Titelbild, IzpB 327/2015 Sozialpolitik
Pfeil links 1 | 2

Aktuelle sozialpolitische Leitbilder

23.10.2015

"Vorbeugen ist besser als heilen!" – Der Präventionsdiskurs



Das Leitbild der Prävention ist in den vergangenen Jahren in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen stärker in den Fokus gerückt. Häufig illustriert durch den bekannten Ausspruch "Vorbeugen ist besser als heilen!" von Hippokrates (um 400 v. Chr.) ist die Idee, Schaden zu verhindern, bevor er entsteht, heute so präsent wie lange nicht. Prävention soll Kriminalität, Gewalt und Drogenkonsum reduzieren, die Zahl der Schulabbrecher und Arbeitslosen senken und Extremismus sowie Diskriminierung bekämpfen.

Aktuell wird Prävention vor allem im Bereich der frühkindlichen Betreuung und Bildung (Frühe Hilfen) diskutiert. Durch eine Ausweitung der Sozialen Dienste sollen spätere Entwicklungsdefizite, beispielsweise in der Schulbildung und im Sozialverhalten, verringert und somit kompensatorische "Reparaturleistungen" überflüssig werden, was sich in einer "Präventionsrendite" auch gesamtwirtschaftlich auszahlen soll, so Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin des Landes NRW seit Juli 2010, in ihrer Regierungserklärung am 12. September 2012 im Düsseldorfer Landtag. "Rechnet man alles zusammen, Kinder- und Jugendhilfe, Strafvollzug, gesundheitliche Rehabilitation, Transferleistungen usw., dann können über die Gesamtzeit eines […] schwierigen Lebenslaufs Reparaturkosten von vielen hunderttausend Euro entstehen. Und das sind nur die finanziellen Kosten. Das Leid ist in Geld gar nicht auszudrücken. Wir könnten es sehr oft vermeiden, wenn wir rechtzeitig gegensteuern würden. […] Wir wollen deshalb weg von einem Denken in Kästchen, Zuständigkeiten und Anträgen. Wir wollen stattdessen kommunale Präventionsketten weiter ausbauen und gesundheitliche, soziale und schulische Angebote, Sport, Kultur und Freizeit besser miteinander verzahnen. […] Wenn wir es schaffen, dass jeder Jugendliche einen ‚Anschluss an den Abschluss‘ erhält, erübrigen sich auch manche Angebote von Berufskollegs und Trägern. Dann brauchen wir dort in den kommenden Jahren bis zu 500 Lehrerstellen weniger. Mit Qualitätsabbau hat das nichts zu tun. Das ist genau die Form von Präventionsrendite, von der ich vorhin gesprochen habe."

Ursprünglich stammt die Diskussion um das Leitbild der Prävention aus dem Gesundheitsbereich und meinte dort alle Anstrengungen, um das Auftreten von Krankheiten zu verhindern (pathogenetisches Modell), indem spezifische Risiken gemindert werden. Dieses Präventionskonzept ist vom Grundsatz her defizitorientiert. Deshalb sind Präventionsansätze dieser Art tendenziell stärker auf individuelle, zum Beispiel gesundheitsgefährdende Verhaltensweisen gerichtet (Verhaltensprävention). Ein Beispiel für eine verhaltenspräventive Maßnahme ist der Einsatz von Handy-Apps zur Kontrolle der täglichen Bewegung. Zwar lassen sich aus dieser Perspektive auch Eingriffe begründen, die an äußeren Umständen wie beispielsweise Umweltverschmutzung oder Arbeitsbedingungen ansetzen (Verhältnisprävention), die grundsätzliche Verantwortung liegt aber beim Individuum.

Mit dem Präventionsleitbild wird häufig ein, biografisch betrachtet, möglichst frühes Eingreifen verbunden mit dem Ziel, potenzielle Fehlentwicklungen gar nicht erst entstehen zu lassen. Begründet wird ein solches Vorgehen häufig auch mit neueren Erkenntnissen aus der Hirnforschung, die die besondere Bedeutung der frühen Lebensphase betonen. Eine präventive Umsteuerung dieser Prägung birgt die Gefahr, dass sozialpolitische Leistungen für zum Beispiel Jugendliche reduziert werden, da sie bereits "zu alt" und damit zu sehr vorgeprägt sind, was eine Förderung ökonomisch gesehen demnach weniger "effizient" macht. So werden präventive Leistungen in der Regel auf bestimmte Risikogruppen ausgerichtet, die entweder – wie im Fall der "Frühen Hilfen" – großes Potenzial besitzen, von den Förderungen zu profitieren, oder durch bestimmten Risikofaktoren besonders gefährdet sind.

Eine präventive Fokussierung auf bestimmte Gruppen kann allerdings auch dazu führen, dass diese stigmatisiert werden. Stigmatisierungseffekte können verschiedene negative Folgen haben: Zum Beispiel kann die Zuschreibung negativer Eigenschaften dazu führen, dass die Personen durch die Eingruppierung in eine Risikogruppe selbst daran glauben, dass etwas mit ihnen nicht stimmt und dadurch immer mehr dem zugeschriebenen Bild entsprechen (self-fulfilling prophecy). Außerdem ist die Gefahr groß, dass Hilfebedürftige die Angebote nicht in Anspruch nehmen (Dunkelziffer), weil sie eine Diskriminierung fürchten.

Ein breiteres Verständnis von Prävention richtet den Blick nicht auf Risikogruppen, sondern auf die Stärkung der Ressourcen aller Menschen (Primärprävention). Ein solches (salutogenetisches) Präventionsverständnis kommt zum Beispiel in der Ottawa-Charta der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 1986 zum Ausdruck. In ihr wird gefordert, "allen Menschen ein höheres Maß an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit [zu] ermöglichen und sie damit zur Stärkung ihrer Gesundheit [zu] befähigen." Prävention wird so zu einer Querschnittsaufgabe von Politik, Institutionen, Gemeinwesen und Individuen. Zum einen soll kompensatorisch darauf hingewirkt werden, dass alle Menschen vergleichbare Entwicklungschancen erhalten, und zum anderen geht es darum, die Individuen innerhalb ihrer Lebenswelt (Setting-Ansatz) zum autonomen Handeln und zur Selbsthilfe zu befähigen. Es geht um die Förderung von Schutzfaktoren, die es den Individuen ermöglichen, sich trotz negativer Einflüsse positiv entwickeln zu können (Resilienzen). Da dieses Bild von Prävention nicht primär auf die Förderung von Risikogruppen ausgerichtet ist, kann es auch nicht allein um lebensbiografisch früh angesiedelte Förderung gehen. Sozialpolitische Leistungen sollen nach diesem Leitbild frühzeitig einsetzen, was bedeutet, dass Förderungen rechtzeitig angeboten werden, sobald Entwicklungsdefizite absehbar sind.

Jedem Präventionsdenken liegen verschiedene Ambivalenzen zugrunde. Grundsätzlich ist das Leitbild der Prävention der Paradoxie ausgesetzt, etwas verhindern zu wollen, was noch nicht geschehen ist. Sämtliche Präventionskonzepte fußen außerdem auf der vereinfachenden Grundannahme, dass gegenwärtige Eingriffe ursächlich mit Veränderungen in der Zukunft in Verbindung gebracht werden können. Das bedeutet, dass Prävention immer davon ausgeht, durch eine Handlung im Hier und Jetzt eine zukünftige Fehlentwicklung korrigieren zu können. Diese Denkweise beruht auf der Vorstellung, dass eine Wirkung immer eine eindeutig zuzuordnende Ursache besitzt, und meist wird sogar von einer einzigen Ursache ausgegangen (Monokausalität).

Da soziale Phänomene in der Regel aber auf verschiedenen, sich gegenseitig verstärkenden oder auch abschwächenden Ursache-Wirkung-Zusammenhängen beruhen, liegt hier eine grundsätzliche Schwachstelle des Präventionsansatzes. Der schulische Erfolg ist beispielsweise von so unterschiedlichen individuellen, familialen und gesellschaftlichen Bedingungen abhängig, dass eine präventive Unterstützung bei den Hausaufgaben allein nicht verhindern kann, dass der/die Schüler/in eine schlechte Klausur schreibt.

Darüber hinaus ist mit jeder Form von Prävention auch ein Werturteil darüber verknüpft, was akzeptable Lebensverhältnisse sind oder was als positive Entwicklung gelten kann und was nicht. Somit ist das Leitbild der Prävention stets einer normativen Setzung verpflichtet, die in der Regel indirekt angestrebt, aber nicht ausdrücklich benannt oder begründet wird. Gerade dieser implizite Charakter des Leitbildes Prävention führt dazu, dass es in der öffentlichen Debatte selten kritisiert wird und in einem solchen Leitbild ganz unterschiedliche Werte und Normen gebündelt werden können.
Arten der Prävention, Grafik, IzpB 327/2015 SozialpolitikArten der Prävention (© bpb)

"Wer soll dazu gehören? Alle!" – Der Inklusionsdiskurs



Dass unter einem Begriff zur gleichen Zeit unterschiedliche Ausprägungen eines Leitbildes nebeneinander stehen können, ist bereits am Beispiel Prävention zu erkennen gewesen. Ein weiteres Beispiel, an dem dies deutlich wird, ist das der Inklusion. Das Leitbild der Inklusion reicht in verschiedene Bedeutungskontexte hinein, zum Beispiel prägt es die sozialpolitische Auseinandersetzung um den gemeinsamen Schulbesuch von Kindern mit und ohne Behinderung, die Integration von Migrantinnen und Migranten oder auch die Diskussion um die Bekämpfung sozialer Ausgrenzung (soziale Inklusion). In der Alltagssprache wird Inklusion aktuell überwiegend auf den Bereich der Behinderung bezogen.

Hinter sämtlichen Inklusionsbemühungen steht die Vorstellung von idealen Lebenslagen und davon, wann Eingriffe in die individuellen Lebensverhältnisse, beispielsweise durch sozialpolitische Leistungen, gerechtfertigt sind und wann nicht. Gemeinsam ist allen Inklusionsleitbildern, dass es immer um die Bekämpfung bzw. Vermeidung von Ausgrenzungsprozessen geht.

Die Vorstellung der Inklusion, wie sie z. B. in der UN-Behindertenrechtskonvention 2008 vertreten wird, richtet sich in erster Linie auf die Teilhabe- und Verwirklichungschancen der Menschen. Es geht um den Anspruch, jedem Menschen unabhängig von seiner geistigen und körperlichen Verfassung die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und die Selbstverwirklichung zu ermöglichen. Nach diesem Verständnis besitzt der Mensch ein natürliches Recht auf Inklusion und die Frage danach, welche Gruppen inkludiert werden sollen, stellt sich nur insofern, als dass die Personen identifiziert werden müssen, die Unterstützung benötigen, um ihr Recht auf Inklusion zu verwirklichen. Aber auch dieses Inklusionsleitbild kommt nicht ohne eine normative Bestimmung dessen aus, was "Teilhabe am gesellschaftlichen Leben" bedeutet. Ist Teilhabe an der heutigen Gesellschaft möglich, ohne im Besitz eines Handys zu sein oder ohne die Fähigkeit, mit diesem umgehen zu können? Auf diese Fragen werden unterschiedliche Personen unterschiedlich antworten. Da die Vorstellung einer vollständigen Inklusion aller Menschen utopisch ist, lässt sich die Frage danach, was unverzichtbar ist, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben, nicht abschließend beantworten. Es kann also immer nur um den Grad der Inklusion gehen, der erreicht werden soll.

Die Festlegung wiederum, was ein Mindestmaß an Teilhabemöglichkeiten ist, muss politisch ausgehandelt werden und ist somit von Interessen abhängig. Wenn zum Beispiel in der Debatte um Mindestsicherungsleistungen davon gesprochen wird, dass ein bestimmter Regelsatz zu niedrig sei, um am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können, ist dies stets davon abhängig, welche Vorstellungen von gesellschaftlicher Teilhabe diesem Werturteil in der Politik, in der Armutsforschung oder in der Bevölkerung zu Grunde liegen. Hinzu kommt: Vor 20 Jahren hätte sich die Frage nach einem Handy gar nicht gestellt. Dies zeigt, dass sich die Bewertung dessen, was als notwendig erachtet wird, mit der Zeit verändert. Neben den gesellschaftlichen und technischen Veränderungen (zeitliche Dimension) spielt der Ort (räumliche Dimension) ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Bewertung von gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten. So sind ein Führerschein und ein eigener PKW in ländlich geprägten Regionen wichtiger als in Großstädten mit einem gut ausgebauten öffentlichen Nahverkehr.