Das Entscheidungszentrum für die rassistische Vernichtungspolitik des NS-Regimes war die Reichshauptstadt Berlin. Nach 1990 wurden im Zentrum
der Stadt Gedenkorte für Opfergruppen des Nationalsozialismus geschaffen: das Denkmal für die ermordeten Juden Europas des USamerikanischen
Architekten Peter Eisenman; das Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma des israelischen Environment-Künstlers Dani Karavan; der Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Morde der Architektin Ursula Wilms, des Künstlers Nikolaus Koliusis und des Landschaftsarchitekten Heinz W. Hallmann auf dem einstigen Grundstück des Organisationszentrums der Krankenmorde in der Tiergartenstraße 4 sowie das Denkmal für die Opfergruppe der Homosexuellen des dänisch-norwegischen Künstlerpaares Michael Elmgreen und Ingar Dragset.

21.12.2016 | Von:
Gernot Jochheim

Nicht angepasste Jugendliche

Im NS-Regime hatte die Geheime Staatspolizei (Gestapo) für Jahre ein Problem: Es gab offenbar Jugendliche, die sich in ihren Einstellungen und ihren Verhaltensweisen jenen Normen widersetzten, die in der nationalsozialistischen Gesellschaft als "gesund" propagiert wurden. Es gab die "Edelweißpiraten" im Rheinland und im Ruhrgebiet sowie die "Swing-Jugend" in vielen Großstädten des Reichs, besonders in Hamburg. Über die Motive dieser Jugendlichen berichtete der 1925 geborene Günter Discher später: "Das ganze Leben war schon bald militärisch durchorganisiert. […] Und auch bei der HJ exerzierten und marschierten die jungen Leute andauernd zu den Klängen der Marschmusik. […] Wir jungen Swinger lehnten diese Marschmusik ab. Wir wollten – genau wie viele junge Leute heutzutage – eine andere Musik spielen und hören. Und zwar das, was populär war: Swing-Musik!"

Nicht allein dass diese jungen Leute Gefallen an "undeutscher" Musik fanden – im NS-Jargon "Niggerjazz" –, sie provozierten auch durch ein legeres Äußeres, einen "zersetzenden" Sprachgebrauch ("Swing Heil") und eine nonkonforme Freizeitgestaltung, kurz: durch Individualität. Zur "Klärung" dieses Problems mussten selbstredend die rassistischen Denkmuster herhalten. Verhielt sich ein Mensch nicht normgerecht, so musste das nach Meinung der Rassisten eine "blutsmäßige" Ursache haben. Entsprechend hieß es in einem ministeriellen Bericht über die Swing-Jugend vom August 1941: "Es handelt sich hier z. T. um degenerierte und kriminell veranlagte, auch mischblütige Jugendliche, die sich zu Cliquen bzw. musikalischen Gangster-Banden zusammengeschlossen haben und die gesund empfindende Bevölkerung durch die Art ihres Auftretens und die Würdelosigkeit ihrer musikalischen Exzesse terrorisieren."

Eine "Lösung" fand Heinrich Himmler, indem er im Januar 1942 die Anweisung gab: "Alle Rädelsführer, und zwar die Rädelsführer männlicher und weiblicher Art, unter den Lehrern diejenigen, die feindlich eingestellt sind und die Swing-Jugend unterstützen, sind in ein Konzentrationslager einzuweisen. Dort muss die Jugend zunächst einmal Prügel bekommen und dann in schärfster Form exerziert und zur Arbeit angehalten werden. […] Der Aufenthalt im Konzentrationslager für diese Jugend muss ein längerer, zwei bis drei Jahre, sein." Günter Discher kam als einer dieser "Rädelsführer" in das "Jugendschutzlager Moringen."

i

Drohung per Karikatur

Die Drohung ist eindeutig. "Beinahe dieselbe Haltung" – so lautet der Text zu dieser Karikatur in den "Hamburger Gaunachrichten. Zentralorgan der NSDAP" vom Oktober 1941. Bei der tanzenden Figur ist aufschlussreich, dass – zudem grafisch betont – Daumen und Zeigefinger ein "V" bilden – ein Zeichen, das die "Swinger" in Anlehnung an das Victory-Zeichen des damaligen britischen Premierministers Winston Churchill gebrauchten.
Karikatur in den "Hamburger Gaunachrichten. Zentralorgan der NSDAP" vom Oktober 1941. (© Staatsarchiv Hamburg)

Konzentrationslager für Jugendliche: Im Bundesgesetzblatt Nr. 64/1977 (24. Sept. 1977) wurde eine Liste zu den Konzentrationslagern in der NS-Zeit veröffentlicht. Darin sind 1634 Konzentrationslager benannt. Tatsächlich gab es mehr. In der Liste werden (mit ihren "Außenkommandos") acht Konzentrationslager für Kinder und Jugendliche aufgeführt. Beschönigend trugen sie die Bezeichnung "Jugendschutzlager". Im Reichsgebiet gab es ein Lager für Jungen, in Moringen bei Göttingen, mit bis zu 1400 Insassen und ein Lager für Mädchen, mit der Bezeichnung "Uckermark", nahe dem Frauen-KZ Ravensbrück in Brandenburg, wo bis zu 1200 Gefangene registriert waren. Das Wachpersonal stellte die SS.

Die Gründe, weshalb Jugendliche in eines dieser KZs kamen, widerspiegeln das ganze Spektrum des rassistischen Programms der Nationalsozialisten: wegen Verweigerung des HJ- oder BDM-Dienstes (BDM = Bund Deutscher Mädel) bzw. wegen Ausschlusses aus der HJ oder der SA; wegen "Arbeitsverweigerung", "Arbeitsbummelei" oder "Sabotage"; wegen angeblicher "Unerziehbarkeit", "Renitenz" oder "Kriminalität"; aufgrund von "Sippenhaft" im Zusammenhang mit politischer Opposition der Eltern; wegen Homosexualität, aus Gründen der "Rassenhygiene"; aus religiösen Gründen (namentlich Zeugen Jehovas); wegen "artfremden Blutes" (Sinti und Roma bzw. "Mischlinge"); wegen angeblicher "sittlicher und sexueller Verwahrlosung"; wegen "Rassenschande" sowie – das betraf unter anderem die "Swinger" – wegen Opposition und Widerstand.

In den Jugendkonzentrationslagern war auch das "Kriminalbiologische Institut" des Reichskriminalamtes tätig. Galt es doch, das unterstellte kriminelle Potenzial nach erbbiologischen Gesichtspunkten zu "objektivieren" und daraus erzieherische Schlussfolgerungen zu ziehen. So wurden aufgrund angeblich wissenschaftlicher Untersuchungen "Untaugliche", "Störer", "Dauerversager", "Gelegenheitsversager", "fraglich Erziehungsfähige" oder "Erziehungsfähige" ermittelt. "Erzieherische" Praktiken waren Zwangsarbeit, Strafen, Drill und Schikanen. Zu den Folgen der "kriminalbiologischen Untersuchungen" zählten Zwangssterilisationen, was in Moringen in 22 Fällen nachgewiesen ist. Für das Lager Uckermark wird erwähnt, dass 38 Mädchen bereits bei der Einlieferung sterilisiert gewesen sind. In Moringen sind etwa 100 Jungen umgekommen; für Uckermark ist keine Zahl bekannt.

Der Krieg gegen die Kinder: Die ungeheuerlichen Opferzahlen, mit denen wir als Folge der "rassischen Neuordnung Europas" durch die NS-Herrschaft konfrontiert sind, verstellen bisweilen den Blick darauf, dass unter den ermordeten Menschen viele Millionen Säuglinge, Kinder und Jugendliche gewesen sind. Die meisten von ihnen starben als Juden, als "Zigeuner" oder als Angehörige der "rassisch minderwertigen Ostvölker". Sie starben entkräftet und verhungert in Lagern, in Gettos, auf Transporten und bei Vertreibungen; sie starben als Arbeitssklaven und Geiseln, in Gaskammern und bei Massenerschießungen durch Handfeuerwaffen, als "Menschenmaterial" bei medizinischen Experimenten und "rassenhygienischen Maßnahmen"; sie starben ungeboren mit ihren Müttern. Das NS-Regime führte einen brutalen, mitleidlosen Krieg gegen Neugeborene, Kinder und Jugendliche.

Literaturhinweise und Internetadressen

Beyer, Wolfgang / Ladurner, Monica: Im Swing gegen den Gleichschritt. Die Jugend, der Swing und die Nazis. Salzburg 2011, 241 S.

Goeb, Alexander: Die verlorene Ehre des Bartholomäus Schink: Jugendwiderstand im NS-Staat und der Umgang mit den Verfolgten von 1945 bis heute. Die Kölner Edelweißpiraten. Frankfurt 2016, 180 S.

Guse, Martin: "Wir hatten noch gar nicht angefangen zu leben." Katalog zu den Jugendkonzentrationslagern Moringen und Uckermark. Liebenau / Moringen 1997

Limbächer, Katja / Merten, Maike / Pfefferle, Bettina (Hg.): Das Mädchenkonzentrationslager Uckermark. Beiträge zur Geschichte und Gegenwart. Münster 2005, 328 S.