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Salafismus in Deutschland


23.10.2015
Lose Netzwerke und Kooperationen kennzeichnen den Salafismus in Deutschland. Weniger sein ideologisches als vielmehr sein soziales Angebot sprechen vor allem junge Männer und Frauen an und radikalisieren sie für den Kampf gegen westliche Lebensstile. In den vergangenen Jahren sind verschiedene Präventionsprojekte entstanden.

Im Bann der Prediger

Verteilaktion des Korans von Salafisten in Frankfurt a.M. im Januar.Mit der "Lies"-Kampagne wollen Salafisten missionieren, jeder Haushalt soll kostenfrei ein Exemplar des Korans erhalten. Verteilaktion in Frankfurt a. M. im Januar. (© picture-alliance/dpa)

"Syrien blutet, meine lieben Geschwister im Islam. Und Syrien versinkt im Blut. Die gesegnete Erde Allahs, die Erde des Iman, die Erde des Glaubens, versinkt im Blut. […] Dieser Kampf, der dort begonnen hat, ist die Vorbereitung für das Ende der Zeit. […] Es ist kein Krieg wie ein anderer Krieg in Libyen oder in Tunesien, es ist keine Revolution wie eine andere. […] Es sind die Vorbereitungen auf den Islam oder gegen den Islam. Für den Sieg von la illaha illa llah (Glaubensbekenntnis: Es gibt keine Gottheit außer Gott) oder für die Schande der umma (Gemeinde) von Muhammad. […] Dort kämpft die gesamte Menschheit und Europa gegen die Muslime."

Dies sind kurze Ausschnitte aus einer rund halbstündigen Rede von Brahim Belkaid, der öffentlich und in Internetbeiträgen als Abu Abdullah bekannt ist. Der jugendlich und durchaus charismatisch wirkende Prediger, der dem radikalen Netzwerk "Die Wahre Religion" (DWR) angehört, sprach im April 2013 auf einer der "Benefizveranstaltungen für Syrien", bei denen um Spendengelder geworben wurde. Wie üblich wurde ein Mitschnitt auf youtube hochgeladen.

Wie auch bei anderen Formen des politischen Extremismus werden bestehende Probleme und Ungerechtigkeiten aufgegriffen, um sie dann in einen eigenen Deutungskomplex zu stellen. Das Leid der Syrer, von denen über drei Millionen das Land verlassen haben, Millionen sich innerhalb des Landes auf der Flucht befinden und von denen rund 200.000 Menschen starben, ist eine Tatsache. Doch nach der Logik vieler Salafisten sind sie nicht Opfer eines gnadenlosen Bürgerkrieges, bei dem immer die Zivilbevölkerung leidet, sondern sie sind Opfer, weil sie Muslime sind.

Im Anschluss schildert Abu Abdullah sehr emotional das Leiden syrischer Frauen, um danach an das schlechte Gewissen der Zuhörer im "bequemen Deutschland", an das Gerechtigkeitsempfinden, die Solidarität, aber auch an die echte Männlichkeit zu appellieren.

Das Netzwerk DWR und die Aussagen seiner Protagonisten weisen inhaltliche Merkmale auf, die sie mit dem MainstreamSalafismus teilen. Typisch ist die Annahme einer bipolaren Welt, in der das Gute, die Wahrheit, der Islam verkörpert, während das Böse der Teufel (Schaitan) ist. Diese bipolare Welt bestehe somit aus Menschen, die der Wahrheit folgen, und Menschen, die die Wahrheit bekämpfen. Dieser Kampf sei bis zum Ende angelegt, wechseln würden nur die Akteure.

"Wir sagen die Wahrheit", sagt zumindest Ibrahim Abou Nagie, der Gründer von DWR und Initiator der Koranverteilaktion "Lies!". Der Anspruch auf absolute Wahrheit, den er damit vertritt, ist ein weiteres wichtiges Merkmal des Salafismus. In einer bipolaren Welt sehen sich Salafisten als Vertreter des Guten, als Kämpfer für Wahrheit und Gerechtigkeit. Sie beteiligen sich an einem Kampf, der bis zum Weltenende dauert (Apokalypse) und nach dessen Ende sie in einer anderen Welt für diesen Einsatz belohnt werden (eschatologisches Heilversprechen) – Vorstellungen, die manche Jugendliche und auch manche Erwachsene anzusprechen scheinen.

Quellentext

Was macht Extremismus attraktiv?

Psychologie heute: Herr Professor Zick, [...] [w]as macht eine radikale islamistische Bewegung für deutsche Jugendliche attraktiv?

Andreas Zick: Es ist nicht primär der Islam als Religion, es geht um den überbordenden Selbstwert, der mit der Religion zusammen versprochen wird. […] Der Islam ist sehr heterogen, und die übergroße Mehrheit will weder den IS noch ein Kalifat. Das Kalifat ist lediglich ein Symbol, das in bestimmten Kreisen gerade äußerst attraktiv ist, ähnlich wie bei den Rechtsextremen die Idee eines national einheitlichen Staates, in dem die deutsche Rasse an erster Stelle steht. Die Frage ist nun, warum die Radikalität attraktiv ist. […] Wir beobachten in Studien, dass sich in Europa junge Muslime mit dem Land, in dem sie leben, durchaus identifizieren, aber zugleich immer wieder erfahren, dass der Islam hier so eine Art B-Kultur ist. Die A-Kultur ist jüdisch-christlich-abendländisch, der Islam wird verdächtigt. Dazu machen die Jugendlichen die Erfahrung, dass sie für alles Negative, was über den Islam berichtet wird, mitverantwortlich gemacht werden. Das öffnet die Tore für die Propaganda jener, die die Jugendlichen mit dem Versprechen eines besseren Lebens ködern möchten.

Psychologie heute: Wie kann das funktionieren?

Zick: Das ist ein ganz komplexer Prozess. Meiner Meinung nach läuft er so ab: Die Propagandamaschinerie des IS spricht junge Muslime an und versorgt sie mit Informationen, die ihnen zeigen sollen, dass sie als minderwertig behandelt werden […]. Dann zeigt man ihnen die Schuldigen: der Westen, dein Land, die anderen Jugendlichen, die Ungläubigen. Auf der nächsten Stufe heißt es dann: Wir bieten dir einen Ausweg, eine Hoffnung. Und nicht nur das, wir bieten dir Stärke, Macht, eine Gemeinschaft. Und wenn du die haben willst, das wäre die letzte Stufe, musst du alles hinter dir lassen und zu uns kommen. Das ist bei allen extremistischen Gruppen so, bei Rockergangs wie bei der Mafia: Zuerst drückt man das Selbstwertgefühl, dann bläst man es über die Maßen auf. […]

Psychologie heute: Was sind das für Jugendliche, die sich dem IS anschließen?

Zick: Auch wenn wir dazu noch mehr Forschung benötigen, zeichnet sich doch ab: Man muss die, die wirklich losziehen und töten, von denen unterscheiden, die sich dem Ganzen "nur" ideologisch anschließen. Einige sind auf Terror und Mord aus, die haben oft, wenn sie in Europa aufgewachsen sind, Spuren von psychischen Störungen oder auch Beziehungsprobleme. Die meisten Sympathisanten haben hingegen eine relativ normale Biografie, viele haben jedoch individuelle Kränkungen erlebt. [...]

Psychologie heute: Fehlt den Jugendlichen religiöse Bildung?

Zick: Ja, zumeist wissen sie fast nichts über ihre Religion und haben der radikalen Propaganda nichts entgegenzusetzen. […] Sie interessieren sich für Religion, den Sinn des Lebens, die Bedeutung von Werten und Normen, sie sind auf der Suche nach einer sozialen Identität, die sie einbindet. Von den radikalen Gruppen bekommen sie Antworten – in Form einer gut organisierten Propaganda. [...]

Psychologie heute: Heißt das, die Gesellschaft macht den Jugendlichen keine überzeugenden Sinnangebote?

Zick: Jugendliche stellen Sinnfragen, und die Gesellschaft muss ihnen Identitätsangebote machen. Angebote, keine Vorschriften. […] Das Allerwichtigste, was ein Kind in unserem Land tun soll, ist, sich im Bildungswettbewerb durchzusetzen. Jeden Morgen aufstehen nach dem Motto: Mach deinen Weg und mach ihn allein. Und wir reden über Jugend, als sei sie vor allem ein Problem. Viele Jugendliche nehmen sich als überflüssig wahr, weil es für sie keine Arbeit gibt. In ihrer Lebenswirklichkeit öffnen sich keine Freiräume. […] Das ist ein globales Jugendproblem […]. Und das macht extreme Gruppen interessant, die es schaffen, drei zentrale Identitätssphären anzubieten: deine Gruppe, deine Religion, deine begrenzte Welt. In solchen Konstellationen wachsen Extremisten heran.

Psychologie heute: Was lockt die Jugendlichen […]?

Zick: […] [E]s gibt offenbar einen Geschlechterunterschied. Für junge Frauen ist das sehr konservative Familienbild attraktiv, sie sehen im radikalen Islam eine Möglichkeit, Familienorientierung zu realisieren. [...] Bei den Männern geht es um Dominanzideologien. Männer haben dort eine klare Rolle, das ist für manche sehr attraktiv. [...]

Was den Extremismus so attraktiv macht, ist, dass er eigentlich alles bietet. […] Da kämpfen Diebe, Verbrecher, Menschen, die massiv gegen islamisches Recht verstoßen, für den IS. Das sind zum Teil Psychopathen, die gegen jede Form von Zivilisation und Regeln angehen. Das ist aber gar kein Problem, solange sie für die gerechte Sache kämpfen. [...] Und es geht natürlich um Land und um Geld. Terrorbewegungen haben auch ein ökonomisches Motiv. Da bereichern sich Menschen und nehmen dafür das Töten in Kauf.

Psychologie heute: Man kann sich kaum vorstellen, dass europäische Jugendliche gute Wüstenkrieger abgeben. Wozu werden sie gebraucht?

Zick: Die europäischen Kämpfer sind nicht als Soldaten wichtig, sondern für die Propagandamaschine, weil sie andere nachziehen und weil sie europäische Sprachen beherrschen, daher werden sie auch eher geschont. Sie sind oft viel stärker ideologisiert als die einheimischen Kämpfer. Viele bekommen auch die Anweisung, in ihrem Land zu bleiben. Die sollen hier für Unruhe sorgen.

Psychologie heute: Was berichten die Rückkehrer?

Zick: An die kommen wir als Forscher nicht leicht heran, für die interessiert sich zuerst der Staats- und Verfassungsschutz, und das ist auch richtig so. Es gibt Rückkehrer, die haben den Auftrag mitbekommen, hier weiterzumachen und eine Gemeinschaft zu bilden. Dann haben wir die, die aussteigen wollen, die brauchen eine komplett neue Identität. Und bald wird es Rückkehrer geben, die stark traumatisiert aus dem Krieg kommen. Das wird eine große Herausforderung. [...]

Der Sozialpsychologe Andreas Zick ist Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld und Professor für Sozialisation und Konfliktforschung an der dortigen Fakultät für Erziehungswissenschaft.

"Radikalisierung ist auch ein Bildungsprozess". Interview von Manuela Lenzen mit Andreas Zick, in: Psychologie heute 02/2015, S. 13 ff.


Verstärkt wird die Botschaft durch das Konzept der Fremdheit: Ghuraba (g˙uraba ). Ghuraba wird in der klassischen arabischen Poesie nicht als Merkmal der Herkunft sondern als ein Gefühl beschrieben. Man solle auf dieser Welt wie ein Fremder wandeln, denn im Vergänglichen liege nicht das Glück. Die Uneindeutigkeit des Begriffs nutzen Salafisten, um ihn im Sinne ihrer Ideologie zu interpretieren: Sie seien die auserwählte Gemeinschaft, die auf der Welt fremd ist, als fremd angefeindet wird, die aber als Einzige dem Propheten nahe stehe. Viele Videos werden durch ein nashid (našīd, Plural Anašīd) begleitet. Diese Vokalgesänge mit religiösem Kontext gelten, da sie sich keiner Musikinstrumente bedienen, als religiös erlaubt und sollen eine emotionale Sehnsucht wecken.

Solchermaßen Angesprochene, etwa Jugendliche, die noch nicht in ihrer Persönlichkeit gefestigt sind, können im Salafismus ihre Wunschvorstellung einer intakten, heroischen, auserwählten und gerechten Gemeinschaft verwirklicht sehen. Einen ersten Zugang bieten spezielle Webseiten, die leicht über ein, zwei Klicks im Internet zu erreichen sind. Ist das Interesse geweckt, kann der aktive Einstieg im realen Leben durch Anwerber und innerhalb von Peer-Gruppen stattfinden. Das Internet spielt dann eine wichtige Rolle bei der weiteren Radikalisierung.

Erste deutschsprachige Webseiten wurden bereits 2001 gegründet. Bis zu den Jahren 2013/2014 und noch danach waren bei der Eingabe des Suchbegriffes "Islam" auf Google fünf der ersten zehn gefundenen deutschen Internetseiten salafistischen Inhalts oder von salafistischen Gruppen betrieben. So konnte sich das anfangs noch kleine Netzwerk der Salafisten schon früh als eine Art Massenbewegung präsentieren, obwohl hinter vielen verschiedenen Seiten die selben Betreiber standen.

Mission



Die "Einladung zum Islam" (da wa) ist zentraler Bestandteil salafistischen Denkens. Das Internet dient zunächst als Einstieg, vertieft wird die Missionstätigkeit aber durch sogenannte Islamseminare, die jeweils einen Abend oder auch ein Wochenende lang dauern können. Während etablierte islamische Vereine in Deutschland unter dawa verstehen, durch Informationen Vorurteile über den Islam abzubauen oder die Jugendarbeit zu verbessern, mahnen die salafistischen Prediger vor allem Jugendliche mit sogenannten Migrationshintergrund, sich an vermeintlich islamkonformen und Integration ablehnenden Glaubens- und Verhaltensmustern zu orientieren.

Quellentext

Die Kunstgriffe der Propaganda

[…] Der Pop und der Dschihad – schon das Zusammenstellen dieser beiden Begriffe mag zunächst Unwohlsein erzeugen. […] So offenkundig die Verbindung zwischen Spielarten des Hip-Hop, etwa dem Gangsta-Rap, und dem Dschihadismus ist, so wenig kann der Pop natürlich für die Entstehung von Islamismus oder Dschihadismus verantwortlich gemacht werden. Die Idee, dass ein junger Mann in den Krieg zieht, weil er von einem Hip-Hop-Text oder einem Hip-Hop-Beat dazu aufgewiegelt wurde, ist schlicht abwegig. […] Und doch besteht zwischen beiden, Pop und Dschihad, eine starke ästhetische Spannung.

Die offenkundigsten Gemeinsamkeiten zwischen dem Typus des Hip-Hoppers und des Dschihad-Kämpfers liegen in Gesten, Umgangsformen, Körperhaltungen, in der Verkörperung von neotraditioneller Männlichkeit. Beide propagieren dasselbe Ideal von körperlicher Kraft und Gestähltheit, den Kult von Härte, "Toughness" und Überlegenheit. Ästhetische Gemeinsamkeiten gehen bis in die Details der Garderobe und der Accessoires: Beide, IS-Kämpfer wie Gangsta-Rapper, tragen die gleichen Uhren, die gleichen Ray-Ban-Sonnenbrillen, die gleichen schusssicheren Westen mit Camouflage-Muster. Die Jeeps, die in Hip-Hop-Videos und den Rekrutierungsvideos des IS als Statussymbole und als Insignien der technischen Aufrüstung und Unverwundbarkeit vorgeführt werden, sind die gleichen. […] Beide, der IS-Kämpfer wie der Hip-Hopper, legen es in ihrer Selbstinszenierung darauf an, gefühllos, kalt, gnadenlos zu erscheinen. Wirklich interessant wird es, wenn man die Lust am Posieren vergleicht: IS-Kämpfer und Gangsta-Rapper halten auf Fotos gerne Schusswaffen in die Kamera. Das Erkennungszeichen des "Islamischen Staates" ist der ausgestreckte rechte Zeigefinger. Wenn IS-Kämpfer in Gruppen zusammenstehen und links die Kalaschnikow und rechts den Zeigefinger hochhalten, dann soll das betont beiläufig und lässig aussehen – diese Art von Posing ist der reine Hip-Hop. […]

Was im Hip-Hop als inszenierter Tabubruch und coole Pose funktioniert, vollzieht sich im Dschihad als denkbar radikalster Schritt in aller Wirklichkeit: raus aus der Gesellschaft, rein in den Krieg.

[…] Bleibt man in der Logik des Pop, hat sich die Attraktivität einer Jugendkultur stets danach gerichtet, wie sehr sie die Ablehnung und das Unverständnis der Elterngeneration in sich bündeln kann. Der Dschihad als denkbar größte Provokation, als größte Herausforderung für die westliche Gesellschaft […]. Der Dschihad als fehlgeleitete Jugendkultur. […]

Die Propagandisten des "Islamischen Staates" haben einiges dafür getan, dass dem Jugendlichen oder jungen Mann, der in Europa an seinem Computer sitzt, der Krieg in Syrien nicht als endzeitiger Zivilisationsbruch, sondern als cooles und romantisches Pop-Abenteuer erscheinen kann. Die Rekrutierungsvideos der Terrormiliz des IS […] sind, was Bildsprache, Schnitttechnik und Sound angeht, in jeder Hinsicht State of the Art: explodierende Feuerbälle, Jeep-Konvois, die den Horizont kreuzen, im Wind flatternde schwarze Fahnen, gemeinsames Beten in voller Waffenmontur. Wie im Pop wird mit einer Romantisierung von Gangtum, von brotherhood und Abenteuer unter Männern gespielt. Da reitet ein langhaariger Dschihadist mit über die Schulter gehängtem Sturmgewehr auf einem Araberhengst – sieht supercool aus. […] Natürlich, die Aura des Pop fällt jäh in sich zusammen, wenn der Krieg als das Verbrechen vorgeführt wird, das er ist. In seinen letzten Einstellungen zeigt der Rekrutierungsfilm des IS die Exekution von im Wüstensand knienden Assad-Kämpfern. Diese Bilder sind schlicht unerträglich.

Moritz von Uslar, "Die Lust am Krass-Sein", in: DIE ZEIT Nr. 5 vom 29. Januar 2015


Diese Glaubens- und Verhaltensmuster repräsentieren eine in ihren Augen moralisch und intellektuell überlegene Variante des Islam, getragen von einer weltumspannenden entterritorialisierten Gemeinde. Zum Erfolg der Missionierung trug der Umstand bei, dass die Predigten auf Deutsch gehalten werden, während die Mehrzahl der Imame aus etablierten Verbänden bisher meist in der jeweiligen Herkunftssprache etwa auf Türkisch, Bosnisch oder Arabisch predigt. Dies entsprach den Möglichkeiten und Notwendigkeiten der Vereine, die ehrenamtlich organisiert sind, und ist ihnen daher nicht anzulasten. Viele junge Muslime verstanden jedoch nicht alles, was in "ihren" eher landsmannschaftlich organisierten Moscheen gepredigt wurde. Salafistische Aktivisten wussten diese Bedarfslücke zu nutzen. Ihre Internetseiten waren in deutscher Sprache, professionell und im Vergleich zu etablierten Vereins- und Verbandsseiten sehr jugendnah gestaltet. Dieser Erkenntnis trägt die Öffentlichkeit zunehmend Rechnung: Seit dem Jahre 2010 wird die Imam-Ausbildung parallel zur Religionslehrerausbildung an den neu gegründeten universitären Zentren für islamische Theologie in Münster-Osnabrück, Frankfurt-Gießen, Tübingen und Erlangen-Nürnberg aufgebaut.

Die Grundsteine einer deutschen Salafismus-Bewegung legten in den 1990er-Jahren vereinzelte Prediger, die teilweise als Imame in wenigen Moscheen tätig waren. Der deutsch-syrische Imam Hassan Dabbagh, Imam der Leipziger Rahman Moschee, spielte hierbei eine wichtige Rolle. Er hatte bei einem Schüler al-Albanis in Syrien gelernt und eine Islamschule in den Niederlanden besucht, die als Zentrum eines europäischen salafistischen Netzwerkes angesehen wird. Dabbagh fungierte als einer der religiösen und ideologischen Wortführer, die sich an salafistische Lehrmeinungen in islamischen Kernländern anlehnen. Auftritte in Fernseh-Talksendungen verschafften ihm einen größeren Bekanntheitsgrad. Dabei bediente er im äußeren Erscheinungsbild und mit seinen Aussagen viele Stereotypen.

Dabbagh kooperierte schon früh mit einem marokkanisch-stämmigen Bonner Prediger. Ab 2001 begannen sie mit einem noch kleinen Zirkel von Aktivisten ihre ideologische Sicht auf den Islam deutschlandweit zu verbreiten. Sie gründeten mehrere deutschsprachige Webseiten, organisierten Islamseminare und hielten Vorträge in Moscheen.

Mit der Ausweitung der Missionstätigkeit stießen auch jüngere Prediger dazu. Vor allem der zum Islam konvertierte Ex-Boxer Pierre Vogel aus Köln wurde zu einer Art Schlüsselfigur. Mit seiner vom Kölner Lokalkolorit geprägten Ansprache und seinem religiös-moralischen Anspruch fand er vorwiegend bei Jugendlichen aus sozial benachteiligten Schichten Zuspruch.

Vogel und Abou Nagie etablierten in Zusammenarbeit mit etlichen Predigern das Netzwerk "Die wahre Religion". Es entstand eine überregionale mediengestützte Bewegung, der es gelang, ihre rigide Sicht des Islam als Antwort auf Sinn- und Identitätskrisen Jugendlicher zu empfehlen.

Die verschiedenen salafistischen Netzwerke finanzieren sich nach eigenen Angaben durch Spenden aus Deutschland. Doch gibt es auch Zuwendungen beispielsweise in Form von Sachspenden, Broschüren und Literatur aus Saudi-Arabien und Ägypten. Zusätzlich fördert Saudi-Arabien die deutsche salafistische Szene, indem es Stipendien für religiöse Universitäten oder Beihilfen für die Pilgerfahrt vergibt.

Abou Nagie und das von ihm verantwortete Netzwerk "Die wahre Religion" gelten als Scharnier des "Mainstream"-Salafismus zu noch radikaleren und gewaltbereiten Strömungen. Dem aus Palästina stammenden Deutschen gelang es aber, mit der Koranverteilkampagne "Lies!" trotz Rivalitäten und Deutungskontroversen eine Bindewirkung zwischen den verschiedenen Strömungen zu erzielen. Vielen Muslimen erscheint das Verteilen von kostenlosen Koranen als harmlos, Abou Nagie empfiehlt sich durch diese Aktion einem breiten Publikum. Die Akzeptanz wäre sicherlich geringer, wenn bekannter wäre, dass viele junge Menschen, die zum Kämpfen ausreisten, sich zuvor im Umfeld der Verteilaktion weiter radikalisierten.

Kennzeichnend für den Salafismus in Deutschland sind teilweise lose Netzwerke und Kooperationen. Stark hierarchische Organisationen wie beispielsweise die Muslimbruderschaft hätten sich nicht in so kurzer Zeit zu einer jugendnahen Bewegung entwickeln können. Doch gleichzeitig ist die Szene von starker Ausdifferenzierung und vielen Zerwürfnissen geprägt. Der Salafismus neigt auch in den eigenen Reihen zum Sektierertum.

Die Rekrutierung zum bewaffneten Dschihad in Deutschland wird von den Sicherheitsbehörden seit dem Bosnienkrieg (1992–1995) beobachtet. Ab 2009 sind vorwiegend junge Männer nach Waziristan, ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet, gezogen. Sie schlossen sich dort Gruppierungen wie der Islamischen Jihad Union (IJU) oder auch direkt al-Qaida an, von denen sie teilweise in Trainingscamps militärisch ausgebildet wurden. Einen weitaus größeren Einfluss hatten aber Propaganda-Videos von deutschen Protagonisten, die vor Ort den Kampf in Afghanistan verherrlichten. Laut Bundeskriminalamt wurden zwischen 2001 und Februar 2011 rund 220 Personen aus Deutschland in Dschihadisten-Camps ausgebildet.