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Salafismus – Spielart des Islamismus


23.10.2015
Salafisten befürworten grundsätzlich die Hinwendung zu den Ursprüngen der islamischen Religion. Anhänger einer islamistischen Ausprägung wollen Gesellschaft, Kultur, Staat und Politik in ihrer Gesamtheit nach den von ihnen als islamisch betrachteten Werten und Normen umgestalten.

Die Bezeichnung Salafismus leitet sich vom arabischen Begriff "as-salaf as-salih" (as-salaf aṣ-ṣāliḥ – In Klammern ist die wissenschaftliche Umschrift der arabischen Begriffe angegeben – Anm. d. Verf.) ab, der gemeinhin mit "rechtschaffene Altvordere" übersetzt wird.

Damit sind in der Regel die ersten drei Generationen der Muslime gemeint, ausgehend vom prophetischen Wirken Muhammads ab dem Jahre 610 bis zum Jahre 850. (Anders als im europäischen Kontext, wo eine Generation 30 Jahre umfasst, nimmt man in der islamischen Geschichtsschreibung ein Menschenleben von 80 Jahren als Maß für eine Generation.)

Der Islam und seine GlaubensrichtungenDer Islam und seine Glaubensrichtungen (© picture-alliance/dpa)

Quellentext

Sunniten und Schiiten

Nach dem Tod des Propheten entbrannte eine heftige Diskussion um dessen Nachfolge. Eine Gruppe war der Ansicht, dass die rechtmäßige Nachfolge bei den "rechtgeleiteten Kalifen" lag: Das waren als Erster Abdallāh Abu Bakr (632–634), der Vater von Muhammads Lieblingsfrau Aischa, dann Umar ibn al-Chattāb (634–644), Uthmān ibn Affān (644–656) und Alī ibn Abī Talib (656–661).

Gleichzeitig kristallisierte sich eine andere Gruppe heraus, die der Meinung war, dass Ali, Muhammads Cousin und Schwiegersohn, der erste Nachfolger des Propheten hätte sein sollen. Der Cousin des Propheten wurde von den Anhängern des späteren fünften Kalifen ermordet, weil dieser an die Macht kommen wollte. Die "Partei Alis" (Schī atu Alī) bildet die Gruppe der Schiiten. Sie glauben daran, dass nur ein Blutsverwandter von Muhammad sein Nachfolger bzw. Kalif hätte werden dürfen, und so sehen sie Ali als einzig legitimen Nachfolger an. Nach Alis Tod spalteten sich die Schiiten vom Rest der Muslime ab und ernannten Hassan (Alis ersten Sohn) zum zweiten Imam. Dritter Imam wurde Hussein, der zweite Enkel des Propheten Muhammad. Er starb in der Schlacht von Kerbela als Märtyrer. Daher ist Kerbela (im heutigen Irak) nach Mekka ein weiterer zentraler Pilgerort für Schiiten.

Auch innerhalb der Schia bildeten sich im Laufe der Zeit eigene Rechtsschulen heraus. Eine der bedeutendsten unter ihnen ist die der Dschafariten.

Weitere wichtige schiitische Untergruppen unterscheiden sich dadurch, wie viele und welche Imame sie anerkennen. Die Zaiditen erkennen fünf Imame aus der Nachfolge Alis an. Die Siebenerschia der Ismailiten erkennt sieben Imame an und empfindet die Blutsverwandtschaft zum Propheten als nicht ausschlaggebend. Die Imamiten, die Zwölferschia, erkennen zwölf Imame an. Der zwölfte ist für sie jedoch der "Verborgene Imam", der Mahdi, auf dessen Wiederkehr als Retter der Welt sie warten. Bei allen drei Richtungen sind die ersten drei Imame gleich, nämlich Ali und seine Söhne Hassan und Hussein. Bei den Zwölferschiiten gilt der jeweilige Imam als Nachfolger Alis. Dieser Imam stellt eine hohe Instanz dar und hat zum Beispiel im Iran sogar die politische Macht inne.

Sunniten und Schiiten unterscheiden sich auch grundsätzlich darin, welche der vielen im Laufe der Zeit entstandenen Hadithsammlungen für sie maßgebend sind. Für sunnitische Muslime haben sich sechs kanonische Hadithsammlungen etabliert (kutub as-sitta), und zwar die von: al-Buchārī, Muslim, Ibn Mādscha, Abū Dāuūd, at-Tirmidhī und an Nasāī.

Schiitische Muslime verwenden, um die wichtigsten oder authentischsten Aussagen des Propheten zu finden, vor allem vier kanonische Hadithsammlungen (kutub al-araba), und zwar die von al-Kulaynī, Ibn Bābawayh al-Qummī as-Sadūq sowie zwei Sammlungen von Abū Dschafar at-Tūsī.

Der Islam. Für Kinder und Erwachsene, erklärt von Lamya Kaddor und Rabeya Müller, Verlag C. H. Beck, München 2012, S. 77 f.


Im heutigen Verständnis ist ein Salafist zunächst jemand, der nur den Koran, die Prophetentradition und den Glauben sowie die Lebensweise der Altvorderen als Quellen eines authentischen Islam anerkennt. Diese sehr allgemeine Definition von Salafismus muss zunächst noch keine Beunruhigung auslösen. Denn in den Augen vieler gläubiger Muslime ist die Hinwendung zu den Quellen der Religion erstrebenswert.

Doch kennzeichnend für viele Salafisten ist die Wendung in den öffentlichen Raum hinein und die Absicht, die Gesellschaft insgesamt zu einer frommen Gesellschaft zu bekehren. So betrachtet ist der Salafismus in seiner Erscheinung als einerseits zurückgezogene, anderseits durchaus missionierende Frömmigkeitsbewegung in Teilen vergleichbar mit puristischen Strömungen im Christentum.

Die Wendung in den öffentlichen Raum kann allerdings eine ideologisierte und politisierte Lesart von Religion nach sich ziehen, nach der es gilt, eine angeblich von Gott vorgegebene verbindliche, unantastbare und unabänderliche Ordnung des menschlichen Lebens in allen Bereichen von Staat, Recht und Gesellschaft umzusetzen. Statt Volkssouveränität gelte es, die "Souveränität Gottes" ins Werk zu setzen. Dies führt zu einer starken Ablehnung "menschengemachter Gesetze", wie sie von Parlamenten verabschiedet werden. In ihrer radikalen letzten Konsequenz entstanden so salafistische Subkulturen, die eine Ablehnung demokratischer Werte bis hin zu einer Legitimierung des bewaffneten Kampfes in das Zentrum ihres Handelns und Denkens stellen. Fast alle Salafisten eint die gleiche Auswahl an Doktrinen, über deren richtige Anwendung jedoch heftig gestritten wird. So gibt es auch viele Salafisten, die den Dschihadismus (arab. ğihād, Anstrengung, Kampf, Bemühung, Einsatz), im Sinne einer individuellen Verpflichtung zum Kampf (zumeist zur Durchsetzung eigener Positionen), ablehnen.

Was wir heute Salafismus nennen, hat frühe Ursprünge bei islamisch puritanischen Bewegungen des 17. und 18. Jahrhunderts. Doch wird seine aktuelle Erscheinungsform vor allem durch spätere islamistische Bewegungen des 20. Jahrhunderts geprägt. Zeitgenössischer Salafismus ist demnach nicht, wie von ihm selbst behauptet, "der wahre Islam", sondern eben nur eine Projektion, eine Lesart aus der Neuzeit. Daran ändert sich auch nichts durch seine Bezugnahme auf einzelne Gelehrte wie beispielsweise Ahmad ibn Hanbal (Aḥmad ibn Ḥanbal, 750–855) oder Ibn Taymiyya (Aḥmad ibn Taymiyya, 1263–1328). Der verengten Sichtweise des Salafismus steht die 1400-jährige Geschichte des Islam gegenüber mit ihrer Offenheit für Auslegung und Vielfalt sowie mit ihrer fundierten und differenzierten Methodik der klassischen Gelehrsamkeit.

Quellentext

Kategorien des Salafismus

Auf den US-Politikwissenschaftler Quintan Wiktorowicz geht eine dreiteilige Kategorisierung des Salafismus zurück, die in der Wissenschaft weitgehend akzeptiert ist. Demnach unterscheiden sich Salafisten nicht so sehr in ihren Glaubensdoktrinen (aqida), die fest verankert sind, als vielmehr in der Methode (manhaj), die festlegt, wie Glaubensgrundsätze auf verschiedene Bereiche des Lebens und im Umgang mit der Gesellschaft angewendet werden sollen. Demnach gibt es:
  1. "Puristen": Sie betonen die nicht-gewalttätigen Methoden der Verkündung, Purifizierung und Erziehung.

  2. "Politische Salafisten": Sie heben die Anwendung salafistischer Glaubensgrundsätze für die Politik hervor.

  3. "Dschihadisten": Sie nehmen eine militantere Position ein und argumentieren, dass die gegebenen Umstände Gewalt und Revolution erfordern.

Die Sicherheitsbehörden folgen, trotz vieler Überschneidungen, dieser Dreiteilung. Die Gruppe der "politischen Salafisten" und der "Dschihadisten" stehen unter Beobachtung von Polizei und Verfassungsschutz.


Islamismus



Salafismus ist eine Spielart innerhalb des Islamismus, einer politischen Ideologie, die den Islam als Legitimationsquelle nutzt. Der Islamwissenschaftler Tilman Seidensticker (Islamismus, München 2014, S.9) definiert Islamismus folgendermaßen: "Beim Islamismus handelt es sich um Bestrebungen zur Umgestaltung von Gesellschaft, Kultur, Staat oder Politik anhand von Werten und Normen, die als islamisch angesehen werden." Zu diesen Bestrebungen gehört die Distanzierung von Teilen der eigenen religiös-politischen Geschichte. Denn die gewachsene und zur Vielfalt neigende religiöse Tradition hat nach islamistischer Sicht die islamische Welt in die Misere der Gegenwart geführt, in der sie von der westlichen Welt und ihren Werten bedrängt und dominiert wird.

Um dieser Misere abzuhelfen, wollen Islamisten die "Souveränität Gottes" ins Werk setzen. Die Religion wird verabsolutiert und soll das individuelle, gesellschaftliche und staatliche Leben durchdringen. Doch hier entsteht ein entscheidendes Dilemma: Wer interpretiert und entscheidet, was göttliche Intention ist? Weder im Koran noch in den Überlieferungen des Propheten (oder seitens der zwölf Imame der Schiiten) finden sich Hinweise zur konkreten Art der Herrschaftsausübung. Innerhalb der gewachsenen islamischen Theologie gibt es zwar ausdifferenzierte Methodenschulen (madhab, Pl. madahib, i. d. R. mit "Rechtsschule" wiedergegeben), der Salafismus lehnt die traditionelle Anlehnung an diese Methodenschulen jedoch ab. Gerade für Jugendliche scheint heute die vereinfachte, reduktionistische theologische Lehre, wie sie in salafistischen Kreisen vielfach vertreten wird, reizvoll. Denn sie verspricht vermeintliche Klarheit, Orientierung und Heil und setzt sich selbst in das Licht der absoluten Wahrheit.

Quellentext

Sunnitische Rechtsschulen

Durch die schnelle Ausbreitung des Islams ergaben sich immer neue Fragen, nicht nur nach Glaubensinhalten, sondern auch in der Gestaltung des Alltags und der Rechtsprechung. Im Laufe der Zeit bildeten sich hierdurch Rechtsschulen heraus: An ganz unterschiedlichen Orten entstanden Gruppierungen, die bei der Ausarbeitung des Rechtssystems das islamische Recht unterschiedlich auslegten. […]

Vier Rechtsschulen erlangten die größte Verbreitung, sie gehören alle zur sunnitischen Strömung des Islams. […]

Die hanafitische Rechtsschule

Abū Hanīfa, eigentlich an-Numān ibn Thābit [697–767] […] war der Erste, der die rechtswissenschaftliche Theorie systematisierte. Er […] ließ neben dem Koran nur eine geringe Zahl von Hadithen zu, und zwar die, die zweifelsfrei auf Muhammad selbst zurückgehen. Die hanafitische Rechtsschule ist vor allem in der Türkei, Syrien, dem Libanon, Jordanien, Afghanistan, Pakistan und Indien vertreten.

Die malikitische Rechtsschule

Malik ibn Anas [715–795] […] wird der zweiten Generation der Prophetengefährten zugeordnet. Zum Verfassen normativer Texte waren für ihn vorwiegend sein eigenes Urteil und vor allem der Verstand maßgeblich. Er verfasste das älteste islamische Rechtsbuch, "al-Muwatta". Die malikitische Rechtsschule ist vorwiegend in Nordafrika verbreitet […].

Die schafiitische Rechtsschule

Muhammad asch-Schāfī [767–820] […] gilt als einer der bedeutendsten Theoretiker des islamischen Rechts. Asch-Sch´fī bemühte sich, zwischen Konservativen und Liberalen einen eigenen Weg der Rechtsfindung zu entwickeln. Die schafiitische Rechtsschule findet sich heute vorwiegend in Ägypten, Jordanien und Indonesien.

Die hanbalitische Rechtsschule

Ahmad ibn Hanbal [780–855] […] sprach sich gegen die eigenständige Lehrmeinung (r) aus. Er ließ auch den Analogieschluss (qiyās) nur beschränkt zu, der die aus Koran und Hadithen abgeleiteten Rechtsvorschriften auf neue, noch nicht gelöste Fälle überträgt. Heute ist die strenge hanbalitische Rechtsschule vor allem in Saudi-Arabien und in einigen Staaten am Persischen Golf zu finden.

Der Islam. Für Kinder und Erwachsene, erklärt von Lamya Kaddor und Rabeya Müller, Verlag C. H. Beck, München 2012, S. 60 f.


Quellentext

Was ist ein Hadith?

In den rund zweiundzwanzig Jahren, in denen Muhammad Gottes Botschaften an die Menschen weitergab, hat er sich vielfach zu seinen Offenbarungen und zu den unterschiedlichsten Ereignissen geäußert. Er sprach Empfehlungen, Verbote und Gebote aus oder erläuterte die göttlichen Botschaften. Diese "Aussprüche" oder "Überlieferungen" Muhammads nennt man Hadithe.

Die Gesamtheit der Überlieferungen wird als "Sunna" bezeichnet, auch dies ist ein arabisches Wort, das mit "Gewohnheit" oder "Tradition" übersetzt werden kann. Mit "Sunna" bezeichnet man aber nicht nur Aussagen des Gesandten, sondern auch seine Anweisungen, nachahmenswerte Handlungen, Billigungen von Handlungen Dritter, Empfehlungen und vor allen Dingen Verbote und religiös-moralische Warnungen, die im Koran nicht enthalten sind.

Die Hadithe wurden von unterschiedlichsten Menschen gehört, gesammelt und aufgeschrieben. Alle Sammler waren davon überzeugt, dass alle ihre aufgezeichneten Hadithe direkt von Muhammad stammten. Aber zunehmend entstanden auch Hadithsammlungen, bei denen man sich nicht mehr sicher war, ob Muhammad diese Aussagen wirklich so formuliert oder überhaupt gemacht hatte. Aus diesem Grund begannen Gelehrte damit, jeden einzelnen Hadith auf seine Zuverlässigkeit zu überprüfen. Daraus entwickelte sich die Hadithwissenschaft (ilm al-hadīth).

Der Aufbau eines Hadith

Ein Hadith hat immer zwei Teile: die Überliefererkette (isnād) und den Überlieferungstext (matn). Der erste Teil besteht aus der Nennung vieler einzelner Personen, wobei die Person, die Muhammads Aussage tatsächlich persönlich hörte, am Ende der Kette steht. So folgt die Überliefererkette immer dem gleichen Aufbau: "Person A überliefert über Person B, die wiederum über Person C überlieferte, die wiederum über Person D überlieferte usw., dass er den Propheten – Gott segne ihn und spende ihm Heil – hörte, als er sagte: …" Und dann folgt der zweite Teil, also das, was der Prophet tatsächlich gesagt hat. […]

Die Personen, die berichten, nennt man "Gewährsleute", wobei man zwischen denen unterscheidet, die den Propheten selbst gehört oder gesehen und etwas davon überliefert haben (sahābī, Pl. ashāb), und denen, die einen sahābī trafen und etwas von ihm überliefert haben (tābi'ī, Pl. tābi'ūn).

[…] Die Hadithwissenschaft geht in erster LInie der Frage nach, ob Muhammad dieses oder jenes wirklich gesagt haben kann. Um dies herauszufinden, überprüfen die Gelehrten unter anderem, ob die Überliefererkette lückenlos und die eigentliche Aussage echt sind. Dabei versucht man, vor allem folgende Fragen zu lösen:

Zur Überliefererkette: Können sich wirklich alle Gewährsleute gekannt haben? Lebten sie überhaupt zur gleichen Zeit? Können sie den Propheten getroffen und gehört haben? Wie zuverlässig sind diese Personen? Verlässliche Informationen geben noch heute die "Bücher über die Gewährsleute" (kutub ar-ridscha¯l), die ausführliche Biographien über die einzelnen Personen enthalten.

Zu den Hadithtexten: Stimmt der Wortlaut von verschiedenen Hadithen überein? Wenn nicht, warum nicht? Wer hat diese Hadithe so zitiert? Stimmen die Inhalte der Hadithe mit den Aussagen im Koran überein, oder gibt es einen Widerspruch? […]

Doch warum sind Hadithe für Muslime so wichtig? Die Hadithe erklären Koranverse, die sonst für viele Menschen unverständlich sind. Sie erklären vor allem, wie Muhammad vor 1400 Jahren zu bestimmten Dingen stand und wie er sie bewertete. Die Sunna des Propheten ist für Muslime nach dem Koran die zweitwichtigste Quelle für ihr tägliches Leben. […]

Der Islam. Für Kinder und Erwachsene, erklärt von Lamya Kaddor und Rabeya Müller, Verlag C. H. Beck, München 2012, S. 74 ff.


Die Entwicklung zur Vereinfachung und Verabsolutierung ist nicht nur im Kontext des Islam zu beobachten. In der Gegenwart ist weltweit ein Trend feststellbar, nach dem sich Religiosität von den traditionell herrschenden Praktiken löst und sich in neuen fundamentalistischen und charismatischen Formen äußert. Die Suche nach der "reinen Religion" betrifft dabei alle Weltreligionen, nicht nur den Islam. Vergleichbare "fundamentalistische" oder charismatische Strömungen wurden im Judentum, im Christentum und im Hinduismus festgestellt. Dabei ähneln sich, so Seidensticker, die inhaltlichen Elemente: überzeitliche Heilsgewissheit für die Anhänger der eigenen Religion, ein Gut-Böse-Dualismus, angeblich buchstabengläubige Bindung an einen Schriftkanon und totalitäre Visionen in Anlehnung an eine idealisierte Urgesellschaft.

Dieser vergleichende "Fundamentalismus"-Ansatz verdeutlicht, dass eine Religion zwar oftmals zur Legitimation radikaler Einstellungen und Handlungen herangezogen wird, aber nicht ursächlich dafür verantwortlich sein muss. In Bezug auf den Islam hat sich in den vergangenen 15 Jahren innerhalb der wissenschaftlichen Publizistik jedoch nicht der Terminus "islamischer Fundamentalismus" sondern der Begriff "Islamismus" durchgesetzt. Denn der Terminus "Fundamentalismus" wurde ursprünglich für konservative protestantische Kreise in den USA nach dem Ersten Weltkrieg geprägt, die eine strikte Orientierung am Wortlaut der Bibel, vor allem auch in Bezug auf die Schöpfungsgeschichte forderten. Kennzeichnend für heutige Salafisten ist jedoch, dass sie erkennbar aus den religiösen Quellen auswählen, also nur eine Teilrezeption betreiben. Das Befolgen des Buchstabensinns wird nicht konsequent eingehalten. Außerdem weisen der Salafismus mit seiner Hinwendung in den öffentlichen Raum und allgemein der Islamismus mit seiner offenen politischen Agenda über eine bloße Anti-Modernisierungs-Ideologie hinaus.

Für einen großen Teil der Muslime ist der Terminus "Islamismus" umstritten. Denn viele Nichtmuslime würden oder könnten ihrem Eindruck nach nicht zwischen Islam und Islamismus unterscheiden. Der Begriff zeige zu wenig Trennschärfe und lege nahe, dass allein im Islam die Ursache für Extremismus zu suchen sei. Im Ergebnisprotokoll "Gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern – Polarisierung verhindern" der Deutschen Islam-Konferenz aus dem Jahre 2013 wurde auf Vorschlag der Islamischen Verbände und muslimischer Einzelpersonen der Terminus mit dem Zusatz "religiös begründeter Extremismus unter Muslimen" konkretisiert. Die Diskussion ist bereits im Zwischenbericht der Arbeitsgruppe "Präventionsarbeit mit Jugendlichen", März 2011, dokumentiert (www.deutsche-islam-konferenz.de).