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Religion und Ideologie


23.10.2015
Klassische Gelehrte bejahen die Interpretationsmöglichkeiten, die der Koran Gläubigen bietet und sie befähigen, ihre Lebensweise mit der Moderne in Einklang zu bringen. Salafisten, die für sich die einzig gültige religiöse Deutungshoheit reklamieren, stehen dagegen für eine Ideologisierung der Religion und ihren Missbrauch für machtpolitische Zwecke.

Im traditionellen Islamverständnis gilt der Prophet Muhammad als vorbildlicher Mensch und Lehrer der Gemeinde, dessen Lehrmethode sich nach dem Verständnis einzelner Menschen richtet. Nicht Formalismus und bloße Pflichterfüllung, sondern die Charakterbildung zur wahrhaften Menschlichkeit (ahlāq) sind von Bedeutung.

Festliche Eröffnung der Moschee der türkischen Gemeinde im bayrischen Pfaffenhofen im Juni 2015Der Islam gehört zu Deutschland – eine beiderseitige Verpflichtung: festliche Eröffnung der Moschee der türkischen Gemeinde im bayrischen Pfaffenhofen im Juni 2015. (© picture-alliance, dpa)

Folgt man dieser Absicht, so ist eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Religions- und Wirkungsgeschichte unabdingbar. Denn nur so lassen sich Aussagen und der Bedeutungsgehalt eines Textes richtig einordnen.

Nach der gängigsten Zählung umfasst der Koran 6236 Verse. Die Zahl der Verse, aus denen sich Hinweise zu Rechtsfragen ableiten lassen (āyāt al-ahkām), wird auf eine Zahl zwischen zwei- und fünfhundert geschätzt, wobei sich rund zwei Drittel dieser Verse auf gottesdienstliche Handlungen und nicht auf das zwischenmenschliche Zusammenleben beziehen. So ist der Koran für Muslime primär eine spirituelle Quelle und kein Gesetzbuch. Er ist eine wichtige, aber auch sehr eingeschränkte Rechtsquelle.

Weder im Koran noch in der Prophetenüberlieferung finden sich Hinweise zur konkreten Herrschaftsausübung. Die Scharia (šarīa, "Weg") gilt als das sogenannte Islamische Recht. Aufgabe der Scharia ist zunächst nichts anderes, als den Gottesbezug zwischen Mensch und Gott zu definieren, ähnlich dem Nominatio dei im Grundgesetz, wonach auf "Gott" als diejenige für den Menschen unverfügbare Instanz verwiesen wird, vor der er Verantwortung tragen muss. Die islamische Gelehrsamkeit hat "klassische fünf Güter" definiert, denen religiöse, soziale, moralische und rechtliche Normen unterzuordnen sind. Diese sind der Schutz des Lebens, des Eigentums, der Vernunft (Bildung), des Glaubens und der Familie.

Thomas Bauer fordert in seinem Buch "Die Kultur der Ambiguität" zu Recht dazu auf, sich auf die klassische Korangelehrsamkeit zu besinnen. So bejahen die meisten klassischen Gelehrten die Mehrdeutigkeit des Korans. Für sie war Mehrdeutigkeit von Texten etwas Normales. Der Koran selbst spricht nicht nur in verschiedenen Reimformen, sondern auch mit einer geballten Metaphorik, die gelegentlich die Rätselhaftigkeit geradezu sucht. In diesem textlichen und lebensweltlichen Umfeld war Mehrdeutigkeit etwas Normales und Erstrebenswertes.

Der klassische Gelehrte ging davon aus, dass Vieldeutigkeit eine Gnade Gottes ist, da diese der Natur des Menschen entgegenkommt. So sei Variantenlosigkeit gar unnatürlich, und Vieldeutigkeit könne Erleichterung für den Einzelnen bedeuten, Ansporn für die Wissenschaft sein, und letztendlich erlaube erst Vielfalt, dass Widerspruchsfreiheit zum Kriterium der Wahrheit werden könne.

Der sogenannte Prozess der "Re-Islamisierung" im Laufe des 20. Jahrhunderts ist keine Rückbesinnung auf traditionelle-religiöse Werte, sondern eine Ideologisierung des Islam, die Strukturen westlicher Ideologien übernimmt und integriert. Die Intoleranz, die Ideologien charakterisiert, zeigt sich im Islamismus daran, dass dessen Vertreter nach eigener Selbstzuschreibung die genaue Bedeutung einer jeden Koransure kennen, die Echtheit eines jeden Hadithes (ḥadīt) genau beurteilen können, das Leben des Propheten und seiner Gefährten bestens zu rekonstruieren wissen und so über die letztendliche Deutungshoheit verfügen. Klassische Gelehrte ebenso wie viele heutige Theologen und Muslime sehen in diesem Anspruch auf Eindeutigkeit und absolute Wahrheit eine Anmaßung gegenüber den Mitmenschen und Gott.