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Das Entscheidungszentrum für die rassistische Vernichtungspolitik des NS-Regimes war die Reichshauptstadt Berlin. Nach 1990 wurden im Zentrum
der Stadt Gedenkorte für Opfergruppen des Nationalsozialismus geschaffen: das Denkmal für die ermordeten Juden Europas des USamerikanischen
Architekten Peter Eisenman; das Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma des israelischen Environment-Künstlers Dani Karavan; der Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Morde der Architektin Ursula Wilms, des Künstlers Nikolaus Koliusis und des Landschaftsarchitekten Heinz W. Hallmann auf dem einstigen Grundstück des Organisationszentrums der Krankenmorde in der Tiergartenstraße 4 sowie das Denkmal für die Opfergruppe der Homosexuellen des dänisch-norwegischen Künstlerpaares Michael Elmgreen und Ingar Dragset.

Anmerkungen zur Erinnerungskultur


21.12.2016

Wandlungen im Umgang mit der NS-Zeit



Als 1996 der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus begründet wurde, hatte sich in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit eine Wandlung der Inhalte und Formen der Erinnerungskultur angesichts des Nationalsozialismus vollzogen. Zudem erforderten die gänzlich unterschiedlichen Diskurse hinsichtlich der NS-Zeit in der alten Bundesrepublik und der DDR Neubesinnungen in der Erinnerungspädagogik. Die Erinnerungskultur hinsichtlich des Nationalsozialismus war in der DDR, die sich aufgrund ihrer sozialistischen Werteorientierung per se als "antifaschis­tischer Staat" verstand, wesentlich – wenn auch nicht ausschließlich – auf den kommunistischen Widerstand und die Rolle der Sowjetunion bei dem militärischen Sieg über das NS-Regime gerichtet.

In Westdeutschland hatten sich nach den 1950er- und 1960er-Jahren allmählich jene intellektuellen und emotionalen Hemmnisse aufgelöst, mit denen es die Täter- und Mitläufergeneration vermocht hatte, belastende Wahrheiten über das Gelingen der NS-Herrschaft von sich fernzuhalten. Das hatte auch Auswirkungen auf die aus heutiger Sicht häufig beschämende Regelung von Entschädigungsfragen für politisch und rassistisch verfolgte Opfer des NS-Terrors. Die Aussage des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker anlässlich des 40. Jahrestages der Kapitulation, der 8. Mai 1945 sei ein "Tag der Befreiung" gewesen, dokumentierte schließlich eine Neubewertung der NS-Zeit.

Seitdem bildeten sich mehr und mehr lokale Initiativen zur Aufar­beitung der NS-Herrschaft heraus. Die Kinder und Enkel der Täter- und Mitläufergeneration wollten genauer wissen, was in ihren Städten, Ortschaften und ländlichen Räumen während der NS-Zeit geschehen war. Sie begaben sich – oft ehrenamtlich engagiert – auf Spurensuche, bisweilen gegen Widerstände lokaler Entscheidungsträger in Parteien und Amtsstuben und gegen populistische Stimmungen vor Ort. Sie trafen unter anderem auf eine lange Zeit nicht wahrgenommene Verdichtung von Stätten rassistischer Gewalt, auf Abertausende von im öffentlichen Gedächtnis verschütteten Lagern und Mordstätten in Deutschland. Die Ergebnisse ihres Engagements wurden in vielfäl­tiger Weise – unter anderem auch in Form von Mahn- und Denkzeichen – dokumentiert und präsentiert.

Zugleich setzte in den geschichts- und gesellschaftswissenschaftlichen Forschungen ein umfassenderer Blick auf die Verfolgten und Ermordeten ein, wie im Übrigen auf Täter und Mitläufer, wobei manche Legenden und Mythen zerstört wurden. Auch änderten sich Inhalte und Fragestellungen von Geschichtsbüchern. Politisch standen am Ende dieser Wandlungen die Beendigung der moralischen und juristischen Diskriminierung von Kriegsdienstverweigerern (so wurde unter anderem der Widerstand der Zeugen Jehovas gewürdigt), von Deserteuren und angeblichen "Kriegsverrätern" sowie die Entschädigungszahlungen an die noch lebenden Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter.

Unterschiedliche soziokulturelle Ausgangslagen



Wer heute im Rahmen von Erinnerungsarbeit mit Blick auf den Nationalsozialismus tätig ist, trifft auf unterschiedliche Herausforderungen. Grundsätzlich gilt es zu realisieren, dass bei jugendlichen Adressaten ein persönlicher Bezug zur NS-Zeit durch Mitglieder der Familie oder Lehrkräfte inzwischen weitgehend verloren gegangen ist. Der Nationalsozialismus droht zu einem geschichtlichen Thema unter anderen zu werden, was möglicherweise die verbreitete und bisweilen auch zur Schau gestellte Unlust der Thematik gegenüber zu erklären vermag. Weiter ist häufig eine kognitive wie emotionale Vorprägung der Adressaten festzustellen, etwa bedingt durch das soziale Milieu wie durch medial vermittelte In­formationen über die NS-Zeit, etwa im Fernsehen und im Internet. In unserer Zuwanderungsgesellschaft haben viele Jugendliche zudem einen von außen gerichteten Blick auf die deutsche Geschichte. Hegen sie Vorurteile – beispielsweise Juden gegenüber – , so hat das möglicherweise andere Hintergründe als bei ihren deutschen Altersgenossen. Auch in diesem Milieu können also bereits tradierte, weitgehend gefestigte Einstellungen bestehen.

Vor diesem Hintergrund gilt es sich weiter zu vergegenwärtigen, dass der Nationalsozialismus nicht allein ein Katastrophe für Deutschland war, sondern für ganz Europa. Viele der Kinder und Jugendlichen, die mit einem Migrationshintergrund in Deutschland aufwachsen, gehören nach ihrer Herkunft zu Völkern und Staaten, deren Schicksal durch den Weltkrieg, namentlich durch die deutsche Besatzungsherrschaft, gravierend mitbestimmt worden ist. Ein Teil dieser jungen Menschen kommt aus familiären Zusammenhängen, die durch rassistische wie politische Verfolgungen, durch Widerstand oder auch durch Kollaboration mitgeprägt sein können. Manche haben – neben dem alltäglichen Rassismus in der deutschen Gesellschaft – zeitnahe Erfahrungen mit politischer Unterdrückung und Verfolgung. Diese könnten, soweit die Betroffenen das möchten, in Lernsituationen einbezogen werden.

Erinnerungsarbeit anstoßen



Da die vermutlich wirkungsvollste Säule der Erinnerungsarbeit vergangener Jahrzehnte zur NS-Zeit, nämlich die der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, kaum mehr vorhanden ist, stellt sich die Frage, wie künftig eine aktivierende Erinnerungsarbeit ermöglicht werden kann, um bestehende kognitive und – schwieriger noch – emotionale Filter zu durchdringen und empathischen Fähigkeiten Ansatzpunkte zu bereiten. Möglichkeiten dazu kann die lokale bzw. regionale Erinnerungskultur eröffnen.

In den vergangenen 20 Jahren und nicht zuletzt mit beeinflusst durch den Gedenktag 27. Januar sind in Deutschland (wie auch in Österreich) in großer Zahl Denkzeichen, Denkmäler und Gedenkorte errichtet worden, die an die rassistischen Verbrechen der NS-Zeit erinnern. Oft werden Bezüge zu lokalen Ereignissen hergestellt. Generell bietet die Auseinandersetzung mit Denkzeichen Anlässe zur Projektarbeit. Erkenntnis leitende Fragestellungen könnten dabei beispielsweise lauten:
  • Wie sieht die Erinnerungslandschaft (nicht allein hinsichtlich der NS-Herrschaft) in unserer Region, in unserem Ort, in unserer Stadt bzw. (bei großen Städten) in unserem Stadtteil aus?
  • An welche Geschehnisse, Personen oder Gruppen soll durch Denkzeichen oder Straßennamen erinnert werden?
  • Denkmäler haben eine "Biografie". Lassen sich Diskussionen nachvollziehen, die mit der Errichtung eines Denkzeichens verbunden gewesen sind? Was waren die Motive für bestimmte Straßennamen? Hat es Widerstände gegeben?
  • Wer hat das Denkmal gestaltet? Lebt die Künstlerin/der Künstler noch? Ist ein Gespräch mit ihr/ihm möglich? Welche anderen Werke gibt es?
  • Was ist unter einem "Gegen-Denkmal" (Horst Hoheisel) bzw. "Gegen-Monument" oder "counter-monument" (James E. Young) zu verstehen?
  • Was hat ein Kunstkritiker gemeint, wenn er sagte: "Das beste Denkmal ist eine anhaltende Debatte über ein Denkmal."
  • Wie könnte ein (thematischer) Stadt-/Stadtteilrundgang gestaltet sein?
Wie lässt sich Aufmerksamkeit auf ein Denkmal lenken? Dazu hatten Jugendliche im Berliner Stadtteil Köpenick im April 1998 – kurz nach der Reichstagsverhüllung durch das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude – die Idee, Denkmäler zur politischen Verfolgung während der NS-Zeit mit weißen Tüchern zu verhüllen, auf denen in roter Schrift das Wort "Vergessen" zu lesen war. Mit einer solchen Aktion lässt sich auch auf ein wenig wünschenswertes Denkmal oder auf einen problematischen Straßennamen hinweisen. Mobile Denkmäler bewirken zumeist eine erhöhte Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Das gilt für den "Grauen Bus" ebenso wie für den "Zug der Erinnerung", eine Art mobile Gedenkstätte, die das Schicksal von Kindern als Opfer rassistischer Verfolgung in der NS-Zeit thematisiert. Eine gesteigerte Wahrnehmung ist auch mit dem Pflastern der "Stolpersteine" von Gunter Demnig verbunden.

Rassismus als Folie für Menschenrechtserziehung



Der Gedenktag 27. Januar sollte in historisch-politischen Lernzusammenhängen in eine Auf- und Bearbeitung von rassistischen Erscheinungen und ihren Lehren eingebunden sein, die seit der Neuzeit zu den prägenden Elementen der europäischen Geschichte zählen. Sie bestehen weiterhin als gesellschaftliche Alltagsphänomene ebenso wie als politische Propaganda- und Herrschaftsmittel. Der Gedenktag 27. Januar hat offenbar viele aktuelle Bezüge. So haben auf dem Hintergrund konkret erfahrbarer und zu erwartender Migrations- und Fluchtbewegungen nach Europa − Folgen von manifesten und latenten Konflikten in der internationalen Gesellschaft – Ausgrenzungs- und Überlegenheits- bzw. Abwertungsideologien Konjunktur. Menschen gefährdendes Gewalthandeln zeigt epidemischen Charakter. Rassistisch geprägte Publikationen werden zu Bestsellern.

Zu den anhaltend wahrnehmbaren rassistischen Alltagsphänomenen gehören allgemein zu beobachtende Tendenzen im Umgang mit Schwächeren in den gesellschaftlichen Beziehungen. Niemand möchte ein "Opfer" sein, ja der Begriff wird speziell unter Jugendlichen zur Herabsetzung im Sinne von "schwach", "uncool" oder "erfolglos" verwendet. Und rassistische Begriffe, die sich in einen offenbar zeitlos anhaltenden Diskriminierungskomplex einfügen, werden in der Jugendsprache – wenn auch in den üblichen modischen Wellen, denen sie unterliegt – zur Abwertung anderer gebraucht. Zu nennen wären: "Jude", "Zigeuner", Spasti" oder "Assi" und nach wie auch "schwul" oder "Lesbe". Hier offenbart sich offenbar eine rassistische gesellschaftliche Bewusstseinsströmung, die bisweilen tabuisiert worden ist und wird, namentlich beispielsweise in der sogenannten Fan-Kultur im Fußballbereich.

Die Auseinandersetzung mit dem Rassismus ist allein auf der Basis der Menschenrechte und damit auch der Werteordnung des Grundgesetzes möglich. Der Schutz vor Diskriminierung darf als ein "Strukturprinzip der Menschenrechte" (Oliver Trisch) gelten. Der Rassismus offenbart, wo immer er auftritt, die latent stets mögliche Gefährdung dieser Werte.

Literaturhinweise und Internetadressen

Benz, Wolfgang: Fremdenfeinde und Wutbürger. Verliert die demokratische Gesellschaft ihre Mitte? Berlin 2016, 300 S.

Guthmann, Thomas: Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage: theoretische Reflexionen über einen zivilgesellschaftlichen Ansatz zur Stärkung demokratischer Kultur an Schulen (Gutachten). Frankfurt/Main 2011
PDF unter www.ssoar.info/ssoar/handle/document/23846

www.antidiskriminierungsstelle.de (Stichworte Themen und Forschung bzw. Publikationen)

www.institut-fuer-menschenrechte.de