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Geschichte einer Radikalisierung


23.10.2015
Der heutige Salafismus hat frühe Ursprünge in islamisch-puritanischen Bewegungen des 17. und 18. Jahrhunderts, doch seine aktuelle Erscheinungsform ist vor allem durch islamistische Bewegungen des 20. Jahrhunderts geprägt.

Salafismus in seinen unterschiedlichen Ausprägungen hat mehr mit der Moderne und deren Umformungsprozessen als mit islamischer Tradition zu tun. Um dies zu verstehen, ist es notwendig, die historischen Entwicklungen in gegebener Kürze darzustellen. Hierzu gehören sogenannte islamisch-puritanische Bewegungen des 17. Jahrhunderts sowie die Entstehung des Wahhabismus im 18. Jahrhundert, der als "modernistisch" benannte Reformsalafismus um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und islamistische Ideologien, die ab den 1920er- Jahren zu konstatieren sind.

Purismus und Wahhabismus

Wahabismus, KämpferDer Wahhabismus entsteht im 18.Jahrhundert als strenge Glaubensauslegung des Islam und ist bis heute Staatsreligion des saudischen Königshauses, das in den 1920er-Jahren weite Gebiete Zentralarabiens erobert. (© picture-alliance, CPA Media)

Im 17. Jahrhundert strebte innerhalb des Osmanischen Reiches eine nicht ganz unbedeutende puristische Reformbewegung nach Reinheit im Glauben. Die Qadizadeli-Bewegung bestand aus Predigern, die sich gegen die Amoralität ihrer Zeit wandten. Unmoralisch war in ihren Augen der Genuss von Kaffee, Tabak, Wein sowie Singen, Tanzen und Musik. Den Besuch von Heiligengräbern und deren Verehrung verurteilten sie, weil die Heiligen damit unerlaubterweise in die Nähe Gottes gerückt würden. Auch gab es Konfliktpunkte mit Strömungen der islamischen Mystik, des Sufismus, der damals dominanten religiösen Tradition. Dagegen setzte die puristische Erneuerungsbewegung die Wiederbelebung der Prophetenüberlieferungen, der Hadithkunde (hadīt).

All diese Einstellungen, außer vielleicht die Ablehnung des Kaffeegenusses, charakterisieren noch heute neben anderen Komponenten die aktuelle Salafistenszene. Die Hinwendung zum Hadith, zur Prophetenüberlieferung, war und ist eine Möglichkeit, sich gegen die etablierten islamischen Methodenschulen zu stellen. Denn der große Fundus klassischer Hadithsammlungen bietet dem Betrachter Interpretationsspielräume, die dieser ganz im Sinne seiner Absichten ausschöpfen kann, je nachdem, welche Überlieferung er auswählt und in welchen Kontext er sie stellt. Zusätzlich kommt die Schwierigkeit hinzu, dass die Authentizität der Überlieferungen verschieden beurteilt wird.

Die Wissenschaft hat solche "Reformbewegungen" wie die Qadizadeli-Bewegung mit zunehmenden, sich ausdifferenzierenden wechselseitigen Abhängigkeiten innerhalb der muslimischen Welt erklärt oder die steigende Verflechtung mit der europäischen Welt zur Begründung herangezogen. Andererseits lassen sich Ausbrüche von moralistischem Aktivismus, wie sie im 10. und 11. Jahrhundert einen ersten Höhepunkt hatten, im Laufe der Geschichte immer wieder beobachten.

Der Begründer des Wahhabismus, Ibn Abd al-Wahhab (Muhammad ibn Abd al-Wahhab, 1702–1792), stand in dieser Tradition des moralistischen Aktivismus. Er orientierte sich an Ahmad ibn Hanbal (Aḥmad ibn Ḥanbal, 780–855), dem Begründer der hanbalitischen Schule, der kleinsten der Methodenschulen. Diese bestand auf die Wörtlichkeit des Korans, lehnte koranische Metaphern ab und unterschied sich in ihrer theologisch-dogmatischen Geisteshaltung von den anderen drei sunnitischen und den schiitischen Rechtsschulen. Diese Elemente wurden Jahrhunderte später Grundlage des Wahhabismus und salafistischer Konstruktionen.

Der Wahhabismus entstand auf der arabischen Halbinsel, im Norden des heutigen Saudi-Arabien. Die Verbundenheit mit dem dortigen Königshaus Saud gehört seit dem 18. Jahrhundert bis heute zu den Wesensmerkmalen des Wahhabismus. Während "Wahhabit" bereits kurz nach Gründung des ersten saudischen Staates im Jahre 1744 von den Gegnern dieser religiösen Neuinterpretation als Schmähbegriff geprägt wurde, bezeichneten sich die Anhänger dieser strenggläubigen Richtung selbst lieber als "Einheitsbekenner" (ahl at-tauhīd). Keinesfalls wollten sie nach einer religiösen Autorität benannt werden, da doch gerade sie nach ihrem Eigenverständnis keine individuelle Auslegung, sondern den einen richtigen, reinen Glauben vertraten.

Muhammad Ibn Abd al-Wahhab entwickelte eine Lehre, deren Kern die rigide Anwendung von Rechtsvorschriften und eine extreme Definition des Monotheismus war. Demzufolge wurde ein großer Teil seiner muslimischen Zeitgenossen in seinen Augen zu Ungläubigen, da sie Praktiken anhingen, die mit seinem Verständnis von Monotheismus unvereinbar waren. Ibn Abd al-Wahhab bekämpfte einen vermeintlichen Heiligen- und Gräberkult im Volksislam, den Sufismus (mystischer Islam) und die Schiiten. All diesen Glaubensrichtungen und ihren Anhängern unterstellte er Vielgötterei, da sie durch ihre Praktiken Gott etwas beigesellen würden. Der wahre Monotheist müsse den Kontakt mit ihnen vermeiden und sich aktiv gegen sie einsetzen, da er sonst auf eine Stufe mit diesen Ungläubigen rücke.

Das von Muhammad Ibn Abd al-Wahhab verfasste "Buch des Monotheismus" genießt unter Salafisten bis heute Ansehen und ist in deutscher Übersetzung seit 2008 im Internet abrufbar. Die rigide Dogmatik al-Wahhabs wurde vom Königshaus Saud zur Staatsreligion erhoben. Es sieht sich bis heute nicht nur als Hüter der Kaaba, der Pilgerstätte in Mekka, an, sondern als Statthalter des Islam allgemein.

Die wahhabitische Auslegung bedeutete einen Bruch mit dem Konsens sämtlicher sunnitischer Rechtsschulen. Der Salafismus der Gegenwart teilt mit dem Wahhabismus das enge Monotheismusverständnis und die damit einhergehende Abneigung gegen Sufis (islamische Mystiker), Schiiten und Nichtmuslime. Auch die strenge dogmatische Ausrichtung und deren Herleitung verbinden ihn mit dem Wahhabismus. Aber die heutigen Salafisten lehnen nicht nur die Tradition sämtlicher sunnitischer Rechtsschulen ab, sondern sie lösen sich auch von der in Saudi-Arabien verbindlichen Orientierung an der hanbalitischen Schule. Häufig kündigen sie ihre Loyalität gegenüber der saudischen Monarchie stillschweigend oder sogar ausdrücklich auf. Somit hat der Salafismus die Ideen Abd al-Wahhabs konsequent zu Ende gedacht.

Modernistischer Reformsalafismus



Ein weiterer historischer Entwicklungsstrang, der zum heutigen Salafismus hinführt, ist eine reformistische Strömung, die um die Wende zum 20. Jahrhundert entstand. Ihr direkter Einfluss auf die heutigen Salafisten ist zwar weitaus geringer als der des Wahhabismus, doch können einzelne Vertreter dieser modernistischen Reformströmung, die in der islamwissenschaftlichen Literatur auch als klassischer Salafismus bezeichnet wird, durchaus als allgemein prägende Vordenker angesehen werden. Sie hatten erlebt, wie sich die europäischen Mächte Kolonien und somit wirtschaftlichen und politischen Einfluss im Orient verschafften und diesen als schwach und rückständig erscheinen ließen. Dies veranlasste einige Denker, obwohl sie den Errungenschaften der Moderne, vor allem den technischen, durchaus aufgeschlossen gegenüber standen, dennoch eine Rückbesinnung auf den Koran und auf die Zeit der ersten Muslime zu fordern, da ihrer Ansicht nach die Vernachlässigung der Religion zum Niedergang des islamischen Herrschaftsbereiches geführt habe (Dekadenztheorie). Diese Strömung des modernistischen Reformsalafismus war von Indonesien bis zum Maghreb nachweisbar. Aber am sichtbarsten und von besonders nachhaltiger Wirkung war sie in Ägypten.

Einer ihrer wichtigsten Vertreter war der in Kairo lebende panislamische Aktivist al-Afghani (Ğamāl ad-Dīn al-Afğānī, 1838–1897). Durch das Zusammenstehen aller Muslime (Panislamismus) sollte dem Vormarsch der europäischen Mächte Einhalt geboten werden. Al-Afghani befürwortete eine Übernahme der westlichen technischen Bildung für die Muslime. Das tradierte Religionsverständnis der sunnitischen Rechtsschulen ließ er außerhalb seines elitären Schülerzirkels unangetastet.

Sein bedeutendster Schüler Muhammad Abduh (Muḥammad Abduh, 1849–1905) war Modernist und befürwortete auf lange Sicht die Übernahme eines parlamentarischen Systems. Andererseits überwarf er sich mit der Kairoer al-Azhar Universität, einer bedeutenden religiösen Autorität der islamischen Welt, da sie in seinen Augen zu philosophie- und literaturfreundlich und zu wenig religiös ausgerichtet war. Für die Entwicklung des Islamismus ist er vor allem durch seinen Meisterschüler Muhammad Rashid Rida (Muḥammad Rašd ibn Alī Riḍā, 1865–1935) von Bedeutung.

Rashid Rida wollte dem Islam, dessen deutliche Überlegenheit er nachzuweisen suchte, zu neuer Geltung verhelfen. Rida entwarf das Modell eines islamischen Staates. Sein Buch "Das Kalifat oder Groß-Imamat" erschien 1923 kurz vor der Abschaffung des osmanischen Kalifats im Jahre 1924. Für Rida ist das Kalifat durch Konsens, Prophetentradition und klassische politische Theorie verbindlich gefordert. Allerdings könne das Amt aus Mangel an geeigneten Persönlichkeiten nicht besetzt werden. Nur die ersten vier Kalifen nach Muhammads Tod hätten dem geforderten Ideal entsprochen. Stattdessen schlägt Rida vor, Religionsgelehrte als Repräsentanten des Volkes einzusetzen und die Gesetzgebung in die Zuständigkeit von "Entscheidern" zu geben, die maßgeblich auch aus dem Kreise der Religionsgelehrten stammen sollten. Verbindlich sei das Prinzip der Konsultation (šura) zwischen Herrscher und Volk. Klassische Regeln zum Widerstandsrecht gegen Ungerechtigkeit seien zu respektieren.

Auch für die Reformsalafisten ist die Hinwendung zum Hadith, zu den Prophetenüberlieferungen, kennzeichnend. Wie bereits die Puristen des 17. und 18. Jahrhunderts nutzten auch die Reformsalafisten den großen Fundus klassischer Hadithsammlungen, um je nach getroffener Auswahl eigene Kontexte zu legitimieren und sich gegen den etablierten Konsens der Rechtsschulen zu stellen. Kein Vertreter des Reformsalafismus hatte eine klassische theologische Ausbildung genossen. Sie waren theologische Laien.