Berlin, Alexanderplatz, Rotes Rathaus, 1900
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Autoritärer Staat und Demokratisierung 1890–1914


13.4.2016
Das politische Klima im wilhelminischen Staat heizt sich nach 1890 zusehends auf. Dies schlägt sich zum einen in einer Politisierung nahezu aller Gesellschaftskreise nieder, zum anderen in der vermehrten Radikalisierung ihrer Agitation. In der Folge sieht sich die Reichsleitung in ihrem Handlungsspielraum spürbar eingeschränkt.

Truppenparade, Belle-Alliance-Straße, Mehringdamm, Berlin, 1910Das Militär hat im Kaiserreich eine Sonderstellung inne. Es genießt hohes Ansehen, und über die Wehrpflicht wird die männliche Bevölkerung mit autoritären Wertmustern konfrontiert. Truppenparade durch die Belle-Alliance-Straße (heute Mehringdamm) in Berlin um 1910 (© bpk)

Auch nach der Entlassung Bismarcks als Reichskanzler 1890 blieb das Kanzleramt im "Zentrum der Macht" (Hans Peter Ullmann). Dies galt zumindest bis 1916, als Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg durch die Machtsteigerung der dritten Obersten Heeresleitung im Ersten Weltkrieg entscheidend geschwächt wurde. Allerdings gelang es keinem der auf Bismarck folgenden Reichskanzler, die Politik des Reiches und Preußens so machtvoll zu lenken wie Bismarck. Selbst Bernhard von Bülow, der von 1900 bis 1909 amtierte, konnte seinen Führungsanspruch nur durchsetzen, solange er das Vertrauen des Kaisers hinter sich wusste.

Bismarcks Nachfolger, Leo von Caprivi, versuchte mit einem "neuen Kurs" des Ausgleichs von sozialen Gegensätzen die konfrontative Grundanlage von Bismarcks Innenpolitik zu überwinden. Neuansätze gab es vor allem in der Arbeiter- und Sozialpolitik sowie bei Handelsverträgen mit verschiedenen europäischen Ländern, deren Zolltarife den Export deutscher Industrieprodukte erleichterten. Dafür waren Zugeständnisse bei den Agrarzöllen nötig. Diese riefen eine agrarisch-konservative Protestbewegung auf den Plan, die sich in der Gründung des Bundes der Landwirte (BdL) 1893 niederschlug. Mit seinen 330.000 Mitgliedern (1913), vorwiegend kleinen und mittleren Bauern aus dem ostelbischen Preußen, orchestrierte der BdL die Vertretung agrarischer Interessen. Er unterstützte Kandidaten der Deutschkonservativen Partei bei Wahlen und nahm damit starken Einfluss auf die Politik dieser Partei. Diese konservative Rebellion der Bauern und Junker war einer von mehreren Gründen für den Sturz Caprivis 1894, mit dem der "neue Kurs" ein plötzliches Ende fand.

Caprivis Karriereende wie auch das vorsichtige Taktieren seines Nachfolgers, Chlodwig Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst, waren allerdings nicht nur der Tatsache geschuldet, dass keiner von ihnen über das Charisma und den Macht­instinkt Bismarcks verfügte. Hinzu kam, dass die Innenpolitik im "wilhelminischen" Kaiserreich – also unter Wilhelm II. – in einem stark veränderten Umfeld stattfand. Seit den 1880er-Jahren bildete sich ein "politischer Massenmarkt" (Hans Rosenberg) heraus. In ihm bestimmten nicht nur bürgerliche Honoratioren die Politik in Parteien und Parlamenten. Politik entwickelte sich zur Angelegenheit aller Bevölkerungsgruppen, die sich in Gewerkschaften, Vereinen und Verbänden Instrumente zur Durchsetzung ihrer Interessen schufen. Vermittelt über die an Auflagenhöhe und Zahl der Blätter stark anwachsende Massenpresse wurde auch die öffentliche Meinung nun zu einem wichtigen Faktor der Politik. Die politische Mobilisierung der Bevölkerung brachte Impulse für eine Demokratisierung des politischen Systems, welche vor allem die Sozialdemokratie forderte. Am rechten Rand des politischen Spektrums führte die Politisierung dagegen ab 1900 zur Formierung eines völkisch-nationalen Lagers, das sich gegen die Reichsleitung und den Reichstag positionierte. Angesichts dieser Mobilisierung der Gesellschaft wurde es für die Reichsleitung zunehmend schwieriger, eine autoritäre Politik durchzusetzen. Selbst das Militär – ein Kernelement des Obrigkeitsstaates – war zumindest mittelbar von der Politisierung betroffen.

Militär und Militarismus



Das Militär hatte im Verfassungsgefüge des Reiches eine Sonderstellung, insofern es weitgehend dem Einfluss des Reichstages entzogen war. Den Ansatzpunkt dafür bot die Kommandogewalt des Kaisers über das Heer, die, weit definiert, nur reine Verwaltungsvorgänge parlamentarischer Kontrolle zugänglich machte. Das Militärkabinett erlaubte es dem Kaiser zudem, vor allem bei der Besetzung von Offiziersstellen Einfluss auf das Heer auszuüben. Das Militär hatte darüber hinaus eine politische Ordnungs- und Drohfunktion vor allem der sozialistischen Arbeiterbewegung gegenüber, etwa bei der Niederschlagung von Streiks.

Durch die Wehrpflicht trug die Armee zur autoritären Prägung der männlichen Bevölkerung bei. Junge Männer mussten zunächst drei, ab 1893 dann zwei Jahre in den Kasernen Dienst tun. Der Militärdienst löste vor allem ländliche Rekruten aus der Enge ihrer dörflichen Lebenswelt heraus und öffnete sie für nationalistische Ideologien. Das war allerdings keine notwendige Folge des Militärdienstes, und viele katholische und sozialdemokratische Wehrpflichtige erlebten die rauhe und zuweilen brutale Behandlung durch die Offiziere eher als eine Bestärkung ihrer Vorbehalte gegenüber dem Reich.

Eine ähnliche Ambivalenz zeigten auch die Kriegervereine, in denen sich neben Veteranen der Einigungskriege vor allem ehemalige Wehrpflichtige versammelten und damit das Prestige des Militärdienstes in die zivile Gesellschaft übertrugen. Die seit 1899 im Dachverband des "Kyffhäuser-Bundes" zusammengefassten Vereine zählten 1913 knapp 2,9 Millionen Mitglieder. Damit waren sie noch weit vor den sozialdemokratischen "Freien" Gewerkschaften die mit Abstand größte Massenorganisation im deutschen Kaiserreich. Die Ideologie der Verbandspresse war antisozialdemokratisch, nationalistisch und militaristisch ausgerichtet. Insbesondere im Vorfeld von Reichstagswahlen agierte der Kyffhäuserbund propagandistisch im Sinne der Reichsleitung.

Quellentext

Der Reserveoffizier als bürgerliche Sozialfigur

Johann Georg Mönckeberg (1836–1908) war seit 1892 Bürgermeister von Hamburg und damit einer der führenden Vertreter des hanseatischen Bürgertums. In einem Brief an seinen Sohn Carl reagiert er 1896 auf dessen Bedenken, die nötigen Schritte zum Erwerb des Reserveoffizierspatents einzuschlagen:

"Die eigentliche Veranlassung meines heutigen Briefs sind deine Bemerkungen über das Offizierwerden. Ich lasse die Fragen, welche tiefer gehen und deshalb schwieriger zu beantworten sind (– ob man nicht als Reserveoffizier idealen Zwecken dienen kann; ob man berechtigt ist, eine solche Gelegenheit von der Hand zu weisen; ob man nicht auf jedem Gebiete jede möglichst hohe Stufe zu erreichen suchen soll; ob es nicht eine Konsequenz der allgemeinen Wehrpflicht ist, daß jeder, der Offizier werden kann, auch als solcher dient usw.), auf sich beruhen und halte mich an die einfache, nüchterne Frage: ist es verständig, wenn man Offizier werden kann und in Deiner Lage ist, darauf zu verzichten? Der Kampf ums Dasein, die Konkurrenz ist heutzutage so schwer – einerlei, welchem Berufe Du Dich widmest –, daß man verständigerweise keinen Vorteil zurückweisen darf, der ehrlicher- und anständigerweise sich bietet. Es unterliegt aber m. E. gar keinem Zweifel, daß der Reserveoffizier heute auf den verschiedensten Gebieten Vorteile hat, die andere nicht haben. Ob es gerechtfertigt ist, daß der Reserveoffizier diese Vorteile genießt, kommt nicht in Betracht; wir müssen mit der Welt und dem Leben rechnen, wie es zur Zeit ist, und da steht es fest, daß Dir das Fehlen der Offiziersqualität oft schaden, der Besitz dieser Qualität oft nützen kann. Da Du nun, wie ich annehme, Offizier werden kannst, und zwar ohne besondere Opfer dafür zu bringen (die Zeit der Übungen betrachte ich nicht als verloren – die Übungen selbst sind keine große Beschwerde für Dich – der Kostenpunkt entscheidet nicht), so scheint es mir in der Tat nicht verständig, die Chance, deren Wert für Deine Zukunft Du augenblicklich nicht übersehen kannst, wegzuwerfen. […] Du darfst Dich darüber nicht täuschen, daß das ‚Nicht-Offizierwerden‘ von der Welt ganz anders aufgefaßt wird als von Dir und einem kleinen Kreise. Ein sehr verständiger Mann (kein Offizier) sagte mir neulich: Wenn junge Leute, deren äußere Verhältnisse sie nicht nötigen, erklären, nicht Offizier werden zu wollen, so ist das in der Regel ein leerer Vorwand – die Trauben sind sauer! Das ist die herrschende Auffassung, und diese Auffassung darfst Du am wenigsten mißachten. Wer auf den falschen Militarismus schelten will, muß sich nicht der Antwort aussetzen: er schilt, weil er nicht Offizier geworden ist […] Ich kann Dir daher nur raten (unbedingter als anderen), Offizier zu werden, und bitte Dich jedenfalls, keine übereilte Erklärung abzugeben, sondern die Sache gründlich zu überlegen."

Bernd Ulrich / Jakob Vogel / Benjamin Ziemann (Hg.), Untertan in Uniform. Militär und Militarismus im Kaiserreich 1871–1914, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt /M. 2001, S. 136 f.




Vor allem in den ländlichen Kriegervereinen, welche die große Mehrheit aller Mitglieder stellten, standen allerdings die geselligen Aktivitäten im Zentrum des Vereinslebens. Statt nationalistischer Ideologien prägten bierseliges Beisammensein und periodische Feste die Kriegervereine. Linksliberale und sozialdemokratische Zeitgenossen wie der liberale Historiker und Pazifist Ludwig Quidde (1858–1941) kritisierten diesen Gesinnungsmilitarismus, der mit militärischen Werten wie Disziplin, Untertänigkeit und einer martialischen Kriegsverherrlichung breite Bevölkerungsschichten im wilhelminischen Deutschland geprägt habe. Dieses Bild ist nicht völlig falsch, aber doch stark überzeichnet und ähnelt eher einer Karikatur. Denn eine militaristische Ideologie machten sich in den Kriegervereinen und darüber hinaus vor allem (klein-) bürgerliche Mitglieder zu eigen, nicht jedoch solche aus unterbürgerlichen Schichten.

In den Jahren vor 1914 trat dann ein radikaler bürgerlicher Militarismus hervor, der sich einer aggressiven Außenpolitik und einer massiven Aufrüstung verschrieb. Der Deutsche Wehrverein, 1912 gegründet, trug mit der lautstarken Agitation seiner 360.000 überwiegend bürgerlichen Mitglieder zur Durchsetzung der beiden Heeresvorlagen 1912 und 1913 bei. Mit einer Vergrößerung der Personalstärke des Heeres um 137.000 Mann löste die Heeresvorlage 1913 den größten Rüstungsschub des Kaiserreichs aus.