Ausdruck von Stolz und Hoffnung: Eine Wandmalerei im libyschen Tripolis, aufgenommen am 16. März 2012, zeigt Läufer mit den Flaggen Libyens, Ägyptens und Tunesiens. Sie bringen die „Flamme der Freiheit“ auf ausgestreckte Arme zu, die nach der Beschriftung Syrien und den Jemen versinnbildlichen.
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Entwicklung und Struktur der Wirtschaft


13.12.2016
Die Wirtschaftsstruktur der Länder des Nahen Ostens unterscheidet sich in vielen Bereichen von der Ökonomie europäischer Staaten. Neben historischen Besonderheiten bei der Staats- und Gesellschaftsentwicklung, unterschiedlichen Entwicklungspfaden nach dem Zweiten Weltkrieg und der Rolle des Tourismus spielen dabei die Einnahmen aus dem Export von Erdöl eine wichtige Rolle.

In der Kolonialzeit bis in das 20. Jahrhundert hinein sind der Nahe Osten und Nordafrika vornehmlich durch den Export von landwirtschaftlichen Rohstoffen in das Weltwirtschaftssystem
eingebunden. Ägypten exportiert unter anderem Zuckerrohr. Auf einem Markt in Ägypten bieten Bauern 1929 ihre Zuckerrohrernte an.In der Kolonialzeit bis in das 20. Jahrhundert hinein sind der Nahe Osten und Nordafrika vornehmlich durch den Export von landwirtschaftlichen Rohstoffen in das Weltwirtschaftssystem eingebunden. Ägypten exportiert unter anderem Zuckerrohr. Auf einem Markt in Ägypten bieten Bauern 1929 ihre Zuckerrohrernte an. (© ullstein bild – A. & E. Frankl)

Bis weit in das 17. Jahrhundert hinein war im Nahen Osten eine wirtschaftliche Organisationsform üblich, die als "tributgebundene Produktionsweise" bezeichnet wird. Tributgebunden deswegen, weil die Bauern oder Kaufleute dabei Abgaben (Tribute) an den Herrscher bzw. den Staat leisten mussten. Dieser kontrollierte die Wirtschaftsprozesse mithilfe einer umfassenden Bürokratie und überließ das meiste agrarisch genutzte Land Pächtern zur Bewirtschaftung gegen eine Gebühr, die Militärbeamte für den jeweiligen Landesherren einzogen. In diesem System konnte daher weder eine Schicht von Großgrundbesitzern entstehen noch eine unabhängig vom Staat existierende Schicht von Unternehmern. Interne Finanzprobleme, verursacht vor allem durch steigende Kosten für die Kriegsführung bei zurückgehenden Einnahmen, und die Expansion des europäischen Imperialismus höhlten diese tributgebundene Produktionsweise bis Ende des 18. Jahrhunderts aus und führten letztendlich am Ende des 19. Jahrhunderts zu deren Zusammenbruch.
Die Einbindung des Nahen Ostens in das kapitalistische Weltwirtschaftssystem erfolgte in den drei Subregionen des Nahen Ostens zu unterschiedlichen Zeiten und aus verschiedenen Gründen:
  • Im geografischen Zentrum (der heutigen Türkei, den östlichen Mittelmeeranrainern und Ägypten) dominierten seit Beginn des 19. Jahrhunderts der Anbau landwirtschaftlicher Produkte für den Export nach Europa und der Import europäischer Industriewaren.
  • Im Maghreb, dem westlichen Teil Nordafrikas, kam es im Kontext des Konkurrenzkampfes der imperialistischen Großmächte (zunächst zwischen Frankreich und Großbritannien, später zwischen Frankreich und Deutschland) zu einer ersten wirtschaftlichen Einbindung. Als sich hier um die Wende zum 20. Jahrhundert französische – in Libyen italienische – Siedlerkolonien bildeten, intensivierte sich auch die landwirtschaftliche Nutzung. Der Export von Agrarprodukten bewirkte eine weiter zunehmende Integration in die Weltwirtschaft.
  • Die Golfregion wurde zunächst allein aus politisch-strategischen Interessen Großbritanniens (Pax Britannica) und erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts, nach der beginnenden Erdölförderung, auch aus ökonomischen Gründen in die Weltwirtschaft eingebunden.
Die tributgebundene Produktionsweise und die Durchdringung durch den europäischen Imperialismus verhinderten, dass neben der traditionellen Kaufmannschaft – dem Basar – eine Unternehmerschicht und damit auch eine Arbeiterklasse entstanden. Erst ab den 1920er-Jahren trat in Ägypten im Umfeld der Bank Misr und unter Führung des Bankiers Tal’at Harb ein kleine Gruppe einheimischer Unternehmer hervor. Zuvor hatte sich Mohammed Ali (1805–1848 ägyptischer Vizekönig und osmanischer Pascha) an einer frühen Industrialisierung des Landes versucht.

Importsubstitution und Strukturreform



Da sich in der Türkei bereits 1923 ein vom europäischen Imperialismus unabhängiger Staat gründete, setzte die türkische Industrialisierung etwa 20 Jahre früher ein als im Rest des Nahen Ostens. Dort begann der Aufbau moderner industrieller Sektoren erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Dabei lassen sich vier verschiedene Entwicklungspfade unterscheiden:
  • In einer "Revolution von oben" führten die Republiken Ägypten, Algerien, Irak, Syrien, Türkei und Tunesien eine staatliche Strategie der Importsubstitution durch, das heißt, dass die Eigenproduktion Auslandsimporte zunehmend ersetzen sollte, um die heimische Wirtschaft von den (westlichen) Wareneinfuhren unabhängig zu machen. Dazu wurden in ausländischem Besitz befindliche Unternehmen verstaatlicht und schlüsselfertige Industriekomplexe aufgebaut. Der Binnenmarkt wurde fast vollständig von der staatlichen Bürokratie kontrolliert, sie legte sämtliche Preise, Produktionsquoten und die Höhe der den Unternehmen gewährten Kredite fest. Gleichzeitig wurden die Importe von ausländischen Produkten durch die Einführung von hohen Zöllen eingeschränkt, um den heimischen Markt nach außen abzuschotten.
  • Auch die relativ ressourcenarmen Monarchien Marokko und Jordanien stießen eine Importsubstitution an, allerdings gemeinsam mit den einheimischen Unternehmern des Privatsektors. Schutzzölle sorgten hier ebenfalls für eine Abschottung nach außen, die vor allem die neu entstehenden Industriesektoren vor ausländischer Konkurrenz bewahren sollte. Der Binnenmarkt wurde nur teilweise kontrolliert.
  • In den Golfmonarchien entstand eine staatlich gelenkte Wirtschaftspolitik, die auf den Einnahmen aus Ölexporten basierte und im Wesentlichen die Aufgabe hatte, diese Einnahmen an die Gesellschaft und die einheimischen Unternehmer des Privatsektors zu verteilen. Im Gegensatz zur Importsubstitution im übrigen Nahen Osten existierten hier aufgrund des Ölreichtums niedrige Außenwirtschaftsbarrieren, es wurden unbegrenzt Waren aus der industrialisierten Welt eingeführt. Investitionen gingen vor allem in die Infrastruktur, den Bau- und Dienstleistungssektor und teilweise in die Landwirtschaft. Eine Industrialisierung im engeren Sinne konzentrierte sich in dieser Phase weitgehend auf die Förderung und Weiterverarbeitung von Erdöl und später Erdgas.
  • Der vierte und letzte Pfad wurde ausschließlich von Israel beschritten. Dort entwickelte sich, vollständig getrennt von den restlichen Ländern des Nahen Ostens, ein Wirtschaftssystem, das in vielen Aspekten vergleichbar mit dem Europas ist. Es basierte zwar ebenfalls auf staatlicher Kontrolle, auf Importsubstitution und hohen Außenhandelsbarrieren. Dazu kamen jedoch von Beginn an eine systematische Förderung der Landwirtschaft, die gezielte staatliche Unterstützung von Exportsektoren – zunächst landwirtschaftliche Produkte und Textilien – sowie seit den 1970er-Jahren eine zunehmende Spezialisierung auf Hochtechnologie und ein selektiver Abbau der Außenhandelsbarrieren. Dieses Alleinstellungsmerkmal beruhte maßgeblich auf der Einwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte aus Europa und später den USA sowie auf gezielten Investitionen aus dem Ausland.
Alle Länder der Region erreichten zwischen den 1950er- und 1970er-Jahren sehr hohe wirtschaftliche Wachstumsraten und vollbrachten erstaunliche wirtschaftliche Leistungen, so zum Beispiel den Bau des Assuan-Hochdamms in Ägypten 1970 oder den Aufbau von schwerindustriellen Komplexen wie Stahl- und Zementwerken oder Raffinerien. Zwischen dem Ende der 1970er- und der Mitte der 1980er-Jahre brachten jedoch interne und externe Faktoren die wirtschaftliche Dynamik in den importsubstituierenden Ländern zum Erliegen: Zunächst litt die einheimische Wirtschaft unter einer ineffizienten Organisation der Binnenmärkte durch die vom Staat festgelegten Preise und Produktionsmengen. Dadurch sanken die Staatseinnahmen, und es kam zur Verschuldung durch die Kreditaufnahme bei nationalen und internationalen Banken. Diese Verschuldung wuchs, als das internationale Währungssystem fester Wechselkurse, das sogenannte Bretton-Woods-System, zusammenbrach und die internationalen Zinsen sich stark erhöhten. Viele Staaten konnten deswegen keine neuen Kredite aufnehmen oder waren nicht in der Lage, bestehende Kredite zurückzuzahlen.

Außer den kleinen Golfstaaten und Saudi-Arabien, die durch den einträglichen Export von Erdöl über ausreichend eigene finanzielle Mittel verfügten, sowie Irak und Syrien, die zusätzlich politische Vorbehalte hemmten, waren alle Länder seit Anfang der 1980er-Jahre auf die Hilfe externer Akteure angewiesen. Der IWF und die Weltbank waren dazu bereit, machten die Gewährung von Krediten allerdings von einer Strukturreform abhängig. Diese Strukturanpassung, exemplarisch zusammengefasst im sogenannten Washington Consensus, verlangte, dass der Staat die Kontrolle der Binnenmärkte reduzierte, Staatsunternehmen und staatliche Dienstleistungen, zum Beispiel Wasser- und Energieversorgung, privatisierte, Außenhandelsbarrieren abbaute sowie das Besteuerungssystem verbesserte. In den meisten Ländern führten diese Maßnahmen zunächst zu weiteren Problemen wie einer hohen Arbeitslosigkeit und dem Abbau sozialstaatlicher Leistungen. Erst in den 1990er-Jahren gab es wieder eine Phase ökonomischen Wachstums, die diesmal vor allem vom Privatsektor getragen war. Doch das größte der ökonomischen Probleme, die hohe Arbeitslosigkeit, ließ sich damit nicht beseitigen.