Zum Reformationsjubiläum 1617 illustriert ein Flugblatt einen prophetischen Traum Friedrichs des Weisen
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Beabsichtigte Folgen der Reformation


11.8.2017
Luthers Institutionenkritik zielte ursprünglich keineswegs auf die Spaltung der Christenheit oder auf die Gründung einer neuen Kirche. Die Dynamik der reformatorischen Bewegung führte ihn in seinen großen Reformschriften von 1520 allerdings zu der Konsequenz, dass auch neue Strukturen erforderlich sein könnten.

Die reformatorische Bewegung nimmt institutionelle Gestalt an. Im Auftrag der pommerschen Herzöge verfasst der Reformator Johannes Bugenhagen 1535 eine Kirchenordnung für ihr Territorium.Die reformatorische Bewegung nimmt institutionelle Gestalt an. Im Auftrag der pommerschen Herzöge verfasst der Reformator Johannes Bugenhagen 1535 eine Kirchenordnung für ihr Territorium. (© interFoto / sammlung rauch)

Neue institutionelle Strukturen



Die aus ihrer Perspektive verständliche, kompromisslose Haltung von Papst und Kirche, die Luther, dem Ketzer, den Bann androhten (1520), sodass auch der Kaiser die Acht aussprechen musste (1521), verschärfte die Konfrontation. Die Wittenberger Unruhen (1522) und schließlich die Bauernaufstände (1524–26) signalisierten den Reformatoren ebenso wie den ihnen zuneigenden hochadligen Entscheidungsträgern, dass ein gefestigter Weg für die Verstetigung der reformatorischen Bewegung nötig war.

Als sich die religionsbezogenen Gegensätze auf den Reichstagen (Worms 1521, Speyer 1 1526, Speyer 2 1529, Augsburg 1530) zuspitzten, war es auch aus Sicht der protestierenden Stände und ihrer reichspolitischen Ziele unvermeidbar, dass sich ein neues Kirchenwesen etablierte.
Allerdings traten auch innerhalb der reformatorischen Bewegung Spannungen zutage. Über die seit 1524 (von Huldrych Zwingli in Zürich, Martin Bucer in Straßburg und Johannes Oekolampad in Basel) kontrovers diskutierte Frage, wie beim Abendmahl Leib und Blut Jesu Christi anwesend sind – real, verwandelt oder symbolisch –, konnte trotz des Marburger Religionsgesprächs 1529 keine Einigung erzielt werden. So wurden für den Reichstag zu Augsburg verschiedene Bekenntnisse formuliert; unter ihnen gewann das "lutherische" Bekenntnis, die Confessio Augustana, einigende Bedeutung. Ihr Verfasser, Philip Melanchthon (1497–1560), hatte sich bemüht, möglichst wenige Streitpunkte offen zu halten und auch diese als überwindbar zu charakterisieren.

Zeitgleich begann sich die Kirche der Reformation zu festigen, spätestens seit 1530 war die Spaltung der Christenheit besiegelt. Dies war die erste und sichtbare Folge der reformatorischen Bewegung, die von den Beteiligten zugelassen und damit gestaltbar geworden war.
Deren Ausgestaltung wurde ab 1525 insbesondere durch den Wittenberger Pfarrer und Beichtvater Luthers, Johannes Bugenhagen (1485–1558), vorangetrieben. Seine Kirchenordnungen (für Braunschweig, Braunschweig-Wolfenbüttel, Dänemark, Hamburg, Hildesheim, Holstein, Lübeck, Norwegen, Pommern und Schleswig) schufen verbindliche rechtliche Grundlagen und innerkirchliche Normen. Sie wurden prägend für das nordeuropäische Luthertum. Parallel dazu lassen sich ähnliche Entwicklungen innerhalb des reformierten Protestantismus (Theologie und Kirchenmodell Zwinglis und Calvins) in Europa nachvollziehen.

Quellentext

Zwei Reformatoren

Huldrych Zwingli (1484–1531)
Ist Christus beim Abendmahl tatsächlich gegenwärtig? Ist das Brot sein Leib, der Wein sein Blut? Luther verkündete es so und wurde deshalb vom Schweizer Reformator Huldrych Zwingli, der Jesus nur symbolisch anwesend sah, "Christusfresser" geschimpft. Der Streit der beiden, geführt in langen Briefen und fortgesetzt 1529 bei ihrem einzigen Zusammentreffen in Marburg, war heftig. Dabei wollte auch Zwingli die Kirche reformieren – parallel zu Luther und im Wesentlichen unabhängig von ihm. […]
Geboren 1484 in Wildhaus bei St. Gallen, wurde Zwingli 1519 Priester am Zürcher Großmünster. Er kritisierte die Auswüchse der katholischen Kirche, predigte eine Rückbesinnung auf das Evangelium und forderte, den Reliquien- und Heiligenkult einzudämmen. Bei der Abschaffung des Zölibats ging er mit gutem Beispiel voran: Er heiratete Anna Reinhart – gleichaltrig, verwitwet und von ihm schwanger. Als Zwingli auch noch öffentlich das Fastengebot brach, eskalierte der Streit mit dem Papst. Zürich sagte sich von Rom los, aber zwischen katholischen und reformationsbegeisterten Kantonen entbrannte ein Bürgerkrieg. Er kostete Zwingli 1531 auf dem Schlachtfeld bei Kappel das Leben. Sein Leichnam wurde zerstückelt und verbrannt, doch sein Vermächtnis lebte fort: Zwingli ist neben Calvin einer der geistigen Väter des reformierten Protestantismus.

Johannes Calvin (1509–1564)
Jean Cauvin, Sohn eines Sekretärs des Bischofs von Noyon in Nordfrankreich, war 14 Jahre alt, als er nach Paris an die Universität geschickt wurde. Beim Studium der Bibel und später als Priester fand er andere Antworten als die römisch-katholische Kirche. Cauvin, geboren 1509 und damit eine Generation jünger als Luther und Zwingli, schloss sich begeistert der Reformationsbewegung an. Doch die Kirche zu kritisieren war in Frankreich lebensgefährlich. So wurde aus Jean Cauvin Johannes Calvin; er floh nach Basel und verfasste dort 1535 seinen Katechismus "Unterricht in der christlichen Religion", der zum Bestseller wurde. In Straßburg ließ sich Calvin vom Elsässer Reformator Martin Bucer und von Philipp Melanchthon inspirieren.
1541 ging er nach Genf, wo er das Gemeinwesen nach seinen Idealen organisierte: als Modell für strenge Kirchenzucht, unerbittlich gegenüber Unsitte und Sünde. Askese, Fleiß und Frömmigkeit, dazu ein Bilderverbot, sollten den glaubensdiktatorischen Stil des Calvinismus prägen. Kennzeichnend war zudem die Lehre der Prädestination, der göttlichen Vorherbestimmung der Menschen zu Heil oder Verdammnis. Damit grenzte sich Calvin von Luther ab – ebenso wie beim Streit um das Abendmahl.
Zwinglianer und Calvinisten ihrerseits legten ihre Differenzen bei und fanden 1549 unter einem reformierten Dach zusammen. Dessen maßgeblicher Architekt war Calvin. Seine Lehren breiteten sich rasch in Westeuropa aus und gelangten über England bis nach Nordamerika. Die Ankunft der puritanischen Pilgerväter im Jahr 1620 erlebte der Reformator nicht mehr: Er starb 1564 in Genf.

Louisa Reichstetter, "Streit ums Abendmahl", in: Zeit Geschichte Nr. 5/2016 vom 22. November 2016, S. 88f.


Eine durch die Gemeinde getragene Kirche



Die Kirche der Reformation war zuallererst eine Kirche der Gemeinde, darin waren sich Bugenhagen und die ihn beratenden Theologen, Juristen und Politiker der ersten Generation einig. Angesichts der politisch angespannten Rahmenbedingungen hielt es Luther aber für unausweichlich, den Landesherren als "Notbischöfen" eine Schutzfunktion einzuräumen. Dieser politische Einfluss war beabsichtigt, stand aber stets in Spannung zum ursprünglichen reformatorischen Ziel einer durch die Gemeinde getragenen Kirche.
Dies dokumentieren die frühen Kirchenordnungen, etwa der Hansestädte im Norden des Reichs: Die Gemeinde selbst durfte ihre Pfarrer wählen bzw. abwählen; die Gemeinde verwaltete ihre Finanzen autonom (Kirchenkasten) und übernahm die gemeindliche Fürsorge für Arme, Witwen, Waisen und Kranke.

Ein wichtiges Feld stellte die liturgische  Ordnung des Gemeindelebens dar: Hierher gehörten unter anderem Vorgaben für den Gemeindegesang, das Amt des Kantors, die Unterrichtung der Jugend, die Feiertagsregelungen, die Frage der Bilder in den Kirchen, die Predigt in deutscher Sprache und die Austeilung des Abendmahls in beiderlei Gestalt (Brot und Wein). Selbstverständlich haben die Reformatoren an vorhandene Regelungen der römischen Kirche angeknüpft; die Forschung ist sich inzwischen einig, dass insbesondere das kanonische Recht als Vorbild gedient hat. Aber aus der Mischung von Vorhandenem mit neuen Zielsetzungen entstanden spezifische Rechts- und Verfassungsvorstellungen.

Über alle Einzelregelungen und regionalen Unterschiede hinaus ist festzuhalten: Maßgeblich war, dass sich die Kirche der Reformation gezielt von der römischen Kirche abgrenzte und dass sie sich bewusst in die Welt stellte. Darauf verweist das grundsätzlich neue Amtsverständnis eines legitim verheirateten, theologisch gebildeten Pfarrers ebenso wie die als christliche Aufgabe verstandene breite gemeindliche Fürsorge verbunden mit ökonomischer Eigenständigkeit der Gemeinde, in welche nicht mehr wie zuvor die katholische Kirche als Grundeigentümerin von außen eingreifen konnte.

Aus diesen gewollten Wirkungen der Reformation entwickelten sich in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten gänzlich neue Charakteristika des Protestantismus: ein umfassendes Bildungswesen, eine im Liturgischen verankerte Kirchenmusik, eine Sprach- als Predigtkultur, die sich auf die nationalen und regionalen Sprachen konzentrierte, in jedem Fall das Latein ablegte und eine Vorbildfunktion der Pfarrersehe und des Pfarrhauses.