise insbesondere in den Ballungsgebieten und
  • die Ausdehnung der Armutszone.
Die BAG W geht davon aus, dass die Wohnungslosenzahlen bis 2016 um ein weiteres Drittel auf 380.000 ansteigen werden – ein Rückfall auf den Stand von 2003.
Wohnungslosigkeit ist nur selten ein ausschließlich selbst verschuldeter Zustand. Strukturelle Hintergründe der Notlage, die in Mietschulden offenbar wird, sind Armut und Arbeitslosigkeit in Zusammenhang mit einer angespannten Situation am Wohnungsmarkt. Die Belastung armer Familien durch die Miete ist extrem hoch. Haushalte mit Niedrigeinkommen müssen im Durchschnitt 44 Prozent des Einkommens für die Miete aufbringen, bei einer Durchschnittsfamilie ist dieser Anteil nur halb so groß. Arbeitslosigkeit und unverschuldete Notlagen, zum Beispiel durch Krankheit, haben für die Entstehung von Obdachlosigkeit eine große Bedeutung; familiäre Ereignisse wie Scheidung oder Geburten spielen ebenfalls eine Rolle, sind aber von minderem Gewicht.

Wie sich die Wohnungslosen soziostrukturell zusammensetzen, ist nur schlecht erfasst. Der Anteil von Kindern und Jugendlichen ist zwischen 1996 und 2012 von 34 auf 11 Prozent zurückgegangen. Unter den Erwachsenen dominieren 2012 die Männer mit 75 Prozent. 64 Prozent aller Wohnungslosen sind alleinstehend.

Quellentext

Rückzug aus der Gesellschaft

Bis zum Frühjahr wird das Holz nicht reichen. "Das ganze Unterholz ist weg. Ich habe schon fast alles verbrannt", sagt Paul H. Wenn der Frost bleibt, lassen sich die Tage ohne wärmendes Feuer nicht überstehen. Paul H., 52 Jahre alt, lebt seit mehr als zwei Jahren in einem Zelt in einem Wald bei Wiesbaden, auf sich gestellt und die meiste Zeit ohne Kontakt zur Außenwelt.
Eine Wohnung hat er nicht. Für das Gespräch ist er in die Teestube gekommen, eine Anlaufstelle der Diakonie für Wohnungslose. Paul H. ist ein schlanker Mann, der großen Wert auf sein Äußeres legt. Sein Gesicht ist glatt rasiert, das angegraute Haar kurz geschnitten. Im Wald besitzt er Rasierer, Schere und Spiegel. Seine Füße stecken in weißen Tennissocken, weiß sind auch die Turnschuhe, ist auch das T-Shirt, das er unter der Sweatshirtjacke trägt. "Mir sieht keiner an, wie ich lebe. Ich bin nicht abgesoffen", sagt er. […]
Er arbeitete in einem renommierten Wiesbadener Ausflugslokal. "Ich war Chefkoch, habe ausgebildet." Das Scheitern beginnt, als seine zweite Ehe zerbricht. Paul H. erzählt von einer Frau im Kaufrausch, die Rechnungen nicht bezahlt. Von einer Räumungsklage, dem drohenden Verlust der gemeinsamen Wohnung. Von langen Arbeitstagen und zwei Nebenjobs, mit deren Hilfe er die Wohnung zunächst halten und Schulden bezahlen kann. […]
Er berichtet von weiteren Schulden seiner Frau, einer zweiten Räumungsklage. "Als sie mich dann noch mit einem Jugendfreund betrogen hat, hat es mir den Boden unter den Füßen weggerissen." Er schmeißt alles hin, packt seine Campingausrüstung und geht. Seiner Frau hinterlässt er die Möbel, Bücher, Klamotten – und einen Zettel. "Ich bin weg" steht darauf. […]
Immer wieder ziehen sich Obdachlose aus Städten in Wälder zurück. "Ursache sind meist psychische Erkrankungen", sagt Matthias Röhrig, Leiter der Teestube. Die Menschen brechen den Kontakt zu der Gesellschaft ab, mit der sie nicht zurechtkommen. In Wiesbaden gibt es wohl eine Handvoll Obdachlose, die in Wäldern leben. Offizielle Zahlen für ganz Deutschland gibt es nicht.
"Paul H. war depressiv", glaubt Röhrig.
"Ich habe mit meinem Verhalten der Norm nicht entsprochen", sagt Paul H.
Paul H. sucht sich einen Platz in der Nähe eines Friedhofs, dort hat er Zugang zu Wasser. Er geht planvoll vor, schafft sich feste Strukturen, einen geregelten Tagesablauf. Mit einem Fünf-Liter-Kanister holt er sich jeden Morgen frisches Wasser und erhitzt es in einem Kessel über dem Lagerfeuer.
Paul H. investiert viel Zeit, um den Schein zu wahren. Er ist bekannt in der Stadt, niemand soll sein Scheitern erahnen. […]
Geld verdient er mit dem Sammeln von Leergut, vier bis fünf Euro. Das reichte für das Leben im Wald. Er hat eine feste Tour, jeden Tag zehn Kilometer. Manchmal klingt es fast romantisch, wenn der 52-Jährige erzählt. "Nein", sagt er. "Das ist furchtbar. Du weinst zwar nicht. Aber es ist schrecklich einsam. Du vergisst, wie es ist, gemocht zu werden."
[…] Seinen Unterschlupf zeigt er niemandem: aus Scham. Nur zweimal hatte er dort Besuch von Menschen.
Beim ersten Mal sind es Jugendliche. Als sie auf sein Heim stoßen, ist er Leergut sammeln. Bei seiner Rückkehr sind die Zeltstangen zerbrochen, die Schuhe durch die Gegend geworfen. Seine Papiere, der Sozialversicherungsausweis und vor allem die Bilder der beiden Töchter aus erster Ehe – alles ist zerstört. "Wenn du so lebst, bist du nichts wert", sagt Paul H. Er sucht sich einen neuen Platz. Noch tiefer im Wald, noch entlegener.
Beim zweiten Mal stehen plötzlich Polizisten vor seiner Behausung. In der Nähe ist in ein Gartenhäuschen eingebrochen worden. Der 52-Jährige kann den Verdacht ausräumen, die Beamten werden trotzdem aktiv. Sie fahren mit dem Obdachlosen zum Sozialamt. Sie reden für ihn mit den Sachbearbeitern, stehen neben ihm, bis alle Formulare ausgefüllt sind. Das war im Juli, seitdem bekommt er Hartz IV, 382 Euro im Monat. Dann fahren die Beamten ihn zur Obdachlosen-Einrichtung, wo der 52-Jährige auf Matthias Röhrig trifft. […]
Paul H. lebt zwar noch immer im Wald, doch seit Juli hat er sich auf den Rückweg in die Gesellschaft gemacht. "Ich will so nicht mehr leben", sagt er. Er nimmt an einem Hauswirtschaftsprojekt der Diakonie teil, das Obdachlose wieder an Arbeit und feste Strukturen heranführen soll. […] [E]r geht zum Arbeitsamt, lernt den Umgang mit dem Computer, setzt sich mit seiner Krankenkasse in Verbindung. Inzwischen steht er ganz oben auf der Warteliste für einen Platz in einer Wohngruppe. Als Übergang zu einer eigenen Wohnung.
Paul H. glaubt, dass es nur eine Frage von wenigen Wochen ist, bis er den Wald verlassen kann. Bald hat er seinen ersten Arbeitstag als Koch in einem Restaurant. […]
Wenn er seine eigene Wohnung hat, ist dann alles wieder gut? "Nein", sagt er entschieden. "Es wird wohl noch ein bis zwei Jahre dauern, bis ich wieder richtig in der Gesellschaft angekommen bin. Je länger man außerhalb lebt, desto schwieriger ist der Rückweg."

Gesa Fritz, "Der Mann aus dem Wald", in: Spiegel Online, www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/obdachlosigkeit-der-mann-aus-dem-wald-a-938735.html


Straßenobdachlosigkeit

Die letzte Stufe der sozialen Deklassierung ist mit der Straßenobdachlosigkeit erreicht. Straßenobdachlos ist die relativ kleine Gruppe von Menschen, die kein dauerhaftes Dach über dem Kopf haben. Sie leben im Freien, "machen Platte" in Parks, auf der Straße oder an anderen öffentlich zugänglichen Stellen. Manche von ihnen nutzen leer stehende Wohnungen, einige verbringen die Nächte in Notübernachtungshäusern, den sogenannten Obdachlosenasylen.

Wer ohne Obdach leben muss, dem ist eine elementare Grundlage für ein gesichertes, menschenwürdiges Leben entzogen. Die Wohnung ist nicht nur materielle Basis für Wärme, Schutz und Geborgenheit, sondern unabdingbare Voraussetzung für Arbeit, Familie, Privatleben, Hygiene, für bestimmte Formen der Kommunikation (z. B. Postzustellung) und für ein Mindestmaß an sozialer Anerkennung. Ein Leben auf der Straße bedeutet ein Leben außerhalb vieler, ja nahezu aller Normen, den "Ausschluss aus der Welt derer […], die sich gegenseitig als Menschen wiedererkennen und anerkennen" – so hat es Hartwig Drude, der frühere Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnungslosenhilfe, etwas überspitzt formuliert.

Die Belastungen, die mit dem ungesicherten und entwürdigenden Leben eines "Landfahrers" oder "Stadtstreichers" verbunden sind, haben bei längerer Dauer körperliche und psychische Schäden sowie vorzeitige Alterung zur Folge und verringern die Lebenserwartung um etwa zehn Jahre. Seit 1991 sind mindestens 278 Straßenobdachlose im Freien – auf Parkbänken, unter Brücken, in Abrisshäusern, Gartenlauben und an ähnlichen Orten – erfroren.
Nach den neuesten Schätzungen der BAG W ist der harte Kern derjenigen, die über einen längeren Zeitraum "Platte machen" und ohne jede Unterkunft auf der Straße leben, von 35.000 im Jahr 1996 nach und nach auf den Tiefststand von 18.000 im Jahr 2006 zurückgegangen. Seitdem ist ihre Zahl allerdings wieder um ein Drittel auf 24.000 im Jahr 2012 angestiegen.

Betroffen von Straßenobdachlosigkeit sind hauptsächlich alleinstehende Männer im Alter zwischen 20 und 50 Jahren. Etwa ein Fünftel von ihnen sind ehemalige Strafgefangene, die nach ihrer Haftentlassung nicht oder noch nicht wieder Fuß fassen konnten. Der Frauenanteil ist seit den 1990er-Jahren von 3 bis 5 Prozent auf etwa 10 Prozent gestiegen. In einer Studie von Wolfgang Ludwig-Mayerhofer u. a. (2001) wird darauf hingewiesen, dass in dieser Zahl die verdeckte weibliche Straßenobdachlosigkeit nicht berücksichtigt ist, also diejenigen Frauen, die "zweckorientierte Partnerschaften mit Männern eingehen, um dem ungeschützten Leben auf der Straße und der damit verbundenen Stigmatisierung auszuweichen".

Armut auf Zeit



Die ArbeitslosenDie Arbeitslosen (© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 258 238; Quelle: Bundesagentur für Arbeit)
Armut und Obdachlosigkeit sind für den Einzelnen und für die Gesellschaft umso folgenschwerer, je länger sie andauern. Wenn Menschen über lange Zeit oder auf Dauer in Mangellagen leben müssen, verschlimmern und verfestigen sich die psychischen und sozialen Folgen. Es kann dazu kommen, dass extreme Benachteiligungen von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Die sogenannte dynamische Armutsforschung ermöglicht genauere Einblicke in die Dynamik der Armut, in die Bewegungen über die Armutsgrenzen hinweg und damit auch in die Dauer von Sozialhilfebezug, relativer Armut und Obdachlosigkeit. Die letzte Studie zum Sozialhilfebezug, die bis 2003 über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren lief, kommt zu dem Ergebnis, dass knapp die Hälfte der Unterstützten nach diesem Zeitraum wieder finanziell auf eigenen Füßen stand, 60 Prozent von ihnen durch die Befreiung aus der Arbeitslosigkeit. 8 Prozent der Sozialhilfeempfänger war nur ein vorübergehender Ausstieg gelungen, und 43 Prozent waren ununterbrochen zweieinhalb Jahre lang auf Sozialhilfe angewiesen.

Genauere und neuere Daten zur relativen Armut liegen im Datenreport 2013 vor. Knapp zwei Fünftel (39 Prozent) der Menschen, die 2011 in der Armutszone leben mussten, waren auch in den Jahren 2007 bis 2010 dauerhaft von Armut betroffen. Weitere gut zwei Fünftel (42 Prozent) waren in den vier vorangehenden Jahren ein, zwei oder drei Jahre lang arm, und 19 Prozent glitten 2011 erstmals in die Armutszone ab. Ein Vergleich mit der Situation im Jahr 2000 macht deutlich, dass sich die Armut im letzten Jahrzehnt etwas verfestigt hat.

Die dynamische Armutsforschung hat deutlich gemacht, dass die Überwindung von Armut für einen Teil der Betroffenen – insbesondere für Menschen mit niedriger Schulbildung – nicht von Dauer ist. Sie geraten wiederholt in die Armutszone, ihr Lebenslauf ähnelt – so der Armutsforscher Hans-Jürgen Andreß (1999) – "einer ‚Achterbahn‘ mit zyklusabhängigen Höhen und Tiefen".

Die Dynamik unter Obdachlosen ist erheblich schlechter erforscht. Die BAG W hat 2010 in einer nicht repräsentativen Stichprobe 24.000 Obdachlose befragt. Die Studie liefert Hinweise darauf, dass die Dauer der Obdachlosigkeit erheblich kürzer ist als die Dauer der Armut und dass sich Wohnungsnot im letzten Jahrzehnt nicht verfestigt, sondern verkürzt hat. 2010 gab es einen harten Kern von 11 Prozent der Obdachlosen, die länger als fünf Jahre ohne eigene Wohnung leben mussten, und 69 Prozent waren vor weniger als zwölf Monaten in die Obdachlosigkeit abgeglitten.

Randständigkeit ist heute in der Regel kein Dauerschicksal mehr. In den sprichwörtlichen "Teufelskreis" von Armut und Obdachlosigkeit, aus dem es dann kein Entrinnen mehr gibt, gerät nur eine – derzeit allerdings wachsende – Minderheit der Betroffenen. Die bisherige Antwort der deutschen Wohlstandsgesellschaft auf das Problem der Armut ist nicht ihre Beseitigung, sondern ihre Befristung – die Armut auf Zeit.

Diese "Problemlösung" hat auch ihre Kehrseite: Das befristete Schicksal der Randständigkeit wird auf viele Schultern verteilt. Zwischen 1991 und 1997 gerieten immerhin etwa ein Fünftel der Deutschen zumindest kurzfristig unter die 50-Prozent-Armutsgrenze. Auch Angehörige der mittleren und sogar der höheren Schichten sind gewissen Armutsrisiken ausgesetzt. Allerdings führt die Vorstellung von einer "Demokratisierung der Risiken" im Sinne von "Gemeinsamkeiten der Risiken über unterschiedliche Einkommenshöhen, Bildungsabschlüsse hinweg" (Ulrich Beck 1986) schnell in die Irre, wenn dabei die deutlichen schichtspezifischen Risikounterschiede nicht beachtet werden.

Die Gefahr, in die Armutszone abzugleiten, war zum Beispiel in den Jahren 2009 bis 2011 für Un- und Angelernte dreieinhalbmal so groß wie für Facharbeiter, siebenmal so groß wie für qualifizierte Angestellte und siebzehnmal so groß wie für leitende Angestellte; und längere Armutsperioden tauchen bei Menschen ohne Ausbildungsabschluss relativ häufig, bei Abiturienten und insbesondere bei Akademikern nur noch in Ausnahmefällen auf.

Soziale und psychische Folgen



Die Grundsituation der Armut wird – auch bei längerer Dauer – von den Betroffenen sehr unterschiedlich bewältigt. Andreß (1999) dokumentiert die erheblichen Einschränkungen in der alltäglichen Lebensführung, insbesondere beim Konsum, aber auch bei der Ernährung, in vielen Einzelheiten. Die aus einigen Fallstudien bekannte "Isolationsthese" – Rückzug der Armen in die Familie und Abbruch der außerfamilialen Kontakte – lässt sich dagegen ebenso wenig quantitativ bestätigen wie die Vorurteile, Arme seien arbeitsscheu oder unfähig, mit ökonomisch prekären Situationen umzugehen.

Neuere Studien (Böhnke 2009; Böhnke/Dathe 2010) belegen, dass bei vielen Betroffenen mit dem Abstieg in die Armut auch Einbußen an Lebenszufriedenheit, politischem Interesse und kultureller Teilhabe (Konzert-, Theater-, Museumsbesuche) sowie ein Rückzug aus ehrenamtlichen Tätigkeiten in Vereinen, Verbänden oder sozialen Diensten einhergehen. Nach einer Expertise des Robert-Koch-Instituts von 2005 berichten Menschen in Armut erheblich häufiger als andere von starken Schmerzen und gesundheitsbedingten Einschränkungen im Alltagsleben. Zu den Ursachen gehören hoher Alltagsstress, aber auch häufigeres gesundheitsschädliches Verhalten wie Rauchen, ungesunde Ernährung und sportliche Inaktivität.

Obwohl sich die meisten Eltern große Mühe geben, ihre Kinder möglichst wenig unter der familiären Notlage leiden zu lassen, sind die Folgen der Armut auch für junge Menschen gravierend. Bei 12- bis 16-Jährigen aus unterversorgten Familien sind die Risiken, mit dem Leben unzufrieden zu sein, sich als Außenseiter zu fühlen und von den Mitschülerinnen und Mitschülern nicht akzeptiert zu werden, etwa doppelt so hoch wie bei Gleichaltrigen aus Durchschnittsfamilien. Auch Gefühle von Einsamkeit und Hilflosigkeit sowie Defizite im Selbstbewusstsein treten häufiger auf (Klocke 2001).

Neuere Studien aus dem vergangenen Jahrzehnt bestätigen diese Defizite. So kommen nach den Analysen des Frankfurter Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik (ISS) zum Beispiel arme Sechsjährige mitunter hungrig und ohne körperliche Pflege in die Kindertagesstätten. Sie zeigen häufiger Auffälligkeiten im Sprach-, Spiel- und Arbeitsverhalten, werden häufiger von anderen Kindern gemieden und haben häufiger gesundheitliche Probleme. Arme Zehnjährige sind seltener Mitglieder in Vereinen, haben erheblich seltener Zugang zum Internet, bringen seltener Kinder mit nach Hause und feiern seltener ihren Geburtstag. Sie nehmen ihre Mahlzeiten häufiger unregelmäßig ein, haben häufiger Gewichtsprobleme sowie frühzeitiger und häufiger Kontakt zu Zigaretten und Alkohol (Holz 2006).

Auch die deutliche Beeinträchtigung der Bildungschancen durch Armut wurde in neueren Studien bestätigt. So verlassen beispielsweise Jugendliche im Alter von 16 bis 19 Jahren, die mindestens zweimal vorübergehend von Armut betroffen waren, das Schulsystem dreimal so häufig ohne Abschluss wie ihre Altersgenossen, besuchen Haupt- und Förderschulen doppelt so häufig und erreichen das Abitur nur halb so häufig (Boeckenhoff u. a. 2012). In der Regel gilt für die skizzierten Folgen der Armut: Je länger die Armut dauert, umso intensiver wird die alltägliche Lebensführung eingeschränkt und belastet.

Prekarität



Im vergangenen Jahrzehnt ist das Konzept der Prekarität in Wissenschaft und Öffentlichkeit populär geworden. Der Begriff wird allerdings sehr unterschiedlich verwendet, unter anderem auch als Synonym für Armut. Im Folgenden wird er im Anschluss an den französischen Soziologen Robert Castel für die soziostrukturelle Zone der "sozialen Verwundbarkeit" verwendet, die der Armut vorgelagert ist. Prekär ist die soziale Lage von Menschen, die Gefahr laufen, in die Armut und die damit verbundene soziale Ausgrenzung abzugleiten. In diesem Sinne wird zum Beispiel in den Datenreports seit 2002 die sozialstatistische Kategorie des "prekären Wohlstands" benutzt. Sie erfasst Menschen, die mit einem Nettoäquivalenzeinkommen von 50 bis 75 Prozent des Durchschnittswerts auskommen müssen. Sie leben über der relativen Armutsgrenze, aber ihre Situation ist armutsnah und prekär im Sinne von "verwundbar, unsicher, heikel, instabil". Sie gleiten häufiger in die Armutszone ab als andere. Ihr Anteil an der Bevölkerung schwankte in den beiden vergangenen Jahrzehnten geringfügig zwischen etwa 22 und 25 Prozent, 2011 betrug er 25,5 Prozent (Datenreport 2013).

Die Diskussion über Prekarität hat ihren Ausgangspunkt in der Arbeitswelt, bei der sogenannten Entstandardisierung der Beschäftigungsverhältnisse. Der Anteil der erwerbstätigen Bevölkerung, die als Arbeitnehmer in einem Normalarbeitsverhältnis tätig sind – vollbeschäftigt, unbefristet, tariflich geregelt –, ist in den beiden vergangenen Jahrzehnten zurückgegangen; ausgedehnt haben sich die unbefristeten Teilzeitbeschäftigungen, geringfügige Beschäftigungsverhältnisse (sogenannte Minijobs) sowie die besonders prekäre Leiharbeit (2011 knapp 3 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten). Die Deregulierung des Arbeitsmarktes kommt den Flexibilitätsbedürfnissen des globalisierten Arbeitsmarktes entgegen und wird durch den Umbau des "versorgenden" zum "aktivierenden" Sozialstaat, zum Beispiel durch die Sozialreformen der "Agenda 2010" und die "Hartz-Gesetze", begünstigt.

"Prekarität ist überall" – auf diese Formel hat Pierre Bourdieu 1998 die Situation in Frankreich gebracht. Zehn Jahre später kommt Heinz Bude in seiner bekannten Analyse über die "Ausgeschlossenen" in Deutschland zu demselben Ergebnis: "Der Absturz ist überall möglich […]. Das passiert auf allen Ebenen und in den verschiedenen Milieus unserer Sozialwelt: In den Milieus der Unterprivilegierten genauso wie in den Arbeitnehmermilieus der Mitte, im […] Mittelstand der Ärzte, Therapeuten und Lehrer genauso wie im Bildungsbürgertum der Professoren, Pfarrer und Rechtsanwälte, in der Manager- und Bankerklasse genauso wie in den Reihen des Besitzbürgertums" (Bude 2008, S. 34). Allerdings suggerieren diese aus Einzelbeobachtungen abgeleiteten Aussagen ein falsches Bild der Zonen von Exklusion und Prekarität. Die verarmten, in einem sozialen Brennpunkt lebenden Banker und Professoren dürften Ausnahmefälle sein, aber es gibt Zigtausende von armen, arbeitslosen Ungelernten. Quantitative Analysen (z. B. Böhnke 2006; Groh-Samberg 2009) belegen, dass soziale Ausgrenzung und Prekarität sehr deutlich schichttypisch ungleich verteilt sind.

Eine aufsehenerregende Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (Grabka/Frick 2008) wies erstmals auf das Phänomen der "schrumpfenden Mittelschicht" hin. Als "Mittelschicht" wird in diesem Zusammenhang der Teil der Bevölkerung mit einem Einkommen von 70 bis 150 Prozent des Durchschnitts (Median) bezeichnet. In den 1980er- und 1990er-Jahren blieb der Umfang dieser "Einkommens-Mittelschicht" weitgehend stabil. Zwischen 2000 und 2010 schrumpfte er jedoch kontinuierlich von 63,8 auf 58,2 Prozent, weil Armut und Prekarität entsprechend zunahmen. Andere Studien (z. B. Geißler 2014) zeigen, dass Menschen aus der Mitte mit einem überdurchschnittlichen Einkommen nur selten in Armut oder Prekarität absteigen. Die Vorstellung der "schrumpfenden Mittelschicht" lässt sich daher noch weiter präzisieren: Es ist die untere Einkommens-Mittelschicht, die abbröckelt.

Die Einkommenssituation schlägt jedoch nicht auf die Selbsteinstufung in die Mittelschicht durch: Im Jahr 2000 stuften sich 61 Prozent und 2010 sogar 62 Prozent der Westdeutschen in die Mittelschicht ein; in Ostdeutschland stieg die Selbstzuordnung zur Mittelschicht in diesem Zeitraum von 45 auf 51 Prozent an. Allerdings breiten sich Ängste und Unsicherheiten auch in die gesellschaftliche Mitte hinein aus, und selbst die obere Schicht bleibt von Sorgen um ihre Arbeitsplätze und ihre wirtschaftliche Zukunft nicht völlig verschont. "Die Angst kriecht die Bürotürme hinauf" – so formuliert der Soziologe Stefan Hradil (2006) diesen Vorgang in einem anschaulichen Bild.

Individuelle Ängste und Sorgen sind subjektive Empfindungen, die nur zum Teil mit der "wirklichen", "objektiven" eigenen Situation zusammenhängen. So ist empirisch belegt, dass die starke Zunahme der Ängste in der unteren Mitte nicht auf tatsächliche Arbeitslosigkeit oder Vertragsbefristungen in der eigenen Erwerbsbiografie zurückzuführen ist. Es handelt sich um einen sogenannten spill over effect, was sich in etwa mit "Überschwapp-Effekt" übersetzen lässt: Die Risiken von Verarmung und Prekarisierung "schwappen" von den unteren Schichten, wo sie besonders häufig auftreten, in die gesellschaftliche Mitte und sogar in obere Berufsgruppen über und produzieren dort übertriebene Unsicherheit. Die Situation entspricht der unter Ökonomen gängigen Formel "Die Stimmung ist schlechter als die Lage."
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