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Salafismus in Deutschland


23.10.2015
Lose Netzwerke und Kooperationen kennzeichnen den Salafismus in Deutschland. Weniger sein ideologisches als vielmehr sein soziales Angebot sprechen vor allem junge Männer und Frauen an und radikalisieren sie für den Kampf gegen westliche Lebensstile. In den vergangenen Jahren sind verschiedene Präventionsprojekte entstanden.

Im Bann der Prediger

Verteilaktion des Korans von Salafisten in Frankfurt a.M. im Januar.Mit der "Lies"-Kampagne wollen Salafisten missionieren, jeder Haushalt soll kostenfrei ein Exemplar des Korans erhalten. Verteilaktion in Frankfurt a. M. im Januar. (© picture-alliance/dpa)

"Syrien blutet, meine lieben Geschwister im Islam. Und Syrien versinkt im Blut. Die gesegnete Erde Allahs, die Erde des Iman, die Erde des Glaubens, versinkt im Blut. […] Dieser Kampf, der dort begonnen hat, ist die Vorbereitung für das Ende der Zeit. […] Es ist kein Krieg wie ein anderer Krieg in Libyen oder in Tunesien, es ist keine Revolution wie eine andere. […] Es sind die Vorbereitungen auf den Islam oder gegen den Islam. Für den Sieg von la illaha illa llah (Glaubensbekenntnis: Es gibt keine Gottheit außer Gott) oder für die Schande der umma (Gemeinde) von Muhammad. […] Dort kämpft die gesamte Menschheit und Europa gegen die Muslime."

Dies sind kurze Ausschnitte aus einer rund halbstündigen Rede von Brahim Belkaid, der öffentlich und in Internetbeiträgen als Abu Abdullah bekannt ist. Der jugendlich und durchaus charismatisch wirkende Prediger, der dem radikalen Netzwerk "Die Wahre Religion" (DWR) angehört, sprach im April 2013 auf einer der "Benefizveranstaltungen für Syrien", bei denen um Spendengelder geworben wurde. Wie üblich wurde ein Mitschnitt auf youtube hochgeladen.

Wie auch bei anderen Formen des politischen Extremismus werden bestehende Probleme und Ungerechtigkeiten aufgegriffen, um sie dann in einen eigenen Deutungskomplex zu stellen. Das Leid der Syrer, von denen über drei Millionen das Land verlassen haben, Millionen sich innerhalb des Landes auf der Flucht befinden und von denen rund 200.000 Menschen starben, ist eine Tatsache. Doch nach der Logik vieler Salafisten sind sie nicht Opfer eines gnadenlosen Bürgerkrieges, bei dem immer die Zivilbevölkerung leidet, sondern sie sind Opfer, weil sie Muslime sind.

Im Anschluss schildert Abu Abdullah sehr emotional das Leiden syrischer Frauen, um danach an das schlechte Gewissen der Zuhörer im "bequemen Deutschland", an das Gerechtigkeitsempfinden, die Solidarität, aber auch an die echte Männlichkeit zu appellieren.

Das Netzwerk DWR und die Aussagen seiner Protagonisten weisen inhaltliche Merkmale auf, die sie mit dem MainstreamSalafismus teilen. Typisch ist die Annahme einer bipolaren Welt, in der das Gute, die Wahrheit, der Islam verkörpert, während das Böse der Teufel (Schaitan) ist. Diese bipolare Welt bestehe somit aus Menschen, die der Wahrheit folgen, und Menschen, die die Wahrheit bekämpfen. Dieser Kampf sei bis zum Ende angelegt, wechseln würden nur die Akteure.

"Wir sagen die Wahrheit", sagt zumindest Ibrahim Abou Nagie, der Gründer von DWR und Initiator der Koranverteilaktion "Lies!". Der Anspruch auf absolute Wahrheit, den er damit vertritt, ist ein weiteres wichtiges Merkmal des Salafismus. In einer bipolaren Welt sehen sich Salafisten als Vertreter des Guten, als Kämpfer für Wahrheit und Gerechtigkeit. Sie beteiligen sich an einem Kampf, der bis zum Weltenende dauert (Apokalypse) und nach dessen Ende sie in einer anderen Welt für diesen Einsatz belohnt werden (eschatologisches Heilversprechen) – Vorstellungen, die manche Jugendliche und auch manche Erwachsene anzusprechen scheinen.

Quellentext

Was macht Extremismus attraktiv?

Psychologie heute: Herr Professor Zick, [...] [w]as macht eine radikale islamistische Bewegung für deutsche Jugendliche attraktiv?

Andreas Zick: Es ist nicht primär der Islam als Religion, es geht um den überbordenden Selbstwert, der mit der Religion zusammen versprochen wird. […] Der Islam ist sehr heterogen, und die übergroße Mehrheit will weder den IS noch ein Kalifat. Das Kalifat ist lediglich ein Symbol, das in bestimmten Kreisen gerade äußerst attraktiv ist, ähnlich wie bei den Rechtsextremen die Idee eines national einheitlichen Staates, in dem die deutsche Rasse an erster Stelle steht. Die Frage ist nun, warum die Radikalität attraktiv ist. […] Wir beobachten in Studien, dass sich in Europa junge Muslime mit dem Land, in dem sie leben, durchaus identifizieren, aber zugleich immer wieder erfahren, dass der Islam hier so eine Art B-Kultur ist. Die A-Kultur ist jüdisch-christlich-abendländisch, der Islam wird verdächtigt. Dazu machen die Jugendlichen die Erfahrung, dass sie für alles Negative, was über den Islam berichtet wird, mitverantwortlich gemacht werden. Das öffnet die Tore für die Propaganda jener, die die Jugendlichen mit dem Versprechen eines besseren Lebens ködern möchten.

Psychologie heute: Wie kann das funktionieren?

Zick: Das ist ein ganz komplexer Prozess. Meiner Meinung nach läuft er so ab: Die Propagandamaschinerie des IS spricht junge Muslime an und versorgt sie mit Informationen, die ihnen zeigen sollen, dass sie als minderwertig behandelt werden […]. Dann zeigt man ihnen die Schuldigen: der Westen, dein Land, die anderen Jugendlichen, die Ungläubigen. Auf der nächsten Stufe heißt es dann: Wir bieten dir einen Ausweg, eine Hoffnung. Und nicht nur das, wir bieten dir Stärke, Macht, eine Gemeinschaft. Und wenn du die haben willst, das wäre die letzte Stufe, musst du alles hinter dir lassen und zu uns kommen. Das ist bei allen extremistischen Gruppen so, bei Rockergangs wie bei der Mafia: Zuerst drückt man das Selbstwertgefühl, dann bläst man es über die Maßen auf. […]

Psychologie heute: Was sind das für Jugendliche, die sich dem IS anschließen?

Zick: Auch wenn wir dazu noch mehr Forschung benötigen, zeichnet sich doch ab: Man muss die, die wirklich losziehen und töten, von denen unterscheiden, die sich dem Ganzen "nur" ideologisch anschließen. Einige sind auf Terror und Mord aus, die haben oft, wenn sie in Europa aufgewachsen sind, Spuren von psychischen Störungen oder auch Beziehungsprobleme. Die meisten Sympathisanten haben hingegen eine relativ normale Biografie, viele haben jedoch individuelle Kränkungen erlebt. [...]

Psychologie heute: Fehlt den Jugendlichen religiöse Bildung?

Zick: Ja, zumeist wissen sie fast nichts über ihre Religion und haben der radikalen Propaganda nichts entgegenzusetzen. […] Sie interessieren sich für Religion, den Sinn des Lebens, die Bedeutung von Werten und Normen, sie sind auf der Suche nach einer sozialen Identität, die sie einbindet. Von den radikalen Gruppen bekommen sie Antworten – in Form einer gut organisierten Propaganda. [...]

Psychologie heute: Heißt das, die Gesellschaft macht den Jugendlichen keine überzeugenden Sinnangebote?

Zick: Jugendliche stellen Sinnfragen, und die Gesellschaft muss ihnen Identitätsangebote machen. Angebote, keine Vorschriften. […] Das Allerwichtigste, was ein Kind in unserem Land tun soll, ist, sich im Bildungswettbewerb durchzusetzen. Jeden Morgen aufstehen nach dem Motto: Mach deinen Weg und mach ihn allein. Und wir reden über Jugend, als sei sie vor allem ein Problem. Viele Jugendliche nehmen sich als überflüssig wahr, weil es für sie keine Arbeit gibt. In ihrer Lebenswirklichkeit öffnen sich keine Freiräume. […] Das ist ein globales Jugendproblem […]. Und das macht extreme Gruppen interessant, die es schaffen, drei zentrale Identitätssphären anzubieten: deine Gruppe, deine Religion, deine begrenzte Welt. In solchen Konstellationen wachsen Extremisten heran.

Psychologie heute: Was lockt die Jugendlichen […]?

Zick: […] [E]s gibt offenbar einen Geschlechterunterschied. Für junge Frauen ist das sehr konservative Familienbild attraktiv, sie sehen im radikalen Islam eine Möglichkeit, Familienorientierung zu realisieren. [...] Bei den Männern geht es um Dominanzideologien. Männer haben dort eine klare Rolle, das ist für manche sehr attraktiv. [...]

Was den Extremismus so attraktiv macht, ist, dass er eigentlich alles bietet. […] Da kämpfen Diebe, Verbrecher, Menschen, die massiv gegen islamisches Recht verstoßen, für den IS. Das sind zum Teil Psychopathen, die gegen jede Form von Zivilisation und Regeln angehen. Das ist aber gar kein Problem, solange sie für die gerechte Sache kämpfen. [...] Und es geht natürlich um Land und um Geld. Terrorbewegungen haben auch ein ökonomisches Motiv. Da bereichern sich Menschen und nehmen dafür das Töten in Kauf.

Psychologie heute: Man kann sich kaum vorstellen, dass europäische Jugendliche gute Wüstenkrieger abgeben. Wozu werden sie gebraucht?

Zick: Die europäischen Kämpfer sind nicht als Soldaten wichtig, sondern für die Propagandamaschine, weil sie andere nachziehen und weil sie europäische Sprachen beherrschen, daher werden sie auch eher geschont. Sie sind oft viel stärker ideologisiert als die einheimischen Kämpfer. Viele bekommen auch die Anweisung, in ihrem Land zu bleiben. Die sollen hier für Unruhe sorgen.

Psychologie heute: Was berichten die Rückkehrer?

Zick: An die kommen wir als Forscher nicht leicht heran, für die interessiert sich zuerst der Staats- und Verfassungsschutz, und das ist auch richtig so. Es gibt Rückkehrer, die haben den Auftrag mitbekommen, hier weiterzumachen und eine Gemeinschaft zu bilden. Dann haben wir die, die aussteigen wollen, die brauchen eine komplett neue Identität. Und bald wird es Rückkehrer geben, die stark traumatisiert aus dem Krieg kommen. Das wird eine große Herausforderung. [...]

Der Sozialpsychologe Andreas Zick ist Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld und Professor für Sozialisation und Konfliktforschung an der dortigen Fakultät für Erziehungswissenschaft.

"Radikalisierung ist auch ein Bildungsprozess". Interview von Manuela Lenzen mit Andreas Zick, in: Psychologie heute 02/2015, S. 13 ff.


Verstärkt wird die Botschaft durch das Konzept der Fremdheit: Ghuraba (g˙uraba ). Ghuraba wird in der klassischen arabischen Poesie nicht als Merkmal der Herkunft sondern als ein Gefühl beschrieben. Man solle auf dieser Welt wie ein Fremder wandeln, denn im Vergänglichen liege nicht das Glück. Die Uneindeutigkeit des Begriffs nutzen Salafisten, um ihn im Sinne ihrer Ideologie zu interpretieren: Sie seien die auserwählte Gemeinschaft, die auf der Welt fremd ist, als fremd angefeindet wird, die aber als Einzige dem Propheten nahe stehe. Viele Videos werden durch ein nashid (našīd, Plural Anašīd) begleitet. Diese Vokalgesänge mit religiösem Kontext gelten, da sie sich keiner Musikinstrumente bedienen, als religiös erlaubt und sollen eine emotionale Sehnsucht wecken.

Solchermaßen Angesprochene, etwa Jugendliche, die noch nicht in ihrer Persönlichkeit gefestigt sind, können im Salafismus ihre Wunschvorstellung einer intakten, heroischen, auserwählten und gerechten Gemeinschaft verwirklicht sehen. Einen ersten Zugang bieten spezielle Webseiten, die leicht über ein, zwei Klicks im Internet zu erreichen sind. Ist das Interesse geweckt, kann der aktive Einstieg im realen Leben durch Anwerber und innerhalb von Peer-Gruppen stattfinden. Das Internet spielt dann eine wichtige Rolle bei der weiteren Radikalisierung.

Erste deutschsprachige Webseiten wurden bereits 2001 gegründet. Bis zu den Jahren 2013/2014 und noch danach waren bei der Eingabe des Suchbegriffes "Islam" auf Google fünf der ersten zehn gefundenen deutschen Internetseiten salafistischen Inhalts oder von salafistischen Gruppen betrieben. So konnte sich das anfangs noch kleine Netzwerk der Salafisten schon früh als eine Art Massenbewegung präsentieren, obwohl hinter vielen verschiedenen Seiten die selben Betreiber standen.

Mission



Die "Einladung zum Islam" (da wa) ist zentraler Bestandteil salafistischen Denkens. Das Internet dient zunächst als Einstieg, vertieft wird die Missionstätigkeit aber durch sogenannte Islamseminare, die jeweils einen Abend oder auch ein Wochenende lang dauern können. Während etablierte islamische Vereine in Deutschland unter dawa verstehen, durch Informationen Vorurteile über den Islam abzubauen oder die Jugendarbeit zu verbessern, mahnen die salafistischen Prediger vor allem Jugendliche mit sogenannten Migrationshintergrund, sich an vermeintlich islamkonformen und Integration ablehnenden Glaubens- und Verhaltensmustern zu orientieren.

Quellentext

Die Kunstgriffe der Propaganda

[…] Der Pop und der Dschihad – schon das Zusammenstellen dieser beiden Begriffe mag zunächst Unwohlsein erzeugen. […] So offenkundig die Verbindung zwischen Spielarten des Hip-Hop, etwa dem Gangsta-Rap, und dem Dschihadismus ist, so wenig kann der Pop natürlich für die Entstehung von Islamismus oder Dschihadismus verantwortlich gemacht werden. Die Idee, dass ein junger Mann in den Krieg zieht, weil er von einem Hip-Hop-Text oder einem Hip-Hop-Beat dazu aufgewiegelt wurde, ist schlicht abwegig. […] Und doch besteht zwischen beiden, Pop und Dschihad, eine starke ästhetische Spannung.

Die offenkundigsten Gemeinsamkeiten zwischen dem Typus des Hip-Hoppers und des Dschihad-Kämpfers liegen in Gesten, Umgangsformen, Körperhaltungen, in der Verkörperung von neotraditioneller Männlichkeit. Beide propagieren dasselbe Ideal von körperlicher Kraft und Gestähltheit, den Kult von Härte, "Toughness" und Überlegenheit. Ästhetische Gemeinsamkeiten gehen bis in die Details der Garderobe und der Accessoires: Beide, IS-Kämpfer wie Gangsta-Rapper, tragen die gleichen Uhren, die gleichen Ray-Ban-Sonnenbrillen, die gleichen schusssicheren Westen mit Camouflage-Muster. Die Jeeps, die in Hip-Hop-Videos und den Rekrutierungsvideos des IS als Statussymbole und als Insignien der technischen Aufrüstung und Unverwundbarkeit vorgeführt werden, sind die gleichen. […] Beide, der IS-Kämpfer wie der Hip-Hopper, legen es in ihrer Selbstinszenierung darauf an, gefühllos, kalt, gnadenlos zu erscheinen. Wirklich interessant wird es, wenn man die Lust am Posieren vergleicht: IS-Kämpfer und Gangsta-Rapper halten auf Fotos gerne Schusswaffen in die Kamera. Das Erkennungszeichen des "Islamischen Staates" ist der ausgestreckte rechte Zeigefinger. Wenn IS-Kämpfer in Gruppen zusammenstehen und links die Kalaschnikow und rechts den Zeigefinger hochhalten, dann soll das betont beiläufig und lässig aussehen – diese Art von Posing ist der reine Hip-Hop. […]

Was im Hip-Hop als inszenierter Tabubruch und coole Pose funktioniert, vollzieht sich im Dschihad als denkbar radikalster Schritt in aller Wirklichkeit: raus aus der Gesellschaft, rein in den Krieg.

[…] Bleibt man in der Logik des Pop, hat sich die Attraktivität einer Jugendkultur stets danach gerichtet, wie sehr sie die Ablehnung und das Unverständnis der Elterngeneration in sich bündeln kann. Der Dschihad als denkbar größte Provokation, als größte Herausforderung für die westliche Gesellschaft […]. Der Dschihad als fehlgeleitete Jugendkultur. […]

Die Propagandisten des "Islamischen Staates" haben einiges dafür getan, dass dem Jugendlichen oder jungen Mann, der in Europa an seinem Computer sitzt, der Krieg in Syrien nicht als endzeitiger Zivilisationsbruch, sondern als cooles und romantisches Pop-Abenteuer erscheinen kann. Die Rekrutierungsvideos der Terrormiliz des IS […] sind, was Bildsprache, Schnitttechnik und Sound angeht, in jeder Hinsicht State of the Art: explodierende Feuerbälle, Jeep-Konvois, die den Horizont kreuzen, im Wind flatternde schwarze Fahnen, gemeinsames Beten in voller Waffenmontur. Wie im Pop wird mit einer Romantisierung von Gangtum, von brotherhood und Abenteuer unter Männern gespielt. Da reitet ein langhaariger Dschihadist mit über die Schulter gehängtem Sturmgewehr auf einem Araberhengst – sieht supercool aus. […] Natürlich, die Aura des Pop fällt jäh in sich zusammen, wenn der Krieg als das Verbrechen vorgeführt wird, das er ist. In seinen letzten Einstellungen zeigt der Rekrutierungsfilm des IS die Exekution von im Wüstensand knienden Assad-Kämpfern. Diese Bilder sind schlicht unerträglich.

Moritz von Uslar, "Die Lust am Krass-Sein", in: DIE ZEIT Nr. 5 vom 29. Januar 2015


Diese Glaubens- und Verhaltensmuster repräsentieren eine in ihren Augen moralisch und intellektuell überlegene Variante des Islam, getragen von einer weltumspannenden entterritorialisierten Gemeinde. Zum Erfolg der Missionierung trug der Umstand bei, dass die Predigten auf Deutsch gehalten werden, während die Mehrzahl der Imame aus etablierten Verbänden bisher meist in der jeweiligen Herkunftssprache etwa auf Türkisch, Bosnisch oder Arabisch predigt. Dies entsprach den Möglichkeiten und Notwendigkeiten der Vereine, die ehrenamtlich organisiert sind, und ist ihnen daher nicht anzulasten. Viele junge Muslime verstanden jedoch nicht alles, was in "ihren" eher landsmannschaftlich organisierten Moscheen gepredigt wurde. Salafistische Aktivisten wussten diese Bedarfslücke zu nutzen. Ihre Internetseiten waren in deutscher Sprache, professionell und im Vergleich zu etablierten Vereins- und Verbandsseiten sehr jugendnah gestaltet. Dieser Erkenntnis trägt die Öffentlichkeit zunehmend Rechnung: Seit dem Jahre 2010 wird die Imam-Ausbildung parallel zur Religionslehrerausbildung an den neu gegründeten universitären Zentren für islamische Theologie in Münster-Osnabrück, Frankfurt-Gießen, Tübingen und Erlangen-Nürnberg aufgebaut.

Die Grundsteine einer deutschen Salafismus-Bewegung legten in den 1990er-Jahren vereinzelte Prediger, die teilweise als Imame in wenigen Moscheen tätig waren. Der deutsch-syrische Imam Hassan Dabbagh, Imam der Leipziger Rahman Moschee, spielte hierbei eine wichtige Rolle. Er hatte bei einem Schüler al-Albanis in Syrien gelernt und eine Islamschule in den Niederlanden besucht, die als Zentrum eines europäischen salafistischen Netzwerkes angesehen wird. Dabbagh fungierte als einer der religiösen und ideologischen Wortführer, die sich an salafistische Lehrmeinungen in islamischen Kernländern anlehnen. Auftritte in Fernseh-Talksendungen verschafften ihm einen größeren Bekanntheitsgrad. Dabei bediente er im äußeren Erscheinungsbild und mit seinen Aussagen viele Stereotypen.

Dabbagh kooperierte schon früh mit einem marokkanisch-stämmigen Bonner Prediger. Ab 2001 begannen sie mit einem noch kleinen Zirkel von Aktivisten ihre ideologische Sicht auf den Islam deutschlandweit zu verbreiten. Sie gründeten mehrere deutschsprachige Webseiten, organisierten Islamseminare und hielten Vorträge in Moscheen.

Mit der Ausweitung der Missionstätigkeit stießen auch jüngere Prediger dazu. Vor allem der zum Islam konvertierte Ex-Boxer Pierre Vogel aus Köln wurde zu einer Art Schlüsselfigur. Mit seiner vom Kölner Lokalkolorit geprägten Ansprache und seinem religiös-moralischen Anspruch fand er vorwiegend bei Jugendlichen aus sozial benachteiligten Schichten Zuspruch.

Vogel und Abou Nagie etablierten in Zusammenarbeit mit etlichen Predigern das Netzwerk "Die wahre Religion". Es entstand eine überregionale mediengestützte Bewegung, der es gelang, ihre rigide Sicht des Islam als Antwort auf Sinn- und Identitätskrisen Jugendlicher zu empfehlen.

Die verschiedenen salafistischen Netzwerke finanzieren sich nach eigenen Angaben durch Spenden aus Deutschland. Doch gibt es auch Zuwendungen beispielsweise in Form von Sachspenden, Broschüren und Literatur aus Saudi-Arabien und Ägypten. Zusätzlich fördert Saudi-Arabien die deutsche salafistische Szene, indem es Stipendien für religiöse Universitäten oder Beihilfen für die Pilgerfahrt vergibt.

Abou Nagie und das von ihm verantwortete Netzwerk "Die wahre Religion" gelten als Scharnier des "Mainstream"-Salafismus zu noch radikaleren und gewaltbereiten Strömungen. Dem aus Palästina stammenden Deutschen gelang es aber, mit der Koranverteilkampagne "Lies!" trotz Rivalitäten und Deutungskontroversen eine Bindewirkung zwischen den verschiedenen Strömungen zu erzielen. Vielen Muslimen erscheint das Verteilen von kostenlosen Koranen als harmlos, Abou Nagie empfiehlt sich durch diese Aktion einem breiten Publikum. Die Akzeptanz wäre sicherlich geringer, wenn bekannter wäre, dass viele junge Menschen, die zum Kämpfen ausreisten, sich zuvor im Umfeld der Verteilaktion weiter radikalisierten.

Kennzeichnend für den Salafismus in Deutschland sind teilweise lose Netzwerke und Kooperationen. Stark hierarchische Organisationen wie beispielsweise die Muslimbruderschaft hätten sich nicht in so kurzer Zeit zu einer jugendnahen Bewegung entwickeln können. Doch gleichzeitig ist die Szene von starker Ausdifferenzierung und vielen Zerwürfnissen geprägt. Der Salafismus neigt auch in den eigenen Reihen zum Sektierertum.

Die Rekrutierung zum bewaffneten Dschihad in Deutschland wird von den Sicherheitsbehörden seit dem Bosnienkrieg (1992–1995) beobachtet. Ab 2009 sind vorwiegend junge Männer nach Waziristan, ins afghanisch-pakistanische Grenzgebiet, gezogen. Sie schlossen sich dort Gruppierungen wie der Islamischen Jihad Union (IJU) oder auch direkt al-Qaida an, von denen sie teilweise in Trainingscamps militärisch ausgebildet wurden. Einen weitaus größeren Einfluss hatten aber Propaganda-Videos von deutschen Protagonisten, die vor Ort den Kampf in Afghanistan verherrlichten. Laut Bundeskriminalamt wurden zwischen 2001 und Februar 2011 rund 220 Personen aus Deutschland in Dschihadisten-Camps ausgebildet.


Zahlen zum Salafismus



In Deutschland leben zwischen 3,8 und 4,3 Millionen Muslime. Das sind rund fünf Prozent der Gesamtbevölkerung. Davon sind etwa 1,6 Millionen jünger als 25 Jahre.

Infografik Muslime in DeutschlandMuslime in Deutschland (© picture-alliance, dpa Grafik)
Zahlen aus dem ersten Quartal 2015 beziffern circa 7000 Salafisten bundesweit, 2013 lag die Zahl noch bei 5500. Diese Zahl beziffert allerdings nur die politischen und dschihadistischen Salafisten. Die puristischen Salafisten, die nicht öffentlich oder politisch in Erscheinung treten, werden mit dieser Zahl ebenso wenig erfasst wie die Sympathisanten. Dennoch liegt der Anteil von Salafisten mit Einrechnung anderer islamistischer Gruppierungen und der Einbeziehung von Sympathisanten bei rund einem Prozent der muslimischen Gesamtbevölkerung in Deutschland. Nur ein kleiner Teil der Salafisten gilt als gewaltbereit, dem Dschihadismus zugehörig.

Insgesamt haben rund 90 Prozent der Salafisten einen sogenannten Migrationshintergrund, circa zehn Prozent sind Konvertiten, ebenso sind ungefähr zehn Prozent Frauen und 75 Prozent deutsche Staatsangehörige. In der Regel liegt das Altersspektrum zwischen 18 und 27 Jahren.

Bundesweit sollen von 2011 bis Juni 2015 über 700 Personen in die Kriegsgebiete nach Syrien und in den Irak ausgereist sein. Bis April 2014 sollen nach Informationen des Bundesverfassungsschutzes 75 der aus Deutschland ausgereisten Dschihadisten dort umgekommen sein. Allein Nordrhein-Westfalen, wo mit bisher circa 160 Personen die meisten Ausgereisten gezählt wurden, hat bereits 40 Rückkehrer und 24 Todesfälle zu verzeichnen. Dazu gehören fünf Suizidattentäter, die insgesamt über 200 Menschen mit in den Tod rissen. Nach Schätzungen des International Centre for the Study of Radicalisation and Political Violence (ICSR) in London kämpften Ende des Jahres 2014 über 20.000 ausländische Kombattanten in Syrien und Irak. Ungefähr 4000 stammen aus westeuropäischen Staaten. Sehr hohe Ausreisezahlen verzeichnen Belgien, Schweden und Dänemark. Allein aus Belgien reisten bis Jahresende 2014 440 Personen in die Kampfgebiete. Das sind 40 Ausgereiste auf eine Million Einwohner, in Deutschland sind es sieben bis acht auf eine Million Einwohner.

Prävention



Nicht die Ideologie, sondern das soziale Angebot steht für die meisten Jugendlichen im Vordergrund. Die Gemeinschaft der Salafisten bietet Orientierungshilfen, eine vereinfachte, eingängige theologische Lehre, einen ritualisierten Alltagsrahmen, emotionale Zufluchtsorte, das Gefühl, einer "höheren spirituellen" Sache zu dienen, und persönliche Anerkennung.

Neben dem bipolaren Weltbild und dem eschatologischen Heilversprechen sprechen vor allem das Einstehen für Gerechtigkeit und die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft Jugendliche an. Vertieft wird das Gemeinschaftsgefühl durch gemeinsame Freizeitaktivitäten und mehrtägige Islamseminare, in denen auch rituelle Abläufe erprobt werden.

Der Soziologe und Islamwissenschaftler Olivier Roy sieht im Salafismus "eine Geisteshaltung, die besonders in der zweiten Generation der Migranten zu finden ist, die sowohl die dominante westliche Kultur wie die Kultur ihrer Eltern ablehnt".

Der Salafismus ist für viele der Jugendlichen zunächst ein Mittel des Protestes und der Provokation. Er bietet die zurzeit vielversprechendste Möglichkeit, um auf sich aufmerksam zu machen. Dabei bedienen sich seine Anhänger keineswegs traditioneller, sondern neuzeitlicher jugendkultureller Symbolik: Kaftan, Pluderhose, Käppi und Bart versprechen heute mehr Aufmerksamkeit als ein grüngefärbter Irokesenhaarschnitt.

Auch junge Frauen, die sich dem Salafismus zuwenden oder sogar nach Syrien ausreisen, suchen vor allem emotionale Zufluchtsorte. So widersprüchlich es zunächst klingen mag: Die Hinwendung zum Salafismus kann als eine Art Befreiung von der Dominanz patriarchaler Väter oder älterer Brüder wahrgenommen werden. Denn laut salafistischer Propaganda und an dieser Stelle durchaus auch nach islamischem Verständnis ist dem Manne nicht alles erlaubt, zumal er in Verantwortung für die Frau stehe. Es existieren romantische Vorstellungen, in denen die Kämpfer des Dschihad zu einer Art Popstars werden. Diese Sichtweise wird durch entsprechende Propaganda unterstützt, sie vermittelt den Jugendlichen ein Gefühl von Zuwendung und eigener Bedeutung. Man wird zur oder zum Auserwählten. Dabei bedienen sich radikale Salafisten und der IS moderner jugendgemäßer Kommunikationsmittel. Anwerberinnen des IS posten aus dem Irak niedliche Katzenbilder, Kinderfotos und rosarote IS-Flaggen. In Chats, auf WhatsApp oder Twitter wird auf Nöte, Wünsche und Bedürfnisse von Jugendlichen eingegangen: Stress in der Schule, Langeweile, Frust mit den Eltern, Einsamkeitsgefühle. Als Alternative wird mit der Aufnahme in eine vermeintlich gerechte Gemeinschaft geworben, in der man Bedeutung und wichtige Aufgaben erhält.

Die Realität sieht allerdings anders aus. Zunächst werden den Neuankömmlingen in Syrien die Pässe entzogen, und jeder Schritt wird kontrolliert. Es finden ideologische Schulungen statt, die als religiöse Seminare betitelt werden. Junge Frauen sollen vor allem den Bedürfnissen der Kämpfer dienen und mit ihnen – manchmal auch als Zweit- oder Drittfrau – Ehen eingehen, bis diese im Kampf fallen, und Nachwuchs für den Terrorstaat gebären.

Quellentext

Illusionen und Realität

[…]. Auf […] Bildern, die der "Islamische Staat" (IS) […] veröffentlicht, kann man Frauen sehen, die Panzerfäuste und Raketenwerfer zusammensetzen oder schwer bewaffnet durchs Gelände marschieren. Stets sind sie in bodenlange weite Gewänder gehüllt, tragen Handschuhe und bedecken das Haupt. Nur ein winziger Schlitz im Gesichtsschleier erlaubt eine beschränkte Sicht.

Die Bekleidung ist alles andere als praktisch und die dargestellten kriegerischen Aktivitäten erscheinen vollkommen absurd. In der Tat stellen sie eine rein mediale Inszenierung dar, denn Frauen sind im "Islamischen Staat" per definitionem von Kampfhandlungen ausgeschlossen. Das strenge Regelwerk des IS sieht vor, dass sie sich nicht mit Gefechten, sondern mit Hausarbeit und der Versorgung der Familie befassen sollen. Nur Männer können Verdienste im Krieg erwerben und als Märtyrer einen privilegierten Zugang zum Paradies und seinen himmlischen Jungfrauen erlangen. Für Frauen ist der Weg ins Paradies davon abhängig, ob sie ihrem Mann gegenüber gehorsam sind.

Diese und andere Vorstellungen der normativen Gender-Ordnung des IS lassen sich in einem Manifest nachlesen, das im Januar 2015 von den […] Khansaa-Brigaden veröffentlicht wurde. […] Frauen, die sich in der Öffentlichkeit ohne Begleitung ihres Ehemannes bewegen, sind grundsätzlich verdächtig. "Bleib in deinem Haus", zitieren die Autorinnen des Manifestes die Sure 33:33 des Korans. […]

Etwa 11 Prozent aller deutschen Syrienreisenden sind Frauen, in Frankreich sollen es sogar mehr als 20 Prozent sein. Die jungen Frauen geben ein in jeder Hinsicht widersprüchliches Bild ab. Zum einen sind sie Abenteurerinnen, die ihrer Sehnsucht nach fremden Welten mit einer Unerschrockenheit folgen, die ihresgleichen sucht. […] Sie sind getrieben von der Vorstellung, an einer menschheitsgeschichtlichen Wende mitzuwirken und willens, dafür auch das eigene Leben zu riskieren. Die geposteten Bilder der tapferen Kriegerinnen, die dem Kalifat militärisch beistehen, symbolisieren diese Vision.

Die Kämpferinnenromantik findet jedoch spätestens in Syrien ein Ende – aus den Rebellinnen werden Hausfrauen. Ausländerinnen werden zügig verheiratet. Wie Ehen unter diesen Bedingungen zustande kommen, wissen wir unter anderem aus dem Blog von "Paradiesvogel", die nach ihrer Ankunft in Syrien zunächst in einem Junggesellinnenheim wohnte. Zwei Monate nach ihrer Ankunft wurde eine Heirat arrangiert. Der Ehemann einer Freundin fand einen Kämpfer, der bereit war, sie zur Frau zu nehmen, ohne sie je gesehen zu haben. Nach vier Tagen verließ der Ehemann die frisch verliebte Gattin mit den Worten "Der Dschihad ist meine erste Frau, du bist meine zweite. Ich hoffe, du verstehst das."

Auf den Blogs und in den Einträgen von Facebook, Tumblr und Twitter verklären junge Frauen die Ehe an der Seite eines Mudschahid, eines Kämpfers für das Kalifat. "Die Liebe des Dschihad", posten sie, "bis das Märtyrertum uns scheidet." Was tatsächlich passiert, wenn der Ehemann stirbt, dürfte jenseits aller idealisierten Vorstellungen liegen. Junge Frauen werden als Zweit-, Dritt- oder Viertfrauen an andere Kämpfer weitergegeben, in Verhältnisse, die beileibe nicht romantisch sind.

Nach islamischem Recht kann der Mann die Ehefrau körperlich misshandeln, wenn er mit ihren Dienstleistungen nicht zufrieden ist, und sich problemlos wieder scheiden lassen, um sie einem neuen Mann zu überlassen. […] Einheimische Frauen können die Intervention ihrer Herkunftsfamilie herbeiführen, doch Ausländerinnen sind ihren Ehemännern und den patriarchalischen Machtverhältnissen schutzlos ausgeliefert. […] Wenn der Glanz des Dschihad verblasst, sehen sich die einstigen Rebellinnen mit der bitteren Einsicht konfrontiert, dass sie nicht mehr sind als rechtlose Opfer in einer brutalisierten Männerwelt.

Susanne Schröter ist Professorin für Ethnologie und leitet das Frankfurter Forschungszentrum globaler Islam.

Susanne Schröter, "Zerstörte Romantik", in: Frankfurter Rundschau vom 7. März 2015


Um den Einfluss der salafistischen Propaganda entgegenzuwirken, gibt es seit Januar 2012 beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) die "Beratungsstelle Radikalisierung". Neben einem Telefonkontakt bieten bundesweite Beratungsteams Angehörigen die Möglichkeit zum Gespräch. Einen ähnlichen Weg geht Nordrhein-Westfalen mit dem Projekt "Wegweiser". Auch hier arbeiten zumeist muslimische Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen in Beratungsstellen. Oftmals sind es besorgte Mütter, die den Kontakt suchen. Angestrebt wird eine Vernetzung der Akteure aus dem kommunalen Bereich, der Jugendhilfe, Schule und psychologischer Beratungsstellen.

Quellentext

Erfahrungen der Beratungsstelle Radikalisierung

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge betreibt eine Beratungsstelle gegen Radikalisierung. Ständig melden sich hier Eltern, weil sie fürchten, ihr Sohn oder ihre Tochter könnten in den "Heiligen Krieg" ziehen. Oder weil sie es bereits sind. Ein häufiges Muster: Monatelang radikalisieren sich die jungen Leute. Die Eltern realisieren erst spät, was los ist. Das hat auch mit den neuen Propagandatricks der Salafisten und Dschihadisten zu tun.

Die Anwerber des IS sind professionell, wie man an ihren Propagandavideos sieht. […] Starke Bilder, untermalt von dschihadistischen Gesängen; Helden und Feinde sind klar zu erkennen. Grautöne gibt es nicht. Die Filme taugen besonders für junge Menschen. Immer häufiger sind es Minderjährige, die sich dem sogenannten Islamischen Staat anschließen. Etwa 40 Prozent unserer Beratungsfälle sind jünger als 18. Und die jungen Leute radikalisieren sich immer schneller.

Der IS könnte nicht so erfolgreich anwerben, wenn er sich nur auf Massenkommunikation verlassen würde. Die Dschihadisten suchen verstärkt die individuelle Ansprache. Wenn Teenager in sozialen Netzwerken Interesse an salafistischen Angeboten gezeigt haben, werden sie direkt angesprochen. Die Propaganda verlagert sich schnell in kleine Gruppen, etwa beim Chat-Dienst Whatsapp. Hier werden die Jugendlichen intensiv bearbeitet. Die Dschihadisten erzählen vom gläubigen Leben in Syrien oder Nordirak. Und sie reden viel vom Paradies. Es ist eine Mischung aus Zuneigung und Druck. Manchmal schicken sie innerhalb weniger Tage Tausende Nachrichten. Auf jedes Problem scheinen sie eine Antwort zu haben. Zudem entwickeln sie eine neue Sprache, mit der sie Jugendliche ansprechen. […]

Noch vor einigen Jahren versuchten radikalisierte Jugendliche, in ihrem Umfeld zu missionieren. Sie warfen ihren Eltern vor, nicht nach den Regeln Gottes zu leben. […] Aber wir beobachten, dass eine andere Strategie zunimmt: Jugendliche werden in Chats aufgefordert, ihre wahre Einstellung geheim zu halten. Niemand soll wissen, was sie wirklich denken, nicht mal ihre Eltern. In extremen Fällen merken die erst, was los ist, wenn sie einen Abschiedsbrief finden. […]

In anderen Fällen bemerken Eltern die Radikalisierung. Und irgendwann, vielleicht nach einem Dreivierteljahr, sagt das Kind, es sei wieder auf dem richtigen Weg, habe sich vom radikalen Glauben abgewendet. Die Jungen stutzen plötzlich wieder ihren Bart, die Mädchen wechseln ihren Kleidungsstil. Die Eltern glauben oft, dass wieder alles in Ordnung ist. In Wahrheit ist gerade dann höchste Vorsicht geboten, eine Ausreise könnte unmittelbar bevorstehen. Die IS-Anwerber sagen den Jugendlichen, sie sollen sich verstellen. Sie coachen sie bis zur Ausreise. Nicht zu viel Geld abheben, das könnte auffallen. Welchen Zug nehme ich? Welcher Flug ist der beste?

Das stellt Eltern und Berater vor neue Herausforderungen. Wir müssen noch wachsamer sein. Wir raten Eltern, lieber einmal zu viel bei uns anzurufen. Meistens sind es die Mütter, die sich bei uns melden. Immer häufiger aber auch Lehrer oder Sozialarbeiter. Seit 2012 haben sich 1700-mal Ratsuchende an uns gewandt. Im ersten Halbjahr 2015 hatten wir doppelt so viele Anfragen wie im Vorjahreszeitraum. Später werden die Familien von Trägern der Zivilgesellschaft beraten. Sie bauen einen engen Kontakt zur Familie auf, besuchen sie zu Hause und geben Tipps, wie das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern wieder aufgebaut werden kann. […]

Es ist wichtig, dass die Eltern auf ihre Söhne und Töchter zugehen, wenn sie Veränderungen in deren Lebensstil feststellen. Hauptsache, man zeigt, dass man sein Kind ernst nimmt. Wir raten den Eltern auch, dass sie einen Blick auf die Profile ihrer Kinder in sozialen Netzwerken werfen sollen. Aber die versuchen, bewusst zu täuschen. Viele Jugendliche haben mehrere Seiten bei Facebook, ein Vorzeigeprofil und ein salafistisches. Oder sie sind bei sozialen Netzwerken aktiv, die ihre Eltern nicht kennen.

Die neue Entwicklung birgt auch Chancen. Experten können das religiöse Pseudowissen der Kinder recht schnell entlarven. Je früher man eine Radikalisierung bemerkt, desto besser kann man reagieren. In den meisten Fällen versuchen wir, die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern zu reparieren. Hinter vermeintlich religiösen Konflikten stecken oft klassische Familienprobleme. Ein Vater, der nicht für seine Kinder da ist, zum Beispiel. Deshalb sind bei Weitem nicht nur muslimische Familien betroffen.

Wenn Familien zusammenhalten und richtig handeln, können sie verhindern, dass ihre Kinder Kanonenfutter werden. […]

Manfred Schmidt, 55, war von 2010 bis September 2015 Präsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge.

Manfred Schmidt, "Wachsam sein. Die Propaganda der Dschihadisten und Salafisten in Deutschland wird immer professioneller", in: Süddeutsche Zeitung vom 19. August 2015


Die Erfahrungen aus der Angehörigenberatung und Präventionsarbeit zeigen, dass immer auch familiäre Beziehungsstrukturen und Probleme in der Familie eine fundamentale Rolle im Radikalisierungsprozess spielen. Daher ist es ein wichtiges Anliegen der Beratung, zunächst den Druck aus den Familien zu nehmen, der sich u. a. durch Beziehungskonflikte aufgebaut hat. Nach den Erfahrungen der Beteiligten macht es anfangs wenig Sinn, sich auf Diskussionen über das "richtige" Islamverständnis einzulassen. Wichtig und heilsam ist die Aufarbeitung möglicher Konfliktlinien. Es gilt die Schwierigkeiten auszuloten, die Jugendliche mit der Hinwendung zu einer neuen Glaubenspraxis zu lösen versuchen. Diese sind oftmals zwischenmenschlicher Natur. Oft fehlt die Vaterfigur, oder aber es herrscht ein autoritärer Erziehungsstil. Auch fühlen sich manche dieser Jugendlichen in der Schule überfordert. Das, was sie dann für den einzig wahren Islam halten, wird als Lösungsweg und Sinngebung für das eigene Leben begriffen.

Ein Beispiel verdeutlicht, welche Faktoren über den Deutschlandbezug hinaus eine Radikalisierung begünstigen können: Am 26. Juni 2015 erschoss ein 23-jähriger tunesischer Student 38 Menschen in einem Touristenort nahe der Stadt Sousse. Freunde, Lehrer und Nachbarn beschrieben ihn als ruhig, freundlich und als weltlichen Interessen zugewandten Jugendlichen. Sein Studium der Flugzeugtechnik in Kairouan finanzierte seine engste Familie, Bauern in ärmlichen Verhältnissen. Auf ihm als ältestem Sohn lastete eine große Verantwortung, denn er war eine Investition für die Familie. Eine hohe Arbeitslosigkeit gerade unter jungen Akademikern in Tunesien mag den Druck verschärft haben. In Kairouan zog es ihn jedenfalls weniger in die Welt der Flugzeugtechnik als vielmehr in die Parallelwelt des religiösen Fanatismus.

Auch Lebenskrisen, beispielsweise die Beendigung einer Beziehung, können eine Bereitschaft zur Radikalisierung auslösen. Die neue Ideologie ermöglicht es, das alte Leben hinter sich zu lassen und in ein neues Leben aufzubrechen. Die bisherige Erfahrung des Scheiterns spielt dann keine Rolle mehr. Erfolg und Bestätigung erhält man jetzt auf einer anderen Ebene.

Es ist eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, hier einer präventionspolitischen Verantwortung nachzukommen. Der oben erwähnte Aufbau islamisch-theologischer Zentren an Universitäten zur Imam- und Religionslehrerausbildung kann als ein Baustein von vielen dazu beitragen. Es ist klar, dass die Etablierung einer Islamischen Theologie und auch des Islamischen Religionsunterrichts die Radikalisierung Einzelner nicht verhindern kann. Aber es ist ein Schritt zur gesamtgesellschaftlichen Normalität. Eine fundierte Religionspädagogik fördert die Selbstreflektion und kann einem dogmatischen Verständnis entgegen wirken. Der grundgesetzlich geschützte konfessionelle Religionsunterricht ermöglicht eine intensive Auseinandersetzung und Reflektion in Anlehnung an das Hegelsche oder Humboldtsche Bildungskonzept. Dabei schließt er einen vergleichenden Ansatz zwischen verschiedenen Weltanschauungen keineswegs aus. Allerdings gibt es unter den rund 700.000 muslimischen Schülerinnen und Schülern in Deutschland bisher nur rund 25.000, also circa 3,6 Prozent, die einen islamischen Religionsunterricht erhalten.

Häufig trifft man bei jungen Muslimen auf das Gefühl, dass ihre eigenen Erfahrungen und Interessen nicht Gehör finden. Deshalb gilt es, durch pädagogische Konzepte Raum für diese Bedürfnisse zu schaffen. Die Konzepte müssen dabei keiner religiösen Agenda folgen, sondern sollten nach der Bedeutung und der Konstruktion von Identität fragen. Zwischenzeitlich gibt es Unterrichtsmaterialien auch zum Salafismus, die aus dem Bereich der politischen Bildung entstanden sind und in Fächern wie Deutsch, Politik, Geschichte oder Philosophie eingesetzt werden können. Einen Überblick zum Unterrichtsmaterial findet sich auf S. 24 unter Literaturhinweise und Internetadressen.

Staat und Salafismus



Das Grundgesetz schützt die Freiheitsrechte der Bürgerinnen und Bürger. Für Salafisten bedeutet dies, dass ihr Tun, solange es sich um reine Religionsausübung handelt, der Religionsfreiheit unterliegt. Wird jedoch eine politisch extremistische Weltsicht verbreitet, die sich organisiert gegen das Grundgesetz richtet, so muss sie vom Verfassungsschutz unter Beobachtung genommen werden, ohne dass sie in ihrem religiösen oder auch politischen Handeln durch staatliche Stellen eingeschränkt werden kann. Namentlich kann eine Erwähnung im Verfassungsschutzbericht erfolgen, was den Verlust der Gemeinnützigkeit und somit staatlich gewährter Steuervorteile nach sich zieht. Für ein Vereinsverbot, das vom Bundesinnenministerium oder von Landesinnenministerien ausgesprochen werden kann und polizeilich durchgesetzt wird, muss eine Ablehnung der freiheitlich demokratischen Grundordnung nachgewiesen werden. Extremismus allein ist nicht strafbar. Erst wenn dieser zu Begehung von Straftaten führt, sind Polizei und Staatsanwaltschaft zuständig. Gemäß der dreiteiligen Kategorisierung des Salafismus, die zwischen "Puristen", "Politischen Salafisten" und "Dschihadisten" unterscheidet, stehen die beiden letztgenannten Gruppierungen unter Beobachtung von Polizei und Verfassungsschutz.

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