Zum Reformationsjubiläum 1617 illustriert ein Flugblatt einen prophetischen Traum Friedrichs des Weisen

Vorbemerkung


11.8.2017
Von Luther zu Hitler – so lautete die These einer Arbeit, die 1960 die Wirkungen der Reformation aus angloamerikanischer Sicht interpretierte (William Shirer, The Rise and the Fall of the Third Reich, New York 1960) und auch in anderen europäischen Ländern rezipiert wurde. Diese Verknüpfung wird von der Forschung inzwischen nicht mehr aufrechterhalten. Außerdem widerspricht sie in ihrer Einlinigkeit einem Grundsatz jeder Geschichtsschreibung: Kein Ereignis kann auf eine einzige Ursache zurückgeführt werden.

Das mittelalterliche Leben unterliegt einer gottgewollten Ordnung aus drei Ständen: der Geistlichkeit, die das Evangelium verkündet, dem Adel, der die "Guten" schützt sowie den Bauern und Handwerkern, die die materiellen Lebensgrundlagen erarbeiten.Das mittelalterliche Leben unterliegt einer gottgewollten Ordnung aus drei Ständen: der Geistlichkeit, die das Evangelium verkündet, dem Adel, der die "Guten" schützt sowie den Bauern und Handwerkern, die die materiellen Lebensgrundlagen erarbeiten. (© akg-images)
Das gilt gerade für die reformatorische Bewegung, sind doch das Geschehen vom 31. Oktober 1517 und seine Folgen seit 500 Jahren aus sehr verschiedenen, häufig entgegengesetzten Perspektiven betrachtet worden. Für die wissenschaftliche Geschichtsschreibung ist es inzwischen unbestritten, dass der Satz des Berliner Historikers Leopold v. Ranke (1795–1886), er wolle "beschreiben, wie es eigentlich gewesen" sei, nicht umsetzbar ist. Jede Darstellung von Vergangenheit ist eingebunden in die Wahrnehmungsperspektive des beschreibenden Historikers – er ist und bleibt seiner eigenen Zeit verhaftet. Dagegen verschafft die große zeitliche Distanz von 500 Jahren heutigen Betrachtern einen hilfreichen Abstand zum Geschehen. Sie profitieren von der Vielfalt der Quellen und der mittlerweile vorliegenden Beschreibungen, die sich wechselseitig korrigieren.

Unter dieser Voraussetzung können die Wirkungen der Reformation skizziert werden: Ausgangspunkt ist dabei zunächst die Identifikation dessen, was die gegenwärtige Forschung als "Ereignis Reformation" bezeichnet. Auf dieser Grundlage werden dann die beabsichtigten Folgen der Reformation beschrieben – beabsichtigt durch jene, die im Kontext von 1517 als Theologen, Politiker, Juristen beteiligt waren. Schließlich geht es um die unbeabsichtigten, epochenübergreifenden Folgen der Reformation.