Ausdruck von Stolz und Hoffnung: Eine Wandmalerei im libyschen Tripolis, aufgenommen am 16. März 2012, zeigt Läufer mit den Flaggen Libyens, Ägyptens und Tunesiens. Sie bringen die „Flamme der Freiheit“ auf ausgestreckte Arme zu, die nach der Beschriftung Syrien und den Jemen versinnbildlichen.
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Gesellschaftliche Herausforderungen


13.12.2016
Die sozioökonomische Entwicklung im Nahen Osten hat Auswirkungen auf nahezu alle Lebensbereiche. Von besonderer Bedeutung für die Region sind die Themen demografische Entwicklung, Bildungsmisere, Jugendarbeitslosigkeit, Stadt-Land-Gegensatz, Wasserversorgung und Umweltpolitik sowie die Rolle der Frau.

Junge Libanesen bei einem Tanz in den Straßen von Beirut anlässlich eines Musikfestes am 21. Juni 2016. Die Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas haben einen hohen
Anteil junger Menschen. Sie brauchen Ausbildung, Arbeit und ein Auskommen, um selbstständig zu werden und eine Familie gründen zu können.Junge Libanesen bei einem Tanz in den Straßen von Beirut anlässlich eines Musikfestes am 21. Juni 2016. Die Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas haben einen hohen Anteil junger Menschen. Sie brauchen Ausbildung, Arbeit und ein Auskommen, um selbstständig zu werden und eine Familie gründen zu können. (© PATRICK BAZ / AFP / Getty Images)

Alters- und Bevölkerungsstruktur



In vielen Staaten des Nahen Ostens sind mehr als 60 Prozent der Bevölkerung unter 30 Jahre alt. Diese junge Bevölkerung stellt die Staaten vor große Herausforderungen. Sie müssen die öffentliche Infrastruktur der stetig wachsenden Bevölkerung anpassen und somit mehr Kindergärten, Schulen und Universitäten finanzieren. Aufgrund des hohen Anteils der Nicht-Erwerbsfähigen an der Gesamtbevölkerung fehlt es jedoch an Steuereinnahmen, die zum Ausbau und zur Bereitstellung der öffentlichen Infrastruktur benötigt werden. In den nahöstlichen Ländern ohne hohe Einnahmen aus Ölexporten verschärft die hohe Jugendarbeitslosigkeit das staatliche Finanzierungsproblem weiter. Im Zeitverlauf werden zahlenmäßig mehr Jugendliche das Erwachsenalter erreichen, als sich heute im Erwachsenenalter befinden: Sie werden auf den Arbeitsmarkt drängen und mehr Kinder auf die Welt bringen können, als dies momentan der Fall ist. Dieser Bevölkerungsanstieg zieht soziale, ökonomische, ökologische und damit politische Herausforderungen nach sich. Zukunftsszenarien sagen Konflikte um die begrenzte Ressource Wasser, einen zunehmenden Klimawandel und fortdauernde Landflucht der Jugend voraus. Negative Auswirkungen auf die Nahrungsmittelsicherheit und die Versorgung der älteren Bevölkerung wären die Folgen.

Das Bevölkerungswachstum währt bereits seit Jahrzehnten. Ausschlaggebend war eine hohe Geburtenrate in den 1960er- und 1970er-Jahren von durchschnittlich sieben Kindern pro Frau. Gleichzeitig ging die Kindersterblichkeit im Zuge verbesserter medizinischer Versorgung zurück, Krankheiten wie Cholera und Typhus waren weitgehend ausgerottet und der Lebensstandard stieg. Erst ab Anfang der 1980er-Jahre setzte ein allmählicher Rückgang der Geburtenzahlen ein, durch den sich die durchschnittliche Geburtenrate bis auf 2,8 Kinder im Jahr 2013 reduzierte. Insgesamt wuchs die Bevölkerung im Nahen Osten nach Angaben der Weltbank zwischen 1960 und 2013 von 96 auf 409 Millionen. 2013 liegt das Bevölkerungswachstum bei zwei Prozent, während das Wachstum in Deutschland mit 0,3 Prozent dem Durchschnittswert der Europäischen Union entspricht.

Abnehmende Geburtenraten werden in der Wissenschaft mit wirtschaftlicher Entwicklung verbunden, die bessere medizinische Versorgung, Bildung und eine veränderte Rolle der Frau mit sich bringt. Jedoch trifft dieses Muster nur bedingt auf den Nahen Osten zu. Heirat und Familienleben sind in der Region hoch angesehene Werte und damit von Einfluss auf die Geburtenrate. Während die Familie weiterhin eine viel zentralere Rolle für die Menschen in der Region spielt als beispielsweise in Deutschland, gibt es gleichzeitig, besonders in den Städten, einen Trend weg vom Leben in der Großfamilie hin zu Kleinfamilien. Darüber hinaus heiraten die Frauen zunehmend in höherem Alter, was dazu führt, dass weniger Kinder geboren werden – auch weil die Frauen inzwischen mehr über Familienplanung wissen und mehr Bildung genossen haben.

In den wirtschaftlich entwickelten Staaten Tunesien, Iran und Libanon hat mittlerweile ein starker Rückgang der Geburtenrate eingesetzt, was in Tunesien und Iran auf die erfolgreich durchgeführten Familienplanungskampagnen der letzten Jahrzehnte zurückzuführen ist. Seit einigen Jahren gibt es in Iran jedoch Bestrebungen, ausgehend unter anderem vom religiösen Führer des Landes, Ajatollah Ali Khamenei, den Zugang zu Verhütungsmitteln wieder zu beschränken, um das Bevölkerungswachstum zu erhöhen. Erste Gesetze hierzu sind 2014 und 2015 vom iranischen Parlament beschlossen worden.

In den wohlhabenden, ölreichen Staaten wie Oman und Saudi-Arabien ist die Geburtenrate nach wie vor vergleichsweise hoch. Die Gründe dafür werden in der Wissenschaft viel diskutiert. Möglicherweise zögern die hohen Einnahmen aus Ölexporten, die für ein hohes Bruttoinlandsprodukt sorgen, die soziale Transformation der Gesellschaft hinaus. Gleichzeitig bemüht sich Saudi-Arabien, die Kindersterblichkeit zu reduzieren und für eine bessere Gesundheit der gesamten Bevölkerung zu sorgen. Jemen, der ärmste Staat der Region, bestätigt hingegen mit einer Geburtenrate von vier Kindern pro Frau die Theorie eines Zusammenhangs von Armut und Kinderreichtum.

Die Lebenserwartung variiert zwischen den einzelnen Staaten, der regionale Durchschnitt lag im Jahr 2013 laut Angaben der Weltbank bei 73 Jahren. Aufgrund des höheren Wohlstands steigt die durchschnittliche Lebenserwartung für Neugeborene in den wohlhabenden Golfstaaten auf über 76 Jahre. Deutlich geringer bemessen ist diese in den ärmsten und ländlichsten Staaten wie Jemen mit 64 Jahren und Mauretanien mit 63 Jahren. Zum selben Zeitpunkt beträgt sie für die Europäische Union 80 Jahre (in Deutschland 81) und liegt in Afrika südlich der Sahara unterhalb des nahöstlichen Durchschnittes bei 58 Jahren.

Zustand des Bildungssystems



In der arabischen Welt wird die Gewährleistung flächendeckender schulischer Bildung seit der Unabhängigkeit als wichtige staatliche Aufgabe angesehen. Viele Staaten unternehmen große finanzielle Anstrengungen, um ihrer Bevölkerung den Zugang zu Primär-, Sekundär- und Hochschulbildung zu ermöglichen und die Analphabetenquote der älteren Bevölkerung zu senken. Entsprechende Maßnahmen waren die Einführung der Schulpflicht, die Befreiung von Schulgebühren und die Bereitstellung von Schulbüchern und -uniformen. Inzwischen reichen laut Weltbank die Einschulungsquoten für die Primärbildung von 73 Prozent im Jemen und 88 Prozent in Mauretanien bis nahe 100 Prozent in Iran und Tunesien, bei einem regionalen Durchschnitt von 94 Prozent für 2013. Die Statistiken belegen allerdings auch, dass mehr Jungen eingeschult werden als Mädchen und dass eine vollständige Unterrichtsversorgung besonders in den gebirgigen, schwer zugänglichen Gebieten Jemens, Mauretaniens und auch Marokkos nicht gewährleistet ist.

Einer Weltbankstudie zufolge, die 2008 veröffentlicht wurde, weist vor allem der Sekundär- und Hochschulbereich hohe Abbrecherquoten auf. Es mangelt an Anreizen zum Weiterlernen, an qualitativ hochwertigem Unterricht und an beruflichen Perspektiven. Die hohe Analphabetenrate der erwachsenen Bevölkerung versuchen die Regierungen im Nahen Osten durch spezielle Alphabetisierungsprogramme zu verringern; dank dieser jahrzehntelangen Bemühungen ist die Analphabetenrate auf unter 20 Prozent in 2013 gesunken.

Neben dem Zugang zu Bildung ist auch die Qualität der Ausbildung entscheidend für den Erfolg im späteren Erwerbsleben. Wissenschaftliche Studien der Weltbank und der UN-Entwicklungsorganisation UNDP, wie zum Beispiel der Human Development in the Middle East and North Africa-Bericht 2010, weisen in diesem Zusammenhang auf Defizite in der Region hin. Bei TIMSS 2011, einer international vergleichenden Studie zu den Lernergebnissen der Schüler in Mathematik, schnitten die teilnehmenden 14 Nahost-Staaten – Bahrain, Iran, Jordanien, Kuwait, Libanon, Marokko, Oman, Palästinensische Autonomiegebiete, Katar, Saudi-Arabien, Syrien, Tunesien, Türkei, Jemen – im Vergleich zur Vergleichsgruppe, zu denen auch die VAE gehörten, unterdurchschnittlich ab.

Vor diesem Hintergrund kritisieren internationale Organisationen wie die UN-Bildungsorganisation UNESCO oder die Weltbank die eingegrenzte Ausrichtung der Lehrpläne auf abfragbares Wissen zulasten von analytischem Denken und Kreativität. Auch die Qualität der Lehrerausbildung leidet unter mangelhaften Strukturen wie Ausbildungsplänen mit wenig konkreten Lerninhalten und zu geringen Anforderungen. Dazu werden in einigen Staaten, beispielsweise in Ägypten, Lehrkräfte schlecht bezahlt. Das Bildungswesen konzentriert sich im Sekundär- und Hochschulbereich auf Geistes- und Sozialwissenschaften, die Naturwissenschaften werden eher vernachlässigt. Und ein Ausbildungssystem für Handwerks- und Lehrberufe gibt es nur in wenigen Staaten.

Mittlerweile erzeugte der Problemdruck in vielen Nahost-Staaten erste Reformansätze. Lehrpläne wurden reformiert und durch die Einführung von Berufsschulen neue Wege mit dualer Ausbildung beschritten, wie etwa in Ägypten und Tunesien. Die in der Entwicklungszusammenarbeit aktiven Organisationen verschiedener europäischer und anderer Staaten sowie internationale Organisationen wie UNDP und UNESCO unterstützen diese Vorhaben fachlich und materiell. So kooperiert beispielsweise die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in einem von 2010 bis 2016 angelegten Projekt mit Jordanien, Marokko, Tunesien und Ägypten zur Einrichtung von Berufsschulen, die speziell darauf ausgerichtet sind, Frauen in das Wirtschaftsleben zu integrieren.