Das Entscheidungszentrum für die rassistische Vernichtungspolitik des NS-Regimes war die Reichshauptstadt Berlin. Nach 1990 wurden im Zentrum
der Stadt Gedenkorte für Opfergruppen des Nationalsozialismus geschaffen: das Denkmal für die ermordeten Juden Europas des USamerikanischen
Architekten Peter Eisenman; das Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma des israelischen Environment-Künstlers Dani Karavan; der Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Morde der Architektin Ursula Wilms, des Künstlers Nikolaus Koliusis und des Landschaftsarchitekten Heinz W. Hallmann auf dem einstigen Grundstück des Organisationszentrums der Krankenmorde in der Tiergartenstraße 4 sowie das Denkmal für die Opfergruppe der Homosexuellen des dänisch-norwegischen Künstlerpaares Michael Elmgreen und Ingar Dragset.

Juden


21.12.2016
Der sogenannte "Judenstern" musste öffentlich getragen werden. Die Abbildung zeigt ein Stück des Stoffes, aus dem die Sterne herausgeschnitten wurden.Der sogenannte "Judenstern" musste öffentlich getragen werden. Die Abbildung zeigt ein Stück des Stoffes, aus dem die Sterne herausgeschnitten wurden. (© Archiv Jochheim)
Das Verbrechen an den europäischen Juden hatte, bedingt durch den jeweiligen Einflussbereich der NS-Herrschaft, zwei Schwerpunkte: zum einen die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung in Deutschland bis zur ersten Kriegsphase 1939/1940, zum anderen – mit der Ausweitung des deutschen Machtbereichs infolge des Krieges – die Ermordung der Juden aus den besetzten Gebieten Europas, wobei die noch in Deutschland verbliebenen Juden in die von den Nationalsozialisten so bezeichnete "Endlösung" einbezogen wurden.

Die NS-Propaganda war von Anbeginn – in Hitlers Agitationsreden bereits seit 1919 – hemmungslos judenfeindlich. Juden wurden zum Hauptfeind der "nordischen Rasse" erklärt und mussten als Sündenböcke schlechthin herhalten. Nachdem die Nationalsozialisten die Regierungsgewalt in Deutschland übernommen hatten, setzten die antijüdischen Maßnahmen ein. Ihr Ziel war die Isolierung, Verdrängung und Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung. Deren Zahl betrug 1933 in Deutschland wenig mehr als 500.000 Personen; ein Drittel lebte in Berlin. Die judenfeindlichen Regelungen des NS-Regimes wurden in vielen gesellschaftlichen Bereichen durch eigenmächtige Initiativen aus der Bevölkerung unterstützt.

"Judenstern": Sichtbares Kennzeichen der Stigmatisierung

Zu den Instrumenten des NS-Rassismus gehörte die Stigmatisierung der politisch und rassistisch verfolgten Menschen durch eine äußere Kennzeichnung. Dies geschah zunächst in den Konzentrationslagern. Das bekannteste der Zeichen, der sogenannte Judenstern, gehörte zu jenen, die auch öffentlich zu tragen waren. Dabei handelte es sich, selbstverständlich ohne das Wort "Jude", um ein religiöses Symbol des Judentums, den Davidstern, einen Sechsstern (Hexagramm).

Juden mussten das Zeichen kaufen – es kostete zehn Pfennige, ein zweites 20 Pfennige – und dabei folgende Erklärung unterschreiben: "Ich verpflichte mich, das Kennzeichen sorgfältig und pfleglich zu behandeln und bei seinem Aufnähen auf das Kleidungsstück den über das Kennzeichen hinausragenden Stoffrand umzuschlagen." Das Tragen des "Judensterns" – er hatte einen Durchmesser von neun Zentimetern – war unter Androhung schwerster Bestrafung bei Nichtbefolgung für Juden in Deutschland vom 19. September 1941 ab Pflicht, für jüdische Kinder vom 6. Lebensjahr an. Danach galt das ebenso für die jüdische Bevölkerung in den besetzten Gebieten. Ab 13. März 1942 wurden im Deutschen Reich zudem Wohnungen, in denen noch Juden lebten, mit einem Stern gekennzeichnet.


Das gilt auch für das Schulwesen. So wird für jüdische Kinder, als immer größere Teile der Lehrerschaft ihre Unterstützung des NS-Regimes bekunden, der Besuch von öffentlichen Schulen zu einem Spießrutenlaufen. Sie sind den judenfeindlichen Einstellungen vieler Lehrer und Lehrerinnen wie auch der Hetze von Mitschülern ausgesetzt: Boshaftigkeiten, Gemeinheiten, Diskriminierungen sind Juden gegenüber schließlich erlaubt. Viele jüdische Kinder werden in jüdische Privatschulen umgeschult. Andere besuchen von vornherein jüdische Bildungseinrichtungen, so auch der im März 1929 in Mannheim geborene Fritz Löbmann. Seine Schule ist baulich mit der Synagoge verbunden. Wie diese wird das Schulgebäude während des von den Nationalsozialisten organisierten Pogroms in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zerstört. Die Lebenssituation der jüdischen Kinder in Mannheim wie an anderen Orten wird zudem dadurch immer stärker belastet, dass zunehmend jüdische Kinder und Jugendliche mit ihren Eltern emigrieren und die Zurückbleibenden daher weniger Kontakte zu Gleichaltrigen haben. In Mannheim leben 1940 nur noch 2000 von ursprünglich über 6000 Juden.

Aufgrund einer Initiative der NS-Führer ("Gauleiter") in Südwestdeutschland werden am 22. Oktober 1940 alle noch in Baden, der Pfalz und im Saargebiet lebenden jüdischen Frauen, Männer und Kinder innerhalb weniger Stunden in zentrale Sammellager gebracht und von dort in den Ort Gurs am Rande der Pyrenäen im zu jenem Zeitpunkt noch nicht besetzten Frankreich. Zu diesen 6504 Menschen gehört auch die Familie Löbmann.

Das Barackenlager in Gurs hatte einmal zur Internierung von spanischen Bürgerkriegsflüchtlingen gedient. Die baulichen und hygienischen Zustände dort sind extrem lebensfeindlich. Ab August 1942 werden die Überlebenden in Vernichtungslager, zumeist nach Auschwitz, deportiert. Einer jüdischen Kinderhilfsorganisation gelingt es, Fritz und einen Vetter aus dem Lager zu holen und in Kinderheimen zu verstecken, bis zum Frühjahr 1944. Vermutlich im April 1944 wird Fritz in Auschwitz umgebracht. Aus der Familie überlebt nur der Vater den NS-Terror.

Das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau steht heute als Symbol für den Mord an den europäischen Juden: für das durchorganisierte Töten in Gaskammern, in "Menschen-Tötungs-Anlagen", wie es der Kommandant von Auschwitz, Rudolf Höß, formuliert hat, sowie für die "Vernichtung durch Arbeit". Im allgemeinen Bewusstsein ist häufig nicht deutlich genug, dass sich der Massenmord an den Juden noch in anderen Formen und an zahllosen anderen Orten vollzog.So gab es weitere Vernichtungslager (z. B. Treblinka, Sobibor oder Belzec), in denen insgesamt mehr Juden (etwa 1,7 Mio.) als in Auschwitz (etwa 1 Mio.) umgebracht worden sind. Zudem starben Juden zu Hunderttausenden an Erschöpfung, Hunger, Krankheiten und Seuchen auf Deportationen sowie in den Arbeitslagern und Getto-Gefängnissen, die von den Deutschen in den besetzten Gebieten Osteuropas errichtet worden waren. Einen erheblichen Anteil am Judenmord hatten schließlich die Männer der "Einsatzgruppen" und der "Ordnungspolizei", die ihre Opfer – vom Säugling bis zum Greis – weitgehend mit Handfeuerwaffen getötet haben.

Seit den Nürnberger Prozessen existieren Einschätzungen über die Zahl der während der NS-Herrschaft ermordeten Juden in Europa. Als besonders zuverlässig gelten heute nach Auswertung der lange Zeit nicht zugänglichen sowjetischen Archive die Angaben, die Wolfgang Benz 1996 in seinem Buch "Dimensionen des Völkermordes" dargelegt hat:

Belgien 28.518
Niederlande 102.000
Bulgarien 11.393
Norwegen 758
Dänemark 116
Österreich 65.900
Deutschland 165.000
Polen 2.700.000
Frankreich 76.134
Rumänien 211.214
Griechenland 59.185
Sowjetunion 2.100.000
Italien 6513
Tschechoslowakei 143.000
Jugoslawien 60.000-65.000
Ungarn 550.000
Luxemburg 1.200

Die Zahl der ermordeten Juden beträgt demnach über sechs Millionen, davon etwa 1,5 Millionen Kinder. Allein die geografische Dimension, die mit den Angaben deutlich wird, dokumentiert, welch ein organisatorischer Aufwand mit dem Judenmord verknüpft gewesen ist. Reichsbahn, Gestapo (Geheime Staatspolizei), Militär, Polizei, Ministerien, Finanzämter, statistische Ämter, örtliche Behörden – überall waren Menschen tätig, die durch ihre "normale" Arbeit einen Beitrag zur "Endlösung" leisteten, direkt wie indirekt.

Das "Ökumenische Jugendprojekt Mahnmal" in Baden – Erinnerungsarbeit in einer Region

Angesichts der Deportation von Juden aus Südwestdeutschland im Oktober 1940 nach Gurs entstanden Jahrzehnte später in Baden verschiedene Aktivitäten zur Erinnerung an das Geschehen. So wurden im Jahr 2000, zum 60. Jahrestag der Deportationen, in einigen badischen Städten Erinnerungszeichen in Gestalt von Verkehrsschildern, von Wegweisern, errichtet. Sie haben die Aufschrift "Gurs" und eine Entfernungsangabe.

In der Folge entstanden in Baden, getragen von den Jugendeinrichtungen der beiden christlichen Großkirchen, Initiativen mit dem Ziel, die jeweilige lokale Geschichte des Judentums und das Schicksal der jüdischen Einwohner während der NS-Zeit aufzuarbeiten. Aus 138 badischen Gemeinden waren 1940 jüdische Menschen deportiert worden. In einem Teilprojekt gestalteten Jugendliche mit der Unterstützung von Bildhauern und Bildhauerinnen Denkzeichen, und zwar in jeder Gemeinde zwei. Eines der beiden Zeichen wurde bzw. wird in der Gemeinde aufgestellt, das zweite ergänzt ein zentrales Mahnmal für den badischen Raum, das seit 2005 auf dem Gelände der Evangelischen Jugendbildungsstätte in Neckarzimmern entsteht (siehe unten).

Der Raum dieses Mahnmals wird durch einen mit Betonstreifen in den Boden eingelassenen Davidstern mit einer Seitenlänge von 25 Metern gebildet. Auf den Betonstreifen stehen die Duplikate der in den Gemeinden geschaffenen Skulpturen. Seit dem Beginn dieses Jugendprojekts wurden bislang (September 2016) 120 Erinnerungszeichen aus 121 Orten Badens in Neckarzimmern aufgestellt. Das Projekt gilt als beendet, wenn Zeichen aus allen 138 Orten errichtet sein werden.

Ökumenisches Jugendprojekt Mahnmal in NeckarzimmernÖkumenisches Jugendprojekt Mahnmal in Neckarzimmern (© Evangelische Landeskirche in Baden)

Literaturhinweise und Internetadressen

Bajohr, Frank/Pohl, Dieter: Der Holocaust als offenes Geheimnis. München 2006, 156 S. Hilberg, Raul: Täter, Opfer, Zuschauer. Die Vernichtung der Juden 1933-1945. Frankfurt a. M. 2003, 368 S.

Mommsen, Hans: Das NS-Regime und die Auslöschung des Judentums in Europa. Göttingen 2014 (bpb-Schriftenreihe Band 1524)

Tych, Feliks u. a. (Hg.): Kinder über den Holocaust. Frühe Zeugnisse 1944-1948. Interviewprotokolle der Zentralen Jüdischen Historischen Kommission in Polen. 2. Aufl., Berlin 2008, 326 S.

www.politische-bildung.de/holocaust.html

www.mahnmal-neckarzimmern.de