Demonstration am 1.12.2013 auf dem Kiewer Majdan für die Unterzeichnung eines Assoziierungsabkommens mit der EU

3.8.2015

Geschichte der Ukraine im Überblick

Krieg, Revolution und Ukrainische Volksrepublik



Im Ersten Weltkrieg kämpften Ukrainer in den Heeren Österreich-Ungarns und Russlands gegeneinander. Der Krieg führte zum Zusammenbruch beider Imperien. Im Februar 1917 fegte eine Revolution den Zaren hinweg. Eine Woche später trat in Kiew eine nach kosakischem Vorbild Zentralrada genannte, von Hruschewskyj präsidierte Körperschaft zusammen und forderte im Juni Autonomie für die Ukraine. Im Laufe des Jahres 1917 fand in der Ukraine eine Agrarrevolution statt, und die Bauern nahmen die Ländereien des Adels in ihren Besitz. Im Oktober ergriffen die Bolschewiki die Macht, setzten in Charkiw eine Sowjetregierung ein und schickten sich an, Kiew zu erobern. Daraufhin rief die Rada am 12. Januar 1918 die Unabhängigkeit der Ukrainischen Volksrepublik aus.

Im Februar und März 1918 besetzten die deutschen und österreich-ungarischen Armeen die Ukraine und installierten in Kiew eine Regierung unter Pawlo Skoropadskyj (1873–1945). Das Hetmanat genannte Staatswesen hatte vor allem die Aufgabe, Deutschland und Österreich-Ungarn mit Getreide zu versorgen. Das konservative Regime blieb aber bei der Bevölkerung unpopulär. Im Frieden von Brest-Litowsk musste die Sowjetregierung die Unabhängigkeit der Ukraine anerkennen. Nach der Niederlage der Mittelmächte wurde in Kiew erneut die Ukrainische Volksrepublik proklamiert, regiert von einem Direktorium, in dem der gemäßigte Sozialdemokrat Symon Petljura (1879–1926) der starke Mann war. Fast gleichzeitig erklärte sich eine Westukrainische Volksrepublik für unabhängig, die aber gegen die polnische Armee keine Chance hatte: Galizien (und zusätzlich das westliche Wolhynien) wurden Teil der polnischen Republik. Gleichzeitig besetzten rumänische Truppen die Bukowina, tschechoslowakische die Karpato-Ukraine.

Das Direktorium der Ukrainischen Volksrepublik ging daran, einen Nationalstaat aufzubauen, doch war die militärische Situation prekär, und es gelang nie, die gesamte Ukraine zu kontrollieren und Verbündete zu gewinnen. Die Sowjetregierung erkannte die Unabhängigkeit der Ukraine nicht mehr an, und die Rote Armee besetzte Kiew in den Jahren 1919 und 1920 mehrmals. Die gegenrevolutionären "weißen" Armeen, die von der Entente unterstützt wurden, versuchten, das Russische Imperium wieder zu errichten und standen der Volksrepublik feindlich gegenüber. Anton Denikin (1872–1947), ein "weißer" General, errichtete in der südlichen und östlichen Ukraine eine Militärdiktatur und besetzte im Sommer 1919 vorübergehend Kiew.

Die Regierung der Volksrepublik verlor zunehmend die Kontrolle, Chaos und Anarchie breiteten sich aus. Banden von Bauern und Soldaten der weißen und der ukrainischen Armee ermordeten in den Jahren 1919 und 1920 mehr als 4000 ukrainische Juden. Der Anarchist Nestor Machno (1888–1934) errichtete in der Südukraine eine temporäre Selbstverwaltung. Aus dem blutigen Bürgerkrieg ging die Rote Armee als Siegerin hervor. Sie besetzte die zentralen Gebiete der Ukraine und organisierte sie neu in einer Sowjetrepublik.

Der Nationalstaat der Jahre 1918 bis 1920 nimmt im ukrainischen nationalen Narrativ einen wichtigen Platz ein. Die heutige Ukraine übernahm seine Symbole, die Währung (die Hrywnja), die blau-gelbe Flagge und die Nationalhymne. Das Experiment scheiterte an der Übermacht der Gegner, aber auch an inneren Schwächen. Die ukrainische Nation war noch nicht konsolidiert. In den mehrheitlich russischsprachigen Städten und Industriegebieten hatten die Bolschewiki zahlreiche Anhänger. Die ukrainischen Bauern waren vom Direktorium enttäuscht und durch den langen Krieg zermürbt und sahen am Ende in der Sowjetmacht, die ihnen Versprechungen machte, das geringere Übel. Im Gegensatz zu zahlreichen anderen europäischen Völkern gelang es den Ukrainern nicht, nach dem Ersten Weltkrieg einen stabilen Nationalstaat zu errichten.

Quellentext

Bevölkerungsstatistik

Bevölkerung der Ukraine am 1.1.2014
45,43 Mio

Bevölkerung der Ukraine 2001
48,46 Mio., davon Ukrainer 77,8 %, Russen 17,3 %, Rumänen/Moldauer 0,8 %, Weißrussen 0,6 %, Krimtataren 0,5 %, Bulgaren 0,4 %, Ungarn 0,3 %, Polen 0,3 %, Juden 0,2 %

Bevölkerung der Ukrainischen Sowjetrepublik
1959 41,9 Mio., davon Ukrainer 76,8 %, Russen 16,9 %; Stadtbevölkerung 46 %
1989 51,7 Mio., davon Ukrainer 72,7 %, Russen 22,1 %; Stadtbevölkerung 67,5 %

(in den Grenzen vor dem Zweiten Weltkrieg)
1926 29,0 Mio., davon 80,0 % Ukrainer, 9,2 % Russen, 5,4 %, Juden, 1,6 % Polen, 1,4 % Deutsche; Stadtbevölkerung 19 %,
1939 31,8 Mio., davon 76,5 % Ukrainer, 13,5 % Russen, 5,0 %, Juden, 1,3 % Deutsche, 1,2 % Polen; Stadtbevölkerung 34 %

Ukrainer in der Sowjetunion
1926 32,0 Mio. (21,2 % der Gesamtbevölkerung), 10,4 % in Städten
1939 28,1 Mio. (16,5 %), 29 % in Städten
1959 37,3 Mio. (17,8 %), 39 % in Städten
1970 40,8 Mio. (16,9 %), 46 % in Städten
1989 44,3 Mio. (15,5 %), 63 % in Städten

Ukrainer im Russischen Reich
1897 22,4 Mio. (17,8 % der Gesamtbevölkerung), davon 5,6 % in Städten
1719 2,3 Mio. (12,9 %)

Ukrainer (Ruthenen) in der Habsburgermonarchie
1910 4,0 Mio. (7,8 % der Gesamtbevölkerung)

Bevölkerungsverluste der Ukrainer im 20. Jahrhundert
Schätzungen
Erster Weltkrieg: 500.000; Russischer Bürgerkrieg: 1,5 Mio.; Hungersnot 1920/21: 250.000; Hungersnot 1932/33: 3 Mio.; Stalinistischer Terror und Gulag: 1 Mio.; Zweiter Weltkrieg: Zivilbevölkerung: 4 Mio., darunter 1,5 Mio. Juden; Militär: 2,7 Mio., darunter 700.000 Kriegsgefangene; Hungersnot 1946/47: 100.000

Zahlen vom Autor kompiliert aus zahlreichen unterschiedlichen Quellen


Ukrainisierung, Hungersnot und Terror: die Ukrainische Sowjetrepublik bis 1939



Nach der Beendigung des Bürgerkriegs im Frieden von Riga mit Polen im Jahr 1921 und der Konsolidierung ihrer Herrschaft bauten die Bolschewiki den Sowjetstaat auf. Sie gliederten die 1922 offiziell ausgerufene Sowjetunion nach sprachlich-ethnischen Kriterien. Die Ukrainische Sowjetrepublik umfasste dementsprechend die Territorien mit einer ukrainischen Bevölkerungsmehrheit. Zwar blieben ihre Kompetenzen beschränkt, und sie musste sich der Parteiherrschaft unterordnen, doch war sie der Kern des heutigen Nationalstaates. Im Gegensatz zum Zarenreich wurden die Ukrainer in der Sowjetunion als eigene Nation anerkannt. Der Aufstieg von (loyalen) Ukrainern in die sowjetischen Eliten in Staat und Partei wurde gefördert. Das Ukrainische wurde Amts- und Schulsprache, und die in den 1920er-Jahren betriebene Politik der Ukrainisierung konsolidierte die ukrainische Sprache und Kultur.

Stalinismus

Allerdings vollzog Josef Stalin, der sich nach Lenins Tod als dessen Nachfolger durchgesetzt hatte, in der Nationalitätenpolitik schon bald einen Schwenk. Die Sowjetrepubliken wurden stärker kontrolliert, die Förderung der ukrainischen Sprache wurde zugunsten des Russischen allmählich zurückgenommen. Ähnlich wie im Zarenreich unterlagen weite Teile der in die städtischen Eliten aufsteigenden Ukrainer einer zumindest partiellen Russifizierung, und das Ukrainische sank wieder zu einer provinziellen Sprache ab.

In den "Säuberungen" der 1930er-Jahre wurden die neuen Eliten dezimiert, und Ukrainer sowie in der Ukraine lebende Polen waren unter den Opfern des Stalinistischen Terrors prozentual stärker vertreten als Russen. Dies begann mit der Verfolgung sogenannter bürgerlicher Nationalisten und setzte sich fort im "Großen Terror" der Jahre 1937/38. Während der Herrschaft Stalins wurden mehrere Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer in den GULag deportiert, von denen mindestens 500.000 ums Leben kamen.

Bereits Ende der 1920er-Jahre hatte eine Politik der gewaltsamen Modernisierung eingesetzt. Die forcierte Industrialisierung und die damit einhergehende Urbanisierung und Alphabetisierung verwandelten die Ukraine in eine moderne Industriegesellschaft. Die Ukrainer nahmen im Gegensatz zur Zarenzeit daran teil, konnten allerdings den Rückstand gegenüber den Russen nicht wettmachen und blieben stärker agrarisch geprägt. Die Schwerindustrie der Ostukraine wurde weiter ausgebaut. Unter den ehrgeizigen neuen Projekten ragte der Bau des gewaltigen Dnjepr-Kraftwerks heraus.

Zwangskollektivierung und Holodomor

Parallel dazu wurde die Kollektivierung der Landwirtschaft in wenigen Jahren gewaltsam durchgepeitscht. Stalin wollte damit die Bauern unter Kontrolle bringen und die Getreideproduktion steigern, um die Stadtbevölkerung zu ernähren und über Exporte die Industrialisierung zu finanzieren. Das Ackerland wurde verstaatlicht, und die Bauern wurden zu Landarbeitern in den Kolchosen. Viele ukrainische Bauern widersetzten sich diesen Zwangsmaßnahmen, worauf zahlreiche als sogenannte Kulaken ermordet oder deportiert wurden. Der Staat setzte die Zwangsablieferung von Getreide unbarmherzig durch und raubte den Bauern auch ihre Vorräte und das Saatgetreide. Die Folge war eine schreckliche Hungersnot, der in den Jahren 1932/33 etwa drei Millionen ukrainische Bauern zum Opfer fielen. Zwar wütete die Hungersnot auch in anderen Gebieten der Sowjetunion, doch machte die Zahl der Hungertoten in der Ukraine mehr als die Hälfte aller Opfer aus. Laut Statistik nahm die Zahl der ethnischen Ukrainer in der Sowjetunion zwischen 1926 und 1939 von 32 auf 28 Millionen ab, während die Zahl der ethnischen Russen im selben Zeitraum von 78 auf 100 Millionen stieg.

Die Interpretation der Hungersnot ist bis heute umstritten. In der Sowjetunion wurde sie totgeschwiegen. Stalin sprach vom Märchen einer Hungersnot, und erst in den späten 1980er-Jahren wurde der Mantel des Schweigens gelüftet. Die Geschichtswissenschaft ist sich einig, dass die Hungersnot von Stalin herbeigeführt wurde. Umstritten ist die Frage, ob er damit die Ukraine in besonderem Maß treffen wollte. Die Mehrheit der Historiker nimmt heute an, dass die Politik Stalins, der den Ukrainern misstraute, gegenüber den hungernden ukrainischen Bauern besonders unbarmherzig war, was die weit überproportionalen ukrainischen Toten erklärt. In der unabhängigen Ukraine wurde der Holodomor (Hungertod) zum wichtigsten Gedächtnisort ukrainischer Leidensgeschichte. Er wird offiziell als Genozid am ukrainischen Volk bezeichnet, dessen Leugnung unter Strafe steht. Der Holodomor ist heute auch Gegenstand geschichtspolitischer Kontroversen zwischen der Ukraine und Russland.


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