Vorreiter: Ministerpräsident David Ben Gurion und Bundeskanzler Konrad Adenauer – hier 1966 im Speisesaal des Kibbuz Sde Boker – setzten sich auch gegen Widerstände in Politik und Gesellschaft in ihren Ländern für die deutsch-israelischen Beziehungen ein.
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Beziehungen in der Bewährung


8.4.2015
In den vergangenen 50 Jahren haben sich die Kontakte in vielfältiger Weise und auf allen Gesellschaftsebenen entwickelt. Die politischen Beziehungen verliefen nicht immer reibungslos, ein strittiges Thema war der Nahostkonflikt.

Breite Unterstützung: In München demonstrieren während des Sechstagekrieges 1967 Tausende für den Staat Israel.Breite Unterstützung: In München demonstrieren während des Sechstagekrieges 1967 Tausende für den Staat Israel. (© Werek / Süddeutsche Zeitung Photo)

Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen vor 50 Jahren gab den Anstoß zur Gründung der "Deutsch-Israelischen Gesellschaft". Im März 1966 wurde auf parlamentarischer Ebene die Einrichtung der überparteilichen Freundschaftsgesellschaft besiegelt; fünf Jahre später (1971) entstand die "Israelisch-Deutsche Gesellschaft". Zugleich nahm der schon länger bestehende deutsch-israelische Jugendaustausch einen bemerkenswerten Aufschwung. Das Interesse am "fortschrittlichen Pionierstaat" Israel erfasste nun breite bürgerliche Kreise.

Die proisraelische Aufbruchsstimmung erreichte im Sechstagekrieg von 1967 einen Höhepunkt, als sich Israel der Drohungen der arabischen Anrainerstaaten mit einem Präventivschlag erwehrte. Weil Israels Existenz akut gefährdet war, sympathisierten weite Teile der bundesdeutschen Gesellschaft mit dem jüdischen Staat. Es kam zu spontanen pro- israelischen Demonstrationen und Spendensammlungen. Demonstrativ stellten sich insbesondere die Zeitungen des Axel-Springer-Verlags an die Seite Israels. Auch Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein meldete sich zu Wort: "Die arabischen Gegner wollten ihm [Israel] nicht ein Stück Land oder eine Konzession fortnehmen. Sie hatten es auf seine Existenz abgesehen. […] Soll Israel weiter in der Angst vor einem Überfall leben müssen, weiter unter dem Zwang, ständig zum Präventivkrieg gerüstet zu sein? […] Israel, der David unter den Völkern, soll leben!" Diese Solidaritätsbekundungen wurden auch von den israelischen Medien positiv kommentiert.

Krisen und Konflikte

Die deutsch-israelische Annäherung sollte nicht lange währen: Während große Teile der radikalen Linken schon kurz nach den israelischen Kriegserfolgen die Seiten wechselten und den jüdischen Staat nur noch als "Brückenkopf des US-Imperialismus" wahrnehmen wollten, zogen dunkle Wolken bald auch über die offiziellen Beziehungen herauf.

Der PLO (Dachorganisation verschiedener palästinensischer Gruppen – Anm. d. Red.) gelang es Ende der 1960er-Jahre, das Interesse der Weltöffentlichkeit mithilfe gezielter Terroranschläge und Flugzeugentführungen auf die Lage der Palästinenser zu lenken. 1972 wurde auch die Bundesrepublik vom Terror heimgesucht: Palästinensische Kämpfer des "Schwarzen September", einer Untergruppe der PLO, ermordeten während der Olympischen Sommerspiele in München elf israelische Sportler. Als kurz darauf eine Lufthansa-Maschine in die Hände palästinensischer Entführer geriet, ließ die Bundesregierung im Gegenzug zur Freilassung der Passagiere die drei überlebenden Terroristen von München frei. Die israelische Politik und Öffentlichkeit waren schockiert über das "leichtfertige" Nachgeben der deutschen Regierung.

Willy Brandt, der im Juni 1973 als erster amtierender Bundeskanzler nach Israel gereist war, brachte das deutsch-israelische Verhältnis auf die diplomatisch offene Formel: "normale Beziehungen mit besonderem Charakter". Doch die Stimmung verschlechterte sich, als im Zuge des Jom Kippur-Krieges im Oktober 1973 die arabischen Staaten ihr Erdöl als politisches Mittel gegen die energieabhängige westliche Welt einsetzten. Unter der Wucht der "Öl-Waffe" untersagte die Bundesregierung den USA, Waffen aus US-Depots in Westdeutschland an das bedrängte Israel zu liefern. Dies geschah zwar erst gut zwei Wochen nach Kriegsbeginn, als der Krieg bereits entschieden war; dennoch erfolgten heftige israelische und US-amerikanische Proteste.

In den Folgejahren geriet die Position Westdeutschlands angesichts der zunehmend proarabisch eingestellten europäischen Staatengemeinschaft ins Schlingern: Während die Bundesrepublik in den Gremien der Vereinten Nationen und der Europäischen Gemeinschaft um eine Israel zugewandte "Neutralität" bemüht war, signalisierte der Handschlag des SPD-Vorsitzenden Brandt und des österreichischen Bundeskanzlers Bruno Kreisky mit dem Palästinenserführer Jassir Arafat in Wien 1979 eine Neuorientierung. Immer drängender forderten jetzt politische Kreise, dass die deutsche Solidarität mit Israel auch eine moralische Mitverantwortung für die Palästinenser als den sekundären "Opfer(n) der deutschen Judenpolitik" einschließen müsse.

Auf einen Tiefpunkt steuerte das deutsch-israelische Verhältnis im Frühjahr 1981 zu, als Bundeskanzler Helmut Schmidt und Ministerpräsident Menahem Begin aneinandergerieten: Nach einer Saudi-Arabien-Reise hatte Schmidt auf eine Reihe europäischer Völker verwiesen, deren Leiden im Zweiten Weltkrieg bis heute eine moralische Last für die deutsche Außenpolitik darstellten, ohne auch die Leiden der Juden zu erwähnen. Zudem bescheinigte der Kanzler dem palästinensischen Volk einen "moralischen Anspruch auf Selbstbestimmung", während er in Israel eine "Tragödie griechischen Ausmaßes" heraufziehen sah. Die israelische Öffentlichkeit war entsetzt; Begin verwahrte sich gegen Schmidts "Arroganz" und spielte auf dessen Rolle als Wehrmachtsoffizier im Zweiten Weltkrieg an, von dem man nicht wisse, "was er mit den Juden an der Ostfront getan" habe.

Die Schmidt/Begin-Kontroverse führte dazu, dass sich viele Deutsche mit dem Kanzler solidarisierten. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik stellte sich eine Mehrheit der Deutschen im Nahostkonflikt auf die arabisch-palästinensische Seite. Politische Beobachter führten den politischen Kern der persönlichen Fehde auf die umstrittenen Absichten Schmidts zurück, Panzer des Typs "Leopard II" nach Saudi-Arabien zu liefern. Vor dem Hintergrund internationaler und innenpolitischer Proteste lehnte die Bundesregierung im Frühjahr 1982 allerdings die saudischen Lieferwünsche ab.

Im Sommer 1982 überschritt die israelische Armee die libanesische Grenze, um die PLO zu zerschlagen, die nach der Vertreibung aus Jordanien ihre militärischen und politischen Aktivitäten in den Libanon verlegt hatte und von dort aus Israel angriff. Der Krieg, der nach der wochenlangen Belagerung West-Beiruts mit dem Abzug der PLO-Führung nach Tunis endete, stieß weltweit, selbst in Israel, auf Unverständnis und Kritik. Insbesondere das von christlich-libanesischen Milizen verübte Massaker in zwei palästinensischen Flüchtlingslagern wurde vielfach der israelischen Seite angelastet. Auch in der bundesdeutschen Öffentlichkeit verlor der jüdische Staat viele Sympathien.

Die 1980er-Jahre setzten die deutsch-israelischen Beziehungen neuen Belastungsproben aus, als sowohl "rechte" wie "linke" Akteure eine Neigung zur Schlussstrich-Mentalität zeigten. Der Auftritt von Bundeskanzler Helmut Kohl 1984 in Israel, der für sich die "Gnade der späten Geburt" reklamiert hatte, erweckte den Eindruck, als ob sich die deutsche Politik von der Verantwortung für die Lasten der Vergangenheit verabschieden wolle. Für Befremden sorgten auch die Besuche von grünen Politikerinnen und Politikern, weil sie Israel in belehrender Weise zu einer anderen Haltung im Nahostkonflikt aufforderten, ohne die besondere Geschichte und Sicherheitslage des Staates in Betracht zu ziehen. In heftigen Debatten stritten die Parteien darüber, wie ein historisch und moralisch angemessenes Auftreten in der schwierigen deutsch-jüdischen Gemengelage auszusehen hätte. Seit der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre bemühen sich deutsche Politikerinnen und Politiker, aus vergangenen Fehlern zu lernen und als "Lernende" in einen kritischen Dialog mit israelischen (und palästinensischen) Gesprächspartnern zu treten.

Der Fall der deutschen Mauer und der gesamtdeutsche Vereinigungsprozess 1989/90 lösten in Israel anfänglich nicht nur Freude, sondern auch Ängste aus: Die Welle fremdenfeindlicher Gewaltausbrüche, die insbesondere den Osten Deutschlands erschütterten, schien die Skepsis zu bestätigen. Während sich die israelische Bevölkerung eher gelassen zeigte, waren die politischen Eliten alarmiert und wähnten, so Ministerpräsident Jizhak Schamir, eine "tödliche Gefahr für die Juden". Doch nach einigen vertrauensbildenden Maßnahmen – darunter die Anerkennung der polnischen Westgrenze und eine gemeinsame Israelreise der Parlamentspräsidentinnen Rita Süssmuth und Sabine Bergmann-Pohl – waren im Sommer 1990 die meisten Israelis bereit, inmitten eines freien Europas auch die Chancen eines vereinten Deutschlands wahrzunehmen.

Gleichwohl förderte der Golfkrieg im Januar 1991 zutage, wie labil das deutsch-israelische Verhältnis noch immer war: Als bekannt wurde, dass gegen Israel gerichtete, möglicherweise mit Giftgas ausgestattete, irakische Scud-Raketen mit deutscher Expertenhilfe "verbessert" worden waren, stellte sich bei nicht wenigen Israelis die Gedankenverbindung "Deutsche – Gas – Juden" ein. Aufmerksam wurde vermerkt, dass die deutsche Justiz erst aufgrund journalistischer Recherchen gegen die Verantwortlichen der illegalen Rüstungsexporte vorzugehen begann. Auch die Friedensdemonstrationen in Deutschland gegen das Eingreifen der USA und ihrer Verbündeten in den Irak weckten Misstrauen. Aus israelischer Sicht übersah die deutsche Protestbewegung die Situation der Menschen in Israel, die von irakischen Raketen angegriffen wurden. Die israelische Verstimmung konnte auch nicht durch Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher aus der Welt geschafft werden, der das Land noch während des Krieges besuchte, um deutsche Wiederaufbauhilfe für die durch die irakischen Raketen entstandenen Schäden anzubieten.

Rolle des Nahostkonflikts

Mit der Neugründung Israels 1948 hatte die zionistische Bewegung nach 2000 Jahren den nationalstaatlichen Traum des jüdischen Volkes verwirklicht – dies freilich in einer Region, die mit ähnlichem historischem Recht von der arabisch-palästinensischen Nation beansprucht wird. In der Wahrnehmung aller Beobachter, ja selbst der unmittelbar Beteiligten, drückte sich im Nahostkonflikt über viele Jahre ein erbitterter Gegensatz zwischen Israel und "den Arabern" aus. In der Tat waren die Akteure der Nahostkriege von 1948/49, 1956, 1967 und 1973 stets Israel und arabische Staaten gewesen – die Palästina-Araber tauchten am Rande als "arabische Flüchtlinge" auf; ihr Elend wurde als ein ausschließlich humanitäres begriffen.

Erst unter dem Eindruck palästinensischer Flugzeugentführungen und anderer Terroranschläge sowie im Zeichen des Einsatzes von Rohöl als politischer Waffe öffnete sich in den 1970er-Jahren die deutsche und internationale Öffentlichkeit für palästinensische Interessen.

Im Nachgang zu einem spektakulären Auftritt Arafats vor der UNO-Vollversammlung erklärte sich 1974 der deutsche UN-Botschafter Rüdiger von Wechmar mit dem "Selbstbestimmungsrecht des palästinensischen Volkes" solidarisch – unter Hinweis auf das ebenfalls nicht eingelöste Selbstbestimmungsrecht der Deutschen in Ost und West. Damit brach die bundesdeutsche Diplomatie ein bis dahin in der westlichen Welt geltendes Tabu: Konnten die Israelis bis zu diesem Zeitpunkt davon ausgehen, dass die westdeutsche Politik aufgrund ihres geschichtlich bedingten Sonderverhältnisses zum jüdischen Staat im Zweifelsfall der israelischen Seite zugeneigt blieb, so war diese Geschäftsgrundlage nun zugunsten einer formal ausgewogenen deutschen Nahostpolitik aufgegeben. Die nahostpolitische Neuorientierung verbitterte die Israelis umso mehr, als die PLO in jenen Jahren noch nicht zu einer Tolerierung der Existenz Israels bereit war.