izpb Sozialer Wandel
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Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern


16.12.2014
Neben den schichtspezifischen Differenzierungen gehören die sozialen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern zu den wesentlichen Merkmalen moderner Gesellschaften. Während die Benachteiligung der Frauen im Bildungssystem inzwischen verschwunden ist, lebt sie in abgeschwächter Form in der Arbeitswelt, der Politik und insbesondere der Familie fort.

In der industriellen Gesellschaft hatte sich eine besondere Form der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung herausgebildet, und zwar in der Arbeitswelt, im öffentlichen Leben und in der Privatsphäre. Zwischen Frauen und Männern existierten typische Unterschiede in den sozialen Lebensbedingungen und gesellschaftlichen Rollenanforderungen, die sich über geschlechtsspezifische Sozialisationsprozesse auch auf die Persönlichkeit, auf Einstellungen, Motivationen und Verhaltensweisen niederschlugen. So geht die Sozialstrukturanalyse davon aus, dass soziale Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern nicht von natürlichen, biologischen Unterschieden herrühren, sondern dass ihnen im Wesentlichen soziale Ursachen zugrunde liegen.

Wie in allen entwickelten Gesellschaften sind auch in Deutschland Differenzierungen dieser Art in den letzten Jahrzehnten abgeschwächt worden. Offenbar gehört die Tendenz zur Minderung der sozialen Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern zu den allgemeinen "emanzipatorischen Trends" (Norbert Elias 1989) der modernen Gesellschaft. Mit der Verringerung der geschlechtstypischen Unterschiede erhöht sich zugleich die Sensibilität gegenüber den verbliebenen. Es breitet sich das Bewusstsein aus, dass viele der weiterhin bestehenden Unterschiede zwischen den Geschlechtern sozial ungerecht sind; die soziale Ungleichheit zwischen Frauen und Männern wird zunehmend "entlegitimiert".

Bildung und Ausbildung



Anteil der Schulabgängerinnen mit unterschiedlichen SchulabschlüssenAnteil der Schulabgängerinnen mit unterschiedlichen Schulabschlüssen (© Datenquelle: Statistisches Bundesamt)
In den ersten Nachkriegsjahrzehnten erwies sich der Bildungsbereich als derjenige gesellschaftliche Sektor, in dem sich geschlechtstypische Ungleichheiten am schnellsten und besten abbauen ließen. Mädchen erzielten schon immer die besseren Schulnoten und blieben seltener sitzen. Aber erst die Diskussion um die Ungleichheit der Bildungschancen in den 1960er-Jahren ermutigte sie dazu, die besseren Schulleistungen auch in angemessene Bildungsabschlüsse umzusetzen.

Anfang der 1980er-Jahre entsprach ihr Anteil an den Abiturienten ihrem Anteil an der Bevölkerung; in der DDR war dies bereits etwa zwei Jahrzehnte vorher der Fall gewesen. Inzwischen hat sich der früher erhebliche weibliche Bildungsrückstand im allgemeinbildenden Schulsystem im Zuge der Bildungsexpansion in einen leichten Bildungsvorsprung verwandelt. Unter den Schulabgängern ohne und mit Hauptschulabschluss stellten Mädchen 2012 nur Minderheiten von 40 bzw. 42 Prozent; dafür waren sie unter den Abiturienten mit 55 Prozent und beim Erwerb der Fachhochschulreife mit 52 Prozent überrepräsentiert.

Frauenanteil unter Studierenden an UniversitätenFrauenanteil unter Studierenden an Universitäten (© Rainer Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands, 7., grundlegend überarbeitete Auflage, Wiesbaden 2014, S. 376)
Die Barrieren, auf die junge Frauen auf dem Weg in die Hochschulen stießen, waren höher und schwerer aus dem Weg zu räumen. Noch 1960 waren in beiden deutschen Gesellschaften fast drei Viertel der Studierenden Männer. Durch eine stärkere Reglementierung bei der Zulassung zum Studium, aber auch durch eine gezielt mütterfreundliche Gestaltung von Studienbedingungen (kostenlose Kinderbetreuung an den Hochschulen, besondere Unterkünfte, Kinderzuschläge bei Stipendien, Sonderregelungen beim Studienablauf) konnten in der DDR die Studienchancen der Frauen innerhalb eines Jahrzehnts denen der Männer angeglichen werden. In der Bundesrepublik vollzog sich die Entwicklung zögerlicher. Der Anteil der Frauen an den Universitäten stagnierte in den 1980er-Jahren bei etwa 40 Prozent, 1995 lag er bei 44 Prozent. Erst im vergangenen Jahrzehnt konnten die Frauen mit den Männern gleichziehen. 2012 lagen die Frauenanteile unter den Studierenden an Universitäten in Ost und West bei 50,5 bzw. 50,4 Prozent.

Seit einigen Jahren macht die Formel von den Jungen als den "neuen Bildungsverlierern" die Runde. Die Ursachen für die männlichen Bildungsdefizite sind bisher nur sehr unzureichend erforscht. Es wird darauf verwiesen, dass Jungen erheblich häufiger von Erziehungsproblemen und Verhaltensauffälligkeiten betroffen sind, zum Beispiel als Patienten in entsprechenden Therapiezentren oder als Betroffene des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms (ADS) oder einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Umstritten ist, ob durch die starke Feminisierung der Erziehung in Kindertagesstätten und Grundschulen "weiblich geprägte Schulbiotope" entstanden sind, die den Bedürfnissen von Jungen nach männlichen Vorbildern, körperlicher Bewegung, Sach- und Technikorientierung, Konkurrenzverhalten und "Aufmüpfigkeit" nicht angemessen entsprechen. Allerdings sollte angemerkt werden, dass sich die Benachteiligung der "alten Bildungsverlierer" – der Kinder aus bildungsfernen Familien oder bestimmten Migrantengruppen – in ganz anderen Dimensionen bewegt. Im Vergleich zu deren dramatischen Bildungsdefiziten, die zudem noch in weitere soziale Benachteiligungen eingebettet sind, nehmen sich diejenigen der Jungen eher harmlos aus.
Die Geschlechterproportionen an den weiterführenden Bildungseinrichtungen beleuchten nur einen Aspekt der geschlechtstypischen Chancengleichheit. Zu Recht hebt die Frauenforschung hervor, dass traditionelle Unterschiede zwischen den Geschlechtern bei der Entscheidung für bestimmte Schul- und Studienfächer und insbesondere auch bei der Berufsausbildung weiterhin fortbestehen. Frauen tendieren nach wie vor dazu, sich auf "frauentypische" Studiengänge wie Erziehungs-, Sozial-, Sprach- und Kulturwissenschaften zu konzentrieren. Ihr Anteil an den Studienanfängern der Ingenieurwissenschaften machte 2011 gerade einmal 20 Prozent (West) bzw. 19 Prozent (Ost) aus und in Mathematik/Naturwissenschaften lediglich 34 bzw. 35 Prozent.

In der Berufsausbildung stößt die Gleichstellung der Mädchen und Frauen auf größere Probleme als im Schul- und Hochschulbereich. Frauen sind in der Berufsausbildung an Vollzeitschulen zum Beispiel für Erzieherinnen, Kranken- und Altenpflegerinnen oder Physiotherapeutinnen stark überrepräsentiert. Obwohl diese Ausbildungen vergleichsweise lange dauern und teuer sind (keine durchgängige Ausbildungsvergütung, zum Teil hohe Schulgelder), lässt sie sich nicht in entsprechende Gehälter auf dem Arbeitsmarkt umsetzen. Ein Jahr nach Ausbildungsabschluss verdienen Frauen durchschnittlich 14 Prozent weniger als Männer. Nachteilig wirkt sich weiterhin aus, dass sich junge Frauen in wenigen Ausbildungsberufen zusammendrängen. 2011 waren in Deutschland 52 Prozent der weiblichen Auszubildenden auf die zehn häufigsten Berufe konzentriert, von den männlichen Auszubildenden waren es lediglich 36 Prozent. Frauen sind – wie schon vor 25 Jahren – hauptsächlich in Dienstleistungsberufen mit Tätigkeitsprofilen wie Pflegen, Helfen, Verkaufen, Assistieren, Betreuen zu finden und nur selten in der Produktion oder in technischen Berufen. Eine interessante Abweichung von dieser Struktur gibt es beim Kochen. Der Beruf des Kochs steht mit 32.300 Auszubildenden bei den Männern auf Rang 10. Unter den Frauen rangiert Köchin lediglich auf Platz 18, nur 6900 wollen diese "Hausfrauenpflicht" zu ihrem Beruf machen. Eventuell lassen sich die Frauen auch von den niedrigen Einkommen abschrecken, denn den Vollzeit arbeitenden Köchinnen werden nach den Angaben des Statistischen Bundesamtes nur 2027 Euro pro Monat bezahlt, während Köche mit 3351 Euro das 1,7-Fache verdienen.