Faust

Stellenwert pädagogischer Prävention

13.2.2003
Welche Rolle spielt die Extremismusprävention an Schulen im gesamtgesellschaftlichen Kontext? Darf diese Auseinandersetzung den Jugendlichen und Erwachsenen als alleinige Verantwortung aufgebürdet werden?

Schülerinnen und Schüler melden sich am 18. November 2008 während einer Unterrichtsstunde in einer Schule in Bremen.Schülerinnen und Schüler melden sich während einer Unterrichtsstunde in einer Schule in Bremen. (© AP)

In den vorherigen Abschnitten ist der Versuch gemacht worden, in exemplarischer Form einige unterschiedliche pädagogische Präventionsansätze aufzuzeigen. Einen guten Überblick über ähnliche, insbesondere über außerschulische Konzepte bietet Wilfried Schubarth in einem aktuellen Beitrag "Pädagogische Konzepte als Teil einer Strategie gegen Rechtsextremismus" (Beilage zu Das Parlament 39/2000).

In neueren Konzeptionen tauchen Begriffe wie "vernetzt", "ganzheitlich", "kooperativ" und "integriert" häufig auf. Und sicherlich ist auch im Bereich von Gewaltprävention davon einiges relevant, wie es etwa am kommunalen "runden Tisch" deutlich wird. Das wäre eine Seite der Vernetzung, die allerdings nicht auf Kumulation und Überreaktion hinauslaufen sollte.

Bedeutsamer ist jedoch eine andere Seite der "Vernetzung": Welche Funktion kommt der Gewalt- und Extremismusprävention in der gesamtgesellschaftlichen Auseinandersetzung zu? Es geht dabei nicht um die eingangs erwähnten Schuldzuweisungen. Die Wahrnehmung eigener Verantwortlichkeiten und Möglichkeiten sind deutlich herausgestellt worden und bedürfen keiner nachträglichen Relativierung. Die aufklärerisch-argumentative Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus darf den Jugendlichen und Erwachsenen jedoch nicht allein die Verantwortung aufbürden.

Zunächst ist und bleibt die Verhinderung und Bekämpfung von Rechtsextremismus eine politische Aufgabe. Und da spielt die Verringerung von Jugendarbeitslosigkeit, die Stärkung der Familienpolitik, die Förderung einer kinder- und jugendfreundlichen Umwelt, die Weiterentwicklung des Generationenvertrages, die Sicherung der sozialen Komponente der Marktwirtschaft unter dem Vorzeichen von Globalisierung und damit die Minimierung der Zahl der Modernisierungs- und Globalisierungsverlierer eine wichtige Rolle, ebenso Einwanderungsregelungen und die Integrationskonzepte. Das alles ist die präventive Dimension der Politik. Dieser Aspekt muss auch Gegenstand unterrichtlicher Behandlung sein, in möglichst konkreter, fall- und erfahrungsbezogener Form. Auch die vollständige Beseitigung der Jugendarbeitslosigkeit allein würde die Gewalt und den Extremismus nicht zum Verschwinden bringen. Unter den Hooligans wie unter Rechtsextremisten befinden sich auch etliche junge Männer mit festem Job und selbst gut situierte Bankangestellte. Es gibt keine "einfachen, monokausalen Erklärungen für den Rechtsextremismus und für Gewalt" (Bundestagspräsident Wolfgang Thierse am 28. September 2000 im Bundestag).

Darüber hinaus geht es darum, wie entschieden der Staat gegen Gewalt, insbesondere gegen politisch motivierte Gewalt vorgeht. Auch diese Dimension kann nicht allein durch den "Aufstand der Anständigen" ersetzt werden. Winfried Schubarth benennt fünf Ebenen, die in die pädagogische Prävention eingebunden sein müssen: die ökonomisch-soziale Ebene, die politische Ebene, die Ebene der Polizei und der Justiz, die Ebene der Kommune, die Alltagsebene und die Ebene der Pädagogik und der politischen Bildung.

Es macht keinen Sinn, die beschriebenen Präventionsansätze in ein Ranking, in eine Prioritätenliste zu bringen. So kann zum Beispiel ein spezielles Streitschlichtungs-Programm das Erziehungsklima einer Schule ganz erheblich beeinflussen und für die Primärprävention sensibilisieren. Und eine Kampagne gegen Rechtsextremismus kann Impulse für eine langfristige, kontinuierliche Bildungsarbeit freisetzen.

Auch hier bestehen fruchtbare Wechselwirkungen. Da die Ursachen für Gewalt, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit – bestehend in emotionalen, wertemäßigen, sozialen und ökonomischen Entwurzelungen – weder über Nacht noch mittelfristig verschwinden, ist für Pädagogik und politische Bildung ein langer Atem angesagt, auch wenn das öffentliche Interesse wieder nachlässt, wie bereits im Laufe der neunziger Jahre geschehen. Von daher ist Wilfried Schubarths Resümee nachvollziehbar: "Die Ernsthaftigkeit der gegenwärtigen Debatte um Rechtsextremismus wird sich auch daran zeigen, ob – neben repressiven Maßnahmen – mehr in den präventiven Bereich, insbesondere in die pädagogische Jugendarbeit und politische Bildung investiert werden kann. Würde diese Chance erneut vertan, ließe die nächste große Rechtsextremismusdebatte wohl nicht lange auf sich warten."

Die Schule mit ihren Unterrichts- und Lehrerstunden hat im allgemeinen verlässliche Ressourcen. Sowohl die quantitativen – zum Beispiel durch Erhöhung der Unterrichtsverpflichtungen – als auch die qualitativen Beanspruchungen, wofür Gewalt- und Extremismusprävention keineswegs die einzigen Belege sind, haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Erziehung benötigt Zeit, die man der Pädagogik einräumen sollte. Und die gemeinsame Erklärung von Kultusministerkonferenz, DGB und Beamtenbund vom Oktober 2000 hat hoffentlich mehr als nur eine deklamatorische Funktion: "Es ist Verpflichtung von Bildungspolitik und Bildungsverwaltung für Lehrerinnen und Lehrer, die erforderlichen Rahmenbedingungen zu sichern, damit sie den hohen Erwartungen gerecht werden können. Dazu gehört auch, sie vor ungerechtfertigten und pauschalen Vorwürfen zu schützen, sie bei ihrer Arbeit nach besten Kräften zu unterstützen und das Arbeitsklima und die Berufsmotivation zu fördern." Eine intensive, effiziente und praxisbezogene berufsbegleitende Fortbildung wäre eine der wichtigsten Rahmenbedingungen, die der politischen Bildung der Schülerinnen und Schüler insgesamt und auch der Gewaltprävention zugute käme.