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Religion, Konfession und säkulares Wissen


13.4.2016
Die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Verhältnisse zur Zeit des Kaiserreichs zwingen die beiden großen Konfessionen zur Umorientierung und zur Auseinandersetzung mit der Frage, welche Rolle die Religion in der Gesellschaft künftig einzunehmen vermag. Neben den Kirchen tritt die moderne Wissenschaft zunehmend als neuer Orientierungs- und Deutungsrahmen in Erscheinung.

"Gottesdienst in
der Kirche zu Burg", Deutsches Kaiserreich, 1893Die Religion hat in der Gesellschaft des Kaiserreichs große Bedeutung und ist geprägt von der Konkurrenz zwischen Katholiken und Protestanten. "Gottesdienst in der Kirche zu Burg" (Spreewald), Farbholzstich von 1893 (© akg-images)

Entgegen einer populären Vorstellung war das 19. Jahrhundert kein Zeitalter der Säkularisierung. In weiter Begriffsverwendung lässt sich Säkularisierung als die Ablösung religiöser durch weltliche, säkulare Deutungsmuster verstehen, mit entsprechenden Folgen für die religiöse Praxis. In diesem Sinne hat der Soziologe Max Weber (1864–1920), einer der einflussreichsten liberal-nationalen Akademiker und Intellektuellen des Kaiserreichs, 1905 vom Prozess der "Entzauberung der Welt" gesprochen. Durch tiefe Kontroversen über den Ort der Religion in der Moderne und angesichts eines anhaltenden Rückgangs der Teilnahme am Abendmahl waren vor allem die protestantischen Kirchen direkt in den Prozess der Säkularisierung verwickelt. Zugleich organisierten Protestanten wie Katholiken jedoch neue Formen der Frömmigkeit und Religiosität. Damit war Religion auch am Beginn des 20. Jahrhunderts eine soziale Tatsache erster Ordnung. Sie prägte die soziale Lebenswelt und die Deutungskultur breiter Bevölkerungsschichten. Selbst die sozialdemokratische Arbeiterschaft, die den christlichen Kirchen zunehmend misstrauisch gegenüberstand, griff an den Lebenswenden wie Geburt, Eheschließung und Tod weiterhin auf vom Christentum geprägte Übergangsriten zurück.

Die anhaltende Bedeutung der Religion lag nicht zuletzt an der konfessionellen Spaltung Deutschlands. Seit der Reformation im 16. Jahrhundert war sie ein grundlegendes Faktum der deutschen Geschichte. Konkurrenz und Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten prägten die Geschichte des Kaiserreichs dann in erneuerter Intensität. Der Sozialdemokrat Wilhelm Liebknecht stellte 1872 deshalb mit Bedauern fest: "Religiöse Fragen sind in keiner Epoche der deutschen Geschichte mit größerem [...] Eifer behandelt worden als in diesem Momente." Allerdings unterschieden sich die Ausgangspositionen, mit denen beide Konfessionen in diesen Konflikt eintraten.

Der Katholizismus in der Defensive



Die Katholiken befanden sich im Kaiserreich in der Defen­sive. Diese Defensive hatte zunächst eine demografische Dimension. Mit der kleindeutschen Lösung der deutschen Frage waren sechs Millionen deutschsprachige Katholiken in Österreich aus dem nationalen Verbund ausgeschieden. Im Kaiserreich bildeten die Katholiken seitdem eine Minderheit von etwas mehr als einem Drittel der Bevölkerung. Mit Ausnahme Oberschlesiens und des Rheinlandes lebten sie vorwiegend in ländlichen Regionen, die von der Dynamik der kapitalistischen Wirtschaft noch kaum erfasst waren, wie etwa Altbayern, Westfalen oder der Schwarzwald. Das soziale Profil der Katholiken spiegelte diese traditionale Struktur wider. Unter Unternehmern wie industriellen Arbeitern waren Katholiken deutlich geringer vertreten, als es ihrem Bevölkerungsanteil entsprach. Die Defensive hatte – zweitens – eine politische Dimension. Mit dem Kulturkampf verfolgten die Liberalen und Bismarck eine aggressive anti-katholische Politik, die auf eine Zurückdrängung der katholischen Kirche aus dem öffentlichen Raum abzielte.

Zudem positionierte sich die katholische Kirche – drittens –in der Abwehr gegen die rationalistischen und individualistischen Tendenzen der Moderne. Dies stand in Zusammenhang mit der Durchsetzung der ultramontanen, das heißt auf den Papst in Rom fokussierten Ausrichtung, die seit den 1830er-Jahren auf zwei Ebenen erfolgte. In den deutschen Bis­tümern favorisierten einzelne theologische Fakultäten und Priesterseminare eine Abschottung von der Moderne im Sinne des Ultramontanismus, während die Kurie in Rom diesen Prozess durch eine Reihe von Erklärungen vorantrieb. So dogmatisierte sie 1854 die unbefleckte Empfängnis Marias, indem sie betonte, dass Maria ungeachtet ihrer natürlichen Zeugung bei ihrer Empfängnis von der Erbsünde frei blieb, und so die besondere Heiligkeit der Gottesmutter unterstrich. Im soge­nannten Syllabus Errorum ("Verzeichnis der Irrtümer") von 1864 legte Papst Pius IX. eine Liste der zu verdammenden "Irrtümer" der modernen Kultur vor. Zu ihnen zählte er neben Sozialismus und Liberalismus auch die Idee des Fortschritts und der säkularen Menschenrechte. Schließlich setzte sich auf dem Ersten Vatikanischen Konzil 1870, das wegen des deutsch-französischen Krieges abgebrochen werden musste, gegen erbitterten Widerstand vor allem deutscher Bischöfe das Dogma der Infallibilität (Unfehlbarkeit) durch. Es bestimmte, dass der Papst in ex cathedra – "vom Bischofssitz in Rom aus" – verkündeten lehramtlichen Entscheidungen unfehlbar sei.

Die Durchsetzung des Ultramontanismus erfolgte nicht ohne Konflikte. Aber am Ende war den Katholiken damit ein Orientierungsrahmen gegeben, der die Abgrenzung nach außen und die Homogenisierung nach innen beförderte. Der Ultramontanismus forderte und förderte eine demonstrative, sichtbare Form der Frömmigkeit. Diese zeigte sich in spektakulärer Form etwa in den Marienerscheinungen. In der saarländischen Bergbaugemeinde Marpingen behaupteten 1876 drei Mädchen, ihnen sei die Jungfrau Maria erschienen. Da­raufhin strömten rasch Tausende von Pilgern in den entlegenen Ort, um an dem Wunder teilzuhaben. Auf dem Höhepunkt des Kulturkampfes entsandte der preußische Staat Truppen, um Menschenansammlungen aufzulösen und die Pilger fernzuhalten. Weniger spektakulär, aber nicht weniger eindringlich zeigte sich der Aufschwung ultramontaner Frömmigkeit am Wachstum katholischer Orden. Vor allem weibliche Ordensgemeinschaften, die vielfach in der Krankenpflege tätig waren, erlebten im Kaiserreich ein explosionsartiges und oft über 1918 hinausreichendes Wachstum der Niederlassungen und Mitglieder.

Im Zentrum der rituellen Frömmigkeit aller Katholiken stand der eucharistische Kult, also das Messopfer im Abendmahl mit dem Empfang der heiligen Kommunion, der zumindest einmal jährlich an Ostern die Pflicht jedes Katholiken war. Flächendeckende Zahlen über die Entwicklung der Teilnahme an der Osterkommunion liegen nicht vor, da die katholische Kirche erst ab 1915 statistische Erhebungen einführte. Vereinzelte Hinweise deuten jedoch darauf hin, dass die kirchliche Praxis der Katholiken in Dörfern und Kleinstädten bis 1914 auf hohem Niveau stabil blieb. Nur in Großstädten wie Köln und München war bereits um 1900 vor allem bei der Arbeiterschaft eine Entfremdung von der kirchlichen Praxis sichtbar. Dabei gab es gravierende Unterschiede vor allem zwischen Frauen und den häufiger "abständigen" Männern. Sie sind im Zusammenhang einer tiefgreifenden Feminisierung der Religiosität im 19. Jahrhundert zu sehen, die sich auch am Aufstieg des Marienkultes zum Leitbild ultramontaner Frömmigkeit zeigt. Nimmt man einen Zusammenhang zwischen intensiver Kirchlichkeit und Stimmabgabe für das Zentrum an, so sind noch am Vorabend des Ersten Weltkrieges rund zwei Drittel aller katholischen Männer kirchentreue, praktizierende Christen gewesen.

Der Kulturkampf beförderte die endgültige Durchsetzung des Ultramontanismus und damit zugleich die Abschottung der Katholiken von der Mehrheitsgesellschaft in einem in sich weitgehend geschlossenen Milieu. Ein wichtiges Mittel der Inte­gration des Milieus nach innen waren katholisch-konfessionelle Vereine. Zu ihnen zählten neben den im engeren Sinne religiösen Vereinen wie Kongregationen und Sodalitäten ("brüderliche Gemeinschaften") auch Missions- und Lesevereine. Hinzu kam ein weites Spektrum von Standes- und Berufsvereinen für Bauern, Handwerker und andere Berufsgruppen. Erst um 1900 war dieses Netz von Vereinen voll ausgebildet, und es blieb regional ungleichmäßig entwickelt, mit starken Schwerpunkten im Rheinland und in Westfalen. Im Kern der Vereine stand die Präsidesverfassung, nach der stets ein Geistlicher von Amts wegen als Vorsitzender eines Vereins fungieren musste. Das entsprach dem Bild klerikaler Bevormundung, das die kulturkämpferischen Liberalen hegten, und führte im Vereinsalltag zu manchen Konflikten.

Daneben kam es aber zu einer stillen Säkularisierung, indem sich viele der in den Vereinen aktiven Männer allmählich von der klerikalen Kontrolle lösten und die Vereinsversammlungen als Lernorte der Partizipation nutzten. In diesem Detail wie insgesamt zeigen die katholischen Vereine die Ambivalenzen, die das katholische Milieu prägten: Auf der einen Seite stand der Versuch der Abschottung von der modernen Welt; auf der anderen Seite war das Prinzip des Zusammenschlusses in Vereinen selbst eine tragende Säule der Zivilgesellschaft, und mit und in den Vereinen öffneten sich die Katholiken schrittweise den Konflikten der bürgerlich-kapitalistischen Moderne.

Beispielhaft für die zweite Tendenz stand der 1890 gegründete Volksverein für das katholische Deutschland in Mönchengladbach. Mit seinen 1914 etwa 800.000 Mitgliedern widmete er sich der Volks- und Arbeiterbildung. Bei strikt antisozialistischer Ausrichtung rezipierte man zugleich die Politik der bürgerlichen Sozialreformer und gelangte so zu einem realistischen Verständnis der Industriegesellschaft. Ab 1900 tobte im katholischen Lager ein "Gewerkschaftsstreit" um die Frage, ob katholische Arbeiter sich in christlichen Gewerkschaften organisieren und mit anderen Gewerkschaften kooperieren sollten. Dabei stand die sogenannte Mönchengladbacher Richtung folgerichtig auf der Seite der Gewerkschaften und gegen die sogenannten Integralisten. Diese lehnten auch den Vorstoß des rheinischen Zentrumspolitikers Julius Bachem ab, der 1906 eine Kooperation mit Protestanten unter dem Motto "Wir müssen aus dem Turm heraus" forderte. Insgesamt war der Vereinskatholizismus zugleich ein Vehikel der Abgrenzung nach außen und der Stabilisierung nach innen.

Quellentext

Ein Plädoyer für die konfessionelle Öffnung der Zentrumspartei

In der Zentrumspartei tobte seit 1906 ein Streit um die Frage, ob die Partei aus dem "Turm" des katholischen Milieus ausbrechen und sich zu einer christlichen Sammelpartei wandeln sollte. Der Kölner Verleger Julius Bachem (1845–1918) entfaltet 1906 die Argumente der sogenannten Kölner Richtung.

"Der Zentrumsturm […] wurde in der schweren Zeit des kirchenpolitischen Konfliktes errichtet. Er sollte der Abwehr des staatskirchlichen Ansturmes dienen, welcher unter der Führung des gewaltigsten Staatsmannes des 19. Jahrhunderts gegen die katholische Kirche in Preußen unternommen wurde. […]

Es gibt auch noch katholische Kreise, in denen das Zentrum lediglich die ‚katholische Volkspartei‘ ist und der politische Charakter des Zentrums keineswegs immer, wo es angezeigt erscheint, mit einer alle Mißdeutung ausschließenden Klarheit und Entschiedenheit betont wird. […]

Dazu kommt, daß katholischerseits an einzelnen Stellen konfessionelle Abgeschlossenheit auch da noch herrscht, wo sie sachlich nicht berechtigt ist. In dieser Richtung hat offensichtlich am meisten der noch immer nicht aufgegebene Versuch geschadet, die interkonfessionelle berufsgenossenschaftliche Organisation der Arbeiter unter Geltendmachung spezifisch kirchlicher Gesichtspunkte zu vereiteln oder zu erschweren*, während längst für andere Berufsstände (Bauern, Handwerker) interkonfessionelle Organisationen zur Wahrnehmung der gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen bestehen und unbeanstandet in Tätigkeit sind. Auch diese Ueberspannung des Konfessionalismus nährt mittelbar das noch in so weiten akatholischen Kreisen bestehende Vorurteil, daß im Grunde genommen auch die Zentrumsfraktion ein ausschließlich im Interesse des Katholizismus geschaffenes Gebilde sei. […]

Man muß […] alles aufbieten, um dieses schädliche, ja gemeingefährliche Vorurteil zu zerstreuen, selbst unter Uebung weitgehender Selbstverleugnung.

[…] [W]ir müssen aus dem Turm heraus. Heraus nicht insofern, als wir die starke Verteidigungsstellung aufzugeben hätten. Nein, wir können und sollen sie beibehalten. Damit treten wir niemandem zu nahe. Auch dem konfessionellen Frieden dient nicht, wer sich wehrlos macht. Aber die Abschließung, die Absperrung, welche in dem Bilde des Turmes liegt, darf nicht über die Grenze hi­naus gehen, welche durch die Verhältnisse gezogen ist. Wir sollen nicht in dem Turme verbarrikadiert bleiben, sondern uns vor demselben aufpflanzen und in immer weiterem Umkreise mit den Mitteln, welche die Gegenwart an die Hand gibt, für das Programm der politischen Zentrumspartei eintreten, das sich wahrlich sehen lassen kann. Wenn das Zentrum eine wahre Staatspartei ist, so soll es auch als solche sich fühlen und überall als solche sich geltend machen; keines seiner katholischen Mitglieder braucht deshalb ein Tüttelchen seiner religiösen Ueberzeugungen preiszugeben.

Je weiter die Kreise sind, in welchen man die Gesamttätigkeit der Zentrumspartei kennen lernt, um so mehr wird das gegen die Zentrumsfraktion noch bestehende Vorurteil schwinden. […] Es muß unbedingt mit vermehrter Umsicht auf die Wahl von solchen Abgeordneten nichtkatholischen Bekenntnisses hingewirkt werden, welche gute Fühlung mit dem Zentrum zu nehmen und zu unterhalten willens und geeignet sind. […]

Das Zentrum darf nicht unter der Einwirkung der Verschärfung der konfessionellen Gegensätze, an der so viele arbeiten, in eine splendid isolation ["glänzende Isolierung"] geraten, welche die Erfüllung seiner Aufgabe für Reich und Volk aufs äußerste erschweren würde. Dem Bestreben, diese Gefahr zu verringern, sollen die vorstehend entwickelten bzw. angedeuteten Gedanken dienen."

* Bachem spielt hier darauf an, daß die am Ende des 19. Jahrhunderts mit Unterstützung der Zentrumspartei gegründeten interkonfessionellen Christlichen Gewerkschaften von einer kleinen, aber von Teilen des deutschen Episkopats unterstützten Gruppe innerhalb der Partei abgelehnt wurden. Die Gegner der Christlichen Gewerkschaften, die meist von ständischen Gesellschaftsvorstellungen ausgingen, wünschten die gewerkschaftliche Abschließung der katholischen Arbeiter innerhalb der besonderen Katholischen Arbeitervereine.

Gerhard A. Ritter (Hg.), Das Deutsche Kaiserreich 1871–1914. Ein historisches Lesebuch, 5. Aufl., Vandenhoeck und Ruprecht Verlag, Göttingen 1992, S. 140 ff.