Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Georg Elser, Gedenkstätte Deutscher Widerstand
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 Pfeil rechts

Widerstand als Reaktion auf Krieg und NS-Gewaltverbrechen


17.8.2016
Die Versuche, Widerstand zu organisieren, erfolgten unter der ständigen Bedrohung durch ein politisches Regime, das einen Eroberungskrieg in Europa vorbereitete und dafür im Innern entsprechende Vorkehrungen traf. Zu diesen Vorkehrungen gehörten die Aufrüstung, aber auch die Gleichschaltung, Ideologisierung, Militarisierung und ständige Mobilisierung der deutschen Gesellschaft im Rahmen der "Volksgemeinschaft".

Infolge des Krieges wurden viele Männer zur Wehrmacht einberufen. Um ihre Arbeitskraft zu ersetzen und für den "Endsieg" des Deutschen Reiches zu sorgen, wurden Millionen Menschen aus den von den Deutschen eroberten und besetzten Ländern zur Zwangsarbeit in der Industrie und in der Landwirtschaft nach Deutschland gebracht. Unmittelbar hinter der Front begannen schon wenige Tage nach dem deutschen Überfall auf Polen Gewaltverbrechen, die für die nächsten Jahre die besetzten Gebiete zum Zentrum des Massenmords werden ließen. Doch auch in Deutschland selbst wurde im Herbst 1939 mit der Mordaktion an 200.000 kranken und hilflosen Menschen ein Massenverbrechen verübt, das verharmlosend als Euthanasie – "Gnadentod" – bezeichnet wurde. Mit dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 folgte dann der Massenmord an sowjetischen Kriegsgefangenen. Die Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten fiel nicht nur dem Kriegsgeschehen zum Opfer. Viele wurden als Partisanen verdächtigt und hingerichtet oder Ziel von Vergeltungsaktionen. Im selben Jahr setzte das NS-Regime den planmäßigen Völkermord an den Juden Europas in Gang, der mehr als sechs Millionen Menschenleben fordern sollte. Auch hunderttausende Sinti und Roma wurden Opfer des nationalsozialistischen Genozids.

Regimegegner stellten sich gegen Krieg und Völkermord. Sie waren oftmals vereinzelt und verzweifelt. Hinzu kam, dass sich ab Kriegsbeginn im Herbst 1939 die Rahmenbedingungen für die Regimegegnerschaft entscheidend verschlechtert hatten. Eine Vielzahl von Sonderbestimmungen, die im "Kriegssonderstrafrecht" zusammengefasst waren, ermöglichten höhere Strafen als bisher gegen alle, deren Verhalten auch nur geringfügig von der Norm abwich. Todesurteile gegen Kriegsdienstverweigerer gehörten jetzt ebenso zur Realität des NS-Staates wie schwere Strafen für diejenigen, die ausländische Rundfunksender gehört hatten und von "Volksgenossen" denunziert worden waren.

Unter diesen Bedingungen wurde die Bildung oppositioneller Netze und Gruppen immer schwieriger, die Gefahr des Verrats immer größer. In einer Gesellschaft, in der Meinungsaustausch mit Argwohn betrachtet wurde, boten nur Freundes- und Diskussionskreise die Möglichkeit für die Weiterentwicklung politischer Konzepte. Jenseits von Meinungsverschiedenheiten in Details waren sich alle Regimegegner jedoch einig in ihren Forderungen nach dem Sturz Hitlers, dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen und des von den Nationalsozialisten entfesselten Vernichtungs- und Weltanschauungskrieges. Angesichts von Krieg und Gewaltherrschaft wollten sie gegenüber den Herausforderungen der Diktatur nicht tatenlos bleiben.
Nationalsozialismus, Exekution, Mordaktion, 1941Mordaktion in Serbien, Oktober 1941 (© Baier © ECPAD, Paris)


Widerstand aus der Arbeiterbewegung



Als der Krieg begann, bemühten sich die Regimegegner aus der Arbeiterbewegung um den Aufbau von betrieblichen Widerstandsgruppen. Sie versuchten, Nachrichten über den tatsächlichen Kriegsverlauf zu verbreiten, die Rüstungswirtschaft zu sabotieren und Verfolgte zu unterstützen. Obwohl die Nationalsozialisten in den 1930er-Jahren bereits nahezu alle größeren Widerstandsgruppen von Kommunisten, Sozialdemokraten und Sozialisten zerschlagen hatten, konnten Verfolgung und Entrechtung den Willen der Regimegegner nur selten brechen. Die Erfahrungen der Haft bestärkten viele in ihrem Entschluss, den NS-Staat weiterhin bei jeder sich bietenden Gelegenheit aktiv zu bekämpfen. Neue Widerstandsorganisationen aufzubauen und Kontakte zu anderen Gruppen herzustellen, gelang jedoch nur in wenigen Fällen.

Viele Kommunisten hatte der Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes vom 23. August 1939 wie ein Schock getroffen. Ein großer Teil von ihnen wollte nun einen eigenen, von der Moskauer Führung unabhängigen Weg finden und sich neu orientieren. Erst der Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 und die Kenntnis von den nationalsozialistischen Gewaltverbrechen bewirkten eine neuerliche Verstärkung kommunistischer Widerstandsaktivitäten und eine Wiederannäherung an die Politik der Sowjetunion und der KPD-Führung.

Auch frühere KPD-Funktionäre, die 1939 und 1940 aus Konzentrationslagern und Zuchthäusern zurückkehrt waren, versuchten, neue Widerstandsgruppen aufzubauen. So entstanden um Robert Uhrig in Berlin, um Theodor Neubauer in Mitteldeutschland und um Bernhard Bästlein in Hamburg große Widerstandsorganisationen; eine weitere um Wilhelm Knöchel war im Ruhrgebiet aktiv. Später bildete sich in Berlin eine weit verzweigte kommunistische Widerstandsorganisation um Anton Saefkow und Franz Jacob. Sie verstand sich als Inlandsleitung der KPD und orientierte sich an den Zielen des 1943 von emigrierten Kommunisten und deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion gegründeten Nationalkomitees "Freies Deutschland".

Diese Organisationen, in denen auch Sozialdemokraten und Sozialisten mitwirkten, verbreiteten Flugblätter und selbstgefertigte Flugschriften. Vor allem aber versuchten sie, in den Betrieben ihre Basis auszubauen und sich auf die Zeit nach der Befreiung von der NS-Herrschaft vorzubereiten. Doch immer wieder schleuste die Gestapo Spitzel in die kommunistischen Gruppen ein und konnte sie so zerschlagen.

Einige sozialistische Gruppen wie die Revolutionären Sozialisten und der Internationale Sozialistische Kampfbund konnten ihre Widerstandsaktivitäten bis in die Kriegszeit fortsetzen. Sozialdemokratische Regimegegner festigten vor allem ihre Kontakte untereinander, ohne allerdings fest organisierte Gruppen aufzubauen. Ihr Ziel war es, nach einer deutschen militärischen Niederlage, die die Befreiung vom Nationalsozialismus bedeutete, politisch handlungsfähig zu sein.

Einzelne Sozialdemokraten und Gewerkschaftsführer standen in enger Verbindung mit den Berliner Widerstandskreisen um Carl Friedrich Goerdeler, Helmuth James Graf von Moltke und Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Im Sommer 1944 loteten Julius Leber und Adolf Reichwein, die neben Wilhelm Leuschner als Repräsentanten der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung galten, mit der Berliner Widerstandsorganisation um Anton Saefkow und Franz Jacob grundlegende Fragen der Zusammenarbeit aus.

All diese Gruppen stellten sich den täglichen Herausforderungen der illegalen Arbeit, indem sie sich gemeinsam auf die Grundlagen von Menschlichkeit und politischer Selbstbehauptung besannen. Oft setzten sie damit zugleich Zeichen für die Traditionen der Arbeiterbewegung, die sich in der Weimarer Zeit verhängnisvoll gespalten hatte und nun unter dem Druck der Kriegsverhältnisse verschüttet zu werden drohte.

Franz Jacob

Der 1906 in Hamburg geborene Maschinenschlosser Franz Jacob engagierte sich schon 1920 in der SPD-nahen Sozialistischen Arbeiterjugend, trat aber 1925 dem Kommunistischen Jugendverband und der KPD bei. 1932 war er für die KPD jüngstes Mitglied in der Hamburger Bürgerschaft. Mitte August 1933 wurde Jacob in Berlin festgenommen und nach der Verbüßung einer Zuchthausstrafe von 1936 bis 1940 im KZ Sachsenhausen festgehalten. Unmittelbar nach seiner Entlassung nahm er erneut Verbindung zu seinen politischen Freunden auf und gehörte bald zum Führungskern der Gruppe um Bernhard Bästlein.

Als im Oktober 1942 eine Festnahmeaktion in Hamburg begann, tauchte Franz Jacob in Berlin unter und baute ab 1943 mit Anton Saefkow eine neue Widerstandsorganisation auf, die sich am Nationalkomitee "Freies Deutschland" orientierte. Verbindungsleute gab es in zahlreichen Berliner Betrieben, in denen illegale Arbeitergruppen bestanden. Sie versuchten, Verbindungen zu anderen Widerstandsgruppen im Reich zu halten, Verfolgten mit Lebensmittelkarten oder Ausweisen zu helfen und Kontakt zu Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeitern herzustellen. Kleine und besonders zuverlässige "Kadergruppen" sollten eine angemessene Vorbereitung auf die Zeit nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft gewährleisten.

Gemeinsam mit Saefkow wurde Jacob Anfang Juli 1944 festgenommen, am 5. September 1944 durch den "Volksgerichtshof" zum Tode verurteilt und am 18. September 1944 in Brandenburg-Görden enthauptet.

Anton Saefkow

Der 1903 geborene Maschinenbauer Anton Saefkow schloss sich der sozialistischen Jugendbewegung an, trat 1920 dem Metallarbeiterverband bei und wurde bald einer der führenden Funktionäre des Kommunistischen Jugendverbandes in Berlin. 1924 trat er der KPD bei und war von 1928 bis 1933 Mitglied der KPD-Bezirksleitungen in Sachsen, im Ruhrgebiet und in Hamburg. Er wurde im April 1933 erstmals festgenommen und 1934 zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt.

Im Herbst 1941 stieß Saefkow zum Kreis um Robert Uhrig. Gemeinsam mit Franz Jacob baute er 1943 ein neues Netz unterschiedlicher illegaler Gruppen auf. Saefkow und seine Freunde hielten auch aktive Formen des Kampfes gegen das Regime für möglich: Durch Produktionssabotage wollten sie die Rüstungsanstrengungen schwächen. Verbindungen zu ausländischen Arbeitern sollten Voraussetzungen für individuelle Hilfe schaffen und der Bildung einer breiteren Basis im Kampf gegen das NS Regime dienen. Neben die "Kaderschulung" und die Bildung von Betriebsgruppen trat die Aufklärungsarbeit durch Flugblätter. Die Organisation um Saefkow bezeichnete sich dabei unter anderem als Berliner Ausschuss des Nationalkomitees "Freies Deutschland".

Anton Saefkow wurde am 4. Juli 1944 festgenommen und am 5. September 1944 mit Bernhard Bästlein und Franz Jacob zum Tode verurteilt. Wenige Tage später, am 18. September 1944, wurden sie gemeinsam in Brandenburg-Görden enthauptet.

Theodor Neubauer

1890 geboren, wuchs Theodor Neubauer als Sohn eines Gutsinspektors in einem konservativen Elternhaus auf. Er studierte Geschichte und neuere Fremdsprachen in Brüssel, Jena und Berlin. Nach der Promotion in Jena 1913 wurde er Lehrer, meldete sich zu Beginn des Ersten Weltkrieges freiwillig als Soldat und kehrte 1917 desillusioniert zurück, nachdem er an der Front eine Gasvergiftung erlitten hatte.

Nach der Novemberrevolution war er zunächst Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei, wechselte zur USPD (einer Abspaltung der SPD) und schloss sich mit deren linkem Flügel 1920 der KPD an. Von 1921 bis 1924 war Neubauer thüringischer Landtagsabgeordneter, 1923 auch Staatsrat in der Thüringer Arbeiterregierung. Von 1924 bis 1933 vertrat er die KPD im Reichstag und lebte seit 1930 in Berlin.

Neubauer wurde im August 1933 erstmals festgenommen und im Herbst 1934 zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Anschließend hielten ihn die Nationalsozialisten in verschiedenen Konzentrationslagern gefangen. Erst im Sommer 1939 wurde Neubauer entlassen und lebte seitdem bei seiner Familie in Tabarz (Thüringen). Zusammen mit Magnus Poser baute er Anfang 1942 eine weit verzweigte kommunistische Widerstandsgruppe auf. Im Juli 1944 wurde Theodor Neubauer festgenommen, im Januar 1945 zum Tode verurteilt und am 5. Februar 1945 in Brandenburg-Görden enthauptet.

Wilhelm Leuschner

Der 1890 geborene Holzbildhauer Wilhelm Leuschner war ab 1919 zunächst Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) Darmstadt und stieg 1926 zum Bezirkssekretär des ADGB für Waldeck, Hessen-Darmstadt, Hessen-Nassau, Rheinhessen und Saarland auf.

Der Sozialdemokrat war bis 1928 Stadtverordneter in Darmstadt, danach bis 1933 Abgeordneter im hessischen Landtag. Als hessischer Innenminister veröffentlichte er 1931 interne Papiere der Nationalsozialisten, die viele ihrer Gewaltpläne offenbarten. Im Januar 1933 ging er als Mitglied des ADGB-Bundesvorstandes nach Berlin. Nach der Zerschlagung der Gewerkschaften weigerte er sich, bei einem Treffen der Internationalen Arbeitsorganisation in Genf für die Anerkennung der nationalsozialistischen "Deutschen Arbeitsfront" zu sprechen.

Von 1933 bis 1934 von der Gestapo in Konzentrationslagern festgehalten, gründete Leuschner nach seiner Freilassung in Berlin eine Firma, in der viele Sozialdemokraten arbeiteten. Bei seinen Geschäftsreisen konnte er bis zuletzt mit zahlreichen Gesinnungsgenossen in ganz Deutschland Kontakt aufnehmen, auch mit der bürgerlichen Opposition.

Bei Kriegsausbruch 1939 wieder kurzzeitig inhaftiert, hielt Leuschner in den folgenden Jahren Kontakte zum Kreisauer Kreis und war intensiv an den Vorbereitungen für den Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 beteiligt. Für die Zeit nach dem Sturz Hitlers war er als Vizekanzler vorgesehen und sollte gemeinsam mit zwei anderen die neue Einheitsgewerkschaft führen. Nach dem gescheiterten Umsturzversuch wurde Leuschner festgenommen, vom „Volksgerichtshof“ zum Tode verurteilt und am 29. September 1944 in Berlin-Plötzensee erhängt.

Julius Leber

Julius Leber, 1891 geboren und in der Familie eines elsässischen Kleinbauern aufgewachsen, wurde nach dem Abschluss der Mittelschule Lehrling in einer Tapetenfabrik. Von 1910 bis 1912 konnte er mit einem Stipendium die Oberrealschule besuchen und anschließend Geschichte und Nationalökonomie (Volkswirtschaft) studieren. 1912 trat er der SPD bei. Er meldete sich 1914 freiwillig als Soldat, wurde Offizier und nahm 1920 noch als Leutnant an der Niederschlagung des Kapp-Putsches teil.

Leber war verheiratet mit Annedore Rosenthal, mit der er eine Tochter und einen Sohn hatte. Ab 1921 Chefredakteur des sozialdemokratischen "Lübecker Volksboten" wurde er 1924 für die SPD in den Reichstag gewählt, dem er als wehrpolitischer Fraktionssprecher bis 1933 angehörte.

1933 wurde Leber verhaftet und kam erst im Sommer 1937 aus dem KZ Sachsenhausen frei. Er fristete sein Leben in Berlin als selbstständiger Kohlenhändler, suchte jedoch bald wieder Verbindung zu seinen sozialdemokratischen Freunden und fand später zum Kreisauer Kreis. Im Sommer 1944 nahm er über Verbindungsleute Kontakt zu dem Kommunisten Franz Jacob auf, den er im KZ Sachsenhausen kennengelernt hatte und der zu den führenden Mitstreitern der Widerstandsorganisation um Anton Saefkow zählte.

Julius Leber, der nach den Plänen der Widerstandsgruppe des 20. Juli nach einem gelungenen Umsturz Reichskanzler oder Innenminister werden sollte, wurde am 5. Juli 1944 aufgrund der Denunziation eines Gestapo-Spitzels festgenommen, am 20. Oktober 1944 durch den "Volksgerichtshof" zum Tode verurteilt und am 5. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee erhängt.

Johanna Kirchner

Die 1889 geborene Johanna Stunz, verheiratete Kirchner, gehörte seit dem 14. Lebensjahr der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ), dann der SPD an und arbeitete für die "Arbeiterwohlfahrt" und als Zeitungskorrespondentin auf Partei- und Gewerkschaftskongressen.

Als 1933 ein Haftbefehl gegen sie erlassen wurde, befand sie sich auf einer Reise in die Schweiz, um für andere Verfolgte des NS-Regimes Fluchthilfe zu organisieren. Sie emigrierte zunächst ins Saargebiet, beteiligte sich an den Vorbereitungen zur Saarabstimmung und musste, nachdem das Gebiet danach dem Deutschen Reich angegliedert worden war, im Januar 1935 weiterflüchten.

Im französischen Forbach, nahe der deutschen Grenze, blieb sie mit dem Kampf der deutschen Hitlergegner eng verbunden und stand mit kommunistischen Gruppen in Kontakt. Sie wurde 1937 Mitglied des in Straßburg gegründeten Hilfskomitees für die Saar-Pfalz, das in Frankreich deutsche Emigranten aus dieser Region betreute.

Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde Johanna Kirchner auf Erlass der französischen Regierung interniert. Obwohl es zunächst gelang, sie mit Hilfe französischer Freunde aus dem Lager Gurs zu befreien, wurde sie später von der Vichy-Regierung an Deutschland ausgeliefert. Seit dem 9. Juni 1942 in Deutschland Gestapo-Vernehmungen ausgesetzt, verurteilte sie der "Volksgerichtshof" im Mai 1943 zu zehn Jahren Zuchthaus und in einem Wiederaufnahmeverfahren am 21. April 1944 zum Tode. Johanna Kirchner wurde am 9. Juni 1944 in Berlin-Plötzensee enthauptet.


Die Europäische Union



In den ersten Kriegsjahren fanden sich in Berlin Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft zusammen, die den Verbrechen des NS-Regimes nicht länger tatenlos zusehen wollten. Sie standen in Kontakt mit verschiedenen sozialistischen und kommunistischen Widerstandsgruppen, ohne jedoch enger mit diesen zusammenzuarbeiten. Georg Groscurth, Arzt und Dozent an der Berliner Universität, und sein Freund, der Chemikophysiker Robert Havemann, versuchten gemeinsam mit dem Architekten Herbert Richter und dem Dentisten Paul Rentsch immer wieder, verfolgten Menschen zu helfen. Mit einem Netz von Verbündeten, die Lebensmittelmarken sammelten, Papiere besorgten und Informationen beschafften, unterstützten sie illegal lebende jüdische Freunde.

Groscurth half Soldaten, sich als front- oder dienstuntauglich dem Kriegsdienst zu entziehen. Gemeinsam mit Havemann war er zudem seit Ende der 1930er-Jahre an Forschungen über Kampfgase beteiligt, die sie sabotierten und so ergebnislos in die Länge zogen. 1943 gelang es ihnen, mit Hilfe des Exil-Russen Konstantin Shadkewitsch Kontakt zu verschiedenen Gruppen von Zwangsarbeitern aufzunehmen, die nach Deutschland verschleppt worden waren. Sie unterstützten deren Versuche, Widerstandorganisationen aufzubauen, indem sie Kontakte vermittelten und die Verbindungen zwischen den verschiedenen Gruppen aufrechterhielten. Im Sommer 1943 verfassten Havemann, Groscurth, Richter und Rentsch mehrere programmatische Texte. Sie gaben ihrer Gruppe den Namen "Europäische Union" und wollten damit ausdrücken, dass sie die Widerstandsaktivitäten der aus vielen europäischen Nationen stammenden Zwangsarbeiter unterstützten. Im Kampf gegen das NS-Regime sahen sie die Grundlage für eine gesamteuropäische sozialistische Nachkriegsordnung.

Die meisten Mitglieder der Europäischen Union wurden im Spätsommer 1943 von der Gestapo festgenommen. Die Gruppe galt den Nationalsozialisten als besonders gefährlich, weil sie sich aus angesehenen Intellektuellen und Angehörigen verschiedener Nationen zusammensetzte. 1943/44 wurden gegen 16 Angeklagte Todesurteile verhängt. Andere verloren ihr Leben schon in der Voruntersuchung, wurden in den Gaskammern des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau ermordet, starben nach ihrer Verurteilung zu Haftstrafen im Gefängnis oder unmittelbar nach der Befreiung an den Folgen der Haft.

Quellentext

Wenn wir das alles einmal bezahlen müssen!

"Wenn ich auf die Welt blicke, die wir verkörpern und auf all die Männer, mit denen ich das Glück habe befreundet oder verbündet zu sein, wenn ich weiter sehe auf meine politischen Führer im Reich, auf meine Reichsleiter, Gauleiter, Reichsstatthalter, Generalgouverneure, die Feldmarschälle und Admirale und Generalobersten, dann sehe ich mit stärkster Zuversicht in die Zukunft."

So sprach Hitler am 26. April vor seinem sogenannten Reichstag. Besser konnte er sein Regime nicht charakterisieren. Die Welt, die er mit seiner Bande verkörpert, das ist der endlose und opferreiche Krieg, ist eine Welt der Massengräber, des Hungers, der absoluten Verelendung des Volkes. Seine Welt, das ist die Welt der 200 Plutokratenfamilien, denen die großen Konzerne und Monopole gehören; seine Welt ist die Welt der Schieber und Großverdiener, die Welt der Gangster, Volksbetrüger und Volksverderber. Seine Welt ist die Welt von Blut, Schweiß und Tränen, ist die Welt der Konzentrationslager, der Galgen, des Henkerbeils und der Geiselerschießungen.

Seine Herrschaft, die er so gern als Volksherrschaft auszugeben versucht, ist nichts anderes, als die brutalste Herrschaft der Plutokraten und der Hierarchie der NSDAP, der Gau- und Reichsleiter, der Reichsstatthalter und Reichskommissare, der Generalität und der ganzen Bande von Nutznießern des Krieges. In dem oben zitierten Ausspruch hat Hitler unserem Volke klar und deutlich den wahren und einzigen Feind Deutschlands gezeigt. Diese Bande von Ausbeutern, Emporkömmlingen und Nutznießern des brutalen imperialistischen Eroberungskrieges missbraucht den Namen Deutschlands und schändet den Ruf unseres Volkes mit unzähligen, grausamen Verbrechen. All ihre Handlungen, die sie in Deutschland und in fremden Ländern begehen, sind Faustschläge in das Gesicht unseres Volkes. […]

Im Namen unseres Volkes wurden und werden tausende russische Kriegsgefangene blindwütig erschossen, weitere tausende werden in einen grässlichen Hungertod getrieben.

Im Namen unseres Volkes werden die Kriegsgefangenen aller unterjochten Nationen völlig rechtswidrig in die Kanonen- und Munitionsfabriken zur Herstellung von Hitlers Mordwaffen gezwungen. 2 Mill. Arbeiter der geknechteten Völker werden mit allen Mitteln in die deutschen Rüstungsfabriken gepresst. Sie, die Zivil- und Kriegsgefangenen müssen in Deutschland Waffen und Munition erzeugen, die in diesem verfluchten Hitlerkrieg gegen ihre eigenen Völker verwendet werden. […]

So gemein und niederträchtig all die Schandtaten in den besetzten Westgebieten, auf dem Balkan und in Polen sind, so ist all das, was in diesen Ländern an tierischer Gemeinheit kursiert, unvergleichbar mit den beispiellosen Greueltaten, die in unserem Namen im zeitweise besetzten Teil der Sowjetunion verübt werden. […]

Auch unser Volk hat schon einiges über die grausamen Verbrechen der hitlerischen Soldateska vernommen. Aber noch sträubte es sich, an eine solche Verkommenheit deutscher Truppenverbände zu glauben. Es wollte nicht wahrhaben, dass seine Männer und Söhne von den Hitlerbestien zu solchen Scheußlichkeiten missbraucht werden. Es ließ sich immer wieder von Göbbels einreden, dass die objektiven Berichte aus dem besetzten Sowjetgebiet lügnerische Feindpropaganda seien. Wir sind heute in der Lage auch diesen Schwindel über die angebliche Feindpropaganda zu entlarven. Wir sind in den Besitz einer Anzahl Originalfotos gekommen, die von anständigen und ehrlichen deutschen Soldaten in der Ukraine aufgenommen wurden. Diese Fotos geben einen Einblick in die verbrecherischen und bestialischen Greueltaten des hitlerischen Militarismus in den besetzten Sowjetgebieten. […]

Und doch drohte uns das Blut in den Adern zu erstarren bei der Durchsicht der uns übergebenen Bilder. Kinder, Frauen und Greise werden ohne Prozess unschuldig auf das bestialischste hingeschlachtet. Dörfer und Städte werden verbrannt und verwüstet. Die Zivilbevölkerung wird all ihrer Lebensmittel und Kleidungsstücke beraubt. Eine tiefe Schamröte stieg uns ins Gesicht und voll banger Sorge fragten wir uns: "Was soll aus Deutschland werden, wenn unser Volk einmal für all die Grausamkeiten und Bestialitäten, die in seinem Namen von den Nazihenkern begangen werden, büßen müsste." […]

Es fällt uns nicht leicht, das alles hier niederzuschreiben, geschieht das alles doch im Namen Deutschlands, wissen wir doch, dass unser Volk noch nicht in ganzem Umfang auch ahnt, welch ungeheuere Blutschuld das Hitlerregime ihm aufgewälzt hat. Aber unsere Pflicht als Deutsche, die wir unser Volk und Heimat aus tiefster Seele lieben, zwingt uns dazu, ungeschminkt die Wahrheit zu sagen, damit unser ganzes Volk erkennen kann, was die Hitlerbande alles in seinem Namen tut, zu welch scheußlichen Verbrechen es missbraucht wird.

Wir wollen nicht, dass am Ende des Krieges, das Todesurteil, das die unterjochten Völker über Hitler und sein Regime gefällt haben, auch an unserm Volk und an unserer deutschen Heimat vollstreckt wird.

Der verbrecherisch von Hitler und seiner Bande vom Zaun gebrochene Zweite Weltkrieg ist für Deutschland bereits verloren. Das muss jeder Deutsche heute begreifen. Hitlers Ende rückt unvermeidlich näher und wir wollen nicht, dass es ihm gelingt, unser Volk mit in den Abgrund zu reißen. Solange noch ein Tropfen Blut in unsern Adern fliesst, werden wir dagegen kämpfen, dass Hitler unser Volk zu seinem Komplizen machen kann.

Deutschland kann nur noch gerettet werden, wenn unser Volk selbst ganz klare Fronten schafft. Hier Hitler mit seiner Räuberbande, dort unser großes deutsches Volk im Bündnis mit den unterjochten Völkern. […]

Sonderausgabe der illegalen Flugschrift "Der Friedenskämpfer" vom Juni 1942, verfasst von der kommunistischen Widerstandsgruppe um Wilhelm Knöchel und im Ruhrgebiet verbreitet, Landesarchiv NRW



Die Widerstandsgruppe um Herbert Baum



Die Widerstandsorganisation um Herbert Baum und seine Frau Marianne bestand aus jungen Menschen, die dem Kommunismus nahe standen und durch ihre gemeinsamen Erfahrungen als verfolgte Juden geprägt waren. Deshalb werden Herbert Baum und seine Mitkämpfer häufig als jüdische Widerstandsgruppe bezeichnet oder als Kreis einer gegen das NS-Regime gerichteten Jugendopposition gedeutet. Sie selbst verstanden sich aber stets als Angehörige der kommunistischen Widerstandsbewegung.

Die Mitglieder der Gruppe kannten sich teilweise bereits seit dem Ende der Weimarer Republik und hatten schon früh erste Erfahrungen im Widerstand gegen das NS-Regime gesammelt. 1938/39 fanden sich einige der jüdischen Freunde von Herbert Baum erneut zusammen. Sie versuchten unabhängig von anderen kommunistischen Berliner Widerstandsgruppen, eigenständige Formen des Protests und des Widerstands zu entwickeln.

Seit dem Überfall deutscher Truppen auf die Sowjetunion im Sommer 1941 verbreiteten sie Flugblätter, um so auf das Unrecht und die gefährlichen Folgen des Krieges aufmerksam zu machen. Ihre spektakulärste Aktion war ein Brandanschlag auf die Propagandaausstellung "Das Sowjetparadies" im Berliner Lustgarten am 17. Mai 1942. Herbert Baum und seine Freunde, die besondere Sympathie für die Bevölkerung der Sowjetunion empfanden, wandten sich mit ihrer Tat vor allem gegen deren Verunglimpfung als "slawische Untermenschen" und gegen die Verbindung von antijüdischer und antikommunistischer Propaganda.

Binnen weniger Tage wurden sie verhaftet, vermutlich nach einer Denunziation. Drei der Festgenommenen, neben Herbert Baum Walter Bernecker und Elfriede Schaumann, begingen in der Untersuchungshaft Selbstmord. Insgesamt fielen mehr als 20 Menschen aus den Kreisen um Herbert Baum der nationalsozialistischen Verfolgung zum Opfer.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 Pfeil rechts
Alles auf einer Seite lesen