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3.8.2015

Geschichte der Ukraine im Überblick

Modernisierung und Russifizierung: die Ukraine im Russischen Reich im "langen 19. Jahrhundert"



Das Russische Reich war im 18. Jahrhundert eine Großmacht, die ihr Territorium ständig vergrößerte. In den drei Teilungen Polens (1772, 1793, 1795) kamen nun auch die westlichen Gebiete des ehemaligen Hetmanats unter russische Herrschaft, während Galizien an Österreich fiel. In mehreren Kriegen mit dem Osmanischen Reich wurden die Steppengebiete nördlich des Schwarzen Meeres mit der Krim, die heutige Südukraine, erobert. Im Jahre 1794 wurde Odessa begründet, das sich in wenigen Jahrzehnten zum nach St. Petersburg zweitwichtigsten Handelshafen und zu einer der größten Städte des Zarenreiches mit einer ethnisch gemischten (russisch-jüdisch-ukrainisch-griechischen) Bevölkerung entwickelte.

Die bis dahin kaum bewohnte Südukraine, amtlich als "Neurussland" bezeichnet, wurde von ukrainischen und russischen Bauern und von deutschen, rumänischen und südslawischen Kolonisten besiedelt. Adlige erhielten zum Teil große Ländereien (Latifundien). Mit ihren fruchtbaren Schwarzerdeböden wurde die Südukraine zur wichtigsten Kornkammer des Zarenreiches und trug beträchtlich zum Getreideexport bei. Der Begriff Neurussland ist im Jahre 2014 von Präsident Wladimir Putin wiederbelebt worden, um russische Ansprüche auf die Ost- und Südukraine zu untermauern.

Industrialisierung

Der Südosten der heutigen Ukraine wurde erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts erschlossen. Auf der Basis der reichen Steinkohlevorkommen des Donbass und des am mittleren Dnjepr lagernden Eisenerzes wurde hier in kurzer Zeit eine Schwerindustrie aufgebaut, die zum wichtigsten Motor der Industrialisierung Russlands wurde. Zentrum des Kohlebergbaus war die Industriesiedlung Jusowka (benannt nach ihrem Begründer, dem englischen Ingenieur Hughes), die 1924 in Stalino und 1961 in Donezk umbenannt wurde. Die Schwerindustrie konzentrierte sich auf den Donbass und die beiden rasch wachsenden Städte Charkiw und Jekaterinoslaw (heute Dnipropetrowsk). Im Zuge der stürmischen Industrialisierung wanderten zahlreiche russische Arbeiter in die Ostukraine ein. Im administrativen Zentrum Kiew konzentrierten sich Verwaltung und Handel, und in der Region Kiew waren die Zuckerraffinerien der wichtigste Industriezweig. Die Eisenbahnen verbanden die größeren Städte untereinander und mit dem zentralen Russland. In Charkiw, Kiew und Odessa befanden sich drei der zehn Universitäten des Zarenreiches.

Die südliche und die östliche Ukraine erlebten also im 19. Jahrhundert eine stürmische Urbanisierung und Modernisierung und waren mit ihrer polyethnischen Bevölkerung die dynamischste Region des Zarenreiches. Die Modernisierung der Ukraine vollzog sich allerdings weitgehend ohne Ukrainer, die überwiegend arme Bauern blieben. Etwa 87 Prozent der Ukrainer Russlands waren am Ende des 19. Jahrhunderts in der Landwirtschaft beschäftigt. Infolge des raschen Bevölkerungswachstums verringerten sich ihre Landanteile, und viele Bauern wanderten in die asiatischen Gebiete Russlands aus. 68 Prozent der über zehnjährigen männlichen Ukrainer konnten nicht lesen, bei den Frauen waren es sogar 95 Prozent. Die ukrainische Kultur blieb stark bäuerlich geprägt.

In allen großen Städten stellten die Russen die Mehrheit, während der Anteil der Ukrainer gering war: 26 Prozent in Charkiw, 22 in Kiew und neun Prozent in Odessa (gemäß der Volkszählung von 1897). Die meisten von ihnen gehörten zur städtischen Unterschicht, die wenigen sozialen Aufsteiger wurden in der Regel russifiziert. Einen bedeutenden Anteil an der Stadtbevölkerung stellten dagegen Juden, im Adel waren hinter den Russen und russifizierten Ukrainern die Polen noch immer stark vertreten.

Politische Entwicklung 1860–1917

Der Staat und die russische Gesellschaft anerkannten die "Kleinrussen", wie ihre offizielle Bezeichnung war, nicht als eigene Nation, sondern nur als Teil einer "all-russischen" orthodoxen Nation, die aus Großrussen, Kleinrussen und Weißrussen bestand. Die ukrainische Sprache galt als russischer Dialekt, die ukrainische Geschichte als Bestandteil der russischen Geschichte.

"Die Ukraine hatte nie eine eigene Geschichte, hatte nie einen eigenen Staat, das ukrainische Volk ist seit jeher ein rein russisches Volk, ohne welches das russische Volk nicht weiter sein kann, was es jetzt ist", so der russische Publizist Michail Katkow (1818–1887) im Jahre 1863. Als sich Anfänge einer ukrainischen Nationalbewegung zeigten, reagierte die Regierung scharf, um eine befürchtete Abspaltung der "Kleinrussen" von den Russen zu verhindern. In zwei Erlassen wurden in den Jahren 1863 und 1876 der Druck ukrainischsprachiger Schriften, ukrainische Schulen, Theateraufführungen und Vorträge verboten.

Quellentext

Sprachverbote im Zarenreich

Der Unterricht in allen Schulen erfolgt in der allgemeinrussischen Sprache und die Verwendung der kleinrussischen Sprache ist nicht erlaubt. […]

Eine eigene kleinrussische Sprache hat es nicht gegeben, gibt es nicht und kann es nicht geben. Ihr Dialekt, der vom einfachen Volk gesprochen wird, ist die russische Sprache, nur verdorben durch den Einfluss Polens. Die allgemeinrussische Sprache ist für die Kleinrussen genauso verständlich wie für die Großrussen, ja sogar besser als die jetzt von einigen Kleinrussen und besonders einigen Polen ausgeheckte sogenannte ukrainische Sprache. […]

Der Innenminister erlässt deshalb die Anweisung an die Zensurbehörden, dass zum Druck nur solche Werke in dieser Sprache zugelassen werden, die zur schönen Literatur gehören. Der Druck von Büchern in kleinrussischer Sprache mit religiösem Inhalt, von Lehrbüchern und überhaupt von Lesebüchern für das Volk ist einzustellen.

Auszug aus dem Zirkular des russischen Innenministers Pjotr Walujew (1863)

  1. Die Einfuhr von jeglichen Büchern im kleinrussischen Dialekt ist ohne besondere Erlaubnis der Zensur verboten.
  2. Der Druck von Originalwerken und Übersetzungen in diesem Dialekt ist im Russischen reich verboten, mit Ausnahme von historischen Dokumenten.
  3. Alle Theateraufführungen, Begleittexte zu musikalischen Noten und öffentlichen Vorträge in diesem Dialekt sind verboten, da sie heute den Charakter ukrainophiler Manifestationen haben.
Auszug aus dem sogenannten Ukas von Ems (1876)


Die Reformen der 1860er-Jahre schufen mit der Befreiung der leibeigenen Bauern, einer Justiz- und einer Stadtreform und mit der Einführung von Selbstverwaltungskörpern die Voraussetzungen für eine Modernisierung von Staat und Gesellschaft. Die Wirtschaft des Russischen Reiches entwickelte sich rasant, die Gesellschaft veränderte sich. Dazu stand das starre politische System in Widerspruch: Russland blieb eine vom Zaren uneingeschränkt regierte Autokratie, ohne Verfassung, Parlament, politische Parteien, Presse- und Versammlungsfreiheit. Dabei war der Spielraum für die ethnischen Minderheiten und besonders für die Ukrainer noch geringer als für die Russen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verstärkten sich im Zarenreich oppositionelle Bewegungen liberaler und sozialistischer Ausrichtung. Sie erfassten auch die Ukraine, doch waren ihre Anführer in der Regel Russen, russifizierte Ukrainer und Juden. Sie gipfelten in der Revolution von 1905, die in der Ukraine Bauernrevolten und Streiks der Industriearbeiter, aber auch Judenpogrome auslöste. Das Ancien Régime geriet an den Rand des Abgrundes, und Zar Nikolaus II. war zu Konzessionen gezwungen. Eine Verfassung wurde erlassen, ein Parlament eingeführt, politische Parteien erlaubt und der Druck auf ethnische und religiöse Minderheiten gelockert. Das Machtmonopol des Zaren blieb jedoch bestehen, und nach wenigen Jahren setzte eine reaktionäre Politik ein. Die Tage des Zarenreiches waren indes gezählt: Im Februar 1917 brach es zusammen.

Die Westukraine in der Habsburgermonarchie



Mit der Ersten Teilung Polens kam 1772 das mehrheitlich von Ukrainern besiedelte Galizien unter österreichische Herrschaft. 1775 folgte die bis dahin osmanische Bukowina. Ebenfalls zur Habsburgermonarchie gehörte Transkarpatien, das seit dem Mittelalter Teil des Königreichs Ungarn gewesen war. Obwohl diese Gebiete nur einen kleinen Teil der Ukraine mit um 1900 einem Achtel ihrer Bevölkerung ausmachten, spielte besonders Galizien im 19. und 20. Jahrhundert eine wichtige Rolle. Die österreichische Herrschaft bedeutete für Galizien, das sich schon im Rahmen des Fürstentums Galizien-Wolhynien nach Westen geöffnet und seit dem 14. Jahrhundert als einziges Gebiet der Ukraine direkt zum Königreich Polen gehört hatte, eine weitere Verstärkung seiner mitteleuropäischen Prägung. Galizien, der östliche Teil des gleichnamigen Kronlandes, die Nord-Bukowina und Transkarpatien waren die einzigen von Ukrainern bewohnten Gebiete außerhalb des Russischen Imperiums, und sie waren bis 1939/45 auch nicht Teil der Sowjetunion, sondern Polens, Rumäniens bzw. Ungarns.

Wichtige Etappen der Verwestlichung Galiziens und der Bukowina waren die Reformen des habsburgischen Kaisers Joseph II. am Ende des 18. Jahrhunderts, die Revolution von 1848, die die Bauern endgültig befreite, und die politischen Reformen der 1860er-Jahre. Die Einführung einer Verfassung, eines parlamentarischen Systems und der Prinzipien des Rechtsstaates, die Zulassung von Vereinen, politischen Parteien und einer freien Presse sowie die Emanzipation der hier besonders zahlreichen Juden schufen eine sozio-politische Ordnung, die sich erheblich von derjenigen in Russland unterschied. Allerdings behielt auch in der Habsburgermonarchie der Kaiser die oberste Gewalt.

Im Gegensatz zu den Ukrainern des Zarenreiches wurden die in Österreich als Ruthenen bezeichneten Ukrainer als eine eigene Nationalität und das Ukrainische als Amts- und Schulsprache anerkannt. Die hier (mit Ausnahme der orthodoxen Bukowina) vorherrschende Unierte Kirche wurde als Griechisch-Katholische Kirche zur Nationalkirche der Ruthenen, und ihre Geistlichen waren die wichtigsten Aktivisten der nationalen Bewegung. Die Elite im Kronland Galizien stellte überwiegend der polnische Adel, der seine privilegierte Stellung dank einer 1867 gewährten Autonomie noch ausbauen konnte und das soziale sowie politische Leben dominierte. Es waren deswegen die Konflikte der Ruthenen mit den Polen, die das politische Leben des Kronlandes Galizien prägten. Galizien, die Bukowina und Transkarpatien waren Agrarregionen mit einer wenig entwickelten Industrie. Eine Ausnahme war die Ölgewinnung im westlichen Galizien, das zeitweise der weltweit drittgrößte Produzent von Erdöl war. Die weit überwiegende Mehrheit der Ukrainer waren arme Bauern, 60 Prozent von ihnen waren Analphabeten.


Dossier Ukraine

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