izpb Sozialer Wandel
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Facetten der modernen Sozialstruktur


16.12.2014
Um die Sozialstruktur einer modernen Gesellschaft zu analysieren, gibt es vier Ansätze mit unterschiedlichen Fragestellungen: das Modell der sozialen Schichten und Klassen, das Modell der sozialen Lagen, das Modell der sozialen Milieus und das Modell der Exklusion und Inklusion. Die Kontroverse um das Schichten-Klassen-Modell, die insbesondere in Deutschland geführt wurde, ist im vergangenen Jahrzehnt wieder abgeflaut.

Soziale Schichten und Klassen



Die Begriffe Klasse und Schicht werden in den Sozialwissenschaften sehr unterschiedlich verwendet, allgemeingültige Definitionen gibt es nicht. In der Regel fassen die beiden Begriffe Menschen zu einer Klasse oder Schicht zusammen, die sich in einer ähnlichen sozioökonomischen Lage befinden. Mit dieser Lage sind aufgrund ähnlicher Lebenserfahrungen ähnliche Persönlichkeitsmerkmale wie Einstellungen, Wertorientierungen, Bedürfnisse, Interessen oder Mentalitäten sowie ähnliche Lebenschancen und Lebensrisiken verbunden.
Klassenanalysen sind meist durch vier Merkmale gekennzeichnet:
  • eine starke ökonomische Orientierung an den Markt- und Erwerbschancen der Klassenangehörigen,
  • die Analyse von Konflikten und Machtbeziehungen zwischen den Klassen,
  • die historische Orientierung – Klassen werden in ihrer Entwicklung erfasst,
  • durch die theoretische Orientierung: Klassenanalysen beschreiben nicht nur, sondern analysieren die Ursachen von Ungleichheiten, Konflikten, Machtbeziehungen und Entwicklungen.
Auch Schichtanalysen können eines oder mehrere dieser Merkmale aufweisen. Die Schichtungsanalyse kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Sie wurde von Theodor Geiger – einem von den Nationalsozialisten nach Skandinavien vertriebenen Klassiker der deutschen Soziologie – in Auseinandersetzung mit der offiziellen, das heißt von den kommunistischen Parteien vertretenen Marx’schen Klassentheorie in den 1930er-Jahren entwickelt und wird heute noch in modernisierten Varianten eingesetzt.

Das Klassenkonzept war in Deutschland wegen seiner Anklänge an die Marx’sche Revolutionstheorie lange Zeit verpönt, obwohl es auch in modernen nicht marxistischen Versionen – zum Beispiel von dem französischen Klassiker Pierre Bourdieu – vorliegt. Im vergangenen Jahrzehnt haben es die PISA-Studien der OECD wieder salonfähig gemacht, denn sie arbeiten mit dem sogenannten EGP-Klassenschema des englisch-schwedischen Teams Robert Erikson, John H. Goldthorpe und Lucienne Portocarero.

Schichten-Klassen-AnalyseschemaSchichten-Klassen-Analyseschema

Die Schicht- und Klassenanalytiker gliedern die Bevölkerung nach "Schichten" bzw. "Klassen" und beachten dabei Unterschiede in zwei Bereichen: Zu einer Schicht oder Klasse werden Menschen mit ähnlichen "äußeren" Lebensbedingungen sowie ähnlichen "inneren" Persönlichkeitsmerkmalen zusammengefasst. Zu den äußeren Lebensbedingungen – sie werden auch als sozioökonomische Lage bezeichnet – gehören insbesondere die Berufsposition, Einkommen und Besitz, das Qualifikationsniveau sowie Einfluss und Sozialprestige. Häufig orientieren sich Schicht- und Klasseneinteilungen an der Berufsposition, weil damit die anderen Schicht- und Klassenkriterien tendenziell verknüpft sind. So setzen hohe Berufspositionen in der Regel eine gute Qualifikation voraus und ermöglichen vergleichsweise hohe Einkommen, hohes Sozialprestige und großen Einfluss.

Schicht- und Klassenanalysen gehen davon aus, dass Menschen in ähnlichen Lebensbedingungen ähnliche Lebenserfahrungen machen und die "äußere" sozioökonomische Lage daher einen gewissen Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung und das Verhalten der Menschen ausübt. Man nimmt an, dass sich schicht- und klassentypische Mentalitäten und Lebensstile – ein sogenannter schicht- und klassentypischer Habitus – herausbilden. Sie entstehen durch komplexe Sozialisationsprozesse in Familien, Gleichaltrigengruppen, weiteren sozialen Netzwerken und Milieus. Diese Sozialisationsannahme unterstellt im Gegensatz zum Marxismus nicht, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt bzw. dass die "äußeren" Lebensbedingungen die "inneren" Merkmale und Verhaltensweisen festlegen. Aber es wird empirisch überprüft, in welchen Bereichen und wie stark innere und äußere Strukturen zusammenhängen.

Eine weitere wichtige Grundannahme ist, dass das Zusammenwirken von schicht- und klassentypischen Lebensbedingungen sowie entsprechenden Mentalitäten und Verhaltensweisen schicht- und klassentypische Lebenschancen zur Folge hat: Schichten und Klassen unterscheiden sich auch durch typische Privilegien und Benachteiligungen.

Schichtmodelle

Die Versuche in den 1950er- und 1960er-Jahren, die komplexen realen Strukturen zu wesentlichen Grundmustern zu vereinfachen, haben zu unterschiedlichen Schicht- und Klassenmodellen und zu widersprüchlichen Vorstellungen über die Sozialstruktur geführt. Das Konzept der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" des Soziologen Helmut Schelsky ging davon aus, dass die kollektiven Auf- und Abstiegsprozesse in einer Gesellschaft mit hoher sozialer Mobilität die Klassen und Schichten aufgelöst und zu einer sozialen Nivellierung in der gesellschaftlichen Mitte geführt haben. Ralf Dahrendorf wies dagegen auf die nach wie vor bestehenden Mobilitätsbarrieren hin und setzte der Nivellierungsthese sein "Hausmodell" der sozialen Schichtung entgegen, in dem er sieben Klassen und Schichten unterschied.

Soziale Schichtung der deutschen BevölkerungSoziale Schichtung der deutschen Bevölkerung (© Rainer Geißler, Die Sozialstruktur Deutschlands, 7., grundlegend überarbeitete Auflage, Wiesbaden 2014, S. 101 (Datenbasis: Mikrozensus 2009; N = 489 349 Haushalte; berechnet von Sonja Weber-Menges))
Dahrendorf verglich die Gesellschaft mit einem Haus: An der Spitze stehen wie immer die Eliten. Im Obergeschoss residieren nebeneinander die bürokratischen Helfer der Eliten, die Dienstklasse, "insbesondere nichttechnische Verwaltungsangestellte aller Ränge", sowie der "alte Mittelstand" der Selbstständigen. Im Hauptgeschoss wohnen die große Arbeiterschicht und der "falsche Mittelstand" der einfachen Dienstleistungsberufe. Dessen soziale Stellung unterscheidet sich nicht von derjenigen der Arbeiter, er zählt sich jedoch seinem Selbstverständnis nach "fälschlicherweise" zur Mittelschicht. Die Arbeiterelite (hier Meister und Vorarbeiter) hat sich dagegen nach oben hin vom Rest der Arbeiterschaft abgesetzt. Der Keller des Hauses ist bevölkert von der Unterschicht der "Dauererwerbslosen, Unsteten, Rückfallkriminellen, Halbanalphabeten u. a.", die mitunter auch als "Bodensatz der Gesellschaft", "sozial Verachtete" oder "Lumpenproletariat" bezeichnet wurden.

Ein modernisiertes Hausmodell für die soziale Schichtung der Bevölkerung Deutschlands im Jahr 2009 orientiert sich an dem von Dahrendorf erkannten Grundmuster, zieht jedoch einige weitere Differenzierungslinien ein und macht die massiven Umschichtungen im vergangenem halben Jahrhundert deutlich.

Die Dienstklassen und Dienstleister haben sich mit der Entwicklung zur industriellen Dienstleistungsgesellschaft enorm ausgedehnt – auf Kosten des Mittelstands im oberen Bereich und in der Mitte der Gesellschaft, aber auch auf Kosten der Arbeiterklassen in der unteren Mitte und insbesondere im Untergeschoss. Innerhalb der beiden oberen Etagen machen die beiden Dienstklassen inzwischen fünf Sechstel der Bewohner aus, während der früher dominierende Mittelstand der Selbstständigen auf gut ein Sechstel zusammengedrückt wurde. Auch in den beiden unteren Etagen, wo einst die Arbeiterschicht vorherrschte, gibt es inzwischen mehr Dienstleister als Arbeiter. Der Umfang der un- und angelernten Dienstleister ist inzwischen größer als derjenige der un- und angelernten Arbeiter. Ein Teil des Mittelstands ist ebenfalls in der unteren Hälfte platziert. Im Kellergeschoss der Unterschicht leben Erwerbsunfähige und Langzeitarbeitslose, die ihren Lebensunterhalt überwiegend durch "Hartz IV" (Arbeitslosengeld II, Sozialgeld) oder Sozialhilfe finanzieren.

Deutlich erkennbar sind auch die Entwicklung Deutschlands zu einem Einwanderungsland und die tendenzielle Unterschichtung durch Ausländer – hinzugekommen ist ein "Anbau" für die ausländischen Schichten. Die Unterbringung der Ausländer neben dem Haus der Deutschen signalisiert, dass diese neuen Schichten sozioökonomisch und soziokulturell nicht voll in die Kerngesellschaft integriert sind. Seit den 1980er-Jahren haben sich über den beiden ausländischen Arbeiter- und Dienstleisterschichten auch ein kleiner ausländischer Mittelstand sowie kleine ausländische Dienstklassen entwickelt.

Eine wichtige qualitative Veränderungen wird im Schaubild nicht sichtbar: Das vergleichsweise einfache Wohnhaus der 1960er-Jahre hat sich inzwischen in eine ansehnliche Residenz mit Appartements verwandelt, deren Komfort nach oben hin zunimmt; selbst im Kellergeschoss ist es – von einigen Ecken abgesehen – inzwischen etwas wohnlicher geworden.
Um Missverständnissen bei der Interpretation von Schichtmodellen vorzubeugen, müssen vier Besonderheiten der Schichten in modernen Sozialstrukturen beachtet werden:
  • Die eingezeichneten Linien im Modell bedeuten nicht, dass Schichten scharf voneinander abgegrenzt sind. Scharfe Abstufungen dieser Art existieren in ständischen Gesellschaften oder im Kastensystem; in modernen Sozialstrukturen dagegen weisen Schichten keine klaren Grenzen auf, sie gehen vielmehr ineinander über und überlappen sich zunehmend.
  • Es gibt eine langfristige historische Tendenz zur Differenzierung und Auflockerung der Schichtstruktur: Die Zusammenhänge zwischen äußeren Lebensbedingungen einerseits und Mentalitäten und Verhaltensweisen andererseits lockern sich in einigen Bereichen auf; schichttypische und schichtunspezifische Verhaltensweisen existieren nebeneinander. So sind zum Beispiel die Minimalformen politischer Teilhabe wie die Beteiligung an Bundestagswahlen weitgehend unabhängig von der Schichtzugehörigkeit, während das Engagement in Parteien oder Bürgerinitiativen in höheren Schichten erheblich stärker ausgeprägt ist als in unteren Schichten.
  • Schichttypische Unterschiede sind im Zeitalter des Massenkonsums manchmal nicht auf den ersten Blick an der lebensweltlichen Oberfläche zu beobachten, sie müssen erst durch sozialwissenschaftliche Studien sichtbar gemacht werden. So steht zum Beispiel heute in den Wohnungen aller Schichten das sofort wahrnehmbare Farbfernsehgerät, aber die Art, wie es genutzt wird und welche Sendungen geschaut werden, ist nach wie vor schichttypisch unterschiedlich.
  • Schließlich sind die Schichten durch soziale Mobilität durchlässiger geworden. Menschen wechseln häufiger von einer Schicht in eine andere; auch die Chancen, sozial aufzusteigen, haben zugenommen. Die Etagen und Räume im modernen Haus der sozialen Schichtung sind nicht streng gegeneinander abgeschottet, sondern Durch- und Übergänge ermöglichen häufiger als früher "offenes Wohnen".
Subjektive SchichteinstufungSubjektive Schichteinstufung (© Datenquelle: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.), Datenreport 2013, Bonn 2013)
Ein einfaches Vier-Schichten-Modell, das lediglich die subjektive Schichteinstufung als Kriterium heranzieht, macht erhebliche stabile Ost-West-Unterschiede deutlich. Diese haben sich im ersten Jahrzehnt nach der Vereinigung kaum verändert. Während sich Westdeutschland schon seit Langem als "Mittelschichtengesellschaft" versteht, war Ostdeutschland in den 1990er-Jahren in seinem Selbstverständnis eine "Arbeitergesellschaft" geblieben. Erst um die Jahrtausendwende wandelte sich das ostdeutsche Selbstverständnis in Richtung "Mittelschichtengesellschaft". Es dauerte dann weitere zehn Jahre, bis sich im Jahr 2010 erstmals nach der Vereinigung eine Mehrheit der Ostdeutschen (57 Prozent) in die Mittelschichten einstufte. 2012 sahen sich 53 Prozent der Ostdeutschen den Mittelschichten zugehörig, im Vergleich zu 64 Prozent der Westdeutschen. 39 Prozent der Ostdeutschen (Westdeutsche 22 Prozent) stuften sich in die Arbeiterschicht ein. Vermutlich wirkt in den neuen Ländern noch die sozialistische Arbeiterideologie nach; eventuell spielt bei der niedrigeren Selbsteinstufung der Ostdeutschen auch das verminderte, aber weiterhin bestehende Lebensstandarddefizit gegenüber dem Westen eine Rolle.