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Momentaufnahme


23.10.2015
Die Anschläge islamistischer Terroristen Anfang 2015 in Paris lösten in Teilen der westlichen Öffentlichkeit Diskussionen aus, ob der Islam als Religion verantwortlich zu machen sei, ob er in einem unüberbrückbaren Gegensatz zu Christentum und Aufklärung stünde und wie man dem begegnen solle.

Charlie Heddo Terroranschlag EinschusslochIm Januar 2015 wird in Paris ein islamistisch motivierter Terroranschlag auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo verübt. Ein Einschussloch im Nachbarhaus zeugt von der Tat. (© picture-alliance/AP)

Zu Jahresbeginn 2015 wurde in Paris ein Anschlag auf einen jüdischen Supermarkt verübt. Vier Geiseln und der Täter, der einen Tag zuvor eine Polizistin getötet hatte, starben. Zwei Tage zuvor hatten zwei bewaffnete Angreifer die Räume der Satirezeitschrift Charlie Hebdo gestürmt. Unter dem Vorwurf der Veröffentlichung islamfeindlicher Karikaturen hatten sie dort zehn Mitarbeiter und eine Mitarbeiterin der Zeitschrift erschossen sowie später auf ihrer Flucht einen Polizisten.

Ein Frankfurter Rapper kommentierte die Anschläge mit den Worten "Nein, ich bin nicht Charlie! Sondern das gestohlene, besetzte Palästina, ich bin das zerstörte Gaza." Er stellte sich damit gegen die weitverbreitete Solidaritätsbekundung "Ich bin Charlie" und erhielt hierfür auf Facebook über 6600 Likes.

Zwar ist dieser "marokkanische Frankfurter", der auch von sich sagte: "Ich bin das zerteilte Kurdistan, ich bin das gefolterte und vergessene Guantanamo", zuvorderst Rapper, nicht politischer Agitator. Doch Reaktionen wie diese geben das speziell unter jungen Muslimen verbreitete Gefühl wieder, dass ihre eigenen Sichtweisen und Interessen nicht Gehör finden. Gerade arabischstämmige Jugendliche beklagen häufig, dass zum Beispiel die verschiedenen Konflikte im Nahen Osten, die Krisen in der arabischen Welt und die Rolle, die Europa oder die USA dabei spielen, im Schulunterricht kaum angesprochen würden.

Diese Entfremdungs- und Ohnmachtsgefühle nutzen Kräfte, die eine Religion, den Islam, für politische Ziele instrumentalisieren. Dabei finden sie Anhänger: Junge Menschen, die strengsten Regeln folgen. Zumeist bleiben sie in Deutschland und lehnen Gewalt ab. Doch gibt es auch solche, die sich radikalisieren und in den Krieg nach Syrien oder in den Irak ziehen, um dort für die aus ihrer Sicht von ihrer Religion geforderten Anliegen ihr Leben oder das anderer zu opfern.

Schnell gerät die öffentliche Diskussion darüber in einen Strudel von Zuschreibungen und vermeintlich kulturellen Gegensätzen. Dabei leidet die Qualität der gesamtgesellschaftlichen Diskussion oftmals unter Vereinfachungen und der Vorannahme eines "großen Kulturkampfes" zweier statischer, unveränderlicher Gegensätze.

Diese Zuspitzung auf einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Ost und West, Orient und Okzident, Islam und Christentum oder wahlweise Aufklärung scheint durch die politischen Verwerfungen und Kriege im Nahen Osten sowie durch Terroranschläge bestätigt zu werden. Eine vereinfachende Betrachtungsweise findet in solchen Ereignissen oftmals Argumente für eigene Vorannahmen, dass "dem Islam" und "den Muslimen" immer schon Gewalt, Intoleranz und Despotie innewohnten. Diese Denkweise ähnelt dann mitunter in ihrer Pauschalität und Vorurteilsbefangenheit derjenigen der radikalen Gegenseite, die mit Eindeutigkeitsangeboten, klaren Welt- und Feindbildern, für sich wirbt.

Doch die überwiegende Mehrheit der Muslime lehnt Gewalt ab und will friedlich inmitten der Gesellschaft leben. Nach ihrem mehrheitlichen Religionsverständnis verfügt der Islam nicht über ein unwandelbares Wesen, in dem das Verhältnis von Staat und Religion als für ewig vereint festgeschrieben ist. Solche Annahmen beruhen vielmehr auf der Übernahme ideologischer, islamistischer (nicht islamischer) Positionen, die bewusst mit Schlagworten und Kampfbegriffen markiert werden und mit der Wirklichkeit, gerade auch mit der historisch differenzierten Realität, wenig zu tun haben.

Quellentext

Umfrageergebnisse zum Islam in Deutschland

[…] "Für Muslime ist Deutschland inzwischen Heimat. Sie sehen sich aber mit einem Negativ-Image konfrontiert, das anscheinend durch eine Minderheit von radikalen Islamisten geprägt wird", sagte Yasemin El-Menouar, Islam-Expertin der [Bertelsmann] Stiftung.

Das negative Islam-Bild ist dabei nach Ansicht der Forscher nicht abhängig von Bildungsniveau, politischer Orientierung oder sozialem Status. Entscheidender seien das Alter und der persönliche Kontakt zu Muslimen, so ein Fazit der […] [Sonderauswertung "Islam" des Religionsmonitors der Stiftung]. Von den über 54-jährigen Nicht-Muslimen fühlen sich 61 Prozent durch den Islam bedroht, bei den unter 25-Jährigen sind es nur 39 Prozent. Die Angst vor dem Islam ist dort am größten, wo die wenigsten Muslime leben: In Nordrhein-Westfalen, wo jeder dritte deutsche Muslim zu Hause ist, fühlen sich 46 Prozent bedroht. In Thüringen und Sachsen mit nur sehr wenigen Muslimen sehen sich 70 Prozent vom Islam bedroht.

Dabei halten 90 Prozent der hochreligiösen Muslime in Deutschland laut Studie die Demokratie für eine gute Regierungsform. Neun von zehn Befragten haben in ihrer Freizeit Kontakt zu Nicht-Muslimen. Jeder Zweite hat mindestens genauso viele Kontakte außerhalb der Religionsgemeinschaft wie mit Muslimen. […]

Der Religionsmonitor basiert auf repräsentativen internationalen Bevölkerungsumfragen aus dem Jahr 2013, mit 14.000 Befragten aus 13 Ländern. Um das Meinungsbild in Deutschland zu erfassen, befragte das Forschungsinstitut TNS Emnid für die Stiftung Ende November 2014 repräsentativ 937 nicht-muslimische Deutsche über 16 Jahren.

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özogˇuz, betonte angesichts der Studienergebnisse […], der Zusammenhalt auch über Religionsgrenzen hinweg sei wichtig. […] Die Erhebung widerlege das Vorurteil, dass sich Muslime angeblich in Parallelgesellschaften einrichten würden. […]

© dpa-Deutsche Presse-Agentur, zitiert in: Bonner General-Anzeiger vom 9. Januar 2015


Infografik zur Wahrnehmung des Islams in DeutschlandUmfrageergebnisse zum Islam in Deutschland (© bpb)

Nur im Islam die Ursache von religiös begründetem Extremismus zu suchen, ist problematisch. Vielmehr sind die Gründe vielschichtig, und neben der religiösen Ebene müssen auch politische und gesellschaftliche Entwicklungen in den Blick genommen werden. Daher richten die Kapitel "Salafismus – Spielart des Islamismus" und "Geschichte einer Radikalisierung" zu einem großen Teil das Augenmerk auch auf die politische Ebene. Neben ideengeschichtlichen Ansätzen und politischen Ursachen für den islamistischen Extremismus zeigt es am Beispiel des "Islamischen Staates" (IS), dass gegenwärtig oftmals wirtschaftliche und machtpolitische Interessen zum Bündnis mit Extremisten führen. Das Kapitel "Salafismus in Deutschland" konzentriert sich wiederum auf die gesellschaftliche Ebene und fragt nach Ursachen der Radikalisierung bei Jugendlichen. Auf religiöser Ebene thematisiert zuletzt der Abschnitt "Religion und Ideologie" den Missbrauch der Religion zu ideologischen Zwecken.

Alle Ansätze beschreiben ein Phänomen, dessen durchaus vielfältige Positionen und Erscheinungsformen in der öffentlichen Diskussion mit dem Begriff Salafismus in Verbindung gebracht werden. Doch was ist unter Salafismus im eigentlichen Sinne zu verstehen?
Zwei Gruppen demonstrieren gegeneinander. Auf der einen Seite eine Gruppe Menschen gegen die Islamisierung des Abendlandes und auf der anderen Seite eine Gruppe von Menschen gegen die Verwestlichung des Morgenlandes.Eine vernetzte Welt ruft Ängste und Abwehrhaltungen hervor. (© NEL / nelcartoons.de)