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Kultur und Kulturpolitik in Polen nach 1989


2.8.2011
Nach 1989 wurden die Künstler frei von staatlicher Bevormundung, sahen sich aber auch stärker den Unwägbarkeiten des Marktes ausgesetzt. In den Großstädten gedeihen neben innovativen Kunstszenen die kommerziellen Angebote.

Skluptur des polnischen Künstlers Igor Mitoraj in Krakau.Skluptur des polnischen Künstlers Igor Mitoraj in Krakau. (© AP)

Umbruch und Transformation: die neue Kulturpolitik



Parallel zu dem seit Herbst 1989 einsetzenden Umbruch zeichnete sich eine lebhafte Diskussion über die Ausgestaltung einer pluralistisch ausgerichteten Kulturpolitik ab. Die Erfahrungen mit der "Kulturpolitik" im sozialistischen Polen, in dem Kunst und Kultur im Wesentlichen als Dienstleistung für die Durchsetzung des Marxismus-Leninismus bewertet worden waren, beeinflussten die Bemühungen um eine Neugestaltung. Dabei ging es um die Demokratisierung des kulturellen Lebens, vor allem um die Förderung aller Minderheitenkulturen in der Republik Polen, die Bewahrung der Bürgerrechte und der religiösen Freiheit, die Schaffung einer pluralistischen Kulturpolitik, die als Wirtschaftsfaktor in die kommunalen Haushalte integriert werden sollte, und den internationalen Austausch von Kulturgütern. Solche an die programmatischen Forderungen der UNESCO angelehnten Zielvorstellungen zeichneten sich in den Parteiprogrammen zu den ersten freien Wahlen nach 1989 ab. Allerdings erwies sich deren Umsetzung als schwierig. Drei grundsätzliche Ursachen kristallisierten sich als Hemmnisfaktoren heraus und sorgten für Verzögerungen:
  • Der von der Vereinigten Polnischen Arbeiterpartei (PZPR) manipulierte Begriff der "Kulturpolitik" wurde von den meisten entstehenden Parteien mit diffusen Zielsetzungen und Inhalten besetzt.
  • Die kulturpolitischen Programme der ersten Koalitionsregierungen erlaubten keine konstruktive Verarbeitung grundlegender kulturpolitischer Überlegungen.
  • Die als Erbe des kommunistischen Regimes übernomme-nen immensen Staatsschulden und die schwache Effizienz der Wirtschaft zwangen den Sejm und die oft wechselnden Regierungen Anfang der 1990er Jahre zu einer Absenkung des prozentualen Kulturanteils im Staatshaushalt auf etwa ein Prozent (1991) und im Jahr 1993 auf 0,76 Prozent. Erst die allmähliche Aufstockung der Grundfinanzierung für den Kulturhaushalt zwischen 2001 und 2008 um etwa 45 Prozent, was einer Steigerung von 938 Millionen Zloty auf 1,487 Milliarden Zloty entsprach, führte zu einer gewissen Entspannung der Haushaltslage.
Gegenwärtig sind rund 0,5 Prozent aller Ausgaben im Staatshaushalt pro Jahr für Kultur vorgesehen. Im Vergleich dazu erweist sich in Deutschland der Kulturanteil an den Haushalten in Bund und Ländern mit 1,9 Prozent (2009) bzw. einem Betrag von rund 1,1 Milliarden Euro als weitaus höher. Allerdings fließt in Polen neben der staatlichen Förderung ein nicht spezifizierbarer Betrag zusätzlich in die Finanzierung des Kulturbetriebes: von Seiten öffentlicher und privater Stiftungen, staatlicher und transnationaler Fonds sowie aufgrund der Dezentralisierung der institutionellen Kulturförderung. Zwanzig Jahre nach dem politischen Umbruch zeichnen sich in diesem Bereich größere Ungleichheiten ab: Die Haushalte in den Großstädten weisen die höchsten Ausgaben pro Kopf auf, während die Kultureinrichtungen in den mittelgroßen Städten (50000 bis 100000 Einwohner) erheblich unterfinanziert sind. Nur rund 60 Prozent aller Ausgaben werden subventioniert. Deshalb setzen die kommunalen Selbstverwaltungseinrichtungen seit 2000 immer mehr auf die Zusammenarbeit mit NGOs (Non-Governmental Organizations, dt.: Nichtregierungsorganisationen), deren Leistungen auf der Grundlage von nationalen Kulturfonds, transnational funktionierenden Kulturgesellschaften und des persönlichen, meist unterbezahlten Engagements ihrer Mitglieder erbracht werden.

Finanzielle Förderung und Kooperation

Das Ministerium für Kultur und Nationales Erbe (bis 1999 Ministerium für Kultur und Kunst) hat sich seit Beginn der 1990er Jahre aus der unmittelbaren Lenkung von Kultur zurückgezogen. Es ist in finanzieller Hinsicht nur noch verantwortlich für die allerwichtigsten Kulturinstitutionen auf nationaler Ebene und für die Zusammenarbeit mit den Institutionen der kulturellen Selbstverwaltung in den Kommunen. Im Zusammenhang mit der institutionellen Transformation wurden auch die Finanzmittel von der zentralen auf die lokale Ebene umverteilt. Die Finanzierung von Kultur in den Selbstverwaltungen der Gemeinden erfolgt nunmehr durch eigene Budgets und durch staatliche Mittel.

Seit Mitte der 1990er Jahre zeichnete sich ein markanter Wandel ab: Schon im Haushaltsjahr 1996 übertrafen die Ausgaben der polnischen Gemeinden im Bereich der Kultur mit 51 Prozent die staatlichen Budgetmittel zum ersten Mal. Seit dem 1. Januar 1999 setzte eine weitergehende Dezentralisierung ein: Aufgaben, die das Ministerium und die Kulturabteilungen in den 16 Woiwodschaften ausgeübt hatten, wurden von den Selbstverwaltungsorganen in den Gemeinden übernommen. Sie entwickelten je nach regionalen Bedürfnissen unterschiedliche kulturpolitische Aufgabenstellungen: In den östlichen Woiwodschaften und in Kleinstädten ging es um die Durchsetzung zivilgesellschaftlicher Rahmenbedingungen (Einübung elementarer demokratischer Grundregeln); wirtschaftliches Wachstum stand im Mittelpunkt der Kulturpolitik in den südöstlichen Regionen; der sozioökonomische Rekonstruktionsfaktor bildete das wesentliche Strukturelement in den oberschlesischen Kommunen, während die Förderung regionaler Identität in der Woiwodschaft Wroclaw/Breslau im Vordergrund aller Bemü- hungen stand. Für die sechs polnischen Großstädte Warszawa, Poznan, Wroclaw, Kraków, Lublin und Gdansk ging es um die Absicherung des hohen kulturellen Niveaus ihrer Infrastrukturen, die mittelpolnische Großstadt ?ódz´ hingegen strebte, einschließlich ihrer gleichnamigen Woiwodschaft, seit Beginn der 1990er Jahre eine strukturelle Integration an, von der vor allem ihre Kulturpolitik profitieren sollte. Ungeachtet der Vielfalt an kulturpolitischen Strategien zeichnete sich jedoch ein Mangel an Kooperation und Koordinierung sowohl in der Konzeptionsphase als auch bei der konkreten Umsetzung ab. Dies galt auch für die uneinheitliche und unklar ausformulierte Kulturpolitik von Seiten des Staates.

Auf der Ebene der kommunalen Selbstverwaltungen haben sich deshalb – auch mit Blick auf westeuropäische kulturpolitische Erfahrungen – vielfältige, pragmatisch begründete Modelle herausgebildet. Dazu gehört die Transformation von Kulturinstitutionen in Körperschaften, die von Sponsoren gefördert werden, gemeinsame institutionelle Aktivitäten von Galerien und Theatern oder die funktionale Einbeziehung von lokalen politischen Autoritäten in den Transformationsprozess von Kultureinrichtungen, die von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppierungen und Fachkreisen genutzt werden. In besonders finanzschwachen Regionen übernehmen sogenannte QUANGOs, Quasi-non-Governmental Organizations, oft Teilbereiche der Kulturförderung, indem sie Kulturprogramme entwickeln und umsetzen. Sie verbinden ihr kulturpolitisches Engagement mit der Forderung nach Erhöhung des prozentualen Anteils für Kulturförderung im Staatshaushalt auf ein Prozent, wie zum Beispiel die Organisation "Kulturbürger".

Einen großen Anteil an der Förderung von Kultur im Austausch mit benachbarten Ländern haben auch die Deutsch-Polnischen Gesellschaften. Auf der Grundlage der deutsch-polnischen Verträge über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit vom 14. November 1990 und 17. Juni 1991 kam es in den vergangenen 20 Jahren zu einem intensiven Ausbau kultureller Beziehungen. Neben den Beziehungen auf der höchsten staatlichen Ebene und den Verträgen zwischen Bundesländern und Woiwodschaften auf der mittleren Ebene entfalteten sich auf der untersten Ebene besonders produktive Kontakte: Schulen, künstlerische Institutionen und Verbände organisieren den direkten Austausch von Ausstellungen, Film-, Musik- und Theaterproduktionen wie auch die gegenseitige Beteiligung an Festivals. Vor allem nach dem Beitritt Polens zur Europäischen Union hat die bilaterale Vernetzung der kulturellen Beziehungen dazu beigetragen, das deutsch-polnische Verhältnis zu verbessern.



 

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