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Das Entscheidungszentrum für die rassistische Vernichtungspolitik des NS-Regimes war die Reichshauptstadt Berlin. Nach 1990 wurden im Zentrum
der Stadt Gedenkorte für Opfergruppen des Nationalsozialismus geschaffen: das Denkmal für die ermordeten Juden Europas des USamerikanischen
Architekten Peter Eisenman; das Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma des israelischen Environment-Künstlers Dani Karavan; der Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Morde der Architektin Ursula Wilms, des Künstlers Nikolaus Koliusis und des Landschaftsarchitekten Heinz W. Hallmann auf dem einstigen Grundstück des Organisationszentrums der Krankenmorde in der Tiergartenstraße 4 sowie das Denkmal für die Opfergruppe der Homosexuellen des dänisch-norwegischen Künstlerpaares Michael Elmgreen und Ingar Dragset.

Wessen Gedenken? Wessen gedenken?


21.12.2016
"Der 27. Januar soll dem Gedenken an die Opfer der Ideologie vom 'nordischen Herrenmenschen' und von den 'Untermenschen' und ihrem fehlenden Existenzrecht dienen." So hat Bundespräsident Roman Herzog die Intention jenes Gedenktages gekennzeichnet, den er am 3. Januar 1996 begründet hat, und zwar als "Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus" (Bundesgesetzblatt 1996, Teil I, S. 17). Als Datum für diesen Tag wurde der 27. Januar gewählt, der Tag der Befreiung des Vernichtungs- und Konzentrationslagers Auschwitz durch sowjetische Truppen im Jahre 1945.

Der Bundespräsident bezog das Gedenken auf all jene Menschen, die "einer willkürlich definierten Rasse angehörten oder sonst wie vom willkürlich festgelegten Menschenbild abwichen" und die den rassistischen Kategorien unentrinnbar ausgeliefert gewesen seien. Als Beispiele nannte Roman Herzog, wobei er die Unvollständigkeit ausdrücklich betonte: Juden, Sinti und Roma, Schwerstbehinderte, Homosexuelle. Seither wird am 27. Januar an vielen Orten und Stätten in Deutschland dieser Opfergruppen gedacht und an sie erinnert. Besondere Bedeutung hat die alljährlich stattfindende Gedenkveranstaltung im Deutschen Bundestag.

In der medialen Darstellung wird der Gedenktag häufig als "Holocaust-Gedenktag" bezeichnet. Diese Formulierung hat der Bundespräsident 1996 noch als "zu enge(n) Begriff" zurückgewiesen, weil er das Wort allein für das NS-Verbrechen an den europäischen Juden gebraucht wissen wollte. In dieser Bedeutung gelangte das Wort auch nach Deutschland, nämlich im Januar 1979 als Titel eines vierteiligen US-amerikanischen Fernsehfilms, der das Schicksal der deutschen Juden während der NS-Zeit am Beispiel der Arztfamilie Weiß zum Thema hat. Der Film wurde zu einem Meilenstein für die Erinnerung an die Vernichtung der Juden. In den Folgejahren ersetzte der Begriff "Holocaust" zunehmend den der "Endlösung". Letzterer entstammte dem NS-Amtsdeutsch und hatte den Nationalsozialisten zur Verschleierung für den Judenmord gedient.

Wer der Geschichte des Wortes "Holocaust" nachgeht, wird feststellen, dass in der Antike die Wörter "holocau(s)tos" (griech.) und "holocaustum" (lat.) ein "Brandopfer" bezeichneten und "holocaust" also ursprünglich ein religiöser Begriff ist, dass in der frühen Neuzeit in der englischen Literatur das Wort "holocaust" zudem im Sinne der Vernichtung einer Vielzahl von Menschen oder großer Sachwerte durch Feuer, beispielsweise im Zusammenhang mit kriegerischen Handlungen, oder als Synonym für "Massaker" gebraucht wird. Im Judentum, namentlich in Israel, hatte sich bereits in den frühen 1950er-Jahren der Begriff "Schoah" (Katastrophe, Vernichtung) durchgesetzt, um den Mord an den europäischen Juden begrifflich zu fassen. Insbesondere die mit "Holocaust" verknüpfte religiöse Konnotation − "Brandopfer"− erscheint Juden als fragwürdig.

Am 1. November 2005 erklärte die Generalversammlung der Vereinten Nationen den 27. Januar zum internationalen "Holocaust Remembrance Day". In der entsprechenden Resolution (A/RES/60/7) findet sich, eher indirekt, an einer Stelle eine Erläuterung zu "Holocaust". So wird die Hoffnung ausgesprochen, "dass der Holocaust, bei dem ein Drittel des jüdischen Volkes sowie zahllose Angehörige anderer Minderheiten ermordet wurden, auf alle Zeiten allen Menschen als Warnung vor den Gefahren von Hass, Intoleranz, Rassismus und Vorurteil dienen wird". Mit der Wendung "Angehörige anderer Minderheiten" sind vermutlich eher ethnische Gruppen als Opfer im Sinne eines "sozialen Rassismus" gemeint. Möglicherweise hat diese UN-Resolution dazu beigetragen, dass – unabhängig von der dargelegten Unklarheit − die rassistischen Großverbrechen der NS-Regimes zunehmend zusammenfassend als "Holocaust" bezeichnet werden.

Im Folgenden werden Opfergruppen des NS-Rassismus vorgestellt – jene, die von Roman Herzog benannt wurden, ergänzt um Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie um nicht angepasste Jugendliche. ­Dabei sollen Beispiele für "Gegen-Monumente", also für Denk- oder Mahnzeichen, die bewusst den Opfern geschichtlicher Ereignisse gewidmet sind, einbezogen werden.