Demonstration am 1.12.2013 auf dem Kiewer Majdan für die Unterzeichnung eines Assoziierungsabkommens mit der EU

3.8.2015

Geschichte der Ukraine im Überblick

Orientierung nach Westen: die Ukraine im Rahmen des Königreichs Polen-Litauen (14.-18. Jh.)



Nach dem Mongolensturm gliederte sich die Rus in die ethnischen Gruppen der Russen, Ukrainer und Weißrussen aus. Während die Russen unter der Herrschaft der mongolischen Goldenen Horde verblieben, waren die Ukrainer und Weißrussen Untertanen Litauens und Polens, die seit 1386 in einer Personalunion, seit 1569 in einer Realunion verbunden waren. Das Erbe der Kiewer Rus traten zunächst die Großfürsten von Litauen an, die im 14. Jahrhundert die meisten Gebiete der Ukraine mit Kiew unter ihre Herrschaft brachten. Sie übten eine lockere Oberherrschaft aus und bedienten sich einer slawischen Amtssprache. Das Fürstentum Galizien im Westen kam dagegen schon in der Mitte des 14. Jahrhunderts direkt unter polnische Herrschaft. Zwei Jahrhunderte später wurde die ganze Ukraine in das Königreich Polen eingegliedert.

Das gesamte damals von Ukrainern besiedelte Gebiet gehörte während drei bis vier Jahrhunderten zu Polen-Litauen. Der polnische Adel erhielt große Besitzungen und brachte die ukrainischen Bauern in seine Abhängigkeit, während die reicheren ukrainischen Adligen bis ins 17. Jahrhundert zum katholischen Glauben übertraten und allmählich polonisiert wurden. Die Ukraine unterlag nun westlichen, über Polen vermittelten Einflüssen, die ihre westlichen Gebiete früher und stärker, die zentralen Gebiete abgeschwächt erreichten. Zahlreichen Städten wurde das Stadtrecht verliehen, und viele Deutsche und Juden ließen sich in der Ukraine nieder. Die geistigen Strömungen von Humanismus und Renaissance erreichten die Ukraine, ebenso wie Ausläufer der Reformation.

Im Rahmen der katholischen Reform wurden die Orthodoxen Polen-Litauens 1596 in der Union von Brest der römischen Kirche unterstellt. Die Unierte Kirche behielt die orthodoxe Liturgie und die Priesterehe bei, übernahm aber das Dogma der Katholischen Kirche. Viele Orthodoxe widersetzten sich der Union und erreichten schon nach kurzer Zeit die Wiederbelebung der Orthodoxen Kirche. Unter dem Metropoliten Petro Mohyla erlebte die Ukraine eine kulturelle Blüte, sichtbar im 1632 nach dem Vorbild der jesuitischen Schulen begründeten Kiewer Collegium (ab 1701 Akademie), das westliche Rationalität mit orthodoxer Spiritualität, die lateinische und polnische mit der kirchenslawischen Tradition verband und zum Kanal einer ersten Welle der Verwestlichung Russlands wurde.

Die historische Verbindung zum übrigen Europa diente der ukrainischen Nationalbewegung dazu, sich von Russland abzugrenzen. So schrieb der ukrainische politische Denker Mychajlo Drahomanow (1841–1895): "Die meisten nationalen Unterschiede zwischen der Ukraine und Moskowien können damit erklärt werden, dass die Ukraine bis zum 18. Jahrhundert, das heißt bis zur Errichtung der russischen Herrschaft, stärker mit Westeuropa verbunden war. Trotz der Rückschläge infolge der Invasionen der Tataren nahm die Ukraine am sozialen und kulturellen Fortschritt Europas teil." Solche Vorstellungen dienen in der aktuellen Diskussion als Argumente für die Annäherung an die EU. Man hebt hervor, dass die westlichen und zentralen Gebiete der Ukraine erheblich länger zu Polen als zu Russland gehörten. Aus der Perspektive der Orthodoxen Kirche und im russischen historischen Narrativ war die Epoche der Zugehörigkeit zu Polen-Litauen dagegen eine Zeit der Fremdherrschaft und der sozialen und religiösen Unterdrückung.

Das Zeitalter der ukrainischen Kosaken



An der Grenze zur Steppe und in Auseinandersetzung mit den Krimtataren formierten sich am Dnjepr, am Don und an anderen Flüssen im 16. Jahrhundert aus entlaufenen Bauern und Abenteurern die Kosakenheere. Diese kriegerischen Verbände waren dem Zugriff des Staates und des Adels weitgehend entzogen und errichteten eine egalitäre (= auf Gleichheit beruhende) militärdemokratische Ordnung. Der Ring oder Rat aller Kosaken wählte ihren Anführer, den Hetman oder Ataman, und fällte die wichtigsten Entscheidungen. Kosakenheere entstanden fast gleichzeitig in Russland und in der Ukraine. Nur die ukrainischen Kosaken wurden jedoch zu Akteuren der großen Politik.

Zahlreiche ukrainische leibeigene Bauern und Stadtbewohner flüchteten an den unteren Dnjepr, wo sie einen Stützpunkt "jenseits der Stromschnellen", die Saporoscher Sitsch, errichteten, von der sie ihren Namen "Saporoscher Kosaken" ableiteten. Die Kosaken dienten dem polnischen König als Grenzwächter und Söldner und unternahmen auf ihren Booten Raubzüge gegen die "ungläubigen" Osmanen. In der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts verbanden sich die Saporoscher Kosaken mit den gebildeten orthodoxen Eliten Kiews und nahmen deren proto-nationale Ideen auf.

Quellentext

Bericht über die Saporoscher Kosaken

Es ist die Leibeigenschaft, die viele [Bauern] dazu bringt, zu flüchten. Die mutigsten fliehen in das Saporosche, die Gegend am Dnjepr, wohin sich die Kosaken zurückziehen. Wenn sie dort einige Zeit verweilt und auch zur See gefahren sind, werden sie als Saporoscher Kosaken betrachtet. Aufgrund dieser Massenflucht ist die Zahl der Kosaken ungeheuer angewachsen. […] Sie wählen ihre Anführer, […] und die Kosaken gehorchen ihrem Führer, den sie in ihrer Sprache Hetman nennen. Diese Anführer regieren streng, doch handeln sie nicht ohne den Rat ihres Kriegsrates, den sie Rada nennen. […] Wenn sie sich auf das [Schwarze] Meer begeben, holen sie nicht die Erlaubnis des [polnischen] Königs ein, sondern nur die ihres Hetmans. Dann halten sie einen Rat und wählen einen Anführer, der die Expedition leitet. […]

Die Saporoscher Kosaken […] brechen fast jedes Jahr zu Raubzügen auf dem Schwarzen Meer auf, zum großen Schaden der Türken. Sie haben oft die Krimgeplündert, die zur Tatarei gehört, Anatolien verwüstet und sind sogar bis zum Ausgang des Schwarzen Meeres vorgedrungen, drei Meilen von Konstantinopel entfernt, wo sie mit Feuer und Schwert alles verwüstet haben und mit viel Beute und zahlreichen Sklaven, meist kleinen Kindern, zurückkehrten. […] Sie überqueren das Meer in wunderbarer Weise in ihren einfachen handgemachten Booten. […] In zwei oder drei Wochen können sie achtzig bis hundert Boote bauen. […] Jedes Boot hat Platz für fünfzig bis siebzig Mann, jeder ist mit zwei Feuerwaffen und einem Säbel ausgerüstet. Jedes Boot ist mit vier bis sechs leichten Kanonen (Falkonetts) bestückt. […] Jeder führt sechs Pfund Pulver und eine ausreichende Menge Blei mit sich sowie Kanonenkugeln für die Falkonetts und einen Kompass.

Bericht des französischen Ingenieurs und Kartografen Guillaume le Vasseur de Beauplan (um 1600–1673), der von 1630 bis 1648 in polnischen Diensten stand


Der Volksaufstand von 1648

Im Jahre 1648 kam es zu einem großen Volksaufstand gegen die polnische Herrschaft, der von den Kosaken unter Hetman Bohdan Chmelnyzkyj (1595–1657) angeführt wurde. Die Kosaken befreiten fast die gesamte Ukraine von der polnischen Herrschaft. Dabei wurden die in der Ukraine ansässigen Polen und Juden getötet oder vertrieben und die leibeigenen Bauern freigelassen. Die Saporoscher Kosaken errichteten einen de facto unabhängigen Herrschaftsverband, das sogenannte Hetmanat. Sie richteten eine Militärverwaltung nach kosakischem Vorbild ein, die Bauern wurden zu freien Kosaken erklärt, und die Orthodoxe Kirche wurde privilegiert.

Chmelnyzkyj und die Saporoscher Kosaken waren im Unabhängigkeitskrieg gegen Polen auf einen Verbündeten angewiesen und stellten sich deshalb im Jahre 1654 unter den Schutz des Moskauer Zaren. Während die Kosaken die Verbindung mit Russland als ein temporäres Protektorat ansahen, wertete sie der russische Zar als Unterwerfung unter seine Herrschaft. Diese konträren Deutungen blieben bis heute erhalten: Im national-ukrainischen Narrativ wird die Unabhängigkeit des Hetmanats betont, das als erster ukrainischer Nationalstaat gilt, im russischen Narrativ wird die Vereinbarung von 1654 als erste und wichtigste Etappe in der "Wiedervereinigung" mit der seit dem Mongolensturm von Russland getrennten Ukraine interpretiert. Zunächst behielt das Hetmanat seine Selbstverwaltung unter einem gewählten Hetman. Moskau garantierte die Rechte und Privilegien der Kosaken und der anderen Bevölkerungsgruppen, stationierte allerdings eine Garnison in der Ukraine und behielt sich ein Mitspracherecht in den äußeren Beziehungen vor.

Nach einem längeren Krieg teilten sich der Moskauer Staat und Polen-Litauen im Jahre 1667 die Ukraine: Das Hetmanat am linken Ufer des Dnjepr mit Kiew als Brückenkopf auf der anderen Seite fiel an Russland, die rechtsufrige Ukraine verblieb bei Polen. Die von ukrainischen Kosaken besiedelte Sloboda-Ukraine mit der neu errichteten Festung Charkiw kam direkt unter russische Herrschaft.

Hetman Masepa und Peter der Große

Als Russland unter Peter dem Großen den Druck verstärkte, versuchte Hetman Iwan Masepa das gesamte Hetmanat wieder zu errichten und verbündete sich mit dem schwedischen König Karl XII., der gegen das Russische Reich Krieg führte. Im Jahre 1709 wurden der schwedische König und mit ihm Masepa in der Schlacht von Poltawa von Peter dem Großen besiegt. Dieser rechnete in der Folge hart mit den abtrünnigen Kosaken ab. Masepa gilt in Russland als Prototyp des Verräters, und der Illoyalität verdächtigte Ukrainer wurden und werden bis heute des "Masepismus" bezichtigt. Im national-ukrainischen Narrativ wird Masepa dagegen als Held verehrt.

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts verlor das Hetmanat schrittweise seine Autonomie und wurde unter Katharina II. endgültig liquidiert. Reste der Saporoscher Kosaken wurden am Fluss Kuban im nördlichen Kaukasus angesiedelt. Die reicheren Mitglieder der Kosakenoberschicht, die mittlerweile zahlreiche ukrainische Bauern in ihre Abhängigkeit gebracht hatten, wurden in den Reichsadel aufgenommen und in der Folge weitgehend russifiziert. Dies markiert das Ende des politischen Wirkens der ukrainischen Kosaken.

Die Erinnerung an ihre glorreichen Taten und ihre Ideale von Freiheit und Gleichheit blieben in der Volksüberlieferung lebendig und wurde dann von der ukrainischen Nationalbewegung aufgenommen. Der Kosakenmythos spielt bis heute eine bedeutende Rolle, so jüngst auf dem Kiewer Majdan. Die ukrainische Nationalhymne endet mit dem Refrain: "Leib und Seele geben wir für unsere Freiheit hin, und wir werden zeigen, Brüder, dass wir vom Stamm der Kosaken sind!"


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