IzpB Internationale Sicherheitspolitik
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Transnationaler Terrorismus


15.7.2015
Kennzeichen des transnationalen Terrorismus ist die länderübergreifende Vernetzung terroristischer Gruppen auf substaatlicher Ebene. Im Widerstand gegen den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan 1979 bildete sich der islamistische Terrorismus heraus, der sich nicht nur gegen die herrschenden Verhältnisse in der arabischen Welt und in Südasien richtet, sondern auch den Westen und seine Werte bekämpft.

Kampf um Kobane, eine syrische Stadt an der Grenze zur Türkei im November 2014In Konkurrenz zu al-Qaida tritt ab 2013 die Organisation Islamischer Staat, die sich den Zerfall der staatlichen Strukturen im Nahen Osten zunutze macht, um dort ein neues "Kalifat" zu errichten. Kampf um Kobane, eine syrische Stadt an der Grenze zur Türkei im November 2014. (© Picture alliance / AP Photo / Vadim Ghirda)

Vom internationalen zum transnationalen Terrorismus



Der transnationale Terrorismus wurde spätestens mit den Anschlägen von New York und Washington am 11. September 2001 zu einem der wichtigsten Themen der internationalen Politik. Sein Vorläufer war der internationale Terrorismus, dessen bedeutsamstes Merkmal zahlreiche grenzüberschreitende Aktionen waren, bei denen häufig vollkommen unbeteiligte Bürgerinnen und Bürger fremder Staaten zu Schaden kamen. Der transnationale unterscheidet sich vom internationalen Terrorismus in erster Linie durch die stark abnehmende Bedeutung von staatlichen Unterstützern. Er ist "transnational", weil sich die terroristischen Gruppen auf substaatlicher Ebene länderübergreifend miteinander vernetzen und sich dem- entsprechend aus Angehörigen verschiedener Nationalitäten zusammensetzen. An Waffen und Geld gelangen die transnationalen Terroristen in der Regel durch private Unterstützung oder durch den Aufbau eigener, substaatlicher Finanzierungs- und Logistiknetzwerke.

Dabei sind die Übergänge vom internationalen zum transnationalen Terrorismus fließend. Als Epochendatum des internationalen Terrorismus gilt die Entführung eines Flugzeuges der israelischen Fluggesellschaft El Al von Rom nach Tel Aviv durch die palästinensische "Volksfront für die Befreiung Palästinas" (PFLP) am 22. Juli 1968. Seitdem verübten vor allem palästinensische Terroristen zahlreiche grenzüberschreitende Aktionen. Durch Angriffe auf westliche Ziele sollte möglichst große Aufmerksamkeit auf die Anliegen ihres Volkes gelenkt werden. Dies gelang vor allem mit der Geiselnahme und Ermordung von elf israelischen Sportlern bei den Olympischen Spielen in München durch palästinensische Terroristen im September 1972.

Ein wichtiges Charakteristikum des internationalen Terrorismus war die staatliche Unterstützung für zahlreiche terroristische Gruppierungen. In der Regel handelte es sich bei den Unterstützerstaaten um Verbündete der Sowjetunion wie vor allem den Irak, Libyen, Syrien und den sozialistischen Südjemen, die keine Sanktionen seitens der USA und ihrer Verbündeten fürchten mussten, solange die UdSSR bestand. Schon in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre fiel dieser Schutz weg, sodass terroristische Gruppierungen auf staatliche Unterstützung verzichten und immer mehr auf transnationale Organisationsformen und Unterstützung durch Privatleute setzen mussten.

Internationaler TerrorismusInternationaler Terrorismus (© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild, 621 191; Quelle: National Consortium for the Study of Terrorism and Responses to Terrorism (START))

Afghanistankrieg und jihadistische Bewegung



Der sowjetische Afghanistankrieg wurde zum Auslöser dieser Transnationalisierung, die vor allem den islamistisch motivierten Terrorismus in der arabischen Welt und in Südasien betraf. Die Rote Armee war im Dezember 1979 in das Nachbarland einmarschiert, um die prosowjetische Regierung dort vor dem Sturz zu bewahren. Sofort bildeten sich afghanische Widerstandsgruppen, die von Pakistan aus mit US-amerikanischer, saudi-arabischer und pakistanischer Unterstützung kämpften. Ihnen schlossen sich vor allem ab 1985 zahlreiche arabische Islamisten an, die gekommen waren, um der Repression in ihren Heimatländern zu entfliehen und ihren bedrängten Glaubensbrüdern beizustehen. Das pakistanisch-afghanische Grenzgebiet wurde so schnell zu einem Treffpunkt arabischer Freiwilliger, denen es hier erstmals gelang, von den starken Sicherheitsapparaten ihrer Heimatländer unbehelligt Kontakte zu Gleichgesinnten zu knüpfen. Zwar stammten die Kämpfer aus allen arabischen Ländern, doch waren Ägypter, Saudi-Araber und Jemeniten besonders stark vertreten. Damals bildeten sich auch die bis heute wichtigsten Denkschulen der nun auch häufig "Jihadisten" genannten transnationalen islamistischen Terroristen – die "klassisch-internationalistische", die "nationalistische" und die "neue internationalistische".

Die "klassisch-internationalistische" Denkschule wurde von dem Palästinenser Abdallah Azzam (1941–1989) begründet. Der Religionsgelehrte Azzam etablierte sich schnell als der Anführer der "arabischen Afghanen" und prägte ihre Weltsicht. In seinen Schriften propagierte er den "Jihad" als individuelle Glaubenspflicht jedes Muslims, sobald Nichtmuslime muslimisches Territorium besetzten. Auf dieser Grundlage rief er zum bewaffneten Kampf in Afghanistan auf, machte aber deutlich, dass es ihm im nächstem Schritt besonders um die "Befreiung" Palästinas, aber auch um Kaschmir, Tschetschenien, die südlichen Philippinen, Ost-Timor und das islamische Spanien (al-Andalus) ging.

Ab Mitte der 1980er-Jahre stieg die Zahl der nationalistisch gesinnten Ägypter in Afghanistan rasch an, die im Gegensatz zu Azzam auf eine Revolution in ihrem Heimatland abzielten. Ihr wichtigster Vordenker war Muhammad Abd as-Salam Farag (1952–1982), der Chefideologe der Gruppe, die am 6. Oktober 1981 den ägyptischen Präsidenten Anwar as-Sadat ermordet hatte. Farag vertrat die Auffassung, dass der Kampf gegen den "nahen Feind", das heißt die autoritäre Regierung des Heimatlandes, Priorität vor dem Kampf gegen "ferne Feinde" wie die Sowjetunion, die USA und Israel haben müsse. Seine Ideen prägten die Strategien ägyptischer Islamisten bis Mitte der 1990er-Jahre. Da Azzam im Unterschied zu den Ägyptern den Kampf gegen muslimische Regime in der arabischen Welt vehement ablehnte, nahmen die Konflikte unter den "arabischen Afghanen" zu. Die ägyptischen Nationaljihadisten werden häufig sogar verdächtigt, für die Ermordung Azzams im pakistanischen Peschawar im November 1989 verantwortlich zu sein.

Parallel zu den beiden damals dominierenden Strömungen nahm die "neue internationalistische" Schule ihren Anfang. Zu ihrem wichtigsten Vertreter wurde der Saudi-Araber Osama Bin Laden (1957–2011), der sich ab Mitte der 1980er-Jahre langsam von seinem Mentor Azzam löste. Die neuen Internationalisten konzentrieren sich auf den Kampf gegen den "fernen Feind", ohne dabei den "nahen Feind" aus dem Blick zu verlieren. Diese Strömung bildete sich nach dem Kuwait-Krieg 1990/91 aus, als eine von den USA angeführte Koalition das von irakischen Truppen besetzte Kuwait befreite und zu diesem Zweck etwa 500.000 Soldaten in den arabischen Golfstaaten stationierte. Die US-amerikanische Präsenz in Saudi-Arabien veranlasste viele junge Saudis, Kuwaitis und Jemeniten, den bewaffneten Kampf gegen die USA aufzunehmen. In den 1990er-Jahren wurden diese Kämpfer von der Arabischen Halbinsel zur dynamischsten Teilgruppe im transnationalen Terrorismus.

Pakistan, Kaschmir und die Taliban

Der Afghanistankrieg hatte parallel unmittelbare Auswirkungen auf die Entwicklung des transnationalen Terrorismus in Südasien. Viele pakistanische Islamisten hatten den Kampf ihrer Glaubensbrüder in Afghanistan unterstützt und suchten in den 1990er-Jahren nach einem neuen Betätigungsfeld. Dies fanden sie im Kaschmir, wo 1989 ein Aufstand einheimischer muslimischer Gruppen gegen die indische Herrschaft ausgebrochen war. Schon in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre nahm der Einfluss Pakistans auf den Aufstand immer mehr zu, sodass die von Islamabad unterstützten Gruppierungen schnell die Führung übernahmen. Die wichtigste war die 1993 gegründete "Vorzügliche Armee" (Lashkar-e Tayyiba), die den bewaffneten Kampf vom Kaschmir auf die südlicher gelegene indische Provinz Punjab ausdehnte. Die Beteiligung der pakistanischen Jihadisten führte zu immer brutaleren Angriffen auch auf die Zivilbevölkerung in Nordindien.

Lashkar-e Tayyiba löste sich jedoch aus der strengen Kontrolle durch das pakistanische Militär und entwickelte Ziele, die weit über die Eroberung Kaschmirs hinausgingen. Spätestens ab der Jahrtausendwende erhob die Organisation die Rückeroberung aller muslimisch besiedelten Teile Indiens zum Programm und wurde immer mehr zu einer transnationalen Organisation. Ihre Reichweite zeigte sie erstmals bei einem Angriff auf das indische Parlament in der Hauptstadt Neu-Delhi am 13. Dezember 2001, den sie gemeinsam mit der kleineren "Armee Muhammads" (Jaish Muhammad) durchführte. Der Feuerüberfall mit versuchter Geiselnahme war der erste Anschlag im später sogenannten Mumbai-Stil. Die Bezeichnung geht auf den folgenreichsten Anschlag der Lashkar-e Tayyiba in Mumbai am 26. November 2008 zurück. Zehn ihrer Mitglieder durchkämmten das Zentrum der indischen Metropole, nahmen Geiseln in internationalen Hotels, Restaurants, einer wichtigen Eisenbahnstation, einem Krankenhaus sowie einem jüdischen Kulturzentrum und töteten 166 Personen. Ein Ziel dürfte auch gewesen sein, den latenten Konflikt zwischen Pakistan und Indien bis hin zu einer kriegerischen Auseinandersetzung zu verschärfen und von der damit verbundenen Schwächung der beiden Staaten zu profitieren.



 

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